Handyverbot oder smartphonefreie Klasse – wo liegt der Unterschied?

Foto: Viola Vens-Cappell

Gastbeitrag von Viola Vens-Capell

In den vergangenen Monaten sorgte eine Nachricht für Aufmerksamkeit: Einige weiterführende Schulen in Deutschland starten mit smartphonefreien fünften Klassen. Für viele Eltern stellt sich dabei die Frage, worin eigentlich der Unterschied zu den bekannten Handyverboten liegt, die inzwischen in mehreren Bundesländern für Grundschulen und teils auch für weiterführende Schulen gelten.

Zunächst lohnt sich ein genauer Blick auf die Begriffe, denn im Alltag werden „Handy“ und „Smartphone“ häufig gleichgesetzt. Mit „Handy“ sind dabei sowohl Smartphones, also internetfähige Mobiltelefone, als auch ältere Mobiltelefone gemeint, die hauptsächlich zum Telefonieren und SMS-Schreiben genutzt werden.


Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)

Zählmarke

Was ein Handyverbot an Schulen konkret bedeutet

Spricht man von einem Handyverbot an Schulen, umfasst dieses in der Regel Smartphones, einfache Mobiltelefone und häufig auch Smartwatches. Je nach landesrechtlicher Regelung müssen diese Geräte ausgeschaltet und in den Taschen verstaut werden. Manche Schulen nutzen zusätzlich sogenannte Handygaragen, in denen die Geräte morgens abgegeben werden und dort bis zum Schulende verbleiben. Bei Verstößen werden Handys oft zeitlich begrenzt eingesammelt und im Sekretariat oder bei der Schulleitung aufbewahrt. Wie genau das gehandhabt wird, unterscheidet sich von Schule zu Schule. In einigen Bundesländern gilt das Handyverbot nur für Grundschulen, in anderen auch für weiterführende Schulen, meist mit Ausnahmen für die Oberstufe.

Warum ein Handyverbot im Alltag oft an Grenzen stößt

Gleichzeitig zeigt sich im Schulalltag, dass ein Handyverbot allein viele Lücken hat. Lehrkräfte können nicht alles sehen. Unterricht ist komplex, Pausen sind laut und unübersichtlich, Toilettengänge bieten Rückzugsräume. Dass vormittags Livestreams auf TikTok entstehen, die offensichtlich aus Klassenzimmern gesendet werden, zeigt, wie begrenzt die Wirksamkeit reiner Verbote ist. Auch der soziale Druck bleibt bestehen. Wer kein Smartphone hat oder nicht auf Social Media aktiv ist, fühlt sich schnell ausgeschlossen. Ein Handyverbot verändert diese Dynamiken nur bedingt.

Medienkompetenz ist nicht automatisch Teil eines Handyverbots

Hinzu kommt, dass ein Handyverbot nicht automatisch bedeutet, dass Medienkompetenz systematisch vermittelt wird. Beides wird häufig gleichgesetzt, ist in der schulischen Praxis aber etwas völlig anderes.

Was mit einer smartphonefreien Klasse anders gedacht wird

Ein noch relativ neues Konzept in Deutschland ist die smartphonefreie Klasse. Einige weiterführende Schulen erproben dieses Modell aktuell, vor allem dort, wo Kinder mit dem Übergang in die fünfte Klasse die Schule wechseln. Der Ansatz ist ein anderer: Die Schule kann unabhängig von bestehenden Handyregeln eine smartphonefreie Klasse einrichten, wenn die Eltern einer Klasse sich gemeinsam verpflichten, ihren Kindern für die fünfte und teilweise auch sechste Klasse kein Smartphone zu geben.


Was das für Kinder konkret verändert

Für viele Kinder bedeutet dieser Rahmen vor allem Entlastung. Der ständige Druck, online dabei sein zu müssen, entfällt. Nachmittage können bewusst offline stattfinden, ohne das Gefühl, etwas zu verpassen. Klassenchats, in denen Konflikte eskalieren oder Cybermobbing entsteht, gibt es zunächst nicht. Social Media spielt in diesem Alter keine Rolle.

Warum auch Eltern von diesem Modell profitieren

Auch für Eltern verändert sich etwas. Die Entscheidung, ob und wann ein Smartphone angeschafft wird, wird zu einer gemeinsamen Entscheidung der Klasse und nicht zu einem individuellen Aushandlungsprozess unter sozialem Druck. Rückmeldungen aus Schulen, die diesen Weg gehen, zeigen, dass Kinder ruhiger ankommen, Beziehungen stabiler wachsen und der Fokus auf Lernen und Miteinander leichter fällt.

Medienbildung braucht Zeit, Ruhe und Beziehung

Gerade aus Elternsicht wird hier deutlich, dass Medienbildung Zeit, Beziehung und Aufmerksamkeit braucht. Diese Voraussetzungen entstehen erst dann, wenn Kinder nicht permanent erreichbar sind und nicht ständig von digitalen Reizen begleitet werden.

Worauf Eltern bei der Schulwahl achten sollten

Für Eltern, die aktuell eine weiterführende Schule für ihr Kind suchen, lohnt es sich deshalb, genauer nachzufragen. Ein Hinweis auf ein bestehendes Handyverbot sagt noch nichts darüber aus, wie ernst Medienbildung genommen wird.


Welche Fragen Eltern konkret stellen können

Hilfreich ist es, konkret zu fragen, wie Medienkompetenz im Unterricht verankert ist. In welchen Fächern spielt sie eine Rolle? Gibt es Projekttage, externe Expertinnen und Experten oder altersgerechte Angebote für verschiedene Jahrgangsstufen? Werden auch Eltern einbezogen, etwa durch Informationsabende oder Austauschformate?

Smartphonefreie Klassen als Impuls für Schulentwicklung

Ebenso wichtig ist die Frage, ob es Anlaufstellen für Kinder gibt, bei denen sie offen über online Erlebtes sprechen können, wenn sie unsicher sind oder etwas sie belastet. Und schließlich kann es sinnvoll sein zu erfragen, ob die Schule perspektivisch plant, smartphonefreie Klassen anzubieten. Je häufiger Eltern dieses Interesse äußern, desto stärker wird das Signal, dass dieses Thema für Familien relevant ist und Schulen langfristig attraktiver machen kann.


Über die Autorin

Viola Vens-Cappell ist Mutter von zwei Kindern und war viele Jahre als Lehrkraft an Gymnasien und einem Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen und Bremen tätig. In dieser Zeit hat sie die digitale Transformation von Schule aktiv begleitet und mitgestaltet, von den ersten iPad-Klassen bis hin zum flächendeckenden Einsatz von Tablets in allen Jahrgangsstufen. Nach einem berufsbegleitenden Masterstudium im Bereich Schulmanagement und Qualitätsentwicklung an der Universität Kiel verließ sie vor drei Jahren den Schuldienst, um Schule und Bildung aus einer externen Perspektive weiterzuentwickeln. Heute arbeitet sie bei der learninglab gGmbH in den Bereichen Schulentwicklung, Lehrkräftefortbildung und Evaluation von Bildungsprojekten, mit einem besonderen Fokus auf Fragen der Digitalität im schulischen und bildungspolitischen Kontext. Darüber hinaus ist sie als Elternsprecherin aktiv und engagiert sich an der Grundschule ihrer Kinder in einer SmarterStartab14 Initiative.

Ihr Anliegen ist es, Eltern fundiertes Hintergrundwissen zum Umgang mit Smartphones bei Kindern und Jugendlichen zu vermitteln und sie darin zu stärken, informierte und druckfreie Entscheidungen für ihre Familien zu treffen. Dabei bringt sie sowohl ihre professionelle Erfahrung aus dem Schulkontext als auch ihre persönliche Perspektive als Mutter ein, die die Chancen digitaler Technologien ebenso kennt wie die Herausforderungen eines gesunden Umgangs im Familienalltag.

Weiter
Weiter

Großbritannien denkt um: Warum Social Media für Kinder politisch neu bewertet wird