Adiós, Social Media - Warum auch Spanien jetzt den Riegel vorschieben will
Es ist das nächste Land in Europa, das offen sagt: So wie bisher kann es nicht weitergehen. Spanien plant, soziale Medien für Kinder unter 16 Jahren zu verbieten oder so stark zu begrenzen, dass sie faktisch keinen Zugang mehr haben. Damit reiht sich das Land in eine wachsende Gruppe von Ländern ein, die nicht länger zuschaut, wie Kinder und Jugendliche in digitalen Räumen aufwachsen, die nie für sie gedacht waren.
Ministerpräsident Pedro Sánchez fand dafür beim World Governments Summit in Dubai deutliche Worte. Er sprach vom „digitalen Wilden Westen“, in dem sich Plattformen bislang weitgehend selbst überlassen seien, während Kinder und Jugendliche die Folgen tragen. Genau diesen Zustand wolle Spanien nicht länger akzeptieren.
Nach Australien, nach Frankreich, nach Großbritannien, nach Debatten in Griechenland und Skandinavien will nun auch Spanien die Reißleine ziehen. Nicht aus Technikfeindlichkeit, sondern aus einem klaren politischen Befund: Der Schutz von Kindern wiegt schwerer als Reichweite, Wachstum und Werbeerlöse.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Was Spanien konkret plant
Die spanische Regierung hat angekündigt, ein Gesetz auf den Weg zu bringen, das den Zugang zu sozialen Netzwerken für Kinder unter 16 Jahren untersagt, wenn Plattformen das Alter ihrer Nutzer nicht zuverlässig überprüfen können. Es geht dabei ausdrücklich nicht um freiwillige Jugendschutzeinstellungen oder Appelle an Eltern, sondern um verbindliche gesetzliche Vorgaben für die Plattformen selbst.
Dabei geht Spanien deutlich weiter als viele andere Länder. Geplant ist nicht nur eine Haftung der Unternehmen als solche. Auch Führungskräfte sollen persönlich zur Verantwortung gezogen werden, wenn Plattformen illegale Inhalte dulden oder durch algorithmische Systeme gezielt Manipulation, Radikalisierung oder Schädigung von Minderjährigen fördern.
Das ist ein massiver Hebel. Er zielt direkt auf die Entscheidungsebenen der Konzerne und macht klar, dass sich Verantwortung nicht mehr hinter Firmenkonstruktionen verstecken soll.
Noch ist dieses Gesetz nicht beschlossen. Es muss parlamentarisch beraten werden und kann sich im Detail noch verändern. Aber die politische Stoßrichtung ist eindeutig.
Kein Alleingang: eine europäische Koalition
Spanien geht diesen Weg nicht allein. Die Regierung arbeitet nach eigenen Angaben mit fünf weiteren EU-Ländern in einer „Koalition der Willigen“ zusammen, um eine koordinierte Regulierung sozialer Netzwerke voranzutreiben. Ziel ist es, gemeinsamen Druck auf große Plattformen auszuüben und nationale Regelungen miteinander abzustimmen.
Das unterstreicht einen zentralen Punkt dieser Debatte: Es handelt sich nicht um einen Sonderweg, sondern um eine europäische Bewegung. Mehrere Länder kommen unabhängig voneinander zu ähnlichen Schlussfolgerungen und beginnen, ihre Maßnahmen aufeinander abzustimmen.
Wie soll das praktisch umgesetzt werden
Der zentrale Hebel ist Altersverifikation. Nicht mehr Selbstauskunft, nicht mehr das beliebige Anklicken eines Geburtsjahres.
Bislang reicht es auf nahezu allen Plattformen aus, beim Anlegen eines Accounts ein falsches Alter einzugeben. Genau dieses System gilt politisch inzwischen als gescheitert.
Diskutiert wird ein Modell, bei dem das Alter einmalig über einen externen, vertrauenswürdigen Dienst geprüft wird. Dieser Dienst bestätigt anschließend anonym, ob eine Person alt genug ist. Die Plattform selbst erfährt dabei nicht, wer die Person ist, sondern nur, ob sie die Altersgrenze erfüllt.
Für Kinder unter 16 würde das bedeuten: Kein Zugang, solange keine gültige Altersfreigabe vorliegt. Für Plattformen bedeutet es: Können sie keine wirksame Altersprüfung nachweisen, müssen sie den Zugang sperren.
Europäische Grundlage: Altersverifikation aus der EU
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Wichtig für die Einordnung: Diese Ansätze sind keine nationalen Experimente. Auf Ebene der Europäischen Union wird im Rahmen der geplanten EU Digital Identity Wallet bereits an genau solchen Lösungen gearbeitet.
Ziel ist eine datensparsame Altersverifikation, bei der staatlich anerkannte oder zertifizierte Dienste das Alter prüfen und anschließend nur eine Altersfreigabe ausstellen. Plattformen erhalten keine Namen, keine Ausweisdaten, keine Profile. Sie sehen lediglich, ob jemand alt genug ist.
Genau dieses Modell dient auch Spanien als Referenz. Die Altersprüfung soll ausgelagert, standardisiert und kontrollierbar sein.
Und was ist mit biometrischen Verfahren
In der Debatte werden immer wieder auch biometrische Methoden wie Gesichtsanalyse oder Kamera-basierte Altersabschätzung genannt. Diese gelten jedoch als hoch umstritten.
Biometrische Systeme sind fehleranfällig, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Sie greifen tief in die Privatsphäre ein und würden bedeuten, dass hochsensible biometrische Daten verarbeitet werden, teils durch private Unternehmen. Datenschutzbehörden und viele Fachleute sehen darin erhebliche Risiken.
Deshalb betonen sowohl Spanien als auch die EU, dass biometrische Verfahren nicht der bevorzugte Weg sind. Der Fokus liegt klar auf datensparsamen Altersverifikationsdiensten, nicht auf dem Scannen von Gesichtern.
Konkrete Plattformen im Fokus
Bemerkenswert ist auch, dass Sánchez nicht abstrakt blieb. Er nannte Grok, TikTok und Instagram ausdrücklich als Plattformen, deren Rolle geprüft werde. In diesen Fällen sollen Staatsanwaltschaften untersuchen, ob Inhalte, Algorithmen oder Moderationspraktiken gegen geltendes Recht verstoßen.
Das ist ein weiterer Bruch mit der bisherigen Zurückhaltung vieler Regierungen. Statt allgemeiner Appelle rücken konkrete Anbieter in den Fokus rechtlicher Prüfung.
Europa wacht auf. Und Deutschland?
Was wir gerade erleben, ist kein Zufall. Immer mehr Länder erkennen, dass soziale Netzwerke für Kinder kein neutraler Raum sind. Sie sind hochgradig optimiert auf Daueraufmerksamkeit, Vergleich, emotionale Reaktionen und Abhängigkeit. Genau diese Mechanismen treffen auf ein Alter, in dem Selbstwert, Impulskontrolle und emotionale Stabilität noch nicht gefestigt sind.
Während andere Länder die Reißleine ziehen oder sie zumindest sichtbar vorbereiten, bleibt Deutschland auffällig zurückhaltend. Hier wird weiterhin vor allem auf Medienkompetenz, elterliche Begleitung und freiwillige Selbstverpflichtungen der Plattformen gesetzt.
Das alles ist wichtig. Aber der internationale Vergleich wird immer deutlicher. Andere Länder handeln nicht, weil sie perfekt vorbereitet sind, sondern weil sie den digitalen Wilden Westen nicht länger hinnehmen wollen.
Fazit
Spanien hat kein sofortiges Social-Media-Verbot eingeführt. Aber es hat klar gemacht, dass es diesen Zustand nicht länger akzeptiert. Mit klaren Worten, mit europäischer Abstimmung und mit harten Haftungsregeln.
Die Frage ist längst nicht mehr, ob soziale Medien für Kinder problematisch sind. Die Frage ist, wie lange einzelne Länder noch zögern, während andere die Reißleine ziehen.
Quellen
Tagesschau: https://www.tagesschau.de/ausland/spanien-social-media-verbot-100.html
DerStandard: https://www.derstandard.de/story/3000000306976/spanien-plant-social-media-verbot-fuer-jugendliche
Associated Press: Spain plans to restrict social media access for children under 16: https://apnews.com/article/spain-social-media-ban-children-under-16s-77ac5a2e2078f175bd61dbfb5ad9deb7