Wenn alle ein Smartphone haben – und man selbst noch zögert

Zählmarke

Foto: Viola Vens-Cappell

Gastbeitrag von Viola Vens-Cappell

Viele Fragen und Gedanken: Das eigene Kind ist in der dritten oder vierten Klasse. Nach der vierten Klasse steht in vielen Bundesländern der Schulwechsel an. In der Grundschulklasse haben die ersten Kinder, oder auch schon viele, ein Smartphone. Es entsteht immer mehr das Gefühl, dass spätestens mit dem Übergang in die neue Schule alle Kinder ein Smartphone haben.

Mit dem Schulwechsel wird der Weg zur Schule weiter, die Kinder werden unabhängiger. Wäre hier nicht ein Smartphone praktisch? Außerdem haben ja alle eins und man möchte sein Kind nicht ausschließen.

Aber: Der Gedanke an ein Smartphone für das eigene Kind verunsichert schon länger.

Haben wirklich alle Kinder ab der 5. Klasse ein Smartphone? Wozu nutzen Kinder ihre Smartphones eigentlich? Vor allem fürs Chatten und für Online-Spiele? Und dienen Klassenchats wirklich nur der Information untereinander oder ist das Teilen von Infos über Hausaufgaben eigentlich nebensächlich?

Vor allem aber auch: Haben wir als Eltern das Gefühl, dass es der richtige Zeitpunkt ist, unserem Kind ein Smartphone zu kaufen? Oder würden wir es vor allem kaufen, weil alle anderen Kinder eins haben?

Alle diese Fragen verunsichern stark.

Allerdings: Es geht vielen Eltern so. Nicht wenige Eltern stellen sich diese Fragen und fühlen sich verunsichert. Man möchte dem eigenen Kind, ganz zurecht, keine Sozialräume verschließen.

Aber gleichzeitig gibt es diese Stimme, die sagt, dass man noch kein Smartphone für das eigene Kind möchte. Weil es sich zu früh anfühlt. Weil es aus Gruppendruck gekauft würde.

Mädchen auf einem Schulhof beobachtet Kinder mit Smartphones und steht vor der Entscheidung, ob sie selbst schon ein Smartphone bekommen sollte. Fotorealistische Alltagsszene an einer Schule.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Was also tun? Erste Schritte

Ein wichtiger erster Schritt ist der Austausch mit anderen Eltern aus eurem Umfeld.

Sprecht mit den Eltern von Freundinnen und Freunden eurer Kinder, die euch sympathisch sind und deren Kinder auch noch kein Smartphone haben. Häufig sind sie offener für das Thema als Eltern, die ihren Kindern bereits ein Smartphone gekauft haben. Fragt, ob sie sich auch bereits Gedanken gemacht haben.

Vermutlich werdet ihr feststellen, dass andere Eltern sich ähnliche Fragen stellen und ebenfalls verunsichert sind.

Beschäftigt euch auch inhaltlich mit dem Thema. Es gibt zum Einstieg sehr lesenswerte Bücher von Silke Müller oder Daniel Wolff, um nur zwei Namen zu nennen. Eine weitere Informationsquelle sind digitale Elternabende, die beispielsweise kostenlos über klicksafe angeboten werden.

Je mehr ihr zum Thema „Smartphone bei Kindern und Jugendlichen“ wisst, desto besser könnt ihr euren eigenen Standpunkt finden und eure Haltung eurem eigenen Kind gegenüber plausibel begründen. Oder anderen erklären, weshalb aus eurer Sicht ein Smartphone für Zehnjährige noch nicht sinnvoll ist.

Elternabend in einem Klassenzimmer: Eine Lehrerin spricht vor Eltern, auf der Tafel ist ein durchgestrichenes Smartphone als Symbol für smartphonefreie Schule zu sehen

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Sprecht das Thema beim Elternabend oder im Elternbeirat eurer Grundschule an. Manchmal ist das schon der erste Schritt, um auch andere Eltern mitzunehmen. Vielleicht hat die Schulleitung sich auch schon intensiver mit dem Thema beschäftigt und würde sich freuen, hier mit den Eltern an einem Strang zu ziehen.

Nutzt auch Social Media, wie Instagram oder LinkedIn, und folgt Personen, die sich mit dem Thema Smartphone bei Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Dort finden sich immer wieder nützliche Hinweise auf Bücher, Podcasts oder Veranstaltungen.

Führt mit euren Kindern immer wieder Gespräche über das Thema digitale Medien. Nicht mit erhobenem Finger, sondern mit einem differenzierten Blick auf Vor- und Nachteile. Es gibt zum Beispiel Videos von Checker Tobi, die bestimmte Themen gut aufgreifen. Auch Bücher zur Medienbildung oder zu KI können hier unterstützen.

Und: Werdet selbst zum Vorbild. Seid kritisch mit eurem eigenen Medienkonsum und Nutzungsverhalten. Kinder orientieren sich an dem, was sie in ihrem Umfeld sehen.


Weitere Schritte: Vor Ort aktiv werden

Gründet mit Gleichgesinnten eine „Smarter Start ab 14“-Gruppe. Dies ist eine Idee der bundesweiten Initiative Smarter Start ab 14. Mittlerweile gibt es in vielen Orten deutschlandweit Gruppen. Hier könnt ihr euch austauschen. Idealerweise erstellt ihr einen Contentplan und postet regelmäßig interessante Artikel, Podcasts oder Links zum Thema. Wenn ihr entsprechenden Kanälen folgt, werden euch regelmäßig Inhalte angezeigt, die ihr teilen könnt.

Die Erfahrung zeigt, dass viele Eltern in diesen Gruppen froh sind, wenn sie regelmäßig Informationen bekommen, ohne selbst viel Zeit investieren zu müssen.

Medienkompetente Eltern sind die Grundlage für Veränderung. Veranstaltet in Absprache mit der Schulleitung einen Elternabend an eurer Grundschule und ladet eine Expertin oder einen Experten zum Thema „Kinder und Smartphones“ ein. Nach einem Vortrag ist Zeit für Fragen und Austausch.

Solche Veranstaltungen lassen sich gut gemeinsam mit Nachbargrundschulen organisieren. Das stärkt die Vernetzung, gerade weil viele Kinder später auf die gleichen weiterführenden Schulen wechseln. Wendet euch auch an die weiterführenden Schulen, die für euer Kind infrage kommen. Fragt nach, ob bereits über die Einführung einer smartphonefreien Klasse in den Jahrgangsstufen 5 und 6 nachgedacht wird.

Auch hier gilt: Je mehr Eltern nachfragen, desto eher wird das Thema als relevant wahrgenommen.

Und vor allem: Sprecht immer wieder mit anderen in eurem Umfeld darüber. Mit Eltern, aber auch mit Großeltern oder Menschen, die im Alltag wenig Kontakt zu Kindern haben. Es ist wichtig, dass sich auch diese Teile der Gesellschaft mit dem Thema auseinandersetzen.


Werdet politisch aktiv

Unterschreibt Petitionen, die Altersbeschränkungen für Social Media und Online-Gaming sowie eine stärkere Regulierung der Plattformen fordern. Es braucht politische Aufmerksamkeit für das Thema. Schreibt gemeinsam mit anderen Eltern an die für euch zuständigen Bundestagsabgeordneten. Fordert mehr Schutz und gleichzeitig mehr Verantwortung der Plattformbetreiber. Hilfreich ist es, eine kurze Textvorlage zu erstellen, die viele übernehmen können. So erreicht ihr mehr Menschen. Die jeweiligen Abgeordneten lassen sich über ein entsprechendes Abgeordneten-Tool finden.

Je mehr Rückmeldungen auf politischer Ebene ankommen, desto eher werden diese Themen aufgegriffen.

Schreibt auch an Schulbehörden oder Schulträger. Setzt euch dafür ein, dass Medienbildung verpflichtend in allen Jahrgangsstufen ab Klasse 1 verankert wird. Erklärt Konzepte wie smartphonefreie Klassen oder Schulen und macht deutlich, dass viele Eltern sich solche Angebote wünschen. Viele Schulleitungen sind mit diesen Ansätzen noch nicht vertraut.

Um es Schulen leichter zu machen, stellt die Initiative Smarter Start ab 14 bereits Materialien zur Verfügung.


Und last but not least

Beschäftigt euch möglichst frühzeitig mit dem Thema digitale Medien und Smartphones. Am besten zu einem Zeitpunkt, an dem es im Alltag eures Kindes noch keine große Rolle spielt. So habt ihr die Möglichkeit, euch in Ruhe Wissen anzueignen und eine eigene Haltung zu entwickeln.

Vor Ort aktiv zu werden, kann sehr bestärken. Ihr setzt euch für den Schutz eurer Kinder und ihres Umfelds ein. Gleichzeitig hilft die Vernetzung mit anderen Eltern, den Druck aus dem Thema zu nehmen.

Es wird immer unterschiedliche Meinungen geben. Manche Eltern werden das Thema anders sehen oder sich nicht damit beschäftigen wollen.

Und bei aller Diskussion gilt: Es geht nicht um Technikfeindlichkeit. Es geht um Schutz. Und um eine altersgerechte Heranführung an digitale Themen und Herausforderungen im Internet, insbesondere auf Social Media und anderen Plattformen.

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