Acht von zehn Jugendlichen kennen Betroffene von Social-Media-Sucht

Acht von zehn Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren sagen, dass sie in ihrem Umfeld Menschen kennen, die sie für Social-Media-süchtig halten. Die Zahl aus einer aktuellen Postbank-Umfrage ist keine Diagnose. Sie zeigt aber, dass Jugendliche problematische Nutzung bei anderen wahrnehmen.

Die aktuelle JIMplus-Studie geht einen Schritt weiter und fragt Jugendliche nach ihren eigenen Erfahrungen. Viele erkennen, dass ihnen die Nutzung nicht guttut. Zugleich fällt es ihnen schwer, das Handy wegzulegen oder sich anderen Dingen zuzuwenden. Wenn Jugendliche das Problem sehen und trotzdem nicht einfach aufhören können, reicht es nicht, ihnen nur mehr Selbstdisziplin abzuverlangen. Auch die Plattformen und ihre Gestaltung gehören in den Blick.

Was die Postbank im Juli gefragt hat

Für die Jugend-Digitalstudie 2026 wurden im Juli 1.000 Jugendliche in Deutschland zwischen 16 und 18 Jahren über das Online-Panel Toluna befragt. Die Stichprobe wurde nach Bundesland, Alter und Geschlecht gewichtet. In der Pressewiedergabe sind drei Aussagen aus dem Fragebogen dokumentiert.

Acht von zehn Jugendlichen stimmten der Aussage zu, dass es in ihrem Umfeld Menschen gebe, die nach ihrer Einschätzung süchtig nach Social Media seien. Bei den weiblichen Befragten waren es 82 Prozent, bei den männlichen 78 Prozent. Die Jugendlichen sollten also einschätzen, was sie bei anderen sehen. Sie wurden nicht selbst auf eine Abhängigkeit untersucht.

Die beiden anderen Aussagen fragten, ob Jugendliche schon einmal einen abonnierten Kanal verlassen oder ihr eigenes Profil deaktiviert hatten, weil dort aus ihrer Sicht zu viel Aggression, Hass oder Unwahrheiten verbreitet wurden. Gut die Hälfte hatte deshalb bereits einen Kanal verlassen. Ein gutes Drittel hatte ein Profil deaktiviert. Im Vergleich zu den beiden Vorjahren hatten etwas weniger Jugendliche angegeben, diesen Schritt gegangen zu sein. Die Frage bezieht sich auf problematische Inhalte, nicht darauf, ob Jugendliche ihre eigene Nutzungszeit kontrollieren können.

Diese Antworten zeigen, dass Jugendliche Inhalte kritisch bewerten und selbst versuchen, ihnen auszuweichen. Sie messen aber nicht, ob Jugendliche ihre Nutzungsdauer kontrollieren können. Dafür gibt die JIMplus-Studie einen genaueren Einblick.

Sie merken, dass es ihnen nicht guttut

Die JIMplus-Studie 2026 befragte 800 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren in Deutschland. Der Online-Fragebogen wurde im Mai ausgefüllt. Zuvor hielten 33 Jugendliche ihren digitalen Alltag in einem Online-Tagebuch fest, 20 von ihnen wurden anschließend ausführlich interviewt. Die Ergebnisse beschreiben die Antworten der Befragten, nicht eine medizinische Diagnose.

72 Prozent stimmten der Aussage zu, dass Social Media sie von Dingen ablenke, die sie eigentlich erledigen wollten. 64 Prozent sagten, dass es ihnen schwerfalle, das Smartphone wieder wegzulegen, wenn sie einmal angefangen hätten. 55 Prozent hatten das Gefühl, ihre Zeit auf Social Media zu verschwenden, ebenso viele sagten, Social Media nehme ihnen Zeit für Erholung und Freizeit. 32 Prozent hatten ihre Nutzung bereits reduziert, weil sie ihnen nicht guttat. Das sind Hinweise auf Kontrollprobleme und Belastungen, wie sie bei problematischer Nutzung eine Rolle spielen. Sie sind für sich allein keine Suchtdiagnose.

Ein Jugendlicher, der an den vertiefenden Interviews teilnahm, beschrieb den Widerspruch so: „Ich merk's selber, dass es mir nicht gut tut. Aber ich kann mich nicht überwinden.“ Das Zitat ist eine einzelne Erfahrung, kein Ergebnis für alle Jugendlichen. Es bringt aber auf den Punkt, was die Zahlen zeigen: Problembewusstsein und Kontrolle über das eigene Verhalten sind nicht dasselbe.

Bei problematischen Inhalten zeigt sich eine ähnliche Lücke. Unter den 701 Jugendlichen, die solchen Inhalten schon begegnet waren, sagten 58 Prozent, sie scrollten meist einfach weiter. 36 Prozent hatten sich an viele problematische Inhalte gewöhnt. Etwa ein Viertel meldete solche Inhalte der Plattform. Weiterzuscrollen oder sich zu gewöhnen ist nicht dasselbe, wie die Inhalte gutzuheißen. Es zeigt aber, wie leicht Verantwortung bei den Jugendlichen selbst hängen bleibt.

Warum Regulierung dazugehört

JIMplus fragte auch, wer für den Schutz junger Nutzerinnen und Nutzer verantwortlich sei. 45 Prozent nannten die Plattformen. 43 Prozent waren der Meinung, Social Media sollte bis zu einem bestimmten Alter verboten sein. Zugleich glaubten 52 Prozent, ein Verbot lasse sich leicht umgehen. Die Antworten sprechen deshalb nicht für eine einfache Lösung durch ein Verbot allein. Sie zeigen aber, dass Jugendliche Schutz erwarten und an der Wirksamkeit bloßer Altersgrenzen zweifeln.

Medienzeit sieht darin einen Auftrag, Plattformen stärker in die Pflicht zu nehmen. Wenn viele Jugendliche berichten, dass sie abgelenkt werden und schwer aufhören können, darf die Antwort nicht nur lauten: Sie müssen sich besser kontrollieren. Schutz muss auch dort ansetzen, wo die Nutzung gestaltet wird. Dazu gehören wirksame altersgerechte Voreinstellungen, mehr Kontrolle darüber, welche Inhalte empfohlen werden, und klare Verantwortung der Anbieter für die Folgen ihrer Produkte.

Was Eltern jetzt tun können

Eltern können die Wahrnehmung ihrer Kinder ernst nehmen, ohne Freundinnen oder Freunde aus der Ferne als süchtig zu bezeichnen. Frag lieber: „Was beobachtest du bei dir oder anderen?“ und „Was ist daran schwer zu verändern?“ Wenn dein Kind selbst sagt, dass es aufhören möchte und es trotzdem nicht schafft, sprich über die konkrete Situation: Was wird dadurch verdrängt? Leidet der Schlaf, die Schule, ein Hobby oder eine Freundschaft? Welche Unterstützung wünscht sich dein Kind?

Eine gemeinsame Absprache kann im Alltag helfen, zum Beispiel das Handy nachts außerhalb des Schlafzimmers zu laden oder Benachrichtigungen beim Lernen auszuschalten. Solche Schritte können entlasten, lösen aber nicht die Verantwortung der Anbieter ab. Wenn die Nutzung anhaltend belastet oder dein Kind darunter leidet, kann eine Kinder- und Jugendärztin, ein Kinder- und Jugendarzt oder eine Beratungsstelle unterstützen.


Quellen und weiterführende Informationen

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„Du bist nicht schuld und du bist nicht allein.“

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