Die Manosphere: Wenn Frauenhasser und Influencer unsere Söhne beeinflussen
Gastbeitrag von Anastasia Korablev
Eltern geben jeden Tag unser Bestes, um ihren Söhnen Werte wie Respekt, Empathie und Selbstvertrauen zu vermitteln. Doch wir stehen heute einer Konkurrenz gegenüber, die es früher so nicht gab. In den Kinderzimmern flimmern Videos der sogenannten „Manosphere“ über die Bildschirme. Charismatische Männer inszenieren sich dort als Mentoren und versprechen Erfolg sowie unerschütterliche Stärke.
Es ist absolut verständlich, dass man als Elternteil davon schockiert ist, was man da sieht. Wir merken, dass hier unseren Söhnen ein Weltbild vermittelt wird, das oft im krassen Gegensatz zu dem steht, was wir unseren Kindern für ein glückliches Leben wünschen. Dennoch dürfen wir durchatmen: Wir sind nicht machtlos, sondern die wichtigste Instanz im Leben unserer Kinder.
Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)
Der harmlose Einstieg: Von Fitness-Tipps in den Abgrund
Oft beginnt alles ganz unschuldig. Unsere Söhne suchen bei YouTube oder TikTok nicht nach politischer Ideologie, sondern nach ganz praktischen Dingen: Wie mache ich einen richtigen Liegestütz? Wie ernähre ich mich gesund für den Muskelaufbau? Oder wie lerne ich, selbstbewusster auf andere zuzugehen? Die Social-Media-Algorithmen sind darauf programmiert, diese Interessen aufzugreifen. Doch wer einmal bei einem Fitness-Influencer der Manosphere landet, kriegt schnell nur noch solche Inhalte angezeigt. Ehe man sich versieht, mischen sich unter die Sport-Tipps plötzlich Botschaften über Disziplin, Dominanz und ein sehr verzerrtes Bild von Männlichkeit. Der Übergang vom harmlosen Tipps zur fragwürdigen Weltanschauung geschieht oft schleichend und unbemerkt.
Die Sehnsucht nach Orientierung: Jungs brauchen männliche Vorbilder
In der Pubertät ist die Suche nach Identität Schwerstarbeit. Gerade Jungs in diesem Alter brauchen männliche Vorbilder, an denen sie sich reiben und von denen sie lernen können. Sie suchen nach einer Antwort auf die Frage: „Was bedeutet es heute, ein Mann zu sein?“
Wir müssen uns ehrlich eingestehen: Als Eltern haben wir heute kaum noch eine Chance, gegen all das anzukommen, was im Sekundentakt auf unsere Jungs einprasselt. Es fühlt sich oft an wie ein Kampf gegen eine riesige Welle, die man alleine nicht aufhalten kann. Die Influencer sind mit ihren unerschöpflichen Videos einfach überall und es ist völlig normal, wenn wir uns dabei manchmal machtlos fühlen. Die digitale Welt ist heute einfach so laut und gewaltig, dass sie jede freie Minute unserer Kinder zu besetzen droht.
Sie bieten eine Form von Gemeinschaft und Orientierung an, die auf den ersten Blick stabil wirkt. Es ist eine tiefe Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Bestätigung, die unsere Söhne empfänglich für diese digitalen „Ersatzvorbilder“ macht.
Die dunkle Seite: Wenn Selbstoptimierung in Abwertung umschlägt
Hinter der Fassade von Erfolg und Disziplin verbirgt sich in der Manosphere leider oft ein hasserfüllter Kern. Diese Netzwerke vermitteln Jungs unterschwellig, dass sie in ihrem jetzigen Zustand „nichts wert“ seien, wenn sie nicht bestimmten harten Normen entsprechen. Noch gefährlicher ist die ideologische Fracht, die huckepack mitgeliefert wird: Rechtspopulismus, Homophobie und eine tiefe Fremdenfeindlichkeit ziehen sich wie ein roter Faden durch viele dieser Inhalte. Frauen werden oft als Objekte oder Gegnerinnen dargestellt. Aus dem Wunsch nach Selbstverbesserung wird so unmerklich eine Haltung der Ausgrenzung und des Hasses. Diese Ideologien zielen darauf ab, Unsicherheiten in Aggression gegen „Andere“ umzuwandeln.
Die Kraft der Bindung: Warum wir das wichtigste Vorbild bleiben
Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als hätten TikTok-Stars mehr Einfluss als wir: Die reale Bindung zu uns Eltern ist durch nichts zu ersetzen. Wir sind diejenigen, die unsere Söhne im echten Leben erleben uns zwar mit all ihren Stärken aber auch Unsicherheiten. In der Manosphere wird Stärke oft mit emotionaler Kälte verwechselt. Wir hingegen können im Alltag zeigen, dass wahre Männlichkeit auch Verletzlichkeit, Humor, Verantwortungsgefühl und die Fähigkeit zur Selbstreflexion beinhaltet. Unser authentisches Vorbild ist das wirksamste Gegengewicht zu jeder digitalen Inszenierung. Wir bieten echte Nähe und bedingungslose Liebe, während die Online-Welt nur Anerkennung gegen Leistung und Konformität verspricht.
Bild generiert mit Hilfe von KI (Canva)
Gemeinsam hinschauen: Brücken bauen statt Mauern errichten
Wenn man bemerkt, dass das eigene Kind solche Inhalte konsumiert, ist das kein Zeichen für ein Erziehungsversagen, sondern eine Chance für ein ernstes Gespräch. Ein Verbot würde oft nur dazu führen, dass die Gespräche versiegen und er sich unverstanden fühlt. Stattdessen können wir neugierig bleiben und Fragen stellen: „Was beeindruckt dich an diesem Lifestyle?“ oder „Glaubst du, dass man wirklich nur durch Härte glücklich wird?“. Wir dürfen auch klar benennen, wo unsere Werte verletzt werden, wenn es um Abwertung von anderen geht. Indem wir im Gespräch bleiben, helfen wir ihnen, die Fassaden zu durchschauen und die Manipulationsmechanismen zu verstehen.
Ergänzungen durch Medienzeit
Die Manosphere ist komplex und gefährlich. Daher ergänzen wir den Gastbeitrag und stellen weitere Informationen bereit, mit denen Eltern erkennen, ob ihre Söhne schon mit den Akteuren in Kontakt gekommen sind.
Konkrete Beispiele: Wer steckt hinter diesen Inhalten?
Viele dieser Inhalte werden von bekannten Influencern verbreitet, die gezielt junge Männer ansprechen und einfache Antworten auf komplexe Fragen geben. Namen wie Andrew Tate tauchen dabei immer wieder auf.
Daneben spielen auch Creator wie Adin Ross, Sneako, Hamza Ahmed, HSTikkyTokky oder Neon eine wichtige Rolle, vor allem für jüngere Zielgruppen. Sie erreichen Kinder und Jugendliche nicht über klassische Profile, sondern über Clips, Reuploads und algorithmische Empfehlungen auf TikTok, YouTube oder in Messenger-Gruppen.
Wir nennen diese Namen bewusst, verlinken sie aber nicht. Wir wollen keine zusätzliche Aufmerksamkeit dorthin lenken. Eltern sollten sie dennoch kennen, weil sie in der Lebenswelt vieler Kinder bereits eine große Rolle spielen.
Hier sollten Eltern hellhörig werden
Was diese Akteure verbindet, ist weniger ihre Person als das Muster dahinter. Sie inszenieren sich als Vorbilder, Mentoren oder „große Brüder“. Sie sprechen gezielt Unsicherheiten an und bieten scheinbar einfache Lösungen.
Für Kinder zwischen etwa 10 und 14 Jahren wirken diese Inhalte oft wie harmlose Unterhaltung. Streams, Fitness-Videos, Luxus, Humor. Doch dahinter werden immer wieder Botschaften transportiert, die ein sehr einseitiges Bild von Männlichkeit, Erfolg und Beziehungen vermitteln.
Die Reichweiten sind dabei enorm. Einzelne Accounts erreichen Millionen Follower. Noch größer ist die Wirkung durch Algorithmen: Selbst Kinder, die diesen Influencern nicht folgen, bekommen ihre Inhalte täglich in den Feed gespült.
Es geht also nicht um einzelne Personen. Es geht um ein System, das Inhalte verstärkt, kopiert und immer wieder neu ausspielt.
Warum diese Inhalte bei Kindern so gut funktionieren
Die Mechanismen dahinter sind kein Zufall. Sie treffen genau die Phase, in der viele Jungen Orientierung suchen.
Erfolg wird wie ein Spiel dargestellt. Geld, Status und körperliche Stärke wirken wie Level, die man erreichen kann.
Die Botschaften sind einfach und klar. Gewinner oder Verlierer. Stark oder schwach.
Gleichzeitig entsteht ein Gefühl von Zugehörigkeit. Eigene Begriffe, Codes und Sprache vermitteln das Gefühl, Teil von etwas zu sein.
Und vor allem: Die Inhalte sind perfekt für Plattformen gemacht. Kurz, zugespitzt, emotional. Genau das, was Algorithmen bevorzugen.
Die „Pillen“-Ideologie: Wie Weltbilder vereinfacht werden
Ein zentraler Bestandteil der Manosphere ist die sogenannte „Red-Pill“-Ideologie. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Film Matrix und steht dafür, angeblich „die Wahrheit“ über die Welt erkannt zu haben.
In diesen Inhalten bedeutet das oft: Wer die „rote Pille“ genommen hat, glaubt zu verstehen, wie Beziehungen, Macht und Gesellschaft „wirklich“ funktionieren. Dem gegenüber steht die „Blue Pill“, also diejenigen, die angeblich naiv sind und die Realität nicht sehen.
Für Kinder und Jugendliche ist das besonders attraktiv. Es vermittelt das Gefühl, zu einer Gruppe zu gehören, die mehr weiß als andere. Es gibt Orientierung und eine klare Einteilung in richtig und falsch.
Das Problem ist: Diese Weltbilder sind stark vereinfacht und oft ideologisch aufgeladen. Sie reduzieren komplexe Themen auf einfache Erklärungen und fördern ein Denken in Gegensätzen. Aus Unsicherheit wird vermeintliche Klarheit. Aus Orientierung wird Abgrenzung.
Für Eltern ist es wichtig, diese Begriffe zu kennen. Wenn Kinder anfangen, von „Red Pill“, „Matrix“ oder ähnlichen Codes zu sprechen, ist das oft ein Hinweis darauf, dass sie mit diesen Inhalten in Berührung gekommen sind.
Woran Eltern den Einfluss erkennen können
Die Veränderung ist oft subtil.
Kinder übernehmen plötzlich Begriffe wie „High Value Male“, „Simp“ oder sprechen abwertend über andere.
Sie denken stärker in Kategorien wie stark und schwach.
Sie fokussieren sich sehr auf Status, Geld oder äußere Stärke.
Oder sie reagieren gereizt, wenn man diese Inhalte hinterfragt.
Das sind keine eindeutigen Beweise. Aber es sind Signale, die zeigen, dass sich ein genauerer Blick lohnt.
Wie wir das Gespräch suchen können
Der wichtigste Schritt ist, im Gespräch zu bleiben. Verbote allein führen oft dazu, dass Kinder sich zurückziehen und Inhalte heimlich konsumieren.
Hilfreich ist eine offene Haltung. Fragen statt Vorwürfe. Interesse statt Kontrolle.
Was schaust du dir da genau an?
Was findest du daran gut?
Was glaubst du, stimmt daran wirklich?
Gleichzeitig brauchen Kinder klare Orientierung. Abwertung, Menschenfeindlichkeit oder Gewaltfantasien dürfen nicht normalisiert werden. Es geht darum, unsere Kinder zu verstehen und ihnen zu helfen, Inhalte einzuordnen. Aufklärung und Schutz gehören zusammen.
Fazit: Begleiten mit langem Atem
Die Welt der Manosphere ist laut und schrill, aber sie ist letztlich hohl. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, den Resonanzraum für unsere Kinder zu vergrößern. Wir müssen nicht perfekt sein, um gute Begleiter zu sein. Es reicht oft schon, präsent zu sein, zuzuhören und alternative Wege aufzuzeigen, wie man ein selbstbewusster, mitfühlender Mann in der heutigen Gesellschaft sein kann.
Wenn wir unseren Söhnen vermitteln, dass ihr Wert nicht von einem Sixpack oder einem Kontostand abhängt, geben wir ihnen das wichtigste Rüstzeug gegen digitale Radikalisierung mit auf den Weg.
Es geht dabei nicht um Verbote oder Freigabe. Es geht um beides: klare Grenzen und echtes Verständnis dafür, was unsere Kinder online erleben.
Wir bleiben immer an ihrer Seite, mit Geduld, Liebe und einem klaren Kompass.
Weiterführende Informationen:
Netflix: „Adolescence“ (Serie)
https://www.netflix.com/de/title/81756069
Die Serie zeigt eindrücklich, wie sich Isolation, Unsicherheit und Online-Inhalte gegenseitig verstärken können. Sie macht sichtbar, wie Jugendliche in problematische Denkweisen abrutschen können.Netflix: „Inside the Manosphere“ (Dokumentation)
https://www.netflix.com/de/title/81920687
Die Dokumentation begleitet zentrale Akteure der Szene und zeigt, wie gezielt Aufmerksamkeit erzeugt und monetarisiert wird. Sie hilft zu verstehen, dass hinter vielen Inhalten ein Geschäftsmodell steckt.Podcast: „Alpha Boys“ (SRF, 2026)
https://www.srf.ch/audio/news-plus-hintergruende/alpha-boys-q-a-was-tun-gegen-radikalisierung-und-frauenhass?id=AUDI20260128_NR_0136
Eine der aktuell besten deutschsprachigen Auseinandersetzungen mit dem Thema. Der Podcast zeigt den Weg von harmlosen Fitness-Inhalten hin zu frauenfeindlichen Weltbildern.
Besonders hilfreich ist die begleitende Q&A-Folge für Eltern, in der konkrete Fragen beantwortet werden. Zum Beispiel, wie man reagiert, wenn der eigene Sohn bestimmte Influencer bewundert.ARD-Dokumentation: „Shut Up, Bitch! Der Kampf um Männlichkeit“
https://www.ardmediathek.de/video/story/shut-up-bitch-der-kampf-um-maennlichkeit/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIyNjIyMjU
Diese Dokumentation beleuchtet die Strukturen hinter der Szene. Sie zeigt, wie gezielt junge Menschen angesprochen werden und dass es sich nicht nur um Einzelmeinungen, sondern um ein wachsendes System handelt, das Aufmerksamkeit in Geld verwandelt.