Nachts im Kinderzimmer: Endlose Chats, Doomscrolling & Zocken bis zum Morgen

Portrait Monika Rath

Foto: Monika Rath, Digitaltrainerin

Gastbeitrag von Monika Rath (digitaltraining.de)

7:30 Uhr morgens. Der Wecker klingelt. Ein Blick aufs Smartphone zeigt: Heute schon sechs Stunden Bildschirmzeit. Nicht nach der Schule. Nicht am Nachmittag. Sondern bevor der Tag überhaupt begonnen hat.

Was viele Erwachsene unterschätzen: Für viele Kinder endet Mediennutzung nicht abends. Sie verlagert sich ins Kinderzimmer, in die Nacht. Dorthin, wo niemand hinsieht.

„Da sagt wenigstens keiner ständig, dass ich das Handy weglegen soll.“


Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Zählmarke

Smartphone im Schlafzimmer – leider immer noch Normalität

Noch immer geben viele Eltern ihren Kindern Smartphones, Tablets oder mobile Spielekonsolen mit ins Schlafzimmer. Manchmal bewusst, manchmal aus Pragmatismus, manchmal, weil es ja bisher auch gut gegangen ist. Kinder haben dafür gute Gründe, zumindest aus ihrer Sicht.

Das Handy ist der Wecker. Sie hören noch kurz Musik zum Einschlafen, wollen erreichbar sein oder brauchen es, um runterzukommen. Und manchmal erlauben Eltern es auch deshalb, weil es scheinbar funktioniert: Die Kinder gehen freiwillig früher ins Bett, die Eltern haben endlich Feierabend. Endlich eine Pause. Was dabei oft übersehen wird: Das Licht geht aus, aber die Nacht beginnt erst.

„Wer von euch war gestern um 22 Uhr noch wach?“

Wenn wir in Workshops in 5. bis 7. Klassen diese Frage stellen, folgt Gelächter. Nicht, weil die Frage absurd wäre, sondern weil sie selbstverständlich ist. 22 Uhr? Fast alle Hände oben. 24 Uhr? Immer noch ein Drittel bis zur Hälfte. 2 Uhr, 3 Uhr? Es werden weniger, aber es bleiben viele.

Dann fragen wir weiter, ob es schon einmal passiert ist, dass der Wecker geklingelt hat oder die Eltern morgens ins Zimmer kamen und klar wurde: Eigentlich habe ich heute Nacht gar nicht richtig geschlafen. In einer Klasse mit etwa 30 Kindern heben so gut wie immer mehrere Kinder die Hand. Je älter die Kinder, desto häufiger, Jungen wie Mädchen gleichermaßen.

Seit 2025 stellen wir diese Fragen sogar in Grundschulen in den 3. und 4. Klassen. Selbst hier gibt es nahezu immer ein paar Kinder, die ab und zu ohne Schlaf in die Schule gehen.

Was Kinder nachts wirklich konsumieren

Die Bandbreite ist groß, aber eigentlich wenig überraschend: Videos, Chats und Games. Alles, was mehr Spaß macht als schlafen.

Social Media: Endlose Unterhaltung

TikTok, Instagram Reels, YouTube Shorts, Snapchat Spotlight. Ein Kurzvideo-Feed, der niemals aufhört, und ein Algorithmus, der sehr genau weiß, was Aufmerksamkeit bindet.

Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Inhalte nachts gezielt extremer sind. Aber aus den Erzählungen der Kinder entsteht ein klares Bild: mehr Gewalt, mehr Haut, mehr Grenzüberschreitungen, Pranks, die Demütigung normalisieren, und mehr Schönheitsideale, die keine sein sollten. Selbstoptimierung ohne Maß.

Algorithmen spielen Inhalte aus, die möglichst lange binden, starke Emotionen auslösen und schnell Aufmerksamkeit erzeugen. „Nachts ist TikTok irgendwie krasser.“ Kein Wunder, die Algorithmen sind auf maximale Verweildauer programmiert.

WhatsApp: Schlafkiller “Klassenchat”

Vorne mit dabei sind auch Gruppenchats auf WhatsApp, etwa Klassenchats, in denen die ganze Nacht hindurch gepostet wird. Auf die Frage, wer schon einmal am nächsten Morgen WhatsApp geöffnet und 999+ neue Nachrichten gesehen hat, melden sich viele Kinder. Manche erzählen sogar von mehreren tausend Nachrichten pro Nacht.

Ein großer Teil davon besteht aus Stickern, also lustigen Bildern. Manche Kinder lassen sogar Autoklicker laufen, die Sticker und Emojis in Endlosschleife posten. „Oh Mann, du bist voll der Spammer“, sagen sie, während sie weiter mitlesen. Schlafen? Später.

Online-Games: Nur noch dieses eine Level

Auch Online-Spiele spielen nachts eine große Rolle. Noch ein Level, noch eine Challenge, nur noch kurz. Viele Spiele sind so konzipiert, dass sie genau diese Mechanik fördern: zeitlich begrenzte Events, Belohnungen, Ranglisten.

Wer jetzt aussteigt, verliert etwas. Man will seinen Clan nicht im Stich lassen. Fortschritt fühlt sich nachts exklusiv an. Nachts gibt es keine Pausetaste, nur das Versprechen, dass es gleich noch besser wird. „Nur nachts kann man richtig leveln.“

Dunkler Bildschirm im dunklen Zimmer

Kinder kennen ihre Tricks. Um unbemerkt zu bleiben, wird der Bildschirm ganz dunkel gestellt, der Raum bleibt finster. Was viele nicht wissen: Ein dunkler Bildschirm im dunklen Raum ist kein Schonmodus für die Augen, sondern Dauerstress.

Die Pupillen sind weit geöffnet, gleichzeitig fixieren die Augen einen nahen, leuchtenden Punkt. Die Augenmuskulatur bleibt angespannt, das Blinzeln nimmt ab, die Augen trocknen aus. Gerade bei Kindern, deren Augen sich noch entwickeln, lernt das Auge dabei eines sehr schnell: Nahsehen ist der Normalzustand.

Nicht ohne Grund liegt die Kurzsichtigkeit in einigen ostasiatischen Regionen bei jungen Erwachsenen bei über 90 Prozent. Als zentrale Faktoren gelten sehr viel Naharbeit, sehr wenig Tageslicht und intensive Bildschirmnutzung. Das Smartphone ist nicht die einzige Ursache, aber es ist ein Verstärker.

Auch in Deutschland nimmt Kurzsichtigkeit seit Jahren deutlich zu. Inzwischen gilt rund jedes dritte Kind bzw. jeder dritte Jugendliche als kurzsichtig, mit steigender Tendenz. Augenärztliche Fachgesellschaften warnen seit Jahren vor zu wenig Tageslicht und zu viel Naharbeit im Kindesalter.

Kopfhörer auf. Untertitel an.

Kopfhörer gehören zur Standardausrüstung. Viele Kinder hören nur auf einem Ohr, damit sie mit dem anderen rechtzeitig die Schritte der Eltern hören und das Gerät ausschalten können, falls jemand kommt. Eigentlich braucht man aber gar keinen Ton, sagen die Kinder. Die meisten Videos haben Untertitel, es sei eh nur visuell. Ganz still. Ganz wach.

Erlaubt? Verboten? Realität.

Auf die Frage, wer das Handy mit ins Schlafzimmer nehmen darf, gehen viele Hände hoch. Auf die nächste Frage, wer es offiziell nicht darf, es aber trotzdem macht, gehen fast alle anderen Hände hoch.

Wir fragen weiter, wer ein Smartphone, ein Tablet oder eine mobile Spielekonsole wie eine Nintendo Switch mit ins Bett nimmt oder sogar alles drei. Auch das kommt vor. Das Kinderzimmer ist in manchen Familien der unkontrollierteste Medienraum im Haushalt.

Müdes Kind sitzt im Klassenzimmer am Tisch und wirkt erschöpft, während im Hintergrund andere Kinder arbeiten und eine Lehrkraft vorne steht.

Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)

Schlafmangel ist kein kleines Thema

Ich bin keine Medizinerin. Aber was macht dauerhaft zu wenig Schlaf mit einem Kind, das sich noch im Wachstum befindet. Was ich berichten kann, stammt aus Gesprächen mit Lehrkräften: Kinder wirken dauerhaft müde, sind reizbarer, weniger konzentriert und emotional schneller überfordert.

Lehrerinnen und Lehrer sagen Sätze wie: Man merkt, dass sie nicht ausgeschlafen sind. Die Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer. Viele Kinder sind morgens eigentlich noch in der Nacht. Das sind keine Einzelfälle, sondern wiederkehrende Beobachtungen.

Wenn Schlaf fehlt, fehlt mehr als Ruhe

Schlafmangel ist kein Randphänomen mehr. Viele Kinder und Jugendliche schlafen nicht zu wenig, weil sie nicht müde wären, sondern weil sie nicht zur Ruhe kommen. Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist das hochproblematisch.

Schlaf ist kein passiver Zustand. Im Schlaf verarbeitet das Gehirn Erlebtes, sortiert Eindrücke, festigt Erinnerungen und reguliert Emotionen. Gerade bei Kindern ist Schlaf eine zentrale Voraussetzung für Lernen, Wachstum und psychische Stabilität.

Fehlt dieser Schlaf dauerhaft, bleibt das nicht folgenlos. Schlafmangel zeigt sich nicht nur als Müdigkeit, er verändert Wahrnehmung. Aufmerksamkeit wird kürzer, Reize werden schneller als Überforderung erlebt. Gleichzeitig steigt die Anfälligkeit für genau jene Inhalte, die nachts konsumiert werden.

Ein Teufelskreis entsteht: Wer müde ist, sucht Reiz. Wer Reiz konsumiert, schläft schlechter. Besonders kritisch ist, dass viele Kinder ihren eigenen Schlafmangel nicht mehr als Problem wahrnehmen. Müdigkeit wird zur Normalität.

Eine gesellschaftliche Frage

Aus gesellschaftlicher Perspektive ist das besonders brisant. Wir diskutieren über Konzentrationsprobleme, Leistungsabfall und psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen, der Faktor Schlaf bleibt dabei oft erstaunlich randständig.

Dabei ist er eine der wenigen Stellschrauben, die tatsächlich wirksam wären. Schlafmangel entsteht nachts, unsichtbar, prägt aber den nächsten Tag. Er ist kein individuelles Versagen von Kindern oder Eltern.

Wenn Geräte jederzeit verfügbar sind, Algorithmen nie abschalten und Selbstregulation von Kindern erwartet wird, die neurologisch noch gar nicht dazu in der Lage sind, wird Schlaf zur Nebensache. Dabei ist die Forderung eigentlich schlicht: Kinder brauchen Schlaf. Nicht optional, nicht als Bonus, sondern als Grundlage für Entwicklung.

Was Eltern tun können

Die wichtigste Maßnahme ist gleichzeitig die unbequemste: kein Handy oder sonstige elektronische Geräte im Schlafzimmer. Auch wenn es bisher erlaubt war und es Diskussionen gibt.

Ein Satz kann helfen: „Ich weiß, dass du das bisher durftest. Aber ich habe meine Meinung geändert.“ Nicht als Strafe, sondern als Schutz. Technische Einstellungen können unterstützen, Nachtmodi, Zeitpläne oder Abschaltungen von Routern. Aber sie sind keine Garantie. Entscheidend ist nicht Technik allein, sondern Haltung.

Geräte gehören nachts in einen Schlafraum, am besten auch die der Erwachsenen. Denn Kinder lernen nicht aus Regeln, sie lernen aus dem, was wir vorleben.

Fazit

Schlaf ist kein Luxus. Schlaf ist Voraussetzung für Entwicklung. Nachts passiert mehr, als viele Eltern ahnen.

Nicht, weil Kinder etwas falsch machen, sondern weil sie Zugang haben, Grenzen fehlen und wir von ihnen keine Selbstregulation erwarten können, die ihr Gehirn noch gar nicht leisten kann.

Und manchmal beginnt guter Jugendschutz nicht mit Apps oder Filtern, sondern mit einer Familienladestation außerhalb des Kinderzimmers. Kein Bildschirm im Bett.

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