Wie viel freie Zeit bleibt Kindern neben dem Smartphone?
Ein Kind kommt nach Hause, erledigt die Hausaufgaben und greift zum Handy. Videos, Nachrichten und Spiele füllen die Zeit bis zum Abendessen. Dabei stellt sich eine Frage, die viele Familien kennen: Bleibt im Tag noch Platz für Langeweile, eigene Gedanken und Hobbys? Jugendliche berichten selbst, dass digitale Medien ihnen Zeit für Erholung und Freizeit nehmen.
Es ist später Nachmittag. Die Hausaufgaben sind erledigt, das Training beginnt erst in zwei Stunden. Das Kind nimmt das Smartphone, schaut Videos, schreibt Nachrichten und wechselt zwischendurch zu einem Spiel. Als die Eltern zum Abendessen rufen, ist die freie Zeit vorbei.
Was hätte das Kind in diesen zwei Stunden sonst gemacht? Vielleicht wäre ihm langweilig geworden. Vielleicht hätte es eine Freundin angerufen, Musik gemacht, etwas gebastelt oder einfach eine Weile vor sich hin geträumt. Sicher wissen lässt sich das nicht. Aber wenn digitale Angebote jede freie Lücke füllen, bleibt weniger Gelegenheit, selbst herauszufinden, worauf man gerade Lust hat.
Bild generiert mit Hilfe von KI
Jugendliche sagen: Social Media nimmt mir Freizeit
Die JIMplus-Studie 2026 liefert dazu einen aktuellen deutschen Befund. Unter den 14- bis 17-Jährigen sagten 55 Prozent, Social Media nehme ihnen Zeit für Erholung und Freizeitaktivitäten. 72 Prozent fühlten sich von Dingen abgelenkt, die sie eigentlich erledigen wollten. Bei 40 Prozent beeinträchtigte die Nutzung nach eigener Einschätzung die Konzentration. Die Untersuchung verband Online-Tagebücher und Interviews mit einer repräsentativen Online-Befragung von 800 Jugendlichen. www.lfk.de
Diese Antworten zeigen, wie Jugendliche ihre Nutzung erleben. Sie belegen nicht, dass bei jedem Kind ein bestimmtes Hobby ausfällt oder dass Social Media allein dafür verantwortlich ist. Sie geben aber einen guten Anlass für eine Familienfrage: Welche Zeit fehlt meinem Kind nach eigener Einschätzung – und was würde es gern damit machen?
Auch in Europa nennen Jugendliche konkrete Lücken
Eine EU-weite Eurobarometer-Befragung aus dem Frühjahr 2026 fragte Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren und zusätzlich ihre Eltern. Insgesamt nahmen 26.297 Jugendliche und 12.750 Eltern aus allen EU-Staaten teil. Jugendliche schätzten ihre Bildschirmzeit auf durchschnittlich 4,5 Stunden an einem Schultag und 6,1 Stunden am Wochenende. Die Eltern schätzten sie niedriger ein: auf 3,4 beziehungsweise 5,3 Stunden. eu-for-children.europa.eu
Auf die Frage nach möglichen Folgen berichteten 21 Prozent der Jugendlichen, ihnen fehle wegen der Bildschirmnutzung Zeit für Hobbys. Jeweils 19 Prozent nannten weniger Zeit für Bewegung und persönliche Treffen mit Freundinnen und Freunden; 15 Prozent vermissten Zeit mit der Familie. Das sind Selbstauskünfte, keine Messung eines vollständigen Tagesablaufs. Die Zahlen zeigen aber sehr konkret, welche Bereiche Jugendliche selbst mit fehlender Zeit verbinden. EU-weite Durchschnittswerte lassen sich nicht automatisch auf deutsche Jugendliche übertragen. eu-for-children.europa.eu
Die Befragung macht auch sichtbar, dass Eltern und Jugendliche dieselbe Nutzung unterschiedlich wahrnehmen können. An Schultagen schätzten Eltern die Bildschirmzeit im Mittel mehr als eine Stunde niedriger ein als die Jugendlichen selbst. Ein Gespräch über den tatsächlichen Tagesablauf kann deshalb hilfreicher sein als eine Schätzung aus dem Bauch heraus.
Nach der Schule ist die digitale Zeit besonders präsent
Die EU-Kids-Online-Studie 2026 zeichnet den Tagesverlauf genauer nach. Für den Vergleich wurden 28.465 Kinder zwischen zehn und 16 Jahren in 19 europäischen Ländern befragt. Die digitale Nutzung erreichte ihren Höhepunkt nach der Schule und am Abend vor dem Schlafengehen. Zu den häufigsten Online-Aktivitäten gehörten Nachrichten mit Freundinnen und Freunden, Videos, Musik und der Kontakt zu Eltern oder Betreuungspersonen. www.lse.ac.uk
Das passt zu einer Alltagserfahrung vieler Familien: Das Smartphone ist nicht nur ein Gerät, auf dem Videos laufen. Es ist auch ein Ort, an dem Kinder Freundschaften pflegen, sich verabreden und mit anderen in Kontakt bleiben. Online- und Offlinezeit lassen sich daher nicht immer sauber trennen. Die Studie zeigt zudem deutliche Unterschiede zwischen Ländern und Kindern. Ein europäischer Durchschnitt beschreibt keine einzelne Familie.
Wie viel Bildschirmzeit ist Freizeit?
Eine OECD-Auswertung der PISA-Daten bietet einen weiteren Blick auf die Nutzung. Jugendliche berichteten im OECD-Mittel von etwa 3,4 Stunden digitaler Freizeit pro Tag. Zwischen 2022 und 2025 sank der Anteil der Jugendlichen, die mehr als zwei Stunden täglich digitale Geräte für Freizeit nutzten. Gleichzeitig nahm die Nutzung sozialer Netzwerke zu, während kreative und informationsbezogene Aktivitäten an Geräten zurückgingen. www.oecd.org
Das Ergebnis verschiebt den Blick von der reinen Stundenzahl auf die Frage, was Jugendliche am Bildschirm tun. Die PISA-Auswertung beruht auf Angaben der Jugendlichen und vergleicht Durchschnittswerte; sie zeigt nicht, welche konkreten analogen Aktivitäten sich im Einzelfall verändert haben. Außerdem können digitale Aktivitäten gleichzeitig stattfinden. Solche Nutzungszeiten lassen sich deshalb nicht einfach addieren.
Auch die aktuelle Postbank Digitalstudie liefert Familienzahlen. Laut Elternangaben verbringen 47 Prozent der unter 18-Jährigen täglich mindestens eine Stunde in sozialen Netzwerken. In 65 Prozent der befragten Familien gibt es keine zeitliche Begrenzung für die tägliche Handynutzung. Befragt wurden im Mai 3.050 Menschen in Deutschland, darunter 732 Personen mit Kindern im Haushalt. Die Werte beruhen auf Einschätzungen der Eltern, nicht auf einer technischen Messung der Kindergeräte. www.postbank.de
In einer weiteren Auswertung der Postbank-Studie nannten 41 Prozent der Erwachsenen, die ihre private Internetnutzung reduzieren möchten, mehr Zeit für Familie, Freundinnen, Freunde oder Hobbys als einen Grund. Das ist kein Ergebnis über Kinder. Es kann Eltern aber anregen, die eigene Mediennutzung ebenfalls in den Blick zu nehmen. www.postbank.de
Verdrängt das Smartphone tatsächlich andere Beschäftigungen?
Eine 2025 veröffentlichte Längsschnittstudie stellt eine verbreitete Annahme auf die Probe: Wenn Kinder ihr erstes eigenes Handy bekommen, verbringen sie dann weniger Zeit mit Sport, Schlaf, Lesen oder anderen bereichernden Aktivitäten? Bei australischen Jugendlichen im Alter von zehn bis 13 Jahren fand der Forscher dafür keinen nachweisbaren Rückgang. Nach dem ersten eigenen Handy ging vor allem die Zeit für Fernsehen, Filme und Videos zurück. boris-portal.unibe.ch
Die Untersuchung ist methodisch wertvoll, weil sie Zeitverwendung über mehrere Zeitpunkte betrachtete und den Erwerb des ersten Handys nutzte, um Veränderungen zu prüfen. Ihre Daten stammen jedoch aus früheren Erhebungsjahren; die digitale Welt von 2014 bis 2016 war eine andere als die heutige. Außerdem erfasst die Studie nicht jede mögliche Veränderung: Ein Smartphone kann eine Aktivität unterbrechen oder die Qualität konzentrierter Zeit verändern, ohne dass die insgesamt dafür verwendeten Minuten sinken.
Damit widerspricht die Studie den Selbstauskünften aus JIMplus und Eurobarometer nicht zwingend. Jugendliche können erleben, dass ihnen Freizeit fehlt, während andere Nutzungsdaten bei bestimmten Aktivitäten keinen Rückgang zeigen. Entscheidend sind Alter, Inhalte, Tagesablauf und die Frage, ob Mediennutzung parallel zu anderen Dingen stattfindet oder sie ersetzt.
Freie Zeit muss nicht sofort verplant werden
Eltern müssen keine minutengenaue Statistik führen. Ein gemeinsamer Blick auf einen normalen Tag kann reichen: Wann wird das Smartphone genutzt? Was macht das Kind darauf? Ist es dabei mit anderen in Kontakt oder allein im Feed? Und wann kann es selbst entscheiden, womit es sich beschäftigt?
Eine einfache Frage könnte lauten: „Wenn du heute eine Stunde ohne Handy hättest – was würdest du gern machen?“ Vielleicht kommt zunächst „weiß nicht“. Dann muss nicht sofort ein Vorschlag folgen. Freie Zeit muss nicht automatisch mit einem Hobby oder einer Aktivität gefüllt werden. Auch Langeweile und Ruhe gehören zum Alltag.
Eltern können sich dabei selbst einbeziehen: Wie oft greifen wir zum Handy, wenn gerade nichts ansteht? Welche Regeln gelten für uns Erwachsene? In der Postbank-Erhebung sahen sich viele Eltern als gutes Vorbild; ein Teil räumte zugleich ein, das Smartphone selbst zu häufig zu nutzen. Das beweist nicht, dass Kinder das Verhalten ihrer Eltern übernehmen. Es macht aber deutlich, dass Gespräche über Bildschirmzeit glaubwürdiger werden, wenn die ganze Familie den eigenen Alltag betrachtet. www.postbank.de
Es geht nicht darum, digitale Medien aus dem Leben von Kindern zu verbannen. Familien können beobachten, ob die Nutzung regelmäßig Schlaf, Bewegung, Hausaufgaben, Treffen oder eigene Interessen beeinträchtigt. Die Bildschirmzeit ist dabei ein Gesprächsanlass, keine Diagnose. Die zentrale Frage lautet: Bleibt im Tag genug unverplante Zeit, in der ein Kind auf eigene Gedanken und Ideen kommen kann?
Studien und Quellen
JIMplus-Studie 2026: Digitales Wohlbefinden von Jugendlichen in Deutschland
Eurobarometer FL579: Bildschirmzeit und Wohlbefinden von Jugendlichen in der EU
EU Kids Online 2026: Kinder und digitale Medien in 19 Ländern
Röhlke (2025): Verdrängt das erste eigene Handy Sport, Schlaf und andere Aktivitäten?
Postbank Digitalstudie 2026: Kinder, Social Media und Regeln in Familien
Postbank Digitalstudie 2026: Gründe für weniger private Internetnutzung
Der Beitrag ergänzt den bestehenden Medienzeit-Artikel zur JIMplus-Studie. Dort geht es um das digitale Wohlbefinden insgesamt. Hier steht die konkrete Alltagsfrage im Mittelpunkt, wie viel Raum neben digitalen Medien für Freizeit, Hobbys und unverplante Zeit bleibt.