21 Tage ohne Smartphone – die Idee hinter dem Selbstversuch

Fabian Scheck

Biologielehrer am Konrad-Lorenz-Gymnasium in Gänserndorf

Ein Gastbeitrag von Fabian Scheck

Weihnachten 2024. Ruhige Tage im Osten Österreichs. Familienfeiern, Gespräche, Zeit zum Nachdenken. Und ein Satz, der mich nicht mehr losließ. In einem Interview im britischen Fernsehen berichtete ein Vater über eine Smartphone-Detox-Phase seines Sohnes und sagte: “Ohne Smartphone war mein Sohn wieder Teil der Familie.”

Ich fragte mich, ob das wirklich stimmen kann. Sind wir tatsächlich schon so abhängig, dass ein Gerät unser Familienleben, unsere Freundschaften und unser Miteinander so stark beeinflusst?

Wenn Unterricht plötzlich persönlich wird

Nach den Ferien standen Sucht, Abhängigkeit und Drogen am Lehrplan meiner sechsten Klassen. Der Biolehrer in mir wurde neugierig. Nicht theoretisch, sondern ganz konkret. Ich stellte mir die Frage, ob sich meine Schülerinnen und Schüler auf einen Selbstversuch einlassen würden. Würden sie für eine gewisse Zeit auf ihr Smartphone verzichten? Und würde sich dabei etwas verändern? Körperlich, emotional, im Schulalltag?

Aus dieser Frage entstand ein klares Vorhaben: 21 Tage ohne Smartphone. Freiwillig. Jederzeit abbrechbar.

Foto: Konrad Lorenz Gymnasium

Die Ablehnung war eindeutig

Die erste Reaktion war ernüchternd. “Machen Sie das ruhig und erzählen Sie uns dann, wie es war. Wir haben keine Lust darauf.”

Gerade diese Ablehnung ließ mich nicht los. Warum fiel es so schwer, sich überhaupt auf den Gedanken einzulassen? Warum löste allein die Vorstellung so viel Widerstand aus?

Was wir wirklich zu verlieren glauben

Wir begannen zu diskutieren. Offen und auf Augenhöhe. Denn auch Erwachsene argumentieren oft ähnlich. Ohne Smartphone geht es angeblich nicht.

Bei den Jugendlichen waren es Snapchat-Flammen, Duolingo-Streaks, TikTok, WhatsApp-Gruppen. Dazu kamen scheinbar unverzichtbare Alltagsfunktionen wie E-Banking, Zugfahrpläne, Kalender, Wecker oder Uhr. Fast alles ließ sich lösen, ersetzen oder neu organisieren. Die Hürden waren real, aber sie waren nicht unüberwindbar.

Der Moment der Entscheidung

Am 23. April 2025 begannen wir. 21 Tage ohne Smartphone. 69 von 71 Schülerinnen und Schülern machten mit. Auch mehrere Lehrkräfte und ich selbst.

Der Selbstversuch wurde journalistisch begleitet von Lisa Gadenstätter und ihrem Team. Daraus entstand eine Dokumentation der Reihe Dok1, die im September auf ORF1 ausgestrahlt wurde. Hier der Link zum Beitrag: https://www.medienzeit-elternblog.de/blog/21-tage-ohne-smartphone-experiment

Bildquelle: Konrad Lorenz Gymnasium

Was passiert, wenn das Smartphone verschwindet

Die Erfahrungen dieser 21 Tage waren tiefgreifend. Für die Schülerinnen und Schüler. Für Kolleginnen und Kollegen. Und auch für mich persönlich. Die Zeit ohne Smartphone hat uns zusammengeschweißt. Sie hat Gespräche verändert, Beziehungen vertieft und den Blick auf den eigenen Alltag geschärft. Und sie hat uns einen Auftrag gegeben.

Nicht Verzicht, sondern Verantwortung

Ein Leben ganz ohne Smartphone ist unrealistisch. Aber ein bewussterer Umgang ist möglich. Das Smartphone ist kein Feind, sondern ein Werkzeug. Mit Chancen und Risiken. Unser Leitspruch wurde: Nutz dein Smartphone, aber sei selber smart dabei.

Aus einem Experiment wird eine Bewegung

Gemeinsam mit Lisa Gadenstätter entstand die Idee, den Selbstversuch zu öffnen. Nicht nur für eine Schule, sondern für ganz Österreich. Aus der Idee wurde ein neues Projekt: handyexperiment.at. Oder, wie es im ORF-Trailer heißt: Wissenschaftlich begleitet, gemeinsam erlebt. Werde Teil von etwas Einzigartigem.

Die Resonanz war überwältigend. Bereits in den ersten Tagen meldeten sich hunderte Menschen, die teilnehmen wollten.

Warum das erst der Anfang ist

Visionen müssen groß sein. Vielleicht sollten wir sagen: 21 Tage ohne Smartphone für ganz Österreich. Und vielleicht auch für Deutschland. Wenn ihr das als Eltern, Lehrkräfte oder Schülerinnen und Schüler lest, erzählt davon. Tragt die Idee weiter. Werdet Teil davon. Ich bin überzeugt, dass wir etwas sehr Wichtiges erreichen können. Die Fähigkeit, das Smartphone selbstbestimmt und bewusst zu nutzen.



Link zum Experiment und auch zur Anmeldung:

👉 https://www.handyexperiment.at/ 👈

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