KI im Klassenzimmer: Die stille Realität hinter den Schulnoten
Gastbeitrag von Alex Liefermann
Alex Liefermann
Vater von zwei Kindern, engagiert sich seit mehr als 5 Jahren gegen den Kita-Notstand
KI ist längst Teil des Schulalltags
Seit anderthalb Jahren beschäftigt mich eine Frage immer wieder: Wie wird Schule in Zukunft überhaupt noch funktionieren? Werden Kinder und Jugendliche all das, was Schule heute von ihnen verlangt, weiterhin selbst lernen oder wird immer mehr davon schrittweise an künstliche Intelligenz ausgelagert?
Aus genau dieser Unsicherheit heraus habe ich begonnen, genauer hinzuschauen, Gespräche zu führen und selbst zu recherchieren.
Ich bin Vater eines Kindes in der Sekundarstufe und habe in den vergangenen Monaten versucht, mir ein realistischeres Bild davon zu machen, wie stark künstliche Intelligenz den Schulalltag bereits verändert hat. Ausgangspunkt waren Gespräche mit Schülerinnen und Schülern sowie der Austausch mit Lehrkräften. Dabei zeigte sich sehr schnell ein deutliches Bild: KI ist längst Teil der Lebenswelt von Jugendlichen geworden.
Und zwar nicht irgendwann in der Zukunft, sondern jetzt.
Wie verbreitet KI inzwischen ist, zeigt auch die JIM-Studie 2025: 91 Prozent der befragten 12- bis 19-Jährigen in Deutschland geben an, mindestens eine KI-Anwendung zu nutzen. 74 Prozent setzen KI für Hausaufgaben oder zum Lernen ein. Das passt zu meinem Eindruck aus den Gesprächen: KI gehört für viele Jugendliche bereits zum Alltag.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Warum KI für Jugendliche so attraktiv ist
Was mich als Vater besonders nachdenklich macht, ist nicht einmal die Nutzung selbst. Sondern die Selbstverständlichkeit dahinter.
KI wirkt für viele Jugendliche bereits wie eine dauerhafte Begleitung im Alltag. Schnell verfügbar, unkompliziert und jederzeit erreichbar. Genau das macht sie so attraktiv.
Ein Englischlehrer erzählte mir in einem Gespräch, dass er teilweise bereits auf klassische Hausaufgaben verzichtet. Zu oft würden Aufgaben inzwischen mit KI erledigt werden. Gleichzeitig werde es für Lehrkräfte immer schwieriger zu erkennen, was tatsächlich noch von Schülerinnen und Schülern selbst stammt.
Dieser Satz ist mir hängen geblieben.
Denn er zeigt, dass die Veränderung längst nicht mehr theoretisch ist. Sie findet mitten im Schulalltag statt. Lehrkräfte stehen zunehmend unter Druck. Immer neue Programme tauchen auf, die Möglichkeiten entwickeln sich rasant und viele Schulen versuchen inzwischen mit Fortbildungen und internen Schulungen irgendwie Schritt zu halten.
Lehrkräfte müssen heute nicht nur unterrichten. Sie sollen gleichzeitig verstehen, wie KI-Systeme funktionieren, wie Jugendliche sie nutzen und wie Leistung künftig überhaupt noch fair bewertet werden kann.
Wenn Denken ausgelagert wird
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Dabei geht es längst nicht mehr nur um Betrug oder Schummeln.
Die eigentliche Frage lautet viel grundsätzlicher: Was bedeutet Lernen noch, wenn jederzeit eine künstliche Intelligenz daneben sitzt, die Texte formuliert, Ideen liefert, Zusammenfassungen schreibt und Probleme erklärt?
Natürlich kann KI hilfreich sein. Sie kann Dinge verständlicher machen, beim Lernen unterstützen und individuelle Hilfe bieten. Gerade Jugendliche, die sich im Unterricht schwertun oder Hemmungen haben, Fragen zu stellen, erleben KI oft als niedrigschwellige Unterstützung.
Aber genau darin liegt auch die Gefahr.
Denn Lernen bedeutet nicht nur, möglichst schnell eine richtige Antwort zu bekommen. Lernen bedeutet auch, sich anzustrengen, Fehler zu machen, Zusammenhänge selbst zu verstehen, Gedanken zu entwickeln und Frustration auszuhalten.
Wenn KI diese Arbeit regelmäßig übernimmt, besteht die Gefahr, dass wichtige Lernschritte zu kurz kommen. Wie sich das langfristig auf das selbstständige Denken auswirkt, lässt sich bislang nicht abschließend beurteilen.
Eine 2025 veröffentlichte Studie mit knapp 1.000 Jugendlichen im Mathematikunterricht zeigt jedoch, warum es auf die Art der Nutzung ankommt: Wer beim Üben eine KI ohne besondere pädagogische Leitplanken verwendete, schnitt anschließend ohne KI schlechter ab als die Vergleichsgruppe. Bei einem KI-Tutor, der gezielt beim eigenen Lösungsweg unterstützte, wurden diese Nachteile weitgehend vermieden.
Für mich ergibt sich daraus eine entscheidende Frage: Hilft KI meinem Kind, etwas selbst zu verstehen, oder nimmt sie ihm genau die Denkarbeit ab, die es dafür braucht?
Warum Ehrlichkeit plötzlich riskant wird
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Besonders deutlich wird das beim Thema Ehrlichkeit. In meinen Gesprächen entstand der Eindruck, dass einige Jugendliche ihre KI-Nutzung lieber verschweigen, weil sie schlechtere Bewertungen oder Misstrauen befürchten. Aus diesen Erfahrungen lässt sich nicht auf alle Schulen schließen. Sie zeigen aber, wie wichtig verständliche und nachvollziehbare Regeln sind.
Wenn Jugendliche nicht wissen, welche Unterstützung erlaubt ist und wie sie diese offenlegen sollen, kann Heimlichkeit attraktiver erscheinen als Offenheit. Deshalb braucht es klare Absprachen: Wann darf KI helfen? Was müssen Schülerinnen und Schüler selbst leisten? Und wie machen sie die Unterstützung sichtbar?
KI wird für manche Jugendliche zum Gesprächspartner
Besonders erschütternd fand ich noch einen anderen Punkt. KI wird längst nicht mehr nur für schulische Aufgaben genutzt. Jugendliche greifen teilweise auch bei persönlichen Themen darauf zurück. Bei Liebeskummer, Unsicherheit, Streit mit Freunden oder Problemen mit den Eltern.
Für manche wird KI zu einer Art stiller Gesprächspartnerin.
Für mich wirft das die Frage auf, ob Jugendliche im Alltag genügend Menschen finden, denen sie ihre Sorgen anvertrauen können. Dass jemand mit einer KI über persönliche Themen spricht, bedeutet allerdings nicht automatisch, dass menschliche Unterstützung fehlt.
Eine KI kann verständnisvoll wirken. Daraus folgt aber nicht, dass sie die Lebenssituation eines Kindes verlässlich einschätzt oder bei ernsten Problemen angemessen reagiert. Auch wenn frühere Gesprächsinhalte berücksichtigt werden, ersetzt das keine verlässliche menschliche Beziehung und Begleitung.
Gerade ihre ständige Verfügbarkeit und das Gefühl, ohne Angst vor einem Urteil sprechen zu können, können KI für Jugendliche attraktiv machen.
Und genau an diesem Punkt beginnen meine eigentlichen Sorgen.
Was bedeutet das für die Zukunft des Lernens?
Was passiert mit einer Generation, die immer stärker erlebt, dass Antworten sofort verfügbar sind? Dass Texte, Ideen und Lösungen jederzeit erzeugt werden können? Dass Denken zunehmend delegierbar wird?
Natürlich werden Kinder und Jugendliche weiterhin lernen müssen. Aber die Art des Lernens verändert sich gerade massiv.
Vielleicht erleben wir deshalb nicht einfach nur einen technischen Wandel. Vielleicht verändert sich gerade grundlegend, wie junge Menschen Wissen aufbauen, Probleme lösen und Konzentration entwickeln.
Schulen stehen vor der Aufgabe, ihren Unterricht und ihre Leistungsbewertung an diese Entwicklung anzupassen. Orientierung gibt es bereits: Im Oktober 2024 hat die Bildungsministerkonferenz Handlungsempfehlungen zum Umgang mit KI beschlossen, die auch Prüfungskultur und Lehrkräftequalifizierung behandeln. Entscheidend ist, wie solche Empfehlungen im Schulalltag ankommen und welche Unterstützung Lehrkräfte bei der Umsetzung erhalten.
Gleichzeitig glaube ich nicht, dass Verbote allein die Lösung sein können. Die Realität ist längst weiter. Jugendliche nutzen KI bereits selbstverständlich. Nicht irgendwann später, sondern jetzt.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht mehr, ob wir das wollen, sondern wie wir damit umgehen.
Kinder brauchen Orientierung statt Heimlichkeit
Wir brauchen dringend eine ehrliche gesellschaftliche Debatte darüber, welche Rolle KI in Schule überhaupt spielen soll. Welche Fähigkeiten Kinder künftig wirklich brauchen. Welche Leistungen noch vergleichbar sind. Und wie Lernen aussehen kann, wenn künstliche Intelligenz jederzeit verfügbar ist.
Vor allem aber brauchen Jugendliche Orientierung. Nicht nur Regeln darüber, was verboten ist. Sondern Begleitung beim Umgang mit Werkzeugen, die ihre Entwicklung, ihr Lernen und ihren Alltag massiv verändern.
Denn die zentrale Erkenntnis aus all diesen Gesprächen ist unbequem: Künstliche Intelligenz ist längst nicht mehr ein Thema der Zukunft. Sie ist bereits Teil der Gegenwart unserer Kinder.