Gut gemeint, falsch gemacht: Warum fehlende Grenzen unseren Kindern mehr schaden als helfen
Gastbeitrag von Jonas Schreiber
Realschullehrer und Autor des Buchs Realtalk Lehreralltag*
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Jonas Schreiber
Realschullehrer und Autor des Buchs „Realtalk Lehreralltag”
Einordnung Medienzeit: Der folgende Text ist ein Gastbeitrag eines Lehrers, der sehr klar beschreibt, was er im Schulalltag erlebt. Nicht alles wird jeder so unterschreiben. Und genau das ist auch nicht der Anspruch. Wir erleben bei Medienzeit täglich, wie groß die Verunsicherung bei Eltern ist. Viele wollen es richtig machen, unterstützen, schützen, Druck rausnehmen. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass genau daraus manchmal etwas entsteht, das Kindern langfristig nicht hilft.
Zwischen Überforderung, Konfliktvermeidung und dem Wunsch, alles gut zu machen, gehen wichtige Erfahrungen verloren. Erfahrungen, die Kinder eigentlich brauchen, um selbstständig, resilient und handlungsfähig zu werden.
Gerade im digitalen Alltag zeigt sich das besonders deutlich. Grenzen zu setzen ist anstrengend. Diskussionen kosten Energie. Und trotzdem sind sie ein zentraler Teil von Erziehung. Wir stehen deshalb für beides: Aufklärung und klare Rahmenbedingungen.
Der Beitrag von Jonas Schreiber liefert dazu eine Perspektive aus der Schule. Direkt, teilweise unbequem, aber nah an dem, was viele Lehrkräfte aktuell erleben.
Ein Fall aus dem Schulalltag, der nachwirkt
Moritz musste die 9. Klasse wiederholen und kam entsprechend zu mir in den Unterricht. Relativ schnell erkannte ich die Gründe für sein letztjähriges Scheitern der Vorabschlussklasse in meiner Realschule. Sollte er erneut durchfallen, müsste er die Schule ohne Abschluss verlassen, denn auch den Externen-Qualifizierenden Mittelschulabschluss hatte er nicht bestanden. Er kam so gut wie jeden Tag zu spät, machte seine Hausaufgaben nicht und schlief im Unterricht. Weder meine Kollegen noch ich wollten ihn so schnell aufgeben und gaben unser Bestes, dass sich das Blatt wendete. Vor Weihnachten stellte sich die Noten-Situation bereits sehr bedrohlich dar.
Es war später Nachmittag als mich eine Nachricht von seiner Mutter erreichte. Sie wolle umgehend ein Gespräch zusammen mit der Schulleitung, ihrem Sohn und mir. Der Vorwurf: ich als sein Klassenlehrer würde ihn unfair behandeln und entsprechend seiner Noten schlecht machen. Es war das erste Mal, dass ich von der Mutter hörte und dann gleich mit einer solchen Nachricht – das kann ja heiter werden.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Zum ausgemachten Termin erschien jedoch nicht nur die Mutter. Nein, auch ein Mann war. Es stellte sich schnell heraus, dass es der Anwalt war. Wir würden schließlich ihren Sohn systematisch benachteiligen. Apropos Sohn, welcher auch zu dem Termin geladen war: selbst dazu erschien er zwanzig Minuten zu spät.
Um die noch etwas ausufernde Geschichte abzuschließen: Der Anwalt wurde aufgrund fehlender Vorabankündigung nicht zum Gespräch zugelassen und wir versuchten der Mutter den Ist-Stand zu erklären. Sie verstand es nicht und sah die Probleme nicht bei ihrem Sohn, sondern eindeutig bei der Art des Unterrichts und dem unfairen Umgang von meinen Kollegen und mir.
Schließlich bestand Moritz mit Ach und Krach die 9. Klasse und verließ zu Beginn der 10. Abschlussklasse unsere Schule, um eine Ausbildung zu absolvieren. Komischerweise erschien er ab dann regelmäßig zum Abholen eines Freundes mittags nach der Schule. Als ich ihn fragte, wie es denn liefe, meinte er nur, dass er sich gerade eine Pause gönnen müsse und sich krankgemeldet hatte.
Solche und ähnliche Geschichten erleben wir in der Schule regelmäßig und lassen mich bis heute nicht los.
Eltern, die ihren Kindern jeden Sturz ersparen, bringen ihnen nicht bei, wie man aufsteht.
Moritz‘ Mutter machte sich große Sorgen um ihren Sohn. Das ist auch gut so. Ich glaube jeder, der meine Schilderung der Situation gelesen hat erkennt allerdings, dass gut gemeint nicht immer gut gemacht bedeutet. Von Schule über Ausbildung bis hin zur Hochschule/Universität hat dieses Phänomen in den letzten Jahren stark zugenommen. Es häufen sich sog. „Rasenmäher-Eltern“, welche bildlich gesprochen alle möglichen Hindernisse für das Kind bereits im Voraus aus dem Weg räumen, noch bevor die Möglichkeit für den Heranwachsenden besteht, selbst ein Problem zu erkennen und sich entsprechend Lösungen zu überlegen. Besonders deutlich zeigt sich dieses Muster im Umgang mit digitalen Medien. Eltern, die ihrem Kind jede Bildschirmzeit-Grenze ersparen, weil der damit einhergehende Streit zu anstrengend ist — oder wenn das Handy als kurzfristiges Beruhigungsmittel eingesetzt wird — senden dieselbe Botschaft wie Moritz‘ Mutter: Unangenehmes wird weggeräumt, bevor das Kind lernt, damit umzugehen. Grenzen beim Smartphone zu setzen und diese konsequent durchzuhalten ist kein Liebesentzug. Es ist Erziehung.
Die Folge ist klar: Das Kind lernt nicht, mit Herausforderungen umzugehen. Es ist noch viel schlimmer: Probleme (und es werden im Leben immer welche auftreten) werden nicht als Herausforderungen wahrgenommen, sondern als Druck und unüberwindbares Hindernis. Dieser Druck führt zu Überforderung und das unüberwindbare Hindernis bleibt unüberwindbar. Die immer größer werdende Anzahl an psychischen Störungen bereits bei jungen Menschen mag hieraus eine Folge sein. Zuletzt wurde dieser Anstieg in einer Untersuchung „Jugend in Deutschland 2026“ mit erschreckenden Zahlen dargestellt. 29 Prozent glauben, dass sie psychologische Hilfe benötigen. Die stille Hoffnung bei dieser Art der Erziehung ist simpel: Anforderungen und Ansprüche werden nicht als Herausforderung gesehen, sondern als Druck — der Leistungswille soll irgendwann von selbst kommen, am besten in der Arbeitswelt. Doch wer nie gelernt hat, sich durchzubeißen, wird es dort auch nicht plötzlich können. Resilienz entsteht nicht im Schonraum. Bernhard Bueb, langjähriger Schulleiter vom Internat Salem, bringt es zusammengefasst in seinem Buch Lob der Disziplin* auf den Punkt:
„Selbstdisziplin kann nur aus erlernter Disziplin entstehen.
Wer sie nie erfährt, kann sie sich später kaum selbst beibringen.“
Wieso auch? Das Kind lebt in einer konstruierten Welt, in der es keine Probleme und Herausforderungen kennt. Das Kind fällt nie hin und muss damit nie lernen aufzustehen. Aber genau dieses Hinfallen ist das was ein Kleinkind, welches laufen lernt, braucht. Es muss lernen aus welchem Grund es hingefallen ist. Und natürlich werden wir Erwachsenen dem Kind helfen wieder aufzustehen. Aber auch dabei müssen wir feststellen, dass jedes Kind ab einem gewissen Zeitpunkt diese Hilfe gar nicht mehr möchte. Es möchte allein aufstehen. Es möchte wachsen und sich selbst zeigen, dass es alleine geht. Auch wenn es schwer ist: wir müssen dem Kind vertrauen, dass es geschafft wird. Und genau darauf müssen wir stolz sein. Denn eines ist sicher: Der nächste Sturz wird kommen, in einem ganz anderen Bereich, und dann können wir wieder unterstützen, mehr aber auch nicht.
Was Kinder wirklich brauchen
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Doch ist es das, was wir aus unseren Kindern machen wollen? Ein abhängiges Leben von uns Eltern? Die erlernte Hilflosigkeit bei Problemen, direkt die Schuld bei externen Faktoren zu suchen und gar nicht die Überlegung zu haben, dass es an einem selbst liegt die Lösung zu finden. Ich glaube nicht, dass Moritz so schnell ein selbstbestimmtes Leben führen wird. Seine Mutter hat ihm schließlich signalisiert, dass nicht er sich ändern muss, sondern die Umwelt soll sich gefälligst so lange ändern, bis das Kind perfekt hineinpasst. Die Frage ist nur, was mit den anderen Kindern ist. Müsste man sich als Lehrer dann aus Fairnessgründen nicht auch 100 % an die anderen 30 Kinder im Unterricht anpassen? Das schafft niemand und das ist auch gut so, denn wir haben gesellschaftliche Normen und Regeln, an die sich alle halten sollten. Und in der Schule ist das nun mal die Notengebung. Auch wenn wir in den letzten Jahren unseren Standard gewaltig nach unten angepasst haben und damit Moritz‘ Mutter entgegengekommen sind. Ob wir Moritz mit dem geringen Anspruch seiner Leistungen einen langfristigen Gefallen tun, bezweifle ich stark. Juraprofessorin Zümrüt Gülbay-Peischard (Autorin des Buches Akadämlich) beobachtet dasselbe Muster an der Hochschule: Studierende, die nie Leistungsbereitschaft entwickelt haben, weil sie es nie mussten. Was bei Moritz in der Schule beginnt, landet dort — nur einige Jahre später. In Ausbildungen zeichnet sich dasselbe Bild ab: Laut BIBB-Datenreport 2023 nennen Ausbilder mangelnde Leistungsbereitschaft — Fehlzeiten, fehlendes Durchhaltevermögen, unzureichende Identifikation — als einen der zentralen Gründe für Ausbildungsabbrüche.
Aus Liebe zum Kind wird oft dafür gesorgt, dass es wohlbehütet aufwächst. Das ist verständlich. Aber Disziplin, Selbstbeherrschung und die Fähigkeit, mit Rückschlägen umzugehen, sind Eigenschaften, die kein Kind von alleine mitbringt — sie müssen erlebt und erlernt werden. Die Welt richtet sich nicht nach uns. Sie fordert uns. Und genau dafür braucht es Eltern, die hinter ihrem Kind stehen — nicht vor ihm. Die auffangen, wenn es nötig ist. Aber auch loslassen, wenn es Zeit ist.
Moritz ist heute irgendwo da draußen in seiner Pause während seiner Ausbildung. Ich hoffe, dass er irgendwann jemanden in seinem Leben hat, der ihm das sagt, was ihm zu Hause niemand gesagt hat: Du schaffst das. Aber du musst es selbst angehen.
Moritz‘ Mutter hat alles für ihn getan. Nur nicht das Richtige.
Über den Autor
Jonas Schreiber ist Lehrer an einer bayerischen Realschule und Autor von Realtalk Lehreralltag* (2025), einem Buch über die Herausforderungen im deutschen Bildungssystem mit einem Vorwort von Boris Palmer.
Link* zum Buch: https://amzn.to/4mE2wL7
Link zu Jonas’ Website: https://jonas-schreiber.com/
Quellen
Untersuchung „Jugend in Deutschland 2026“ https://www.aerzteblatt.de/news/psychische-belastung-bei-jungen-menschen-auf-hochststand-1e053b4f-a93c-474c-b164-2c76c02ef335
Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2023 (S. 152): https://www.bibb.de/dienst/publikationen/de/19191
Lob der Disziplin*: eine Streitschrift von Bernhard Bueb: https://amzn.to/3OCAfrM
Akadämlich*: Warum die angebliche Bildungselite unsere Zukunft verspielt
von Zümrüt Gülbay-Peischard: https://amzn.to/4dXbHUU
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