Soziale Medien wie Drogen behandeln? Warum dieser Vergleich richtig ist
Die Debatte um Social Media und Kinder hat eine neue Schärfe bekommen. Der SPIEGEL-Autor René Pfister formuliert sie ungewöhnlich klar: Soziale Medien sollten wie Drogen behandelt werden. Das ist kein rhetorischer Tabubruch, sondern eine nüchterne Beschreibung dessen, was wir längst beobachten. Abhängigkeit, Kontrollverlust, gesundheitliche und soziale Schäden, besonders bei Kindern und Jugendlichen.
Was früher als Kulturpessimismus abgetan wurde, wird inzwischen immer mehr von Wissenschaft, Medizin und Politik bestätigt. Die Frage ist nicht mehr, ob soziale Medien problematisch sind. Die Frage ist, warum wir sie immer noch anders behandeln als andere suchterzeugende Produkte.
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Warum der Drogenvergleich nicht überzogen ist
Der Vergleich wirkt zunächst hart. Doch er folgt einer einfachen Logik. Wir regulieren Substanzen nicht wegen ihrer Existenz, sondern wegen ihrer Wirkung. Alkohol, Nikotin und Glücksspiel sind erlaubt, aber streng reguliert. Altersgrenzen, Werbeverbote, Warnhinweise und Prävention sind selbstverständlich.
Soziale Medien erfüllen dieselben Kriterien. Sie wirken auf das Belohnungssystem, nutzen variable Verstärker, erzeugen Craving und Entzugssymptome. Der Unterschied ist nur, dass sie jederzeit verfügbar sind, direkt im Kinderzimmer, optimiert für maximale Bindung und völlig unzureichend reguliert.
Der SPIEGEL-Artikel bringt das auf den Punkt. Wenn wir Kinder schützen wollen, müssen wir gleiche Maßstäbe anlegen.
Politischer Kurswechsel in Europa
Bemerkenswert ist, dass diese Debatte längst nicht mehr nur von Elterninitiativen geführt wird. Auch politisch verschiebt sich etwas. Der französische Präsident Emmanuel Macron spricht offen über Altersgrenzen für soziale Medien. Frankreich diskutiert eine verpflichtende Altersverifikation, nicht als freiwillige Option, sondern als gesetzliche Pflicht.
Australien hat bereits ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige beschlossen. Großbritannien prüft ähnliche Schritte. Auch auf EU-Ebene wird der Ton schärfer. Der Digital Services Act reicht vielen nicht mehr aus, weil er vor allem Transparenz fordert, aber keine klaren Schutzgrenzen setzt.
Diese Entwicklung zeigt: Das Thema ist aus der Nische heraus. Es ist keine private Erziehungsfrage mehr, sondern eine gesellschaftliche Schutzaufgabe.
Verbote sind kein Allheilmittel, aber ein Anfang
Kritiker reagieren reflexhaft mit dem Hinweis, Verbote würden nichts bringen. Das Argument ist bekannt und greift zu kurz. Auch bei Alkohol und Nikotin wissen wir, dass Verbote allein keine Abhängigkeit verhindern. Trotzdem stellen wir sie nicht infrage. Niemand fordert ernsthaft, Zigaretten frei an Kinder zu verkaufen, nur weil manche sie trotzdem bekommen.
Regulierung wirkt nie perfekt, aber sie setzt klare Leitplanken. Sie entlastet Eltern. Sie verschiebt Verantwortung dorthin, wo sie hingehört: zu den Plattformen und zur Politik.
Ein Social-Media-Verbot für Kinder bedeutet nicht, digitale Bildung aufzugeben. Im Gegenteil. Es schafft Zeitfenster für Entwicklung, Reifung und echte Medienkompetenz, bevor Kinder in Systeme geraten, die sie strukturell überfordern.
Eltern stehen heute allein, das ist das eigentliche Problem
Der vielleicht wichtigste Punkt ist ein anderer. Aktuell tragen Eltern die Hauptlast dieser Entscheidung. Sie sollen individuell begrenzen, erklären, kontrollieren und Konflikte aushalten, während Plattformen unbegrenzt optimieren und monetarisieren.
Das erzeugt sozialen Druck, Schuldgefühle und Überforderung. Wer Nein sagt, riskiert Ausgrenzung. Wer nachgibt, riskiert Schäden. Genau hier setzt die politische Debatte an. Schutz funktioniert nur kollektiv, nicht individuell.
Der SPIEGEL-Artikel benennt diese Schieflage deutlich. Eltern brauchen Rückendeckung, keine weiteren App-Tipps.
Zustimmung, weil Wegschauen keine Option mehr ist
Der Vergleich von sozialen Medien mit Drogen ist unbequem, aber notwendig. Nicht weil jedes Kind süchtig wird, sondern weil die Systeme bewusst so gebaut sind, dass sie es können. Wir akzeptieren dieses Risiko bei Erwachsenen, nicht bei Kindern.
Wir bei Medienzeit stimmen dieser Einordnung ausdrücklich zu. Nicht aus Alarmismus, sondern aus Verantwortung. Die gesellschaftliche Debatte holt endlich nach, was Eltern seit Jahren erleben. Jetzt braucht es den nächsten Schritt: klare Regeln, verbindliche Altersgrenzen und den Mut, wirtschaftliche Interessen nicht länger über Kinderrechte zu stellen.