Auch Finnland erwägt Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige

In Finnland wird aktuell intensiv geprüft, ob Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren künftig gesetzlich von sozialen Netzwerken ausgeschlossen werden sollen. Die Debatte ist Teil einer internationalen Entwicklung, ausgelöst durch wachsende Sorgen um mentale Gesundheit, Konzentrationsfähigkeit und sozialen Druck im digitalen Raum. Anders als bei früheren Diskussionen speist sich der finnische Vorstoß stark aus konkreten Erfahrungen im Schulalltag.

Zwei Jugendliche stehen vor einer finnischen Schule und schauen auf ihre Smartphones, während andere Kinder im Hintergrund ohne Geräte miteinander spielen.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

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Schulalltag ohne Smartphone als Auslöser

Seit dem vergangenen Sommer können finnische Schulen die Nutzung von Smartphones während des Unterrichts und teilweise auch in den Pausen stark einschränken. Viele Einrichtungen haben davon Gebrauch gemacht. Rückmeldungen aus Schulen zeigen, dass sich das Verhalten der Kinder spürbar verändert hat. Pausen werden wieder häufiger gemeinsam verbracht, Bewegung nimmt zu, digitale Ablenkung spielt eine geringere Rolle. Diese Beobachtungen haben die politische Diskussion deutlich beschleunigt.

Der finnische Ministerpräsident Petteri Orpo unterstützt daher die Prüfung eines Social-Media-Verbots für unter 15-Jährige. Die bisherigen Erfahrungen deuteten darauf hin, dass klare Regeln nicht nur den Unterricht, sondern auch das soziale Miteinander stärken können.

Orientierung an Australien mit klarer Verantwortlichkeit

Als internationales Referenzmodell wird häufig Australien genannt. Dort gilt seit Ende 2025 ein gesetzliches Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Entscheidend ist dabei die Verlagerung der Verantwortung auf die Plattformen selbst. Sie müssen das Alter ihrer Nutzer verlässlich überprüfen und haften bei Verstößen.

Der australische Premierminister Anthony Albanese begründete diesen Schritt mit dem Schutz von Kindern und der Entlastung von Familien, die bislang allein für die Durchsetzung von Altersgrenzen verantwortlich waren. In Finnland wird dieses Modell aufmerksam analysiert. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass Verbote auch Ausweichbewegungen begünstigen könnten, etwa hin zu kleineren oder weniger regulierten Diensten.

Deutschland verfolgt einen anderen Weg

In Deutschland wird ein pauschales Social-Media-Verbot derzeit abgelehnt. Stattdessen plädiert der Sucht- und Drogenbeauftragte der Bundesregierung Hendrik Streeck für ein System gestufter Altersfreigaben. Nach diesem Ansatz würden nicht komplette Plattformen gesperrt, sondern bestimmte Funktionen altersabhängig eingeschränkt.

Besonders im Fokus stehen Empfehlungsalgorithmen, die auf maximale Nutzungsdauer ausgelegt sind. Für jüngere Nutzer könnten diese Mechanismen begrenzt oder deaktiviert werden, um Überforderung und exzessive Nutzung zu reduzieren.

Nutzung sozialer Netzwerke und ihre Folgen

Daten der DAK-Gesundheit zeigen, dass Jugendliche werktags bereits mehrere Stunden täglich in sozialen Netzwerken verbringen und am Wochenende noch deutlich mehr Zeit online sind. Fachleute betonen, dass nicht allein die Dauer problematisch ist. Kritisch wird es vor allem dann, wenn Schlaf, Bewegung, persönliche Kontakte oder schulische Leistungen zunehmend verdrängt werden.

Ein europäischer Balanceakt

Finnland steht damit exemplarisch für einen grundlegenden Zielkonflikt in Europa. Einerseits wächst der Wunsch nach klaren, leicht durchsetzbaren Regeln. Andererseits besteht die Sorge, dass starre Verbote neue Risiken schaffen oder an der Lebensrealität von Kindern vorbeigehen. Welche Entscheidung Finnland trifft, dürfte weit über das Land hinaus Signalwirkung entfalten.

Weiterführende Links und Quellen

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