Smartglasses: Sechs Risiken, die noch kaum jemand auf dem Schirm hat
Foto: Christoph Hipp
Gastbeitrag von Christoph Hipp
Smartphones werden inzwischen an vielen Schulen verboten, eingesammelt oder in Boxen gesperrt. Was dabei noch kaum jemand diskutiert: Die Schülerinnen und Schüler, die in den Klassen sitzen, tragen vielleicht eine Kamera auf der Nase. Nicht sofort erkennbar. Eine Brille.
Nach Jahren in der IT-Sicherheit erlebe ich regelmäßig, dass neue Technologien zuerst genutzt werden und Regeln dafür erst Jahre später kommen. Bei Smartglasses sind wir genau an diesem Punkt. Die Geräte sind im Massenmarkt angekommen, erschwinglich und unauffällig. Das Bewusstsein dafür, was sie können und was sie ermöglichen, hinkt weit hinterher.
Die ersten Schulen reagieren bereits und schließen Smartglasses aus. Die meisten aber haben das Thema noch gar nicht auf dem Zettel.
Was Smartglasses sind und was sie können
Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)
Smartglasses sind Brillen mit eingebauter Kamera, Mikrofon, Lautsprecher und Internetverbindung. Das bekannteste Modell derzeit: die Ray-Ban Meta Smart Glasses, eine Kooperation zwischen Meta und dem Brillenhersteller Ray-Ban. Zum Preis ab etwa 299 Euro sehen sie aus wie eine ganz normale Sonnenbrille.
Sie können Fotos und Videos aufnehmen mit einem einfachen Knopfdruck am Bügel. Ohne das Handy herausnehmen zu müssen. Ohne den Blick zu senken. Ohne irgendetwas zu tun, das nach „Filmen“ aussieht.
Neuere Modelle wie die kürzlich vorgestellte Ray-Ban Meta Display haben zusätzlich ein ins Glas integriertes Display, das dem Träger Informationen, KI-Antworten und Navigation direkt ins Sichtfeld einblendet. Und eine KI-Funktion, die auf Sprachbefehl aktiviert wird und die Umgebung in Echtzeit analysiert.
Für viele klingt das nach Zukunft. Für Eltern und Schulen ist es längst Gegenwart, ob sie es wissen oder nicht.
1. Ein Knopfdruck und niemand merkt es
Das grundlegende Problem bei Smartglasses ist nicht die Technologie. Es ist die Unsichtbarkeit.
Wer mit dem Smartphone filmt, muss das Gerät herausnehmen, entsperren, die Kamera öffnen und dann sichtbar vor sich halten. Das ist auffällig. Wer mit einer Smartbrille filmt, drückt einen kleinen Knopf am Brillenbügel, während er weiter geradeaus schaut, am Tisch sitzt, ein Gespräch führt oder im Unterricht ist.
Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)
Aus technischer Sicht ist der Aufnahmevorgang absichtlich so gestaltet: Eine einzelne Taste am Bügel löst Fotos oder Videos aus. Sprachbefehle wie „Hey Meta, mach ein Foto“ funktionieren ebenfalls lautlos. Für Umstehende klingt das wie ein kurzes Murmeln.
Das aufgenommene Material wird direkt mit der zugehörigen App auf dem Smartphone synchronisiert und kann von dort mit wenigen Tippen geteilt, hochgeladen oder weitergeleitet werden.
Die Kamera sitzt in der Brillenfassung genau in Blickhöhe des Trägers. Was gefilmt wird, ist buchstäblich das, was derjenige sieht. Das Klassenzimmer. Die Mitschüler. Die Prüfungsaufgaben. Das Gespräch im Lehrerzimmer.
Was hilft: Kinder und Jugendliche, aber auch Lehrkräfte, brauchen ein Bewusstsein dafür, dass eine Brille heute keine neutrale Sehhilfe mehr sein muss. Das gilt im Schulalltag genauso wie im Sportumkleideraum oder auf Klassenfahrten.
2. Die LED und wie man sie überlistet
Meta hat auf Kritik von Datenschutzbehörden reagiert und eine Aufnahme-LED eingebaut: Ein kleines weißes Lämpchen am Brillenrahmen leuchtet auf, wenn die Kamera aktiv ist.
Damit sollen Umstehende erkennen können, ob sie gefilmt werden. In der Praxis ist das jedoch nicht zuverlässig. Bei hellem Sonnenlicht oder Gegenlicht ist die LED schwer zu erkennen. Außerdem wird sie oft nur im direkten Blickkontakt wahrgenommen.
Technisch geht das Problem noch weiter: Der Schutzmechanismus kann umgangen werden. Es gibt bereits Lösungen, die LED dauerhaft zu deaktivieren. Auch kleine Aufkleber, die exakt über die LED passen, sind im Umlauf.
Das bedeutet: Der einzige sichtbare Hinweis auf eine Aufnahme lässt sich mit einfachen Mitteln außer Kraft setzen.
Was hilft: Nicht darauf vertrauen, dass eine fehlende LED bedeutet, dass keine Aufnahme läuft.
3. Der blinde Fleck in Sicherheitsbereichen
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Ein Beispiel aus der Praxis zeigt das Problem deutlich: In einem Unternehmen mit hohen Sicherheitsanforderungen mussten alle offensichtlichen Geräte abgegeben werden. Die Brille blieb unbeachtet.
Smartglasses fallen in viele bestehende Sicherheitskonzepte schlicht nicht hinein. Sie sehen aus wie Alltagsgegenstände.
Aufnahmen können lokal gespeichert und erst später synchronisiert werden. Es gibt keinen sichtbaren Datenfluss, der auffällt. Das gilt auch für Schulen: Prüfungen, Gespräche, Konflikte oder vertrauliche Situationen können dokumentiert werden, ohne dass es jemand bemerkt.
Was hilft: Regeln müssen ausdrücklich alle Geräte mit Aufnahmefunktion einschließen, nicht nur Smartphones.
4. Datenschutz: Was wirklich mit den Aufnahmen passiert
Wer eine Smartbrille nutzt, ist in der Regel an einen Account gebunden. Aufnahmen werden mit Apps synchronisiert und können an Server übertragen werden. Personen, die gefilmt werden, haben in der Praxis kaum Möglichkeiten, ihre Rechte wahrzunehmen. Sie wissen oft nicht einmal, dass sie aufgenommen wurden.
Hinzu kommt: Das Mikrofon nimmt Gespräche im Umfeld auf, teilweise in einem Radius von mehreren Metern und ohne sichtbaren Hinweis.
Was hilft: Kinder sollten verstehen, dass das Recht am eigenen Bild auch hier gilt und dass Daten schnell außerhalb der eigenen Kontrolle landen.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
5. Die First-Person-Perspektive
Smartglasses nehmen aus der Perspektive des Trägers auf. Das bedeutet: Alles, was jemand anschaut, kann im Bild landen. Gerade in sensiblen Situationen wird das problematisch, etwa in Umkleiden, im öffentlichen Raum oder im Schulalltag.
Diese Perspektive hat auch sinnvolle Anwendungen, etwa in der Medizin oder als Assistenztechnologie. Gleichzeitig macht sie Aufnahmen schwer erkennbar und damit besonders heikel.
Was hilft: Aufklärung darüber, wie diese Art von Aufnahmen funktioniert und warum sie schwer zu entdecken ist.
6. KI und Gesichtserkennung: Was heute schon möglich ist
Technisch ist es bereits möglich, Smartglasses mit Gesichtserkennung und KI zu kombinieren.
Experimente zeigen: Gesichter können erkannt und mit öffentlich verfügbaren Informationen verknüpft werden. Teilweise in Echtzeit. Auch wenn Hersteller diese Funktionen nicht standardmäßig integrieren, lässt sich die Technologie mit bestehenden Tools kombinieren.
Für Schulen bedeutet das: Identifikation von Personen kann theoretisch automatisiert im Alltag stattfinden.
Was hilft: Das Thema frühzeitig adressieren und nicht erst reagieren, wenn es zum Problem wird.
Smartglasses helfen beim Betrügen in Klassenarbeiten / Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Was das im Schulalltag bedeutet
Schulen haben in den letzten Jahren viel Aufwand betrieben, um Smartphones zu regulieren. Das war richtig und wichtig.
Aber die nächste Gerätekategorie ist bereits da und fällt durch viele bestehende Regelungen.
Eine Schulordnung, die nur Smartphones und Tablets nennt, greift zu kurz.
Smartglasses werden zunehmend verbreitet sein. Umso wichtiger ist es, jetzt klare Regeln zu schaffen. Nicht aus Ablehnung gegenüber Technologie, sondern um geschützte Räume zu erhalten.
Kurz zusammengefasst
Smartglasses sind keine Zukunftstechnologie. Sie sind verfügbar, erschwinglich und im Alltag kaum von einer normalen Brille zu unterscheiden. Aufnahmen sind schwer erkennbar. Schutzmechanismen sind unsicher. Datenschutzrechte lassen sich praktisch kaum durchsetzen.
Was Eltern und Schulen jetzt brauchen:
Smartglasses in Schulordnungen ausdrücklich benennen.
Kinder über die Funktionsweise und Risiken aufklären.
Und gemeinsam dafür sorgen, dass Schule ein Ort bleibt, an dem niemand heimlich aufgenommen wird.