Welche Rolle Social Media für die berufliche Orientierung von Jugendlichen spielt
Jens Nachtwei
Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin
Ein Gastbeitrag von Jens Nachtwei, Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin
Wollen heute alle Influencer werden? Nein. Und doch: Social Media und Berufsorientierung sind inzwischen eng verzahnt; im Guten wie im Schlechten. Dieser Beitrag soll über die Chancen und Risiken von Social Media für die berufliche Orientierung aufklären. Basis dafür ist die zwanzigjährige Erfahrung des Autors in Lehre und Forschung zu psychologischen Fragestellungen in der Arbeitswelt sowie ein frei zugängliches eBook zur Zukunft der Arbeit. Dieses Werk ist kürzlich als Teil einer Reihe am Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin erschienen. Darin behandeln 155 Expertinnen und Experten in Form von lebendigen Interviews wichtige Fragen der beruflichen Orientierung junger Menschen (Zugriff: www.zukunftarbeitzukunft.de).
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Social Media ist nicht der heimliche Berufsberater
Viele Eltern kennen diese Sorge: Jugendliche verbringen viel Zeit auf Instagram, TikTok oder YouTube, sehen dort scheinbar erfolgreiche Menschen und orientieren sich daran vielleicht stärker, als ihnen guttut. Der Eindruck liegt nahe, dass Social Media heute die Berufswahl direkt beeinflusst. Immerhin findet man dort vieles, das bei Jugendlichen verfängt: in etwa Gleichaltrige, bunte Bilder und lebendige Sprache. Und man wird nicht von Lehrkräften belehrt, die oftmals selbst nie etwas anderes als eine Schule von innen gesehen und daher eher wenig Glaubwürdigkeit bei Themen der beruflichen Orientierung haben.
Social Media ist für die berufliche Entwicklung junger Menschen also definitiv von Bedeutung, allerdings auch nicht der alles entscheidende Faktor. Persönliche Kontakte über Freunde, Bekannte, Eltern und Vereine sowie reale Erfahrungen sind wichtiger. Praktika zum Beispiel wirken sich auf die Berufswahl teils stärker aus als jedes Programm zur Berufsorientierung in der Schule. Für Eltern ist das eine gute Nachricht. Denn: Ein Feed ersetzt noch immer keine echte Begegnung mit der Arbeitswelt.
Was Social Media trotzdem beeinflusst
Auch wenn Plattformen nicht automatisch die Berufswahl bestimmen, prägen sie doch den Blick auf Arbeit, Erfolg und Lebenswege. Jugendliche sehen dort selten Umwege, Zweifel oder Suchbewegungen. Sie sehen Ergebnisse. Dazu glatte Profile und sichtbare Erfolge. Menschen, die scheinbar früh genau wissen, wer sie sind und was sie wollen.
Genau darin liegt ein großes Risiko. In mehreren Beiträgen des oben genannten eBooks wird vor Vergleichsdruck, idealisierten Bildern und verzerrten Erwartungen gewarnt. Wer ständig kuratierte Ausschnitte aus dem Leben anderer sieht, kann leicht das Gefühl entwickeln, selbst zu spät dran zu sein oder nicht zu genügen. Gerade für Schülerinnen und Schüler in einer Lebensphase voller Übergänge ist das heikel. Denn Berufsorientierung ist selten geradlinig. Sie lebt davon, Interessen tatsächlich auszuprobieren, Unsicherheiten länger auszuhalten und den eigenen Weg nicht mit dem Highlight-Reel anderer zu verwechseln. Für Eltern und Lehrkräfte heißt das: Das Problem liegt oft weniger in der Information selbst als in ihrer Inszenierung im digitalen Raum.
Zwischen Inspiration und Manipulation
Hinzu kommt eine zweite Ebene: Social Media ist nicht nur Bühne, sondern auch Markt. In den Interviews des eBooks wird mehrfach beschrieben, dass junge Menschen dort mit Werbung, Inszenierung, Fake News, Betrugsversuchen und zunehmend auch mit KI-generierten Inhalten konfrontiert sind. Wer berufliche Informationen auf Plattformen aufnimmt, muss deshalb nicht nur auswählen, sondern auch einordnen können. Ist das ein echter Erfahrungsbericht? Eine bezahlte Kooperation? Eine übertriebene Selbstdarstellung? Oder bereits ein KI-gestütztes Kunstprodukt, das Glaubwürdigkeit künstlich herstellen soll?
Für die Begleitung von Jugendlichen ist das zentral. Wer mit ihnen über Social Media spricht, sollte nicht nur über Nutzungsdauer reden. Vielmehr sollte die Schulung der Urteilskraft im Fokus stehen. Nicht nur „Wie lange bist du online?“, sondern auch: „Was davon hältst du für glaubwürdig?“, „Was davon macht dir Druck?“, „Was davon hilft dir wirklich weiter?“.
Social Media kann auch nützlich sein
Die Beiträge des eBooks zeigen allerdings auch eine andere, positivere Seite von Social Media. Einige Plattformen können Türen öffnen. Sie können erste Einblicke in Berufsfelder geben, Kontakte erleichtern und Jugendlichen helfen, überhaupt eine Vorstellung davon zu entwickeln, welche Wege es gibt. Besonders LinkedIn wird in mehreren Interviews als professionelles Netzwerk genannt, das später beim Austausch, beim Lernen über Branchen oder beim Knüpfen erster Kontakte hilfreich sein kann. Gerade für ältere Jugendliche kann das sehr sinnvoll sein. Wer beginnt, sich für bestimmte Berufe, Ausbildungs- und Studienrichtungen oder Arbeitsfelder zu interessieren, kann über digitale Kanäle Menschen finden, die dort tatsächlich arbeiten. So entstehen manchmal erste Einblicke, auf die man im eigenen Umfeld gar nicht gekommen wäre oder dort schlicht keinen Zugang gehabt hätte.
Wichtig ist nur, Social Media als Werkzeug zu verstehen, nicht als Kompass für den eigenen Wert. Plattformen eignen sich gut zum Recherchieren, Beobachten, Lernen und Vernetzen. Sie eignen sich wiederum nicht dazu, aus Reichweite, Sichtbarkeit oder intensiver Selbstdarstellung abzuleiten, was ein gelungener beruflicher Pfad oder insgesamt erstrebenswerter Lebensweg ist.
Echte Orientierung entsteht durch Erfahrungen
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Der vielleicht wichtigste Gedanke aus den Interviews lautet: Berufliche Orientierung braucht echte Beziehungen und tatsächliche Erfahrungen in der analogen Welt. Mehrere Expertinnen und Experten machen deutlich, dass soziale Netzwerke reale Gespräche nicht ersetzen können. Tiefe entsteht selten im Scrollen, sondern im Austausch mit Menschen, die ansprechbar sind und ehrlich von ihrer Arbeit erzählen.
Ein Praktikum, ein Hochschulbesuch, ein Gespräch mit einer Bekannten aus einem interessanten Beruf, ein Schnuppertag im Betrieb oder ein offener Austausch mit Lehrkräften im Quereinstieg können für Jugendliche wertvoller sein als unzählige kurze Clips. Gerade weil Social Media oft nur Oberflächen zeigt, sind reale Erfahrungen so wichtig. Sie helfen jungen Menschen, Interessen mit Wirklichkeit abzugleichen. Eltern müssen dafür keine perfekten Berufscoaches sein. Aber sie können Möglichmacher sein. Sie können Kontakte herstellen, Fragen mitentwickeln, Erkundungen anregen und Druck aus Gesprächen zur vermeintlich perfekten Karriere nehmen.
Was Eltern konkret tun können
Eltern können Jugendliche stärken, ohne Social Media zu verteufeln. Erstens hilft es, Plattformen besprechbar zu machen, statt sie nur zu kontrollieren. Wer mit Jugendlichen gemeinsam auf Inhalte schaut, lernt besser zu verstehen, was fasziniert, was verunsichert und was vielleicht nur glänzend verpackt ist. Zweitens lohnt es sich, digitale Impulse in reale Erfahrungen zu übersetzen. Wenn ein Beruf auf Social Media interessant wirkt, sollte die nächste Frage nicht nur lauten: „Gefällt dir das?“, sondern auch: „Wie könnten wir mehr darüber herausfinden?“ Drittens ist es hilfreich, Vergleichsdruck offen anzusprechen. Jugendliche müssen nicht früh den perfekten Plan haben. Sie brauchen eher die Erlaubnis, noch in Entwicklung zu sein. Viertens kann man Netzwerke altersangemessen erklären: sowohl als gefährliche Selbstvermarktungsmaschine, als auch als Chance, Menschen und berufliche Wege kennenzulernen. Und fünftens sollten Eltern mit gutem Beispiel vorangehen: statt selbst täglich durch Feeds zu scrollen, besser regelmäßig mit dem eigenen Kind spazieren gehen, gut zuhören und einfach reden (gern mit Eiscreme, definitiv aber ohne Smartphone in der Hand).
Nicht der Feed, sondern der Weg zählt
Social Media ist für die berufliche Entwicklung von Schülerinnen und Schülern weder der große Zerstörer noch der mächtige Karrierebooster. Es wirkt eher als Verstärker: für Vergleich, für Sichtbarkeit, für Möglichkeiten, aber auch für Verunsicherung.
Problematisch wird es dort, wo Social Media echte Orientierung einfach ersetzt. Hilfreich wird es dort, wo es echte Orientierung sinnvoll ergänzt. Jugendliche brauchen deshalb nicht nur Zugang zu Informationen, sondern Erwachsene, die ihnen beim Einordnen, Erproben und Nachfragen helfen. Berufliche Orientierung beginnt nicht im LinkedIn-Profil, sondern im Gespräch, in analoger Erfahrung und in der langsamen Entdeckung des eigenen Weges.
Quellen zur weiterführenden Beschäftigung
Wer Jugendliche bei der Berufsorientierung begleitet, muss heute auch ihre digitale Lebenswelt mitdenken. Social Media kann Einblicke in Berufe, Inspiration und erste Kontakte ermöglichen – zugleich aber auch Druck, Verzerrungen und unrealistische Erwartungen erzeugen. Wer das Thema vertiefen möchte, findet hier einige gut zugängliche und hilfreiche Materialien:
eBook Zukunft der ARBEIT an der ZukunftEin frei zugängliches eBook aus 2025 mit Beiträgen von 155 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Es behandelt Fragen der beruflichen Orientierung junger Menschen und richtet sich ausdrücklich auch an Eltern, Lehrkräfte und Beratungsstellen.
www.zukunftarbeitzukunft.de (Hinweis: Vorläufer-eBook mit kurzen Fachartikeln zur Zukunft der Arbeit aus 2020 unter www.sonderbandzukunftderarbeit.de)Fachartikel „Future Skills“Ein knapper und praxisnaher Überblick dazu, welche Qualitäten in der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts wirklich tragen. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen kurzfristig erlernbaren Fertigkeiten und tiefer liegenden Fähigkeiten sowie Persönlichkeit. Gerade für Eltern ist das ein guter Gegenakzent zu der verbreiteten Vorstellung, Jugendliche müssten vor allem möglichst früh technische Tools beherrschen.
Fachartikel „Future Skills“Handbuch DigComp 3.0Der europäische Referenzrahmen für digitale Kompetenzen. Hilfreich, um einzuordnen, welche Kompetenzen junge Menschen heute im Umgang mit Informationen, digitalen Medien und Technologien brauchen.
DigComp 3.0 der EU-KommissionPlattform whatchadoEine Plattform, auf der Berufe und berufliche Wege über persönliche Geschichten und Videos sichtbar werden. Hilfreich für Jugendliche, die noch kein klares Bild von Arbeitswelten haben.
www.whatchado.com/de/careersPlattform O*NETUmfangreiche Berufsdatenbank zur Erkundung von Tätigkeiten, Anforderungen und Kompetenzen. Besonders nützlich, wenn Jugendliche Interessen mit konkreten Berufsbildern abgleichen möchten.
www.onetonline.orgPlattform Future Skills JourneyKostenfreie Angebote rund um Zukunftskompetenzen – etwa zu digitaler Kompetenz, Selbststeuerung und Lernen in einer sich wandelnden Arbeitswelt.
future-skills-journey.dePlattform KI-CampusKostenlose Lernplattform mit verständlichen Materialien zu Künstlicher Intelligenz. Sinnvoll für Eltern und Jugendliche, die besser einschätzen möchten, welche Rolle KI in Bildung und Beruf künftig spielt.
ki-campus.org
Autor
Jens Nachtwei forscht und lehrt seit 2006 an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie seit 2012 an der Hochschule für angewandtes Management in den Bereichen Ingenieur- und Organisationspsychologie. Er verfasst seine Texte via VERB×A (www.verbxa.info). Der Autor pflegt eine stetig wachsende, offen zugängliche Bibliothek:
10.000+ verlinkte Fachartikel mit Schwerpunkt Arbeitswelt, KI und Automation; vollständige universitäre, praxisnahe Lehrunterlagen zur Mensch-Technik Interaktion zur Verwendung für Schulungen und Workshops; Zugriff unter www.linkedin.com/pulse/bib-jens-nachtwei-nxswf