Wenn Vertrauen ausgenutzt wird – wie sexuelle Übergriffe über Snapchat beginnen

Alena Mess

Expertin für Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern & Jugendlichen

Gastartikel von Alena Mess, Expertin für Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern & Jugendlichen

Ein 13-jähriges Mädchen lernt über Snapchat einen Jungen kennen. Er schreibt sie zuerst an, gibt an, 19 Jahre alt zu sein. Sie glaubt ihm. Seine Stimme klingt für sie wie die eines jungen Erwachsenen, nicht wie die eines Gleichaltrigen. Auch das bestärkt ihr Vertrauen. In seinem Profil sind nur wenige Bilder zu sehen. Er sagt, er habe keine Kamera.

Am Anfang wirken die Gespräche harmlos. Er fragt nach ihrem Alltag, nach ihrer Familie, ihrer Schule, ihren Interessen. Fragen, wie sie Jugendliche untereinander stellen. Kurz darauf folgen Komplimente. Viele Komplimente. Täglich, mehrfach. Er sagt ihr, wie schön sie sei, wie besonders, wie toll. Für ein Mädchen, das von sich selbst sagt, dass es den eigenen Körper nicht mag, fühlen sich diese Worte wichtig an.

Ein Mädchen sitzt nachts auf einem Bett und hält das Gesicht in den Händen, im Vordergrund liegt ein Smartphone mit geöffnetem Snapchat-Logo auf dem Boden, der Raum ist dunkel und kühl ausgeleuchtet.

Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)

Zählmarke

Wenn Nähe entsteht und Grenzen sich verschieben

Die Gespräche werden intensiver. Sie telefonieren über Snapchat. Nach nur zwei Tagen fordert sie auf, ein erstes Bild zu schicken. Zuerst im BH. Dann ohne BH. Danach Bilder ihres Intimbereichs. Später auch Videos, in denen sie sich selbst befriedigt. Jede neue Grenzüberschreitung wird begleitet von Lob, von Bestätigung, von Sätzen, die ihr das Gefühl geben, wertvoll zu sein. Er selbst schickt ihr zu Beginn DicPics.  Als sie Fotos von seinem Gesicht erfragt, verweist er auf die drei Fotos bei Snapchat und gibt dann an, seine Kamera sei defekt – sie glaubt ihm.

Eines Abends erklärt sie, dass sie keine Bilder machen könne, weil ihre neun Jahre alte Schwester neben ihr schläft. Als Beweis fotografiert sie ihre schlafende Schwester und schickt ihm auch dieses Bild.

Emotionale Abhängigkeit ohne offene Drohungen

Zwischendurch sagt er Sätze wie: „Du wirst abhängig von mir.“ Sie widerspricht und sagt, sie werde von niemandem abhängig. Diese Art Aussagen von ihm nimmt sie nicht durchgehend ernst und sagt ihm das auch. Er relativiert diese Aussage und sagt, er wünsche sich sehr, dass sie seine Freundin sei. Drohungen oder Grenzverschiebungen ordnet sie nicht als solche ein.

Warum die Strategie wirkt

Das Mädchen beschreibt, dass sie ihren eigenen Körper nicht schön findet. In der Schule hat sie Mobbing erlebt. Die täglichen Komplimente, die Aufmerksamkeit und das Gefühl, gesehen zu werden, wirken auf sie bestätigend. Sie vertraut ihm. Ein Teil von ihr hofft weiterhin, dass er tatsächlich 19 Jahre alt ist.

Die Aufdeckung und der Bruch

Herauskommt alles, als ihre Mutter ihr Handy überprüft. Sie verteidigt ihn, sagt, sie liebt ihn und er sei ihr wichtig. Die Mutter entzieht ihr das Handy, sie darf aktuell nur noch Whats App nutzen – zu sehr ist die Angst, dass es wieder passiert. Die Gespräche dauern 14 Tage, bis sie zu mir in die Beratung kommen. 

Scham, Angst und die Sorge vor Weiterverbreitung

Im Nachhinein setzen belastende Gefühle ein. Sie empfindet Scham, Ekel und Angst. Besonders die Angst, dass die Bilder verbreitet werden könnten, beschäftigt sie. Gleichzeitig glaubt sie nicht wirklich, dass er das tun würde. Auf Nachfrage sagt sie, dass er jedoch möglicherweise die Bilder mit einem anderen Gerät abfotografiert haben könnte. Sie weiß, dass Snapchat Screenshots anzeigt.

Aktuell versucht sie, das Geschehene emotional auf Abstand zu halten. Sie beschreibt, dass sie versucht, nicht ständig daran zu denken und den Alltag normal weiterzuführen.

Ein Smartphone mit leuchtendem Snapchat-Logo steht nachts auf nassem Asphalt in einer dunklen Gasse, die Umgebung ist unscharf und kühl beleuchtet und erzeugt eine düstere Stimmung.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Kein Einzelfall: Vorbelastung durch andere Plattformen

In Gesprächen mit ihrer Tochter erfuhr die Mutter, dass ihre Tochter bereits zuvor über Plattformen wie Omegle TV mit sexualisierten Inhalten konfrontiert worden war. Das Mädchen hatte dort Videos von Selbstbefriedigung gesehen und unaufgefordert sogenannte Dickpics von erwachsenen Männern erhalten. Genau vor diesen Inhalten hatte die Mutter immer wieder Sorge geäußert.

Der rechtliche Schritt

Die Familie entscheidet sich, Anzeige zu erstatten. Das Mädchen sagt zweieinhalb Stunden bei der Polizei aus. Die Ermittlungen laufen derzeit.

Für Eltern und Kinder ist dieser Fall besonders wichtig, weil er kein Ausnahmefall ist. Er zeigt ein typisches Vorgehen. Täter bauen zunächst Beziehung und Vertrauen auf, zeigen Interesse, machen Komplimente und geben dem Kind das Gefühl, besonders zu sein. Erst danach verschieben sie schrittweise Grenzen. Die Sexualisierung erfolgt nicht immer abrupt, sondern häufig eingebettet in Nähe und scheinbare Zuwendung.

Was dieser Fall zeigt

Kinder reagieren auf Aufmerksamkeit, Anerkennung und emotionale Bindung. Genau das nutzen Täter aus.

Eltern können schützen, indem sie ansprechbar bleiben, ohne Vorwürfe reagieren und ihrem Kind klar vermitteln: Du bist nicht schuld. Du hast nichts falsch gemacht. Wir kümmern uns gemeinsam darum.

Im Gespräch beginnt sie zu weinen, als ihr bewusst wird, wofür Täter solche Bilder nutzen. In diesem Moment wird ihr klar, dass ihr Vertrauen gezielt ausgenutzt wurde. Sie sagt selbst, dass sie das Erlebte bislang noch nicht verarbeitet hat.

Was Kinder brauchen und was Eltern leisten können

Ergänzend wird deutlich, dass die Kindesmutter lange versucht hatte, sich gegen die Nutzung von Snapchat zu wehren. Das Mädchen erhielt den Zugang erst mit 13 Jahren. Die Mutter ging davon aus, ihr Kind altersgerecht zu schützen und Risiken klar benannt zu haben. Sie habe bis zu dem Vorfall eigentlich das Gefühl gehabt zu haben, ihre Tochter ausreichend über Gefahren, Grenzverletzungen und Risiken aufgeklärt zu haben.

Als in der Beratung gezeigt wurde, wozu künstliche Intelligenz inzwischen fähig ist – etwa bei Bildmanipulation, Täuschung, Altersverfälschung oder der Weiterverwendung von Bildmaterial – räumte die Kindesmutter ein, dass sie dieses Ausmaß nicht gekannt habe. Auch die Tochter habe diese Dimensionen nicht verstanden.

Wenn selbst gut informierte Eltern an Grenzen stoßen

Dieser Teil des Falles macht deutlich, dass selbst sehr engagierte und vorsichtige Eltern an Grenzen stoßen können. Die digitale Realität entwickelt sich schneller, als viele Aufklärungsgespräche Schritt halten können. Kinder bewegen sich in digitalen Räumen, die für Erwachsene häufig nur eingeschränkt einsehbar sind.

Für Eltern bedeutet das nicht, versagt zu haben. Es bedeutet, dass Schutz heute nicht allein über Verbote, Altersfreigaben oder technische Einstellungen funktioniert. Entscheidend ist, immer wieder im Gespräch zu bleiben, konkrete Inhalte zu thematisieren und auch eigenes Nichtwissen offen zu benennen.

Digitale Realität und elterliche Verantwortung heute

Kinder brauchen Erwachsene, die nicht alles wissen, aber bereit sind hinzuschauen, zuzuhören und ernst zu nehmen, was sie erzählen. Gerade nach solchen Vorfällen ist es wichtig, Schuld nicht beim Kind zu suchen, sondern gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, Schutz zu organisieren und Hilfe in Anspruch zu nehmen.

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