JIMplus-Studie 2026: Jugendliche wissen, dass Social Media ihnen schadet. Trotzdem kommen sie nur schwer davon los.
Social Media macht Jugendliche nicht blind für die eigenen Probleme. Im Gegenteil. Die neue JIMplus-Studie 2026 zeigt, dass die meisten sehr genau wissen, welche Auswirkungen TikTok, Instagram und Co. auf ihren Alltag haben. Sie berichten von Konzentrationsproblemen, Vergleichsdruck, schlechtem Gewissen und belastenden Inhalten. Gleichzeitig nutzen sie die Plattformen weiter intensiv.
Damit räumt die Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs) mit einem weit verbreiteten Missverständnis auf. Oft wird angenommen, Jugendliche müssten nur besser über die Risiken sozialer Medien aufgeklärt werden. Dann würden sie bewusster mit TikTok, Instagram oder Snapchat umgehen.
Die Ergebnisse zeichnen jedoch ein anderes Bild. Es fehlt Jugendlichen nicht an Wissen. Sie kennen die Schattenseiten sozialer Medien längst und erleben sie täglich. Trotzdem fällt es vielen schwer, das Smartphone wieder wegzulegen oder sich den Mechanismen der Plattformen zu entziehen.
Genau darin liegt die wichtigste Botschaft der Studie. Medienkompetenz bleibt wichtig. Sie allein reicht jedoch nicht aus, wenn Plattformen darauf ausgelegt sind, Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Social Media gehört zum Alltag, aber nicht zu den schönsten Momenten
Drei Viertel der Jugendlichen nutzen Social Media regelmäßig. TikTok, Instagram, Snapchat und YouTube gehören für sie selbstverständlich zum Alltag.
Erstaunlich ist jedoch ein anderes Ergebnis. Nur 19 Prozent der Jugendlichen nennen Social Media unter den drei Aktivitäten, bei denen sie sich besonders wohl fühlen.
Deutlich wichtiger sind echte Begegnungen. Die höchste Zufriedenheit erleben Jugendliche, wenn sie Zeit mit Freundinnen und Freunden verbringen. Auch gemeinsame Zeit mit der Familie oder Sport schneiden deutlich besser ab als das Scrollen durch Feeds.
Das zeigt, dass Social Media zwar einen großen Teil des Alltags einnimmt, aber längst nicht automatisch glücklich macht.
Jugendliche erkennen die negativen Folgen selbst
Die Studie macht deutlich, wie bewusst Jugendliche ihre eigene Nutzung wahrnehmen.
72 Prozent sagen, dass Social Media sie regelmäßig von Dingen abhält, die sie eigentlich erledigen wollten.
64 Prozent fällt es schwer, das Smartphone wieder wegzulegen.
55 Prozent haben das Gefühl, dass ihnen dadurch Zeit für Erholung oder Freizeit verloren geht.
47 Prozent beneiden sogar Generationen, die ohne Social Media aufgewachsen sind.
Bemerkenswert ist außerdem, dass 61 Prozent durch die wachsende Zahl von KI-generierten Bildern und Videos inzwischen unsicher sind, welche Inhalte überhaupt noch echt sind.
Konzentration leidet am stärksten
Welche Folgen spüren Jugendliche selbst? Die häufigste Antwort lautet nicht Schlafmangel oder Stress.
40 Prozent sagen, dass Social Media ihre Konzentration beeinträchtigt.
37 Prozent haben nach längerer Nutzung ein schlechtes Gewissen.
32 Prozent berichten von müden oder gereizten Augen.
Fast jeder Dritte hat den eigenen Social-Media-Konsum bereits reduziert, weil er ihm nicht gut tat. Nur 15 Prozent geben an, keinerlei negative Auswirkungen zu bemerken. Gerade die Konzentrationsprobleme sind auffallend. Sie betreffen den Schulalltag, Hausaufgaben, das Lernen und viele andere Bereiche des täglichen Lebens.
TikTok schneidet am schlechtesten ab
Besonders auffällig ist die Rolle von TikTok. Von allen großen Plattformen bewerten Jugendliche TikTok am kritischsten. Nur ein Drittel sagt, dass ihnen die Plattform gut tue. Gleichzeitig verbringen dort besonders viele Jugendliche mehrere Stunden täglich. Außerdem würden sie TikTok nach YouTube am meisten vermissen. Bei Mädchen steht TikTok sogar auf Platz eins.
Dieses Ergebnis zeigt eindrucksvoll, dass Jugendliche durchaus erkennen, welche Plattform ihnen nicht guttut. Allein dieses Wissen schützt sie jedoch nicht davor, sie trotzdem intensiv zu nutzen.
Problematische Inhalte gehören längst zum Alltag
Auch der Kontakt mit belastenden Inhalten ist für Jugendliche selbstverständlich geworden.
71 Prozent berichten von Fake News.
43 Prozent begegnen extremen politischen oder religiösen Inhalten.
40 Prozent sehen Hate Speech.
Besonders belastend empfinden Jugendliche jedoch ungewollte Nacktbilder, Mobbing, drastische Gewaltdarstellungen sowie Inhalte, die Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten verharmlosen.
Besonders auffällig ist dabei TikTok. Bei zehn der dreizehn abgefragten Problemfelder nennen Jugendliche diese Plattform am häufigsten.
Die meisten scrollen einfach weiter
Wie reagieren Jugendliche auf solche Inhalte? Die Antwort ist ernüchternd.
58 Prozent scrollen einfach weiter.
Mehr als ein Drittel sagt, dass sie sich an viele problematische Inhalte inzwischen gewöhnt haben. Nur etwa jeder Vierte meldet entsprechende Beiträge.
Vergleichsdruck belastet vor allem Mädchen
80 Prozent der Jugendlichen sagen, dass vieles auf Social Media unecht oder gestellt wirkt.
Trotzdem vergleichen sich 65 Prozent automatisch mit anderen. Jeder Zweite hat den Eindruck, andere hätten ein besseres Leben.
Besonders deutlich zeigen sich die Unterschiede bei Mädchen. 34 Prozent fühlen sich grundsätzlich im eigenen Körper nicht wohl.
Bei Mädchen, die TikTok täglich länger als eine Stunde nutzen, steigt dieser Anteil auf 49 Prozent. Die Studienautoren weisen allerdings ausdrücklich darauf hin, dass diese Ergebnisse Zusammenhänge zeigen, aber keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen.
Familie bleibt der wichtigste Schutzfaktor
Wenn Jugendliche Sorgen haben, suchen sie Hilfe vor allem bei Menschen. Sie hören Musik, sprechen mit Freundinnen und Freunden oder wenden sich an Erwachsene, denen sie vertrauen. Jugendliche mit einer engen familiären Bindung berichten insgesamt von einem höheren Wohlbefinden als Jugendliche, deren Eltern sich kaum für ihre Online-Erfahrungen interessieren.
Das unterstreicht, wie wichtig Gespräche in der Familie bleiben. Sie können Risiken nicht vollständig verhindern, sind aber ein wichtiger Schutzfaktor.
Was bedeutet das für die Diskussion über Altersgrenzen?
Auch beim Thema Social-Media-Verbot liefert die Studie interessante Ergebnisse.
43 Prozent der Jugendlichen finden, dass Social Media unter einem bestimmten Alter verboten sein sollte.
45 Prozent sehen vor allem die Plattformen in der Verantwortung, Kinder und Jugendliche besser zu schützen.
Gleichzeitig bezweifeln viele Jugendliche, dass ein Verbot ohne wirksame Alterskontrollen überhaupt funktionieren würde.
Noch deutlicher ist jedoch ein anderer Befund: Die Mehrheit der Jugendlichen würde rückblickend ein höheres Einstiegsalter empfehlen, als sie selbst hatte. Bei TikTok sagen das sogar fast zwei Drittel der Nutzerinnen und Nutzer.
Unser Fazit
Die JIMplus-Studie 2026 zeigt etwas, das in der öffentlichen Debatte häufig übersehen wird. Jugendliche kennen die Risiken sozialer Medien bereits sehr gut. Sie erleben selbst, wie Plattformen ihre Aufmerksamkeit binden, Vergleichsdruck erzeugen oder belastende Inhalte in ihren Alltag bringen. Trotzdem gelingt es vielen nicht, die Nutzung zu begrenzen.
Genau deshalb greift die Forderung nach mehr Medienkompetenz allein zu kurz. Aufklärung bleibt wichtig. Gleichzeitig zeigt diese Studie sehr deutlich, dass Wissen Jugendliche nicht automatisch schützt. Plattformen sind so gestaltet, dass sie möglichst lange genutzt werden. Deshalb braucht es neben Aufklärung auch wirksame Altersgrenzen, konsequente Alterskontrollen und klare gesetzliche Regeln. Eltern dürfen mit dieser Verantwortung nicht länger allein gelassen werden.
Quelle
Zur Studie: https://mpfs.de/studie/jimplus-2026/