DAK-Studie 2026: Mehr als jedes vierte Kind nutzt Social Media & Video problematisch

Die aktuellen Zahlen zur Mediensucht bei Kindern und Jugendlichen sind deutlich. Nach bislang unveröffentlichten Studienergebnissen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf im Auftrag der DAK-Gesundheit bleibt die Social-Media-Nutzung bei vielen Kindern problematisch und verschärft sich in Teilen sogar.

Mehr als ein Viertel aller 10- bis 17-Jährigen nutzt soziale Medien riskant oder krankhaft.

Jugendliches Mädchen liegt nachts im Bett und wird vom Licht ihres Smartphones beleuchtet, nachdenkliche Stimmung, Symbolbild für problematische Social-Media-Nutzung.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Die zentralen Zahlen

Laut der aktuellen Auswertung gelten

  • 21,5 Prozent der 10- bis 17-Jährigen als riskante Social-Media-Nutzer
    das entspricht hochgerechnet rund 1,1 Millionen Kindern

  • 6,6 Prozent gelten als süchtig beziehungsweise abhängig
    das entspricht rund 350.000 Kindern und Jugendlichen

  • Zum Vergleich: 2024 lag der Anteil pathologischer Nutzung noch bei 4,7 Prozent. Der Anstieg auf 6,6 Prozent innerhalb eines Jahres ist deutlich.

Zusätzlich wird seit 2022 die Nutzung von Online-Videos untersucht. Hier zeigt sich eine besonders dynamische Entwicklung:

  • 21,4 Prozent riskante Nutzung, 4,0 Prozent pathologische Nutzung

  • Die riskante Video-Nutzung stieg damit innerhalb eines Jahres von 13,4 Prozent auf 21,4 Prozent. Das entspricht einer Steigerung von rund 60 Prozent. Die pathologische Nutzung erhöhte sich von 2,6 Prozent auf 4,0 Prozent.


Zitat: Silke Müller

- Autorin, Speakerin, Digitalbotschafterin & Stimme für Kinder

© Bild: Sebastian Heun

„Ich erlebe täglich, wie Algorithmen längst stärker auf unsere Kinder wirken als Schule und Elternhaus und wenn bereits jedes vierte Kind problematische Nutzungsmuster zeigt, ist das ein politisches und gesellschaftliches Versagen.

Wenn wir jetzt nicht konsequent politisch und wirksam Pattformen regulieren und sie zum Ändern des Designs zwingen, wenn wir nicht Medienkompetenz verbindlich und raumgreifend verankern und unser Bildungssystem grundlegend neu ausrichten, verlieren wir nicht nur Aufmerksamkeit, wir verlieren die Freiheit und die Unabhängigkeit einer ganzen Generation.“


Altersunterschiede: Besonders betroffen sind ältere Jugendliche

Ein zentraler Befund betrifft die Altersgruppen.

  • Bei den 10- bis 13-Jährigen gelten 2,7 Prozent als pathologisch.

  • Bei den 14- bis 17-Jährigen sind es 10 Prozent.

Das bedeutet: Jeder zehnte ältere Jugendliche erfüllt Kriterien einer Abhängigkeit. Mit zunehmender Eigenständigkeit, längerer Geräteverfügbarkeit und stärkerer sozialer Vergleichsdynamik steigt das Risiko erheblich.


Die 2,7 Stunden – worauf beziehen sie sich wirklich?

Junge wird vom Licht ihres Smartphones beleuchtet, nachdenkliche Stimmung, Symbolbild für problematische Social-Media-Nutzung.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Die Studie nennt eine durchschnittliche Social-Media-Nutzungsdauer von

  • 2,7 Stunden pro Tag an einem normalen Wochentag

  • 3,3 Stunden am Wochenende

Wichtig ist die Einordnung: Diese Zahlen beziehen sich ausschließlich auf Social Media.

Nicht enthalten sind

  • Gaming

  • Streaming von Serien und Filmen

  • Messenger-Nutzung

  • schulische Nutzung

  • allgemeine Bildschirmzeit

Die tatsächliche Gesamt-Bildschirmzeit von Jugendlichen liegt in anderen Erhebungen häufig deutlich höher. Je nach Studie bewegen sich viele Jugendliche insgesamt zwischen fünf und zehn Stunden täglicher Bildschirmnutzung.

Das bedeutet: Social Media allein beansprucht bereits fast drei Stunden täglich. Für viele ältere Jugendliche dürfte die tatsächliche Social-Media-Zeit deutlich über diesem Durchschnitt liegen.

Durchschnitt heißt nicht Normalfall. Einige liegen darunter, viele deutlich darüber.


Zitat: Daniel Wolff

- Autor, Digitaltrainer & wichtige Stimme für Digitalen Kinderschutz

© Bild: Sebastian Edwin Roth

“Die neue DAK-Studie bestätigt, was wir Digitaltrainer täglich an Schulen erleben.

Es ist absurd: Hunderttausende Kinder sind mediensüchtig (teils sogar GrundschülerInnen) - und Millionen sind gefährdet, es zu werden.

Die Mehrheit der Jugendlichen berichtet, sie würden ihr Smartphone gerne weniger benutzen, schafft es aber nicht. Und wir Erwachsenen hören nicht auf zu diskutieren.

Wir können aber nicht länger warten: Medienerziehung durch Eltern und Schulen kommt bei vielen Kindern leider nicht schnell genug an!

Deshalb brauchen wir dringend ein gesichertes Mindestalter, zuerst für Apps mit süchtigmachenden Short-Form Videos wie TikTok, Instagram, Snapchat und YouTube.”


Was bedeutet riskant und was bedeutet abhängig?

Die wissenschaftliche Begleitung der DAK erfolgt durch das Team um Dr. Kerstin Paschke am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Riskante Nutzung beschreibt intensive Nutzung mit ersten Kontrollproblemen und erhöhter Gefährdung.
Pathologische Nutzung liegt vor, wenn klare Kriterien erfüllt sind, etwa

  • länger online sein als geplant

  • Vernachlässigung anderer Lebensbereiche

  • Schlafstörungen

  • Leistungsabfall

  • anhaltende Reizbarkeit

  • Fortsetzen trotz negativer Folgen

6,6 Prozent erscheinen als kleine Zahl. In absoluten Zahlen bedeutet das jedoch Hunderttausende betroffene Familien.

Video-Plattformen: Der dynamischste Bereich

Besonders auffällig ist der starke Anstieg beim Online-Video-Konsum.

Kurzformate wie Shorts oder Reels funktionieren über Autoplay und algorithmische Endlosschleifen. Es gibt keinen natürlichen Endpunkt. Der nächste Clip startet automatisch. Die Entscheidung wird technisch abgenommen.

Viele Eltern nehmen Video weiterhin als weniger problematisch wahr als klassische Social-Media-Plattformen. Die Zahlen legen nahe, dass genau hier eine erhebliche Dynamik entsteht.


Andreas Storm zur Entwicklung

DAK-Vorstandschef Andreas Storm äußerte sich gegenüber der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH:

Quelle Linkedin: https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7429250123613855744/

„Die Entwicklung ist alarmierend. Bei der Nutzung von Social Media und Videos sind immer mehr Mädchen und Jungen gefährdet, in die Abhängigkeit zu rutschen. Jetzt muss schnell gehandelt werden, um unsere Kinder zu schützen und zu stärken.“

Die DAK begrüßt die politische Debatte über mögliche Social-Media-Verbote. Storm betont jedoch: „Aber die Einführung von Altersgrenzen allein reicht nicht aus. Wir brauchen zusätzlich eine umfassende Vermittlung von Medienkompetenz in der Schule, um die mentale Gesundheit zu fördern.“

Politische Debatte: Verbot oder Regulierung?

Die Diskussion ist in vollem Gange. Aus der SPD kommt die Forderung nach einem Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige.
In der CDU wird ein Mindestalter von 16 Jahren inklusive verpflichtender Altersverifikation diskutiert.
Die Bundesregierung will zunächst die Ergebnisse einer eingesetzten Kommission abwarten.

Die zentrale Frage bleibt: Wie lassen sich Altersgrenzen technisch wirksam und gleichzeitig datenschutzkonform umsetzen?

Kritiker verweisen darauf, dass Altersverifikation tief in Fragen der Identitätsprüfung eingreift. Befürworter argumentieren mit dem Schutz vor Hass, Gewalt und suchtverstärkenden Mechanismen.


Foto Steven Rohbeck, niedergelassener Kinderarzt in Potsdam, Regionalbeirat der KV, BVKJ-Vertreter und Dozent am Weiterbildungs- und Kompetenzzentrum Brandenburg

Steven Rohbeck

Niedergelassener Kinderarzt in Potsdam, Regionalbeirat der KV, BVKJ-Vertreter und Dozent am Weiterbildungs- und Kompetenzzentrum Brandenburg

„Als niedergelassener Kinderarzt betrachte ich diese Entwicklung mit großer Sorge. Bereits Säuglingen werden selbstverständlich Smartphones zur Beruhigung vor die Augen gehalten. Kleinkinder werden im Wartezimmer vor das iPad gesetzt, um fünf Minuten Wartezeit zu überbrücken. Jugendliche stellen sich zunehmend mit sehr abstrakten, schwer greifbaren psychischen Auffälligkeiten vor.

Ein wesentlicher Bestandteil meiner Anamnese ist daher immer häufiger die Frage nach der Medienkompetenz. Leider spiegeln sich die Ergebnisse der DAK-Studie auch in meiner täglichen Praxis wider. Ich registriere deutlich zu viel Medienzeit sowie den unreflektierten Gebrauch potenziell problematischer oder gefährlicher Apps.”


Was bedeutet das für Eltern?

Die Zahlen beschreiben kein Randphänomen mehr.

Wenn mehr als jedes vierte Kind problematische Nutzungsmuster zeigt und jeder zehnte ältere Jugendliche Kriterien einer Abhängigkeit erfüllt, betrifft das viele Familien.

Konkrete Schritte im Alltag können sein:

  • klare smartphonefreie Zeiten vor dem Schlafen

  • kein Gerät im Kinderzimmer über Nacht

  • transparente Absprachen zu Video-Formaten

  • Gespräche über sozialen Vergleich, Druck und Dauerverfügbarkeit

  • stabile Offline-Strukturen mit Bewegung, Treffen und festen Routinen

Perfektion ist nicht realistisch. Verlässlichkeit ist entscheidend.

Fazit

Die aktuellen Zahlen zeigen eine klare Tendenz: Problematische Social-Media- und Video-Nutzung bleibt hoch und verschiebt sich zunehmend in Richtung Abhängigkeit, insbesondere bei älteren Jugendlichen.

Die politische Debatte ist wichtig. Medienkompetenz ist zentral. Doch unabhängig von regulatorischen Entscheidungen bleibt die strukturelle Herausforderung bestehen.

Social Media ist für viele Kinder kein neutraler Freizeitvertreib mehr. Die Entwicklung ist alarmierend. Und sie verlangt Antworten auf mehreren Ebenen.


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Social-Media-Verbot unter 14? Warum die Debatte jetzt ernst wird