„Wie lange darf mein Kind am Tablet sein?“ Diese Frage taucht in vielen Familien auf, oft genau dann, wenn ein Video endet und das nächste schon startet. Die AWMF hat dazu eine Leitlinie entwickelt. Sie richtet sich an medizinische Fachkräfte und gibt auch Eltern konkrete Orientierungen. Und sie bringt eine unbequeme Frage mit: Wie viel Bildschirmzeit kommt bei uns Erwachsenen eigentlich zusammen?
Ich schreibe das nicht von außen. Auch in unserem Familienalltag passt die Nutzung nicht immer zu dem, was wir uns vornehmen. Gerade deshalb finde ich die Empfehlungen interessant. Sie können ein Gespräch eröffnen, ohne dass wir Eltern so tun müssen, als hätten wir selbst alles im Griff.
Was ist das für eine Leitlinie?
Die Leitlinie „Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend“ wurde 2023 veröffentlicht. Sie soll Kinderärztinnen und Kinderärzten sowie weiteren Fachkräften bei Beratung und Versorgung helfen. Eltern finden darin ebenfalls Empfehlungen für den Familienalltag. Im November 2024 erschien die Elterninformation in einer verlängerten Fassung. Im AWMF-Register ist inzwischen Version 1.3 aufgeführt. Die Leitlinie ist dort bis zum 14. Juli 2028 als gültig eingetragen.
Das bedeutet: Die Empfehlungen sind fachlich abgestimmt und können in Gesprächen mit Ärztinnen und Ärzten eine Rolle spielen. Sie geben Familien eine gemeinsame Bezugsebene. Eine gesetzliche Vorschrift sind sie aber nicht. AWMF-Leitlinien sind für Ärztinnen und Ärzte rechtlich nicht verbindlich. Sie sind Entscheidungshilfen, die auf den einzelnen Menschen und seine Situation angewendet werden müssen. Von einer Empfehlung kann in begründeten Fällen abgewichen werden.
Die Einstufung als S2k beschreibt das Verfahren: Die Empfehlungen wurden in einem strukturierten Konsensprozess mit Fachleuten abgestimmt. S2k bedeutet nicht, dass jede einzelne Alterszahl durch eine systematische Bewertung aller Studien als scharfe biologische Grenze bewiesen wäre. Die Werte sind Orientierung, keine minutengenaue Diagnose.
Welche Bildschirmzeit empfiehlt die Elterninformation nach Alter?
Tabelle mit den AWMF-Empfehlungen zur Bildschirmzeit in sechs Altersgruppen von unter 3 bis 18 Jahren.
Die Zeitwerte beziehen sich vor allem auf die Freizeit. Bildschirmnutzung für Schule oder Hausaufgaben wird nicht einfach mit Freizeit gleichgesetzt.
Unter 3 Jahren: möglichst bildschirmfrei.
3 bis 6 Jahre: höchstens 30 Minuten an einzelnen Tagen, gemeinsam mit einem Erwachsenen.
6 bis 9 Jahre: höchstens 30 bis 45 Minuten an einzelnen Tagen, mit erwachsener Begleitung.
9 bis 12 Jahre: höchstens 45 bis 60 Minuten freizeitliche Bildschirmnutzung.
12 bis 16 Jahre: höchstens zwei Stunden freizeitliche Bildschirmnutzung.
16 bis 18 Jahre: zwei Stunden bleiben ein Orientierungswert für die Freizeit.
Bei Kindern zwischen 3 und 9 Jahren sind die kürzeren Zeiten ausdrücklich für einzelne Tage formuliert. Bei den älteren Gruppen nennt die Elterninformation Höchstwerte oder Orientierungswerte für die Freizeit. Es geht also nicht darum, Hausaufgaben am Laptop in dieselbe Rechnung zu werfen wie Videos, Spiele oder soziale Netzwerke nach der Schule.
Und was ist mit unserer eigenen Bildschirmzeit?
Hier wird es für uns Eltern schnell unbequem. Wir erwarten von Kindern, dass sie nach einer vereinbarten Zeit aufhören, während wir selbst vielleicht noch Nachrichten lesen, durch Feeds scrollen oder nebenbei Videos schauen. Bei uns ist die private Bildschirmzeit ebenfalls oft höher, als uns lieb ist. Das ist kein Grund, die Empfehlung für Kinder wegzuwischen. Es ist ein guter Anlass, die eigene Nutzung ehrlich mitzudenken.
Eine wichtige Einordnung gehört dazu: Die Zwei-Stunden-Marke ist in dieser Elterninformation ein Wert für Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren. Die Leitlinie setzt keinen entsprechenden Tageshöchstwert für Erwachsene fest. Und die Werte beziehen sich auf Freizeit, nicht auf berufliche Bildschirmarbeit. Wenn wir über unsere eigene Nutzung sprechen, können wir die Arbeit also aus der Rechnung herauslassen und trotzdem fragen: Wie viel private Bildschirmzeit bleibt danach noch?
Die Leitlinie beschäftigt sich ausdrücklich auch mit dem Medienkonsum der Eltern. Das ist nachvollziehbar, denn Kinder erleben nicht nur unsere Regeln. Sie sehen, wie oft wir aufs Handy schauen, ob wir beim Essen erreichbar bleiben und ob wir ein Gerät nutzen, sobald eine Pause oder ein Konflikt entsteht. Das ist keine Aufforderung zu perfektem Verhalten. Es kann aber helfen, gemeinsam eine kleine Änderung zu probieren, statt nur vom Kind Verzicht zu verlangen.
Es geht nicht nur um die Zahl
Die Elterninformation empfiehlt außerdem, Bildschirme bei gemeinsamen Mahlzeiten auszuschalten und die letzte Stunde vor dem Schlafengehen bildschirmfrei zu halten. Mobile Geräte sollen nachts möglichst nicht im Kinderzimmer liegen. Bei jüngeren Kindern ist die Begleitung wichtig: gemeinsam schauen oder spielen, Interesse zeigen und über Inhalte und Erlebnisse sprechen.
Bildschirmmedien sollen nach den Empfehlungen nicht als Belohnung, Strafe oder Beruhigung eingesetzt werden. Das ist leichter gesagt als getan. Ein Video kann im stressigen Alltag kurzfristig Ruhe schaffen. Wenn es regelmäßig die einzige Möglichkeit wird, Langeweile, Streit oder starke Gefühle zu überbrücken, lohnt sich ein Blick darauf, welche Alternativen im jeweiligen Moment realistisch sind. Die Verantwortung liegt dabei nicht allein bei Eltern. Auch Betreuung, Schule, verfügbare Freizeitangebote und die Gestaltung digitaler Dienste prägen den Alltag.
Für die Einordnung zählen neben der Dauer auch Inhalt und Situation. Was schaut oder spielt dein Kind? Ist es dabei allein oder begleitet? Wird die Nutzung mit der Zeit immer schwerer zu beenden? Was kommt dadurch zu kurz? Schlaf, Bewegung, Freundschaften, Schule, Hobbys und gemeinsame Zeit geben oft mehr Aufschluss als eine Zahl auf dem Bildschirmzeitbericht.
Was wir als Eltern konkret ausprobieren können
Statt sofort den ganzen Medienalltag umzukrempeln, kann eine überschaubare Vereinbarung helfen. Wenn das Ausschalten am Abend regelmäßig Streit auslöst, könnte ein Gerät früher abgelegt werden. Wenn beim Essen alle aufs Handy schauen, kann die Familie einen gemeinsamen handyfreien Zeitraum testen. Wenn ein Kind viel spielt, können Eltern sich erst einmal zeigen lassen, was daran Spaß macht und was es dort erlebt.
Freizeit und schulische Nutzung unterscheiden.
Eine Regel auswählen, die den Alltag tatsächlich entlastet.
Inhalte und Erleben ansprechen, ohne das Kind direkt auszufragen oder abzuwerten.
Die eigene private Nutzung mit in den Blick nehmen.
Nach einigen Tagen gemeinsam prüfen, ob die Vereinbarung funktioniert oder angepasst werden muss.
Wenn die Nutzung dauerhaft kaum zu steuern ist, regelmäßig heftige Konflikte auslöst oder Schlaf, Schule und andere wichtige Lebensbereiche leiden, kann ein Gespräch mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt sinnvoll sein. Auch Erziehungsberatungsstellen können Familien dabei unterstützen, passende Schritte zu finden.
Fachlich abgestimmte Orientierung
Die AWMF-Leitlinie gibt Eltern und Fachkräften eine fachlich abgestimmte Orientierung. Sie ist keine gesetzliche Vorschrift und keine Stoppuhr für jede Familie. Die Zwei-Stunden-Marke betrifft in der Elterninformation die Freizeit von Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren, nicht einen verbindlichen Grenzwert für Erwachsene. Für uns Eltern bleibt trotzdem eine ehrliche Frage: Welche Regeln wünschen wir uns für unsere Kinder, und was davon können wir im eigenen Alltag mittragen?
Quellen und weiterführende Informationen
AWMF: Informationen zur Bedeutung und rechtlichen Einordnung von Leitlinien
AWMF: Formulierung und Graduierung von Empfehlungen bei S2k-Leitlinien
Abgerufen am 19. Oktober 2026.