Digitale Medien und Kinder: Ein Gesundheitsrisiko, das wir zu lange unterschätzt haben
Digitale Medien gehören heute selbstverständlich zur Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Smartphones, Tablets, Streaming und Social Media sind allgegenwärtig und für viele Familien längst Alltag. Doch während die Debatte meist pädagogisch oder gesellschaftlich geführt wird, rückt eine Perspektive erst langsam in den Fokus: die medizinische.
In Kinderarztpraxen zeigt sich seit Jahren ein Muster, das sich nicht mehr ignorieren lässt. Konzentrationsstörungen, Schlafprobleme, Sprachverzögerungen, motorische Defizite, emotionale Dysregulation, Angstzustände und depressive Symptome treten immer häufiger auf. Auffällig ist nicht nur die Häufigkeit, sondern auch das Alter der betroffenen Kinder. Die Frage ist längst nicht mehr, ob digitale Medien Auswirkungen haben, sondern wie tiefgreifend sie sind und wie früh sie einsetzen.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Digitale Medien als neuer Gesundheitsfaktor
Die Medizin kennt seit Jahrhunderten sogenannte Laster- oder Risikofaktoren, deren Auswirkungen sich oft erst mit zeitlicher Verzögerung zeigen. Alkohol, Nikotin, Fehlernährung, Bewegungsmangel oder chronischer Stress wurden lange verharmlost, bevor ihre gesundheitlichen Folgen wissenschaftlich belegt und gesellschaftlich reguliert wurden. Digitale Medien reihen sich heute in diese Kategorie ein, allerdings mit einer Besonderheit: Sie betreffen nahezu alle Kinder und beginnen extrem früh.
Smartphones sind häufig schon im ersten Lebensjahr präsent, nicht selten als Beruhigungsmittel, Ablenkung oder Einschlafhilfe. Serien, Apps und Spiele ersetzen Phasen von Langeweile, freiem Spiel und sozialer Interaktion. Digitale Medien sind Werkzeuge, doch jedes Werkzeug wird gefährlich, wenn niemand erklärt, wie man es altersgerecht nutzt oder wann man es bewusst nicht nutzt.
Wenn Nutzung dysreguliert wird
Problematisch ist nicht die Existenz digitaler Medien, sondern ihre dysregulierte Nutzung. Gemeint ist eine Nutzung, die Schlaf, Schule, soziale Kontakte, emotionale Stabilität oder körperliche Entwicklung beeinträchtigt. In der Praxis zeigt sich das oft schleichend. Kinder wirken müde, gereizt, unkonzentriert oder sozial zurückgezogen. Leistungen brechen ein, Interessen außerhalb des Bildschirms verschwinden. Häufig fällt das erst auf, wenn der Leidensdruck bereits hoch ist.
Besonders tückisch ist, dass viele dieser Symptome zunächst nicht eindeutig erscheinen. Schlafmangel wird als Pubertät interpretiert, Konzentrationsprobleme als Motivationsfrage, emotionale Instabilität als Phase. Erst bei genauerem Hinsehen zeigt sich, wie stark Bildschirmzeiten, nächtliche Nutzung oder permanente Reizüberflutung hineinspielen.
Ein medizinischer Wendepunkt
Mit der Aufnahme von Computerspielsucht und Social Media Sucht in die ICD-11 hat sich erstmals ein medizinischer Rahmen etabliert, um dysregulierten Medienkonsum klar zu benennen. Auch die ersten AWMF Leitlinien zum dysregulierten Mediengebrauch markieren einen wichtigen Schritt. Dennoch bleibt das Thema in der Versorgungspraxis häufig unsichtbar. In Vorsorgeuntersuchungen wird Mediennutzung oft nicht systematisch erfragt, Eltern fühlen sich unsicher, Ärztinnen und Ärzte sind unterschiedlich geschult.
Dabei reichen häufig schon wenige gezielte Fragen, um Risiken früh zu erkennen. Wie viel Bildschirmzeit täglich? Gibt es Geräte im Schlafzimmer? Wird das Smartphone zur Beruhigung eingesetzt? Beeinträchtigt die Nutzung Schlaf, Schule oder soziale Kontakte? Diese Fragen gehören in jede kinderärztliche und allgemeinmedizinische Beratung.
Warum das auch Erwachsene betrifft
Digitale Dysregulation endet nicht mit der Volljährigkeit. Hausärztinnen und Hausärzte berichten zunehmend von Erschöpfung, Konzentrationsproblemen, Schlafstörungen und emotionaler Überlastung bei Erwachsenen. Die Effekte zeigen sich zeitverzögert, dafür oft umso hartnäckiger. Digitale Lebenswelten formen Gesundheitsverhalten langfristig. Kinder von heute sind die chronisch belasteten Erwachsenen von morgen, wenn Fehlentwicklungen nicht früh adressiert werden.
Hinzu kommt ein oft unterschätzter Faktor: Vorbilder. Studien zeigen klar, dass die elterliche Medienkompetenz der stärkste Prädiktor für den Medienkonsum von Kindern ist. Dauerhafte Erreichbarkeit, permanentes Scrollen, fragmentierte Aufmerksamkeit und digitale Überforderung prägen nicht nur Erwachsene, sondern das gesamte Familiensystem.
Was jetzt notwendig ist
Digitale Gesundheit muss strukturell gedacht werden. Dazu gehören verpflichtende Module in der ärztlichen Weiterbildung, standardisierte Screenings in Vorsorgeuntersuchungen, altersabhängige Empfehlungen zur Bildschirmzeit, Aufklärungskampagnen für Eltern und eine feste Verankerung digitaler Resilienz in Kitas und Schulen. Digitale Mediennutzung darf nicht länger als individuelles Erziehungsproblem behandelt werden, sondern als gesamtgesellschaftliches Gesundheitsthema.
Empfehlungen wie keine Bildschirmmedien unter drei Jahren, stark begrenzte gemeinsame Nutzung im Vorschulalter, keine Geräte im Schlafzimmer, keine Nutzung zur Beruhigung und klare Abendregeln sind keine Ideologie, sondern präventive Medizin. Je weniger Bildschirmzeit, desto besser gilt dabei für alle Altersgruppen.
Steven Rohbeck – eine medizinische Stimme im digitalen Kinderschutz
Foto: Steven Rohbeck
Eine dieser medizinischen Stimmen ist Steven Rohbeck, niedergelassener Kinderarzt in Potsdam, Regionalbeirat der KV, BVKJ-Vertreter und Dozent am Weiterbildungs- und Kompetenzzentrum Brandenburg. Seit über 13 Jahren sieht er in seiner Praxis täglich die gesundheitlichen Folgen dysregulierter Mediennutzung. Für ihn ist digitale Gesundheit kein Nebenthema, sondern ein zentraler Bestandteil moderner Präventionsmedizin.
Als Vater von drei Kindern kennt er die Debatte nicht nur aus dem Berufsalltag, sondern auch aus dem eigenen Familienleben. Seine Haltung ist klar, aber nicht technikfeindlich. Digitale Medien sind Realität, doch ohne klare Regeln, frühe Aufklärung und medizinische Einordnung werden sie zur Belastung für Entwicklung, Gesundheit und soziale Beziehungen.
Gemeinsam stehen wir regelmäßig auf der Bühne, um diese Perspektive sichtbar zu machen. Digitale Kinderschutzarbeit braucht genau diese Verbindung aus Praxis, Wissenschaft und gesellschaftlicher Verantwortung. Nicht um Angst zu erzeugen, sondern um Verantwortung zu übernehmen.
Fazit
Digitale Medien sind kein Jugendproblem, sondern ein gesamtgesellschaftliches Gesundheitsrisiko. Kinder wachsen selbstverständlich digital auf, doch die gesundheitlichen Folgen reichen bis weit ins Erwachsenenalter. Schlafstörungen, Übergewicht, psychische Belastungen, Konzentrationsprobleme und strukturelle Entwicklungsdefizite sind keine Zukunftsszenarien, sondern bereits klinische Realität.
Digitale Gesundheit muss zur Grundlage körperlichen wie seelischen Wohlbefindens werden. Für Kinder, für Eltern und für eine Gesellschaft, die ihre nächste Generation ernst nimmt.