Warum immer mehr Experten smartphonefreie Schulen fordern

Die Frage, ob Smartphones in Schulen erlaubt sein sollten, wird seit einigen Jahren intensiv diskutiert. Viele Schulen haben Regeln eingeführt, andere lassen den Umgang mit privaten Geräten weitgehend offen.

In einer aktuellen Stellungnahme zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen greifen mehrere kinder- und jugendpsychiatrische Fachgesellschaften dieses Thema ausdrücklich auf. In dem Papier wird deutlich: Private Smartphones im Schulalltag werden aus fachlicher Sicht zunehmend kritisch gesehen.

Die Autoren empfehlen, digitale Technologien zwar gezielt für Lernzwecke einzusetzen, gleichzeitig aber private Smartphones in der Schule grundsätzlich nicht zuzulassen. Der Hintergrund dieser Empfehlung liegt vor allem in der Frage, welche Umgebung Kinder und Jugendliche zum Lernen brauchen.

Schild mit durchgestrichenem Smartphone in einem Schulflur, im Hintergrund unterhalten sich Schülerinnen und Schüler vor ihren Spinden.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Smartphones konkurrieren mit Aufmerksamkeit

Ein zentraler Punkt der Stellungnahme betrifft die Wirkung von Smartphones auf Aufmerksamkeit und Konzentration.

Bereits die bloße Anwesenheit eines Smartphones kann kognitive Ressourcen binden. In der Forschung wird dieses Phänomen als „Brain Drain“ beschrieben. Ein Teil der Aufmerksamkeit bleibt unbewusst beim Gerät, selbst wenn es gerade nicht benutzt wird.

Der Grund liegt in der begrenzten Kapazität unseres Arbeitsgedächtnisses. Reize aus der Umgebung konkurrieren um Aufmerksamkeit und können dadurch Lernprozesse beeinträchtigen.

Für Kinder und Jugendliche ist das besonders relevant. Unterricht erfordert häufig längere Phasen konzentrierter Aufmerksamkeit. Smartphones sind jedoch darauf ausgelegt, diese Aufmerksamkeit immer wieder zu unterbrechen.


Viele Kinder bringen ihr Smartphone mit in die Schule

Die Stellungnahme beschreibt auch die aktuelle Situation an Schulen.

Rund 77 Prozent der Kinder zwischen 6 und 13 Jahren bringen ihr eigenes Smartphone mit in die Schule. Gleichzeitig zeigen Studien, dass diese Geräte im Unterricht zu Ablenkung, Konflikten und teilweise auch zu schlechteren schulischen Leistungen beitragen können.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Selbst wenn Schulen Regeln für Smartphones haben, werden diese häufig umgangen. Untersuchungen zeigen, dass fast ein Drittel der Schülerinnen und Schüler bestehende Regeln regelmäßig ignoriert. Damit entsteht eine Situation, in der Lehrkräfte ständig zwischen Unterricht und Gerätekontrolle wechseln müssen.


Digitale Konflikte werden in die Schule getragen

Neben der Ablenkung spielen auch soziale Dynamiken eine Rolle. Ein großer Teil der Konflikte unter Schülerinnen und Schülern entsteht heute in digitalen Räumen. Klassenchats, Social Media oder verbreitete Fotos und Videos führen immer wieder zu Streit, Ausgrenzung oder Cybermobbing.

Diese Konflikte bleiben nicht im Internet. Sie werden am nächsten Tag in die Schule getragen und prägen dort das soziale Klima. Aus Sicht vieler Fachleute kann eine Schule ohne private Smartphones deshalb helfen, einen geschützten Raum für persönliche Begegnung zu schaffen.


Internationale Entwicklungen zeigen eine ähnliche Richtung

Auch international wächst die Zahl der Länder, die Smartphones im Schulalltag stärker regulieren. Laut UNESCO haben inzwischen rund 40 Prozent der Bildungssysteme weltweit Einschränkungen für Smartphones in Schulen eingeführt.

Dabei geht es nicht um ein generelles Technikverbot. Vielmehr unterscheiden viele Bildungssysteme zwischen privaten Smartphones und digitalen Geräten, die gezielt im Unterricht eingesetzt werden.

Die UNESCO empfiehlt, private Smartphones in Schulen nur dann zuzulassen, wenn sie nachweislich einen pädagogischen Nutzen haben.


Digitale Bildung braucht Struktur

Die Stellungnahme der kinder- und jugendpsychiatrischen Fachgesellschaften betont ausdrücklich, dass digitale Bildung wichtig bleibt. Digitale Kompetenzen gehören zu einer modernen Bildung. Schülerinnen und Schüler sollten lernen, mit digitalen Werkzeugen umzugehen, Informationen kritisch zu prüfen und Technologie sinnvoll einzusetzen.

Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Art der Nutzung.

Digitale Geräte, die gezielt im Unterricht eingesetzt werden, folgen einem pädagogischen Konzept. Private Smartphones dagegen bringen eine Vielzahl zusätzlicher Funktionen mit in die Schule: Social Media, Spiele, Messenger und Kamera. Diese Funktionen stehen oft in direkter Konkurrenz zum Unterricht.


Schule als geschützter Lernraum

Die Empfehlung, private Smartphones in der Schule zu begrenzen oder ganz auszuschließen, hat deshalb ein klares Ziel. Schule soll ein Ort sein, an dem konzentriertes Lernen, soziale Begegnung und persönliche Entwicklung im Mittelpunkt stehen. In einer Welt, die ohnehin von digitalen Reizen geprägt ist, könnte genau dieser geschützte Raum für Kinder und Jugendliche immer wichtiger werden.

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