„Ich will kein Außenseiter sein!“ – wenn unsere alten Schulhofwunden beim Handy-Thema mitreden

Varvara Herbst, Diplom-Psychologin, Coach und Mutter.

Ein Gastbeitrag von Varvara Herbst, Diplom-Psychologin.

Warum es so schwer ist, beim ersten eigenen Smartphone bei einem „Noch nicht“ zu bleiben – und wie wir unsere Kinder trotzdem nicht alleine lassen. Viele Eltern wissen eigentlich: Ein eigenes Smartphone wäre jetzt noch zu früh. Zu viel. Zu schädlich.

Und trotzdem: Wenn das Kind sagt „Sonst bin ich der Außenseiter“ oder „Alle haben eins, nur ich nicht!“, fängt innerlich etwas an zu ziehen. Plötzlich steht nicht mehr nur eine Medienentscheidung im Raum, sondern ein altes, vertrautes Gefühl: Nicht dazu gehören. Nicht „richtig“ sein.

Dieser Artikel lädt ein, liebevoll hinzuschauen: Was gehört zu deinem Kind – und was gehört zu deiner eigenen Geschichte? Und wie kannst du an der Seite deines Kindes bleiben, wenn es sich ausgeschlossen fühlt – ohne sofort mit einem eigenen Handy zu reagieren? 

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Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Wenn eine alte Szene plötzlich wieder da ist

Dein Kind kommt von der Schule, schmeißt den Rucksack in die Ecke und sagt mit diesem Ton, den du schon vom Smartphone-Beitrag über Zugehörigkeit kennst:

„In der Klasse haben jetzt ALLE ein Handy. Nur ich nicht.
Wenn das so weitergeht, bin ich der totale Außenseiter.“

Du merkst, wie dir plötzlich heiß wird. Bilder tauchen auf, schnell und kurz, fast wie ein Flackern:

  • die Marken-Turnschuhe, die „alle“ hatten

  • die Levi’s-Jeans, an der damals scheinbar dein sozialer Wert hing

  • der Moment, in dem über dich getuschelt und gelacht wurde, weil du „nicht mithalten“ konntest

Vielleicht hast du das alles gut weggeschoben.
„Na ja, war halt so. Hat mir ja auch nicht geschadet.“

Und trotzdem: Allein das Wort „Außenseiter“ trifft einen Nerv. Im Körper, nicht im Verstand. Genau an dieser Stelle wird es spannend – und heikel.

Wenn die eigene Geschichte lauter ist als die aktuelle Situation

Psychologisch passiert hier oft Folgendes:

  • Dein Kind erzählt von seinem Schulalltag.

  • In dir meldet sich dein früherer Schulhof.

Zwei Geschichten, ein Nervensystem. Das innere Versprechen, das viele Eltern unbewusst ablegen, lautet dann:

„Mein Kind soll das nie erleben müssen, was ich damals erlebt habe.“

Das ist verständlich. Liebe pur. Und doch kann daraus schnell ein Mechanismus werden, der Entscheidungen verzerrt:

  • Nicht: „Was ist jetzt, in diesem Alter, in dieser Klasse, für mein Kind sinnvoll?“

  • Sondern: „Was muss ich tun, damit MEIN altes Außenseitergefühl nie wieder auftaucht?“

Das ist kein Vorwurf. Es ist ein liebevoller Reality-Check.

„In“ und „out“: Warum Zugehörigkeit und Ausschluss zum Aufwachsen gehören

So unangenehm es klingt: Kein Mensch geht durchs Leben, ohne irgendwann mal nicht dazuzugehören. In der Psychologie spricht man von Ingroup (die Gruppe, zu der wir gehören) und Outgroup (die, bei der wir draußen sind – die berühmten „Anderen“). 

Kinder erleben immer wieder:

  • Gruppen, in denen sie voll aufblühen

  • Situationen, in denen sie am Rand stehen

  • Momente, in denen sie ganz draußen sind

Das war vor Smartphones so. Das war zu Levi’s- und Nike-Zeiten so. Das war bei Pausenhof-„Banden“ so.

Die Frage ist nicht:

„Wie verhindere ich jede Außenseiter-Erfahrung?“

Sondern eher:

„Wie kann ich mein Kind durch solche Erfahrungen hindurch begleiten, damit es sich selbst nicht verliert?“

Denn Zugehörigkeit ist wichtig. Aber sie ist nicht alles. Kinder brauchen auch die Erfahrung:

  • „Ich halte das aus, wenn ich mal nicht überall dazugehöre.“

  • „Es gibt mehrere Gruppen in meinem Leben, nicht nur diese eine.“

  • „Mein Wert hängt nicht an einem Gegenstand.“

Ein einsamer Schüler sitzt traurig und isoliert auf einer Bank im Vordergrund, während im unscharfen Hintergrund eine Gruppe von lachenden Jugendlichen gemeinsam auf ihre Smartphones schaut.

Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)

Das Handy als vermeintlicher Schutz – und warum diese Rechnung selten aufgeht

Wenn Eltern aus der Angst vor dem Außenseiter heraus nachgeben, passiert oft so etwas:

„Okay, dann bekommst du jetzt eben doch ein Handy.
Hauptsache, du stehst nicht daneben.“

Kurzfristig bringt das Erleichterung:

  • Das Kind ist im Klassenchat.

  • Es hat „auch eins“.

  • Die Angst vor sofortiger Ausgrenzung sinkt.

Aber:

  • Ein Handy schützt nicht vor Ausgrenzung.

  • Es kann neue Verletzungen eröffnen:
    – Ausschluss aus Gruppenchats
    – Screenshots, die rumgeschickt werden
    – Kommentare, die sitzen bleiben
    – Zugang zu Fremden auf Spiel-Plattformen, die keinen kindgerechten Schutz anbieten (Beispiel: Roblox)

  • Und manchmal lernt das Kind unbewusst:

    „Wenn ich nur lange genug dränge, weine oder leide, geben meine Eltern irgendwann nach.“

Das ist dieser Moment, in dem sich die vermeintliche Lösung leise gegen einen richtet. Das Handy nimmt deinem Kind nicht das Außenseitergefühl ab –
es verschiebt nur die Bühne.

Wie Eltern gut begleiten können – ohne reflexhaft nachzugeben

1. Inneren Check machen: „Reagiere ich auf mein Kind oder auf mein jüngeres Ich?“

Bevor du diskutierst, kurz Pause drücken:

  • Einmal ein- und ausatmen.

  • Hand auf Brust oder Bauch.

  • Innerlich fragen:

    „Was genau wird da gerade in mir wach?“

Vielleicht kommen Bilder: Die Umkleide, der Spruch, das Gelächter.

Du kannst innerlich sagen:

„Hallo, alte Geschichte. Ich sehe dich.
Aber die Person, die hier vor mir steht, ist mein Kind – nicht mein früheres Ich.“

Dieser Mikro-Moment kann den Unterschied machen.

2. Deine eigene Geschichte ernst nehmen

Statt „Ach, war doch alles nicht so wild“:

  • Erlaub dir den Satz:

    „Ja, das war damals echt schmerzhaft.“

  • Vielleicht magst du später am Abend 5 Minuten schreiben:

    • „Woran merke ich, dass mich das Wort Außenseiter triggert?“

    • „Was hätte ich mir damals von Erwachsenen gewünscht?“

Je ernster du deine eigene Geschichte nimmst, desto leichter kannst du sie von der deines Kindes unterscheiden.

3. Gefühle deines Kindes halten – ohne sofort die Grenze zu verschieben

Du kannst sagen:

„Ich glaube dir, dass sich das gerade richtig blöd anfühlt.“
„Es tut weh, wenn man das Gefühl hat, hinterherzuhinken.“
„Du darfst traurig und wütend und neidisch sein. Das halte ich mit dir aus.“

Und danach:

„Und gleichzeitig bleibe ich bei unserer Entscheidung zum Handy.
Nicht, weil mir egal ist, wie es dir geht – sondern gerade weil du mir wichtig bist und ich dich schützen möchte.“

Gefühle ernst nehmen heißt nicht automatisch: Wunsch erfüllen.
Manchmal heißt es: Das Gefühl gemeinsam aushalten.

4. In- und Outgroups gemeinsam „entzaubern“

Hilfreiche Fragen können sein:

  • „In welchen Situationen fühlst du dich richtig dazugehörig?“

  • „Wo eher nicht – und woran liegt das?“

  • „Mit wem fühlst du dich wirklich wohl – und wo bemühst du dich nur, reinzupassen?“

Kinder merken so: Es gibt viele Kreise, nicht nur diese eine Klasse oder diese eine WhatsApp-Gruppe.

Du kannst auch von dir erzählen, dosiert und kindgerecht:

„Ich kenne dieses Gefühl. Bei mir war das damals mit …
Heute weiß ich: Das sagt nicht alles über mich aus.“

Nicht als „Früher war alles schlimmer“-Vortrag. Eher als: „Du bist nicht der erste Mensch mit diesem Gefühl. Und du bist damit nicht allein.“

5. Zugehörigkeit auf anderen Wegen stärken

Wenn das Handy (noch) nicht dran ist, braucht das Kind andere Orte, an denen es erlebt:

„Ich gehöre dazu. Ich bin wichtig.“

Das können sein:

  • Hobbys, in denen es aufgeht (Sport, Musik, Kreatives, Pfadfinder, Chor, …)

  • Familienrituale, in denen es eingebunden ist

  • Freundschaften, die nicht nur über das Gerät laufen

Konkrete Fragen:

  • „Gibt es in der Klasse Kinder, mit denen du dich wirklich wohlfühlst? Wollen wir da was stärken?“

  • „Gibt es eine AG oder einen Verein, der dich reizt?“

Du signalisierst:

„Ich sehe deinen Wunsch nach Zugehörigkeit – und ich helfe dir, Orte zu finden, an denen du sie wirklich spüren kannst.“

6. Klar entscheiden – und dann innerlich hinter dieser Entscheidung stehen

Wenn du nach gründlichem Hinfühlen zu dem Schluss kommst:

„Ein eigenes Handy ist für mein Kind jetzt noch nicht dran“,

dann hilft es deinem Kind mehr, wenn du:

  • klar bist

  • liebevoll bist

  • berechenbar bist

statt:

  • zu schwanken

  • zu rechtfertigen

  • dich bei jedem neuen „Alle haben eins!“ erneut zu verraten.

Ein möglicher Satz:

„Ich weiß, dass du denkst, du wärst sonst Außenseiter.
Ich nehme das ernst.
Und trotzdem entscheide ich gerade als Erwachsene für: noch kein eigenes Handy.
Was wir aber tun können, ist gemeinsam Wege zu suchen, wie du dich in deiner Klasse wohler fühlst.“

Das ist elterliche Führung, die Kinder heute mehr denn je brauchen. Verbunden und klar.

Fazit

Die Angst, das eigene Kind könne Außenseiter werden, trifft bei vielen Eltern auf eine alte Narbe. Auf frühere Erfahrungen von „nicht mithalten können“, „anders sein“, „nicht dazugehören“. Wenn wir das nicht merken, entscheiden wir manchmal mehr aus unserem früheren Schmerz heraus als aus der aktuellen Situation des Kindes.

Wir können unsere Kinder nicht vor jeder Außenseiter-Erfahrung bewahren. Aber wir können dafür sorgen, dass sie durch solche Momente hindurch begleitet werden – mit Sprache, Nähe und ehrlichem Interesse.

Und wir können uns trauen, unsere eigenen Geschichten mit in den Blick zu nehmen. Nicht, um in ihnen stecken zu bleiben. Sondern damit sie uns nicht heimlich steuern, wenn es um unsere Kinder geht.

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