Potsdamer Kinderarzt startet Aktion „Handyfreie Praxis“
Plakat im Wartezimmer
Ein Wartezimmer, das sich verändert hat
In der Kinderarztpraxis von Steven Rohbeck in Potsdam gab es im Wartebereich eigentlich alles, was Kinder begeistert. Ein großes Salzwasseraquarium, das viele Kinder fasziniert. Dazu Bücher, Wandgestaltung, Spielsachen und kleine Dinge zum Entdecken.
Trotzdem hat sich in den letzten Jahren etwas verändert.
Immer häufiger sah man im Wartezimmer Kinder und Eltern, die still vor einem Bildschirm saßen. Dabei sind die Wartezeiten in der Praxis meist gar nicht lang. Die Praxis ist sehr gut organisiert und beschäftigt drei Kinderärzte, sodass Termine in der Regel zügig ablaufen und die Wartezeiten in den meisten Fällen überschaubar bleiben.
Trotzdem zeigte sich immer häufiger das gleiche Bild. Kinder, die im Wartezimmer direkt zum Smartphone greifen oder denen von ihren Eltern ein Smartphone zur Beschäftigung gegeben wird. Was früher ganz selbstverständlich war, verschwand langsam. Kinder, die sich um das Aquarium versammeln, miteinander sprechen, ein Buch durchblättern oder einfach beobachten, was um sie herum passiert.
Warum der Kinderarzt gehandelt hat
Diese Beobachtung war einer der Auslöser für eine Entscheidung, die Rohbeck Anfang 2026 getroffen hat. Seine Praxis startete im März die Aktion „Handyfreie Praxis“.
Die Idee dahinter ist einfach. Die Kinderarztpraxis soll ein Schutzraum für Kinder und Familien sein. Ein Ort für Begegnung, Aufmerksamkeit und Prävention. Und dazu gehört aus seiner Sicht auch, dass Smartphones zumindest während des Praxisbesuchs einmal zur Seite gelegt werden.
Smartphones als Ablenkung bei Untersuchungen
Ein weiterer Punkt, der den Kinderarzt zunehmend beschäftigt hat, sind Situationen während der Untersuchungen. Immer häufiger beobachten Kinderärzte, dass Eltern ihre Kinder mit dem Smartphone ablenken, etwa während einer Untersuchung oder beim Impfen. Selbst bei sehr kleinen Kindern wird dabei oft direkt zum Bildschirm gegriffen.
Natürlich tun Eltern das nicht aus böser Absicht. Viele wollen ihrem Kind einfach helfen, eine unangenehme Situation besser zu überstehen. Gleichzeitig entsteht dadurch aber sehr früh eine Gewohnheit. Das Smartphone wird zum schnellen Beruhigungsmittel.
Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)
Frühe Bildschirmnutzung aus ärztlicher Sicht problematisch
Aus ärztlicher Sicht ist genau das problematisch. Studien zeigen, dass eine sehr frühe und intensive Nutzung digitaler Geräte die Entwicklung von Kindern beeinträchtigen kann. Dazu gehören unter anderem Auswirkungen auf Aufmerksamkeit, Sprachentwicklung, Schlaf und die Fähigkeit zur Selbstregulation.
Als Kinderarzt sieht Rohbeck täglich, wie wichtig echte Interaktion, Blickkontakt, Gespräche und gemeinsame Erfahrungen für die Entwicklung von Kindern sind. Eine immer frühere Gewöhnung an digitale Ablenkung hält er deshalb für problematisch und möchte diese Entwicklung in seiner Praxis nicht unterstützen.
Ein kleines Zeichen mit großer Wirkung
Er hat deshalb immer wieder versucht, Eltern im Gespräch darauf hinzuweisen. Doch mit der Zeit wurde ihm klar, dass einzelne Hinweise nicht ausreichen.
Deshalb entschied er sich für einen klareren Schritt. Die gesamte Praxis soll bewusst ein Ort sein, an dem Smartphones einmal in den Hintergrund treten.
Im Wartebereich hängen inzwischen deutlich sichtbare Plakate mit der Aufforderung, während des Praxisbesuchs auf das Smartphone zu verzichten. Die Botschaft richtet sich bewusst nicht nur an Kinder, sondern auch an Erwachsene.
„Ihr schafft es eine Weile ohne Smartphone“, steht dort. Die Praxis soll ein Ort sein, an dem Kinder und Eltern miteinander sprechen, lesen, beobachten oder einfach gemeinsam warten.
Kinderarzt Steven Rohbeck
Die Reaktionen der Eltern
Die Sorge, dass Eltern diese Initiative ablehnen könnten, hat sich schnell als unbegründet erwiesen. Das Feedback aus der Praxis ist überwiegend positiv.
Ein Vater von drei jugendlichen Töchtern sagte: „Tolle Aktion übrigens!“
Eine Mutter eines dreijährigen Sohnes meinte beim Besuch: „Ich finde es gut, dass die Praxis das Plakat zur ‚Aktion Handyfrei‘ aufgehängt hat.“
Und eine Mutter von zwei Kleinkindern sagte spontan: „Das finde ich super! Alle, die sich für handyfreie Bereiche einsetzen, unterstütze ich gern.“
Mittlerweile unterstützen auch mehrere andere Kinderarztpraxen in Potsdam die Idee und werben ebenfalls für handyfreie Wartebereiche.
Warum Medienzeit diese Initiative unterstützt
Kinderarzt Steven Rohbeck begleitet auch die Arbeit von Medienzeit schon länger. Bei unseren Vorträgen ist er häufig mit dabei, ordnet medizinische Fragen ein und hilft Eltern zu verstehen, welche Auswirkungen digitale Medien auf Kinder haben können. Für Medienzeit ist er damit eine wichtige Stimme aus der Praxis.
Wir sind sehr froh, ihn an unserer Seite zu haben.
Und vielleicht ist die Idee der handyfreien Kinderarztpraxis erst der Anfang. Ein Wartezimmer ohne Smartphones kann ein kleiner Gesundheitsraum sein. Für Kinder, die wieder beobachten, lesen oder miteinander sprechen. Und vielleicht auch für Erwachsene, die für einen Moment selbst eine Pause vom Bildschirm bekommen.