Künstliche Intelligenz und der Verlust von Ausbildungsplätzen

KI
Zählmarke

Gastbeitrag von Marieke Junge

Marieke Junge

Blickt als Philosophin und Pädagogin für Medienzeit kritisch auf aktuelle Phänomene der Internetgesellschaft.

Was für eine Zukunft bauen wir für unsere Kinder?

Wenn Algorithmen ganze Berufsgruppen verändern

Schon heute ersetzen Algorithmen ganze Berufsgruppen: Übersetzer, Grafikdesigner, Journalisten, Programmierer, Callcenter-Mitarbeiter oder Buchhalter. Was als „Effizienzsteigerung“ gefeiert wird, entpuppt sich häufig als massive Umverteilung von Einkommen – weg von vielen, hin zu wenigen großen Technologiekonzernen, die Milliarden aus den Ideen und Daten von Millionen Menschen schöpfen.

Während oben die Gewinne explodieren, wächst unten die Prekarität: befristete Verträge, unsichere Jobs und stetig neue Anforderungen belasten insbesondere die jüngere Generation, die ohnehin mit steigenden Mieten, Klimakrise und politischer Unsicherheit konfrontiert ist.

Schulen werden mit der Entwicklung allein gelassen

Besonders problematisch ist dabei, dass Schulen und Lehrkräfte mit diesen Entwicklungen häufig allein gelassen werden. Sie sollen den Umgang mit KI organisieren, Konzepte entwickeln und Regeln aufstellen – zusätzlich zu ihren ohnehin anspruchsvollen Aufgaben im Schulalltag. Eine globale technologische Herausforderung wird so auf einzelne Klassenräume abgewälzt. Das kann kaum die richtige Antwort sein.

Nachdenkliche Schülerin sitzt im Klassenzimmer am Tisch und blickt zur Seite, während sie über ihre Zukunft und die Auswirkungen von künstlicher Intelligenz nachdenkt

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Eine Debatte, die wir jetzt führen müssen

KI verändert Arbeitsmärkte schneller, als neue Chancen entstehen. Viele der angeblichen „neuen Jobs“ sind hochspezialisiert und für die meisten Menschen kaum erreichbar – oder sie werden in Länder mit sehr niedrigen Löhnen ausgelagert. Das Versprechen, dass am Ende alle profitieren, wirkt deshalb zunehmend wie ein Marketing-Slogan.

Gerade deshalb brauchen wir eine ehrliche gesellschaftliche Debatte über den Platz von KI in unserer Welt – bis hin zur Frage, ob bestimmte Anwendungen überhaupt zugelassen werden sollten. Fortschritt darf niemals wichtiger sein als menschliche Würde, soziale Stabilität und Arbeit, die Menschen Sicherheit gibt. Und auch die Frage nach einer intakten Umwelt darf dabei nicht ausgeblendet werden.

Denn letztlich geht es um eine einfache Frage: In welcher Welt werden unsere Kinder einmal leben?

Meine Sicht auf KI, Schule und die Zukunft unserer Kinder

Der Mythos vom unvermeidlichen Fortschritt

Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)

Künstliche Intelligenz wird derzeit von vielen als große technologische Chance und als unausweichliche Zukunft präsentiert. Sie soll Produktivität steigern, Innovation ermöglichen und unsere Wirtschaft modernisieren. In politischen Debatten erscheint sie deshalb oft wie ein unvermeidlicher Fortschritt.

Doch wer genauer hinschaut, erkennt ein deutlich komplexeres Bild.

Es geht nicht nur um technologische Möglichkeiten. Es geht um Arbeitsplätze, um Ressourcenverbrauch, um geistiges Eigentum und um globale Machtverhältnisse. Mich interessiert deshalb weniger, was technisch möglich ist, sondern etwas Grundsätzlicheres: Welche Art von Gesellschaft entsteht gerade – und welche Welt bereiten wir unseren Kindern vor?

Wenn Einstiegsjobs still verschwinden

Eine aktuelle Anthropic-Studie aus dem März 2026 zeigt ein interessantes Bild: Unternehmen entlassen bislang kaum Mitarbeitende wegen KI. Stattdessen stellen sie schlicht keinen Nachwuchs mehr ein.

Lernende werden also auf Einstiegsjobs vorbereitet, die still verschwinden.

Die Ökonomen Massenkoff und McCrory von Anthropic haben erstmals gemessen, welche Auswirkungen KI tatsächlich auf den Arbeitsmarkt hat. Mithilfe der sogenannten „beobachteten Exposition“ verknüpften sie Millionen realer KI-Nutzungsdaten mit über 20.000 Berufsaufgaben.

Das Ergebnis: Seit der Einführung von ChatGPT gibt es zwar keine massenhaften Entlassungen. Doch bei 22- bis 25-Jährigen in stark KI-exponierten Berufen sank die Rate der Jobeintritte um 14,3 Prozent.

Besonders betroffen sind Bereiche wie IT, Kundenservice, Wirtschaft und Finanzen. Handwerk, Pflege und Landwirtschaft bleiben dagegen bislang weitgehend unbeeinflusst.

Das stille Verschwinden von Einstiegsstellen ist problematisch. Denn genau hier lernen junge Menschen ein Berufsfeld wirklich kennen. Wenn diese Lernräume verschwinden, müssen Absolventinnen und Absolventen plötzlich Fähigkeiten mitbringen, die früher erst im Job entstanden.

Und genau das trifft eine Generation, die ohnehin vor großen gesellschaftlichen Herausforderungen steht.


Globale Arbeit im Schatten der KI

Unsichtbare Arbeit hinter der Technologie

Ein weiterer Aspekt wird in der öffentlichen Debatte häufig übersehen.

Viele der Tätigkeiten rund um KI entstehen nicht dort, wo die Technologie entwickelt wird.

Ein erheblicher Teil der Arbeit – etwa das sogenannte Data Labeling, also das Sortieren, Bewerten und Kategorisieren von Daten – wird über Plattformen an Arbeitskräfte in Ländern mit sehr niedrigen Löhnen ausgelagert.

Studien zeigen, dass diese Tätigkeiten häufig als Mikrojobs organisiert sind: Menschen bewerten Bilder, korrigieren Texte oder markieren Inhalte für wenige Dollar pro Aufgabe. Währenddessen erwirtschaften große Technologieunternehmen Milliardenumsätze.

Viele der „neuen Jobs“, die so oft als Zukunftsperspektive beworben werden, existieren also tatsächlich – aber häufig in globalen Niedriglohnstrukturen.


Wissen als Rohstoffquelle

Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)

Wenn Kreativität zur Trainingsdatenbank wird

Ein weiterer oft unterschätzter Aspekt betrifft das Urheberrecht und geistiges Eigentum.

Die großen KI-Modelle wurden mit gigantischen Mengen an Texten, Bildern, Musik und Programmcode trainiert. Ein erheblicher Teil dieser Inhalte stammt von Journalistinnen, Autorinnen, Künstlern oder Programmierern. Zahlreiche Werke wurden dabei ohne ausdrückliche Zustimmung oder angemessene Vergütung genutzt. Weltweit laufen inzwischen Gerichtsverfahren, die genau diese Problematik behandeln.

Die zentrale Frage lautet: Wird menschliche Kreativität zur kostenlosen Ressource für Maschinen? Und was passiert, wenn diejenigen, die hinter diesen Inhalten stehen, ihre Rechte einfordern? Hier geht es nicht nur um juristische Feinheiten. Es geht um Kultur, Wertschätzung und Anerkennung menschlicher Arbeit.

Ein ähnliches Beispiel gab es bereits bei der Digitalisierung von Büchern durch Google. Auch dort führte die massenhafte Digitalisierung von Werken zu intensiven Debatten darüber, wie geistiges Eigentum im digitalen Zeitalter geschützt werden kann.

Die Frage, wie wir mit kreativen Leistungen umgehen, ist deshalb nicht nur rechtlich relevant, sondern auch kulturell und ethisch.


Der unterschätzte Preis: Energie und Ressourcen

KI hat einen sehr realen ökologischen Fußabdruck

Künstliche Intelligenz wirkt auf den ersten Blick immateriell. Man stellt eine Frage – und erhält sofort eine Antwort.

Doch hinter jeder Anfrage steht eine enorme physische Infrastruktur: Rechenzentren, Glasfasernetze und Serverfarmen.

Diese Anlagen verbrauchen enorme Mengen an Energie und Wasser. Große Rechenzentren müssen aufwendig gekühlt werden, da tausende Prozessoren dauerhaft Wärme erzeugen. Studien zeigen, dass einzelne Zentren täglich Millionen Liter Wasser verbrauchen können.

Gerade in Regionen mit ohnehin knappen Ressourcen, etwa in Teilen Chiles oder im Südwesten der USA, wird dieser Wasserverbrauch zunehmend kritisch diskutiert.

Technologie ist also keineswegs immateriell. Sie hat einen sehr realen ökologischen Fußabdruck.

Technologischer Fortschritt benötigt physische Ressourcen: Land, Energie und Wasser – und diese Ressourcen sind begrenzt.

Die offene Flanke: Daten und Datenschutz

Ein weiterer sensibler Bereich ist der Datenschutz.

KI-Systeme funktionieren nur, wenn sie mit großen Datenmengen trainiert werden – darunter Texte, Bilder, Stimmen und teilweise auch personenbezogene Daten. In Europa müssen solche Systeme zwar strengen Regelungen wie der Datenschutz-Grundverordnung genügen.

Trotzdem stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wollen wir unsere Daten tatsächlich in diesem Umfang großen Konzernen zur Gewinnmaximierung überlassen?


Konsequenzen für Schule und Bildung

Lehrerin bespricht im Klassenzimmer mit Schülerinnen und Schülern an einer Tafel Fragen zu KI, Faktenprüfung und dem Erkennen von KI Inhalten.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

KI als Werkzeug und als Herausforderung

In der Bildung wird KI derzeit intensiv diskutiert.

Zum einen als praktisches Werkzeug für Hausaufgaben, Texte oder Recherche. Zum anderen als Quelle möglicher Desinformation.

Damit entstehen neue Herausforderungen für Schulen und Lehrkräfte: Wie bewertet man Leistungen, wenn ein Teil der Arbeit möglicherweise von einer KI stammt? Was gilt noch als eigene Leistung? Wie lassen sich Fakten von frei erfundenen Inhalten unterscheiden?

Warum kritisches Denken wichtiger wird

Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)

Doch die eigentliche Dimension reicht weit darüber hinaus.

Wenn KI Arbeitsmärkte verändert, geistiges Eigentum neu definiert, Ressourcen verbraucht und globale Machtverhältnisse verschiebt, dann betrifft sie nicht nur Unterrichtsmethoden. Sie prägt das gesellschaftliche Umfeld, in dem unsere Kinder aufwachsen.

Schule sollte deshalb nicht nur lehren, wie man KI benutzt. Sie sollte vor allem die Fähigkeit vermitteln, Technologie kritisch zu hinterfragen.

Wer entwickelt sie?
Wer profitiert davon?
Welche Interessen stehen dahinter?
Welche Folgen hat sie für Gesellschaft und Umwelt?

Ich arbeite aktuell in der Oberstufe intensiv am Thema Media Literacy. Gemeinsam entwickeln wir Kriterienkataloge, um Quellen zu unterscheiden, Informationen zu überprüfen und zu erkennen, wann Inhalte von KI erzeugt oder manipuliert wurden.

Das ist gar nicht so einfach, denn die Technologie entwickelt sich rasant.

Hinzu kommt das zentrale Thema Bias: Auch KI-Systeme spiegeln Interessen, Perspektiven und Annahmen wider.

Wer ist der Urheber eines Textes oder Bildes?
Wer ist der Adressat?
Welche Perspektive fehlt möglicherweise?
Welche Inhalte liefert mir ein Algorithmus gezielt – und warum?

Es geht also nicht nur darum, die Technik zu verstehen. Es geht darum, ihre gesellschaftlichen, kulturellen und ethischen Dimensionen zu erkennen.


Perspektiven jenseits der KI

Fähigkeiten, die Maschinen nicht ersetzen können

Bei aller Diskussion über künstliche Intelligenz darf eines nicht vergessen werden: Es gibt viele Bereiche menschlicher Arbeit, die sich nicht einfach automatisieren lassen.

Handwerkliche Berufe, kreative Tätigkeiten oder soziale Berufe beruhen auf Erfahrung, Empathie und praktischen Fähigkeiten.

Ob Tischlerei, Bauhandwerk, Restaurierung, Forstwirtschaft oder Agrarwissenschaften – ebenso wie Bildende Kunst, Musik, Theater, Tanz, Mode oder Textildesign – all diese Tätigkeiten basieren auf menschlichem Können.

Auch soziale Berufe wie Pflege, Hebammenkunde, Heilpädagogik oder frühe Kindheitspädagogik sind kaum automatisierbar, weil sie direkte zwischenmenschliche Beziehungen erfordern.

Selbst Disziplinen wie Archäologie oder Denkmalpflege, bei denen praktische Arbeit vor Ort zentral ist, entziehen sich weitgehend der Automatisierung.

Gerade deshalb könnten diese Tätigkeiten in einer zunehmend digitalisierten Welt besonders wertvoll werden.

Wer Häuser baut, repariert, gestaltet oder Menschen begleitet, leistet Arbeit, die Maschinen nicht einfach ersetzen können.

Bildung sollte deshalb nicht nur den Umgang mit KI vermitteln, sondern auch jene Fähigkeiten stärken, die Menschen einzigartig machen: Kreativität, Handwerkskunst, soziale Kompetenz und kritisches Denken.


Eine Frage der Verantwortung

Technologie ist eine gesellschaftliche Entscheidung und technologischer Fortschritt ist kein Naturgesetz. Er ist das Ergebnis politischer Entscheidungen, wirtschaftlicher Interessen und gesellschaftlicher Prioritäten.

Als Mutter wünsche ich mir vor allem eines: dass wir diese Entscheidungen bewusst treffen. Die Frage, wie wir mit künstlicher Intelligenz umgehen, ist keine rein technische, Sie ist eine humanistische und vor allen Dingen ist sie ist zutiefst demokratisch. Denn sie betrifft das Leben echter Lebewesen. Und vor allen Dingen das Leben unserer Kinder.


Quellen und weiterführende Links:

https://cdn.sanity.io/files/4zrzovbb/website/3f7fd9d552e66269bdb108e207c5d80531d04b8b.pdf

https://www.zdfheute.de/wirtschaft/akademiker-studenten-abschluss-job-studium-arbeitslos-100.html

https://www.ardsounds.de/sendung/der-ki-podcast/urn:ard:show:65505255c703e51e/

https://www.bmz-digital.global/news/wie-datenarbeiter-fuer-ki-ausgebeutet-werden-ein-kurzfilm-der-ard-mit-prof-mark-graham/

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/technologie/jobverlust-ki-shumer-warnung-arbeitsmarkt-100.html

Weiter
Weiter

Neue App “Instants”: Instagram kopiert Snapchat – und schafft damit neue Risiken für Kinder