Großbritannien denkt um: Warum Social Media für Kinder politisch neu bewertet wird
Was lange als politisch kaum durchsetzbar galt, wird in Großbritannien seit wenigen Tagen offen diskutiert. Ein gesetzliches Verbot von Social Media für unter 16-Jährige ist erstmals nicht mehr ausgeschlossen. Premierminister Keir Starmer erklärte in dieser Woche im Parlament, man sei offen dafür, das australische Modell genau zu prüfen. Ein fertiges Gesetz gibt es nicht. Aber der politische Ton hat sich spürbar verändert.
Noch vor kurzer Zeit setzte die Regierung vor allem auf Medienkompetenz, Selbstregulierung der Plattformen und den Online Safety Act. Dass Starmer nun öffentlich ein mögliches Verbot erwähnt, werten Beobachter als Zäsur. Die Debatte hat eine neue Phase erreicht.
Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)
Warum gerade jetzt?
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Seit Anfang Januar 2026 wächst der Druck auf Abgeordnete parteiübergreifend. Elterninitiativen, Lehrergewerkschaften und medizinische Fachverbände fordern härtere Maßnahmen gegen soziale Netzwerke. In kurzer Zeit haben sich zehntausende Bürgerinnen und Bürger direkt an Abgeordnete gewandt mit der Forderung, Kinder besser vor den Mechanismen von Plattformen wie TikTok, Instagram und Snapchat zu schützen.
Ein deutliches Signal kam zudem aus dem Gesundheitsministerium. Gesundheitsminister Wes Streeting lud den US-Psychologen Jonathan Haidt offiziell ein, um Regierungsbeamte zum Zusammenhang zwischen Social Media und psychischer Gesundheit von Jugendlichen zu briefen. Damit wird das Thema nicht mehr nur als Medien- oder Bildungsfrage behandelt, sondern als potenzielles Gesundheitsrisiko.
Was ist Fakt und was noch offen?
Für Eltern ist es wichtig, die aktuelle Lage realistisch einzuordnen.
Fakt ist: Es gibt derzeit kein beschlossenes Social-Media-Verbot für Kinder in Großbritannien. Die Regierung betont weiterhin, dass man die Wirkung des Online Safety Act beobachten und technische Schutzmechanismen auswerten will.
Neu ist jedoch: Der politische Spielraum hat sich verschoben. Dass der Premierminister öffentlich erklärt, ein Verbot nach australischem Vorbild sei eine prüfenswerte Option, wäre vor wenigen Monaten kaum vorstellbar gewesen. Mehrere Abgeordnete berichten inzwischen offen von massivem Druck aus ihren Wahlkreisen, insbesondere von Eltern, die sich mit der Regulierungsmacht der Plattformen überfordert fühlen.
Der Blick nach Australien als Testfall
Im Zentrum der britischen Debatte steht Australien. Dort wurde ein gesetzlicher Social-Media-Zugang erst ab 16 Jahren auf den Weg gebracht. Die britische Regierung will genau beobachten, ob Altersverifikation technisch funktioniert, wie Umgehungsversuche aussehen und welche unbeabsichtigten Folgen entstehen.
Intern wird offen diskutiert, ob ein Verbot Jugendliche wirklich schützt oder lediglich verlagert, etwa durch VPN-Nutzung oder Ausweichbewegungen in schwer kontrollierbare Räume. Diese offenen Fragen bremsen bislang ein eigenes Gesetz in London.
Entlastung und Zweifel bei Eltern
Für viele Eltern fühlen sich die aktuellen Signale aus Westminster dennoch wie eine Entlastung an. Ein gesetzlicher Rahmen könnte den sozialen Druck aus Familien nehmen, ständig individuelle Ausnahmen erklären zu müssen. Gleichzeitig warnen Fachleute davor, ein Verbot als Allheilmittel zu sehen. Digitale Kompetenz, Begleitung und klare Regeln bleiben notwendig, unabhängig vom Alter des ersten Zugangs.
Fazit
Großbritannien steht Anfang 2026 an einem Wendepunkt. Ein Social-Media-Verbot für Kinder ist noch keine Regierungspolitik, aber es ist vom Rand der Debatte in die politische Mitte gerückt. Dass darüber offen im Parlament gesprochen wird, zeigt: Die Frage, wie viel Social Media Kinder vertragen, ist nicht mehr nur ein privates Erziehungsproblem. Sie ist zu einer gesellschaftlichen und politischen Grundsatzfrage geworden.
Quellen
The Guardian: Keir Starmer tells MPs he is open to Australian-style social media ban (13.01.2026)
https://www.theguardian.com/politics/2026/jan/13/keir-starmer-tells-mps-he-is-open-to-australian-style-social-media-ban
The Guardian: Wes Streeting asks expert Jonathan Haidt to address officials on social media ban (14.01.2026)
https://www.theguardian.com/media/2026/jan/14/wes-streeting-asks-expert-jonathan-haidt-address-officials-social-media-ban-for-under-16s
The Guardian: People urge MPs to ban social media for under-16s in UK (15.01.2026)
https://www.theguardian.com/media/2026/jan/15/people-urge-mps-ban-social-media-under-16s-uk-starmer