„Ich sehe so viel Brutales, es juckt mich nicht mehr.“ (Ben, 14)

Ein Gastbeitrag von Maja Sommer.

Foto: Hendrik Krug

Viele Jugendliche berichten heute von Dingen, die kein Kind sehen sollte. Wenn ein vierzehnjähriger sagt, er sehe so viel Brutales und es jucke ihn nicht mehr, zeigt das eine Entwicklung, die tief in das Leben junger Menschen eingreift. Kinder stumpfen ab, weil sie mit Inhalten konfrontiert werden, die viel zu schwer sind. Wir müssen das ernst nehmen.

Was Kinder heute wirklich sehen

In meinen Trainings frage ich Jugendliche: Wer von euch hat schon etwas online gesehen, das er am liebsten aus seinem Kopf löschen würde. Es gab Klassen, in denen sich alle gemeldet haben.

Kinder sehen zum Beispiel:

  • Tierquälerei Videos, die über Klassenchats geteilt wurden

  • Kriegsbilder und Gewaltvideos

  • Szenen, die sie nicht einordnen können

  • Tötungsvideos, die ihnen unvermittelt angezeigt wurden

Besonders betroffen macht es mich, wenn eine Neunjährige erzählt, dass sie ein Video gesehen hat, in dem ein Mensch getötet wurde. Diese Erfahrungen sind viel zu schlimm für Kinder. Sie können sie nicht allein verarbeiten.

Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)

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Der Moment, in dem etwas in Kindern zugeht

Wenn ich frage, wie sich diese Inhalte anfühlen, ist es erstmal still. Schweigen. Manche sagen dann, es ist richtig schlimm. Vor allem die Mädchen. Manche Jungs erzählen mir, dass es sie nicht mehr berührt. Das ist eine Schutzreaktion, ein Alarmzeichen.

Kinder glauben oft, dass es normal sei, weil sie solche Videos überall sehen. Doch Abstumpfung ist kein Zeichen von Stärke. Es ist ein Zeichen von Überforderung.

Warum Kinder nicht schuld sind

Kinder werden nicht abgestumpft, weil sie kalt sind. Sie werden abgestumpft, weil digitale Räume nicht für sie gebaut wurden. Plattformen zeigen Inhalte, die sie festhalten sollen, nicht Inhalte, die ihnen guttun. Dort zählen Aufmerksamkeit und Extreme, nicht die Frage, ob ein Kind damit umgehen kann.

Viele der Dinge, die Kindern heute angezeigt werden, würden auch Erwachsene überfordern. Erwachsene haben mehr Lebens- und Gefühlsräume, um Belastendes einzuordnen. Kinder haben diese Räume noch nicht. Sie werden mit Bildern und Geschichten konfrontiert, die weit außerhalb ihrer emotionalen Entwicklung liegen.

Wenn Kinder dann abstumpfen, ist das kein Zeichen von Gleichgültigkeit. Es ist ein Zeichen von Überforderung. Eine Notreaktion. Ein Schutzmechanismus, der ihnen helfen soll, etwas zu ertragen, das zu schwer ist. In Wahrheit ist es ein Versuch ihres Inneren, mit etwas Fertigzuwerden, das sie gar nicht hätten sehen dürfen.

Digitale Räume geben Kindern keine Hinweise darauf, dass diese Inhalte nicht für sie gedacht sind. Es gibt keine Tür, die sich schließt, wenn etwas zu brutal oder zu verstörend wird. Keine Stimme, die sagt, dass sie das nicht aushalten müssen. Kinder glauben deshalb oft, dass dies die Normalität sei und dass es an ihnen liegt, sich daran anzupassen.

Genau hier beginnt echter Schaden. Nicht nur durch die Inhalte selbst, sondern durch das Gefühl, dass man als Kind zu sensibel, zu emotional oder nicht stark genug ist. Dabei ist das Gegenteil wahr. Sensibilität ist eine Stärke. Und Kinder müssen geschützt werden, bevor sie glauben, dass Abstumpfung eine notwendige Antwort auf die digitale Welt ist.

Kinder müssen geschützt werden, bevor sie glauben, dass diese Welt die Normalität ist. Sie brauchen Räume, in denen sie erfahren, dass die Welt vielseitiger ist als das, was ihnen Algorithmen zeigen. Und dass ihre Gefühle nicht das Problem sind, sondern der Schlüssel, um gesund zu bleiben.

Was Eltern tun können

Eltern können viel beitragen, damit Kinder nicht allein mit belastenden Bildern bleiben.

Wichtig sind zum Beispiel:

  • offen fragen, was Kinder online erleben

  • erklären, dass es nicht normal ist, solche Inhalte zu sehen

  • gemeinsam besprechen, wie man damit umgehen kann

  • die digitale Umgebung entschärfen

  • gemeinsam Grenzen festlegen

Kinder erzählen erst dann, wenn sie merken, dass sie nicht bewertet werden. Dass sie nicht stark sein müssen. Und dass Erwachsene verstehen, wie belastend diese Erfahrungen sind.

Warum Gespräche so viel bewegen

Kinder wollen verstehen, was in ihnen passiert. Sie wollen wissen, warum sie bestimmte Inhalte sehen und warum diese sie verfolgen. Viele spüren etwas zwischen Angst, Scham und Überforderung, doch sie haben keine Worte dafür. Manche glauben, sie müssten damit allein klarkommen. Andere denken, dass alle anderen das auch sehen und dass man das eben aushalten muss.

Erst wenn jemand ruhig mit ihnen darüber spricht, begreifen sie, dass ihre Reaktion normal ist. Dass es kein Zeichen von Schwäche ist, wenn sie solche Bilder nicht ertragen. Dass kein Kind damit allein bleiben sollte.

Ich sage ihnen dann, dass sie das nicht aushalten müssen. Sich schützen können. Dass Algorithmen dafür sorgen, dass sie viel davon sehen. Dass die digitalen Räume das Problem sind, in denen Kinder mit Inhalten allein gelassen werden, die nicht für sie gedacht sind. Es sind Räume, die zu schnell sind, zu laut, zu intensiv, zu brutal. Räume, die Kinder emotional überfordern, bevor sie überhaupt verstehen können, was dort passiert.

Gespräche geben Kindern Orientierung. Sie geben ihnen Worte für etwas, das sie sonst nur still mit sich herumtragen. Sie schaffen Entlastung, weil Kinder merken, dass es nicht ihre Aufgabe ist, solche Erlebnisse allein zu verarbeiten.

Kinder brauchen Schutzräume

Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)

Kinder brauchen emotionale Pausen. Sie brauchen Orte und Zeiten, in denen die digitale Welt weit weg ist. Sie brauchen Räume, die frei sind von Bildern, die sie erschrecken, überfordern oder abstumpfen lassen. Und sie brauchen Erwachsene, die erkennen, wann ein Kind stiller wird, sich zurückzieht oder beginnt, sich gefühlsmäßig zu verändern.

Schutzräume sind nicht nur Regeln oder technische Einstellungen. Schutzräume entstehen, wenn ein Kind weiß, dass es jederzeit zu einem Erwachsenen gehen kann, der zuhört. Wenn es spürt, dass es nicht bewertet wird. Wenn es lernt, dass es Grenzen ziehen darf und dass es nicht alles aushalten muss.

Kinder müssen erleben, dass ihre innere Welt wichtiger ist als jede Benachrichtigung. Ihre Gefühle wichtiger als jeder Algorithmus. Sie brauchen Begleitung, damit sie wieder spüren können, was ihnen guttut und was ihnen schadet.

Kein Kind darf glauben, dass Albträume, Angst oder Abstumpfung normal sind. Kein Kind sollte mit den schlimmsten Seiten der Welt allein gelassen werden. Kindheit verträgt nicht unbegrenzt digitale Härte. Sie braucht Schutz, Wärme und Zeit zum Verarbeiten.

Unsere Verantwortung

Kindheit muss ein geschützter Raum sein. Sie ist die Grundlage dafür, wie Menschen später fühlen, denken und handeln. Kinder brauchen uns, damit sie nicht verlieren, was sie stark macht: Mitgefühl, Sensibilität, die Fähigkeit zu spüren, was ihnen guttut, und den Mut zu sagen, wenn etwas zu viel wird.

Wir müssen Räume schaffen, in denen Kinder nicht alles aushalten müssen. Räume, in denen nicht Härte zählt, sondern Zuwendung. Räume, in denen Kinder die Möglichkeit haben, zu fühlen und ihr Herz zu öffnen.

Die digitale Welt wird sich weiter verändern und sie wird nicht von allein rücksichtsvoller werden. Erwachsene müssen die sein, die Grenzen setzen, Orientierung geben und Kinder zurückholen, wenn sie in digitalen Strudeln untergehen.

Für Kinder, die heute mehr sehen, als irgendein Kind je sehen sollte. Und für eine Gesellschaft, die Mitgefühl nicht verlieren darf.






Info zu Gast-Autorin Maja Sommer

Maja Sommer arbeitet mit Jugendlichen an weiterführenden Schulen und führt Workshops zu Social Media, Datenschutz und digitaler Selbstbestimmung durch. Weitere Informationen zu ihren Angeboten finden sich auf ihrer Website und in ihren Materialien.

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