Schulische Medienbildung ist Zufall

Portrait des Journalisten Christian Füller

Christian Füller

Journalist & Moderator

Gastbeitrag von Christian Füller, Journalist, Moderator und Buchautor mit Schwerpunkt Bildung, digitaler Transformation und sexualisierter Gewalt (gegen Kinder). Er schreibt unter anderem für den Tagesspiegel Background Digitalisierung & KI und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie gut Schulen Kinder auf eine digitale Welt vorbereiten.

Gern werden die Eltern dafür gerügt, dass sie sich nicht genug um die mediale Bildung ihrer Kinder in Zeiten von Social Media und KI kümmern.

Nun kommt durch eine Umfrage heraus: die Informatik und Medienpädagogik sind die Stiefkinder der Schulminister. Ein Fach Medienbildung gibt es strenggenommen gar nicht.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Stell’ Dir vor, alle wollen Fakenews, Social-Media-Sucht und KI durch mehr Medienbildung begegnen, aber fast keiner der Schulminister will das. Die große Mehrheit der Bundesländer wird Medienbildung jedenfalls weder zeitlich aufwerten noch ein eigenständiges Regelfach dafür einrichten. Das ist das Ergebnis einer Abfrage bei den 16 Schulministerien. Nur drei Länder, Bayern, Hessen und Bremen, gaben an, sie wollten sich für mehr Zeit für Medienbildung in den Schulen stark machen.

Ein eigenständiges Fach Medienbildung, wie etwa die „digitale Grundbildung“ in Österreich, gibt es bislang nur in fünf Ländern. Zwei davon, Hessen und Baden-Württemberg, befinden sich im Status eines Pilotprojekts. Viele Länder berufen sich in ihrer Ablehnung eines Regelfachs Medienbildung auf ein zehn Jahre altes Papier der Kultusministerkonferenz. Es heißt „Bildung in der digitalen Welt“ und dort steht geschrieben:

„Kompetenzen für ein Leben in einer digitalen Welt gehen über notwendige informatische Grundkenntnisse weit hinaus und betreffen alle Unterrichtsfächer. Sie können daher keinem isolierten Lernbereich zugeordnet werden.“

Informatik wiederum wird als Pflichtfach in vielen Ländern gerade erst eingeführt, meistens schrittweise. Es dauert in der Regel Jahre, ehe alle SchülerInnen davon profitieren.


Jugendliche: 1 Stunde Medienbildung im Klassenraum vs. 65 Stunden private Bildschirmzeit

Lehrerin steht vor einer Tafel mit der Aufschrift „Medienbildung – 1 Stunde pro Woche“, während mehrere Jugendliche im Klassenraum aufmerksam zuhören.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Für eine führende Industrienation sind diese Befunde im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz nicht unproblematisch. Wie sollen SchülerInnen die komplexen Herausforderungen etwa beim Prompten oder dem problematischen Umgang mit der KI als Kumpel kontrollieren, wenn die Schule sie darüber nicht aufklärt?

Grob gerechnet findet in deutschen Schulen eine Stunde Medienbildung pro Woche statt. Dagegen steht bei Jugendlichen eine wöchentliche Bildschirmzeit von 65 Stunden. 1:65. Ob das für einen souveränen Umgang mit digitalen Medien ausreicht?

Aber es gibt noch ein zweites, viel größeres Problem. Gerade wird die medienpädagogische Lage der Nation angesichts von Handyverboten und Altersgrenzen für soziale Medien heftig diskutiert. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) lässt keine Zweifel daran, ein Mindestalter für die Nutzung sozialer Medien einzuführen. CDU und SPD haben entsprechende Beschlüsse bereits gefasst. In der Debatte herrscht größte Uneinigkeit, bis auf einen Punkt: Alle Seiten fordern mehr und bessere Medienbildung. Allein, die wird es nicht geben.


AG Medienkompetenz teils nicht bekannt

Sogar Karin Prien will eine Vielzahl außerschulischer medienpädagogischer Projekte, mindestens vorläufig, streichen. Es käme nun also auf die Länder an, die schulische Medienbildung für eine digitale Welt an ihren Schulen entschlossen auszuweiten.

Die Bildungsministerkonferenz (BMK) hat dazu tatsächlich eine „Erklärung über die Stärkung der Medienkompetenz“ angekündigt. BMK-Präsidentin Anna Stolz (Bayern, Freie Wähler) wird diese AG selbst leiten. Sie sagte wörtlich:

„Ist dafür auch genügend Zeit und Raum vorhanden?“

Und gab sich darauf selbst die Antwort:

„Das ist nicht so.“

Allerdings ist die Einsetzung der Präsidentinnen-AG zur Medienbildung bei einigen Ländern noch gar nicht angekommen. Auf die entsprechende Anfrage reagierten mehrere Häuser verdutzt. Sie fragten zurück, was es mit dieser AG Medienkompetenz denn auf sich habe.

Die Social-Media-Kommission von Bildungsministerin Karin Prien hat zur Medienbildung der Länder eine klare Haltung: Sie hält sie für unzureichend. In ihrem ersten Papier dazu hatte die Kommission festgehalten, dass es keine zuverlässige Medienbildung an deutschen Schulen gebe.

„Vielmehr scheint es dem Zufall überlassen zu sein, ob ein Kind im richtigen Bundesland, an der richtigen Schule mit der richtigen Lehrkraft zusammenkommt, die über die entsprechenden Fähigkeiten verfügt.“


Basiscurriculum: Neun Jahre bis ins Klassenzimmer

Die Länder sind von solch höchstgutachterlicher Kritik nicht angekränkelt. Sie gehen davon aus, „dass Schülerinnen und Schüler kontinuierlich und altersgerecht digitale sowie medienbezogene Kompetenzen erwerben – von der Grundschule bis zum Abitur.“ So formulierte es etwa der Sprecher von Berlins Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU).

Das oberste Prinzip der Länder lautet dabei, „kein eigenständiges Fach ‚Medienbildung‘ einzuführen, sondern auf eine fächerübergreifende Integration in sämtlichen Fächern als verbindliche Querschnittsaufgabe zu setzen.“ So sagte es die Sprecherin des Schulministeriums Schleswig-Holsteins. Diese Mainstreaming-Methode heißt im Fachjargon Basis- oder Rahmencurriculum.

Ein Blick auf das Basiscurriculum Medienbildung zeigt jedoch, wie lange es dauern kann, bis Aufklärung über soziale Medien, Algorithmen und Künstliche Intelligenz in den Schulbänken ankommt. Bremen etwa verkündete 2025, die Kompetenzen des KMK-Papiers „Bildung in der digitalen Welt“ in seine Stundenpläne eingepflegt zu haben, neun Jahre, nachdem die Kultusminister das Papier verabschiedet hatten.

In Sachsen-Anhalt dauerte es acht Jahre, ehe der Rahmenplan „Lernen in der digitalen Welt“ verbindlich in die Klassen 5 bis 8 kam. Angesichts von KI-Innovationen im Monatsrhythmus scheint das keine ambitionierte Reformgeschwindigkeit zu sein.

Immerhin, es gibt Ausnahmen: Berlin, Sachsen und das Saarland haben die medienpädagogischen Kompetenzen bereits 2017 bzw. 2019 in ihre Lehrpläne geschrieben.

Allerdings haben die Bundesländer ein grundsätzliches Problem. Es fällt ihnen objektiv schwer, ihre SchülerInnen zügig mit digitalen und informatischen Kompetenzen zu versorgen. Denn sie müssen für ein Regelfach erst umfangreiche Fortbildungen anbieten, um genug Lehrkräfte für ein Pflichtfach aufbieten zu können. Das zeigt das Beispiel Informatik.


Informatik: viele fangen jetzt erst an

  • Drei Länder unterrichten Informatik schon lange: Sachsen seit 1992, Bayern seit 2004 und Mecklenburg-Vorpommern seit 2019.

  • Sieben Länder sind noch damit beschäftigt, Informatik als verbindliches Regelfach einzuführen: NRW (2021), Niedersachsen, Saarland (seit 2023), Schleswig-Holstein (seit 2024), Rheinland-Pfalz, Hamburg (seit 2025), Bremen (ab 2027).

  • Fünf Länder integrieren Informatik in Mischfächer: Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Hessen und ganz neu Baden-Württemberg.

  • Zwei Länder haben Informatik gar nicht als Regelfach: Berlin und Brandenburg.

Die meisten Länder können Informatik also nur aufwachsend einführen. Das bedeutet, Jahr um Jahr eine neue Jahrgangsstufe hinzuzunehmen. Im Saarland sieht das dann so aus, dass es bis zum kommenden Schuljahr dauert, ehe das Regelfach Informatik auch in der zehnten Klasse angekommen ist.

In Bremen geht es erst 2027 überhaupt los, in Rheinland-Pfalz dauert es bis 2028. Ausgerechnet im High-Tech-Land Baden-Württemberg wird es erst 2031 Informatik als Pflicht geben, eingebettet in das Mischfach „Medienbildung und Informatik“.

Medienzeit-Infografik mit Deutschlandkarte zeigt den unterschiedlichen Stand von Informatik als Schulfach in den Bundesländern, von bereits eingeführtem Regelfach bis zu fehlender Pflicht.

Infografik generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)


Digitale Welt und andere Mischfächer

Trotz der verbreiteten Ablehnung eines eigenständigen Fachs für Medienbildung experimentieren eine Reihe von Ländern mit einer solchen Variante. In Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Baden-Württemberg heißt das Fach „Medienbildung und Informatik“. Sachsen-Anhalt nennt es „Lernen in der digitalen Welt“ und sieht es zugleich als „durchgängig konzipiertes Fach“. In Hessen heißt das Pilotfach „Digitale Welt“.

Die „Digitale Welt“ zeigt das Grundsatzproblem der Kultusminister. Hessen hat dieses Fach mit großer Pose 2023 eingeführt. Es hat derzeit den Status eines Pilotversuchs an 80 Schulen in den Klassen 5 und 6. Ein schnelles Hochwachsen kann das Land aber nicht gewährleisten. Weder das Personal noch das Geld ist dafür vorhanden.

Also wendet Hessens Schulminister Armin Schwarz (CDU) einen Trick an: Er gibt „Digitale Welt“ nun für 600 Schulen frei, die Ganztagsangebote machen.

Das bedeutet einerseits, er kann das Fach mit Hilfe externer Fachleute prinzipiell schneller in die Breite bringen. Andererseits wird „Digitale Welt“ dadurch gar nicht erst Pflichtfach, sondern es geht in den Status über, den die Prien-Kommission als Kennzeichen von Medienbildung an deutschen Schulen bezeichnet:

Es ist dann Zufall, ob ein hessischer Schüler eine exzellente Medienpädagogik genießt oder gar keine.

Im Tagesspiegel Background Digitalisierung & KI ist eine kurze Variante dieses Textes zuerst erschienen.

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