Lernen bitte in 15 Sekunden Häppchen?


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Ute Hempelmann

Journalistin und Mediencoach

Gastbeitrag von Ute Hempelmann
Journalistin und Mediencoach. Seit vielen Jahren arbeitet sie an Schulen mit Kindern und Jugendlichen zu Recherche, Mediennutzung und digitaler Kompetenz.

Als Medien-Coach interessiere ich mich sehr dafür, unter welchen Bedingungen Kinder und Jugendliche gut lernen können. Auf der Suche nach Antworten ist mir das Buch „Kopf hoch“* des Neurowissenschaftlers Prof. Dr. Volker Busch in die Hände gefallen. Seine Überlegungen und meine Beobachtungen aus dem Schulalltag passen erstaunlich gut zusammen.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Bad news is good news. Aber nicht für das Gehirn

Buch “Kopf hoch” von Prof. Dr. Volker Busch

Als „Infodemie“ beschreibt Busch* die enorme Menge an Informationen, die heute ständig auf uns einströmt. Erwachsene genauso wie Kinder und Jugendliche.

Der Bestseller-Autor nutzt dafür Bilder aus der Medizin. Zu viele negative Nachrichten wirken wie eine Infektion mit „Info-Viren“. Zu viel emotional aufgeladener Inhalt aus sozialen Medien kann das mentale Immunsystem aus dem Gleichgewicht bringen.

Die Folgen können Sorgen, Stress oder Langeweile sein. Viele Menschen reagieren darauf mit noch mehr Scrollen. Überlastung, Abstumpfung und eine sinkende Empfindlichkeit gegenüber neuen Reizen können die Folge sein. Dann braucht es immer stärkere Reize, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Je jünger das Gehirn ist, das solchen Dauer-Reizen ausgesetzt wird, desto problematischer kann das sein.


Veränderung der Medien-Landschaft

Auch die Medien-Landschaft selbst hat sich grundlegend verändert. Durch das Internet ist die Menge an Informationen massiv gewachsen. Heute ist fast jeder nicht nur Konsument, sondern gleichzeitig auch Sender. Inhalte werden permanent produziert, geteilt und weiterverbreitet.

Damit steigt auch die Herausforderung für jeden Einzelnen, Informationen einzuordnen und zu prüfen. Desinformation und Falschmeldungen gehören inzwischen zum Alltag. Gleichzeitig beschleunigt sich die öffentliche Kommunikation immer weiter.

Eine wichtige Fähigkeit wird dadurch immer wertvoller: nicht auf alles reagieren zu müssen und Impulse kontrollieren zu können. Es reicht deshalb nicht, Kindern in der Schule nur das Bedienen digitaler Geräte beizubringen.


Information-Overload für das kindliche Gehirn

Flimmern, piepsen, flackern.

Viele Kinder und Jugendliche reagieren auf das Fehlen ihres Smartphones oder auf Stille sehr unruhig. Statt gelegentlicher Pausen hat sich bei intensiver Nutzung häufig eine sogenannte Multilayer-Mediennutzung etabliert.

Mehrere Medien laufen parallel. Während schnell eine Nachricht an eine Freundin geschrieben wird, läuft gleichzeitig auf dem Tablet eine Serie oder ein Video. Die Inhalte werden oft nur noch nebenbei wahrgenommen.

Der Nutzer koppelt sich emotional teilweise vom Geschehen auf dem Bildschirm ab. Einige Wissenschaftler sehen darin langfristig auch Risiken für Empathie und Aufmerksamkeit.


Pull statt Push

Früher war der Zugang zu Informationen ein Privileg der Gebildeten. Heute wird es immer wichtiger, Informationen bewusst auswählen zu können. Medien-Kompetenz bedeutet deshalb zunächst, filtern zu können. Was ist wichtig. Was ist unwichtig. Was ist vertrauenswürdig. Genauso wichtig ist Selbst-Wahrnehmung. Also die Fähigkeit zu merken, wann es genug ist.

Viele Jugendliche konsumieren heute sehr große Mengen an kurzen Video-Clips oder sogenannten Shorts. Wenn man sie später fragt, erinnern sie sich oft nur an sehr wenig von dem, was sie gesehen haben. Volker Busch beschreibt dieses Verhalten als sogenannte Push-Nutzung. Inhalte werden passiv aufgenommen und in schneller Folge konsumiert.

Im Gegensatz dazu steht die Pull-Nutzung. Dabei entscheidet man bewusst, welche Informationen man sucht und warum. Soziale Medien sind jedoch stark auf Push-Mechanismen ausgelegt. Die Systeme sind darauf optimiert, Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden und immer neue Inhalte vorzuschlagen.

Für Erwachsene ist das schon schwierig. Für Kinder und Jugendliche noch deutlich mehr. Das sogenannte Kontroll-Zentrum im Gehirn ist erst ungefähr zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr vollständig ausgereift.


Medien-Kompetenz bedeutet auch abschalten zu können

In manchen Familien beginnt eine dauerhafte Medien-Nutzung bereits im Kleinkind-Alter. Digitale Geräte werden dann häufig zur Beruhigung oder Beschäftigung eingesetzt. In der Schule zeigt sich später, dass Kinder mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen in den Klassen sitzen.

Einige Schülerinnen und Schüler können Themen formulieren, recherchieren und sich vertiefen. Andere warten darauf, dass etwas blinkt, piept oder sich alle paar Sekunden verändert. Für Kinder, die ihr Gehirn nicht regelmäßig durch konzentriertes Arbeiten trainieren, wird Lernen schnell zur Überforderung statt zu einer Herausforderung.

Wenn Medien-Bildung in Schulen wirken soll, muss sie deshalb auch beim Verhalten ansetzen. Erst wenn Kinder lernen, Aufmerksamkeit zu steuern und Medien bewusst zu nutzen, kann digitale Kompetenz wirklich entstehen.

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