Kindheit findet nicht auf dem Bildschirm statt
Alex Liefermann
Vater von zwei Kindern, engagiert sich seit mehr als 5 Jahren gegen den Kita-Notstand
Gastbeitrag von Alex Liefermann
Morgens, kurz nach halb sieben.
Der Bus ist voll. Schülerinnen und Schüler steigen ein, viele mit gesenktem Kopf. Nicht, weil sie müde sind. Sondern weil ihr Blick auf das Smartphone gerichtet ist. Sie scrollen durch soziale Netzwerke, schreiben Nachrichten oder schauen Videos. Währenddessen zieht draußen das Leben vorbei. Ein Vater bringt seine Tochter mit dem Fahrrad zur Schule. Eine ältere Dame wartet geduldig an der Ampel. Ein Hund zerrt sein Herrchen über den Gehweg. Es sind diese kleinen Szenen, die unseren Alltag ausmachen.
Ich bin Vater von zwei Kindern und arbeite als freier Autor. Vielleicht beschäftigt mich diese Frage gerade deshalb so sehr. Ich bin viel mit Bus und Bahn unterwegs, beobachte Menschen und nehme wahr, wie sich unser Alltag verändert. Seit einiger Zeit frage ich mich immer häufiger: Schauen unsere Kinder eigentlich noch in die Welt?
Natürlich gilt das nicht für alle. Und es geht mir auch nicht darum, Smartphones zu verteufeln. Ich nutze selbst jeden Tag digitale Medien. Kinder brauchen Medienkompetenz, daran gibt es keinen Zweifel. Die entscheidende Frage ist vielmehr, welchen Platz digitale Medien in ihrer Kindheit einnehmen.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Kindheit beginnt mit Neugier
Mein jüngerer Sohn erinnert mich oft daran, worum es eigentlich geht. Wenn wir unterwegs sind, bleibt er stehen, weil ein Käfer über den Weg krabbelt oder eine Schnecke nach dem Regen den Gehweg überquert. Er stellt Fragen über Wolken, Vögel oder Bäume. Für ihn ist die Welt kein Hintergrund. Sie ist ein Abenteuer.
Kinder kommen mit Neugier auf die Welt. Sie lernen durch Bewegung, durch Gespräche, durch eigenes Ausprobieren und mit allen Sinnen. Entwicklungspsychologen betonen seit Jahren, wie wichtig freies Spiel, Naturerfahrungen und direkte soziale Begegnungen für eine gesunde Entwicklung sind. Digitale Medien können vieles bereichern, sie können diese Erfahrungen aber nicht ersetzen.
Vielleicht unterschätzen wir deshalb, wie wertvoll die reale Welt für Kinder ist. Sie ist langsam. Sie liefert nicht alle paar Sekunden einen neuen Reiz, sie blinkt nicht und sie fordert Geduld. Gerade darin liegt ihre Stärke. Kinder lernen, Dinge zu beobachten, Fragen zu stellen und Zusammenhänge selbst zu entdecken. Nicht jede Erfahrung muss spektakulär sein. Oft reicht es schon, einfach auf einer Bank zu sitzen und die Welt zu beobachten.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Aufmerksamkeit ist endlich
Vielleicht geht es am Ende gar nicht um Smartphones. Es geht um Aufmerksamkeit. Kinder können ihre Aufmerksamkeit immer nur einer Sache schenken. Entweder dem Bildschirm oder der Welt um sie herum. Wer den Blick auf ein Display richtet, sieht den Schmetterling am Wegesrand nicht. Er hört den Vogel nicht, bemerkt den Sonnenuntergang nicht und verpasst oft auch das Gespräch mit dem Menschen neben sich. Jede Minute am Bildschirm ist deshalb nicht nur Bildschirmzeit. Sie ist immer auch Zeit, in der etwas anderes nicht erlebt wird. Genau diese verpassten Momente machen mich nachdenklich.
Was Kindern verloren gehen könnte
Vielleicht reden wir deshalb zu oft über Bildschirmzeiten und zu selten über das, was Kindern dadurch verloren gehen könnte. Wie oft rennen sie heute noch durch einen Wald? Wie oft klettern sie auf einen Baum? Wie oft langweilen sie sich so sehr, dass aus einem Stock ein Schwert oder aus einem Karton ein Raumschiff wird?
Langeweile ist für Kinder oft kein Mangel. Sie ist ein Freiraum. Aus ihr entstehen Ideen, Kreativität und Selbstvertrauen. Gerade in diesen unbeobachteten Momenten machen Kinder Erfahrungen, die sich durch keinen Bildschirm ersetzen lassen.
Manchmal frage ich mich auch, was Kinder in genau diesem Moment verpassen, wenn ihr Blick auf das Display gerichtet ist. Den Sonnenaufgang auf dem Weg zur Schule. Das Gespräch mit dem Sitznachbarn. Einen Straßenmusiker. Oder einfach die Gelegenheit, den eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Die Welt wartet nicht auf später
Kindheit lässt sich nicht nachholen. Ein Baum kann auch morgen noch dort stehen. Ein Käfer krabbelt auch nächste Woche über den Weg. Und trotzdem ist jeder dieser Momente einzigartig. Denn Kinder erleben die Welt nicht irgendwann. Sie erleben sie jetzt. Mit jeder Entdeckung, jeder Frage und jeder kleinen Erfahrung wächst ihr Bild von der Welt. Je mehr Zeit der Bildschirm einnimmt, desto weniger Raum bleibt für diese Erlebnisse.
Erinnerungen entstehen selten auf dem Display
Wenn wir Erwachsene an unsere eigene Kindheit denken, erinnern wir uns meistens nicht an perfekte Tage. Wir erinnern uns an den selbst gebauten Staudamm, an dreckige Schuhe nach einem Regenschauer, an das Fahrrad, mit dem wir gestürzt sind, oder an Sommerabende, die viel länger dauerten, als sie tatsächlich waren. Unsere Erinnerungen bestehen aus Erlebnissen, Gerüchen, Gesprächen und Menschen. Genau diese Erfahrungen wünsche ich auch meinen Kindern. Nicht, weil die Vergangenheit besser war, sondern weil sich daran bis heute nichts geändert hat. Kinder entwickeln sich durch das, was sie erleben. Und vieles davon findet außerhalb eines Bildschirms statt.
Medienerziehung beginnt bei uns Erwachsenen
Kinder lernen nicht nur durch Regeln. Sie lernen vor allem durch Vorbilder. Sie sehen, wie oft wir selbst zum Smartphone greifen, ob wir beim Abendessen aufmerksam zuhören oder jede freie Minute mit einem Blick auf das Display füllen. Medienerziehung beginnt deshalb nicht erst mit dem ersten Handy. Sie beginnt bei uns Erwachsenen.
Ich glaube, wir sprechen häufig über Medienkompetenz. Das ist wichtig. Kinder sollen lernen, Informationen einzuordnen und digitale Medien verantwortungsvoll zu nutzen. Genauso wichtig ist aber Lebenskompetenz. Die Fähigkeit zuzuhören, Geduld zu entwickeln, Konflikte auszuhalten, sich zu konzentrieren und echte Begegnungen zu erleben. Auch das gehört zu einer guten Kindheit.
Eine Kindheit mit Platz für die echte Welt
Ich wünsche mir keine Kindheit ohne Digitalisierung. Ich wünsche mir eine Kindheit, in der digitale Medien ihren Platz haben, aber nicht den größten. Denn Kinder brauchen mehr als WLAN, Likes und den nächsten Algorithmus. Sie brauchen Zeit, Nähe, echte Begegnungen und die Freiheit, ihre Welt mit allen Sinnen zu entdecken.
Kinder erobern die Welt jeden Tag aufs Neue. Sie träumen von Freundschaft, wilden Tieren und großen Abenteuern. Sie brauchen Zeit zum Entdecken, Raum für ihre Fantasie und Menschen, die sie dabei begleiten. Denn Kindheit ist nicht die Zeit, in der alles erklärt wird, sondern die Zeit, in der alles entdeckt werden darf.
Die Welt wartet noch immer. Die Frage ist nicht, ob unsere Kinder sie entdecken können, sondern ob wir ihnen noch genügend Zeit geben, den Blick vom Bildschirm zu heben. Denn Kindheit findet nicht auf dem Bildschirm statt. Sie findet draußen statt – im Entdecken, Staunen und Erleben.