12 Gründe, warum dein Kind niemals Snapchat nutzen sollte

Zählmarke

Eltern haben häufig ein völlig falsches Bild von Snapchat und wissen zugleich viel zu wenig darüber, wie das soziale Netzwerk heute funktioniert. Viele sehen darin einen vergleichsweise harmlosen Messenger. Kinder verschicken Fotos, schreiben mit ihren Freunden und verabreden sich für den Nachmittag. Deshalb entsteht schnell der Eindruck, Snapchat sei weniger problematisch als TikTok oder Instagram.

Schließlich verschwinden die meisten Bilder und Nachrichten nach kurzer Zeit wieder und der Austausch scheint vor allem im eigenen Freundeskreis stattzufinden. Genau dieses Bild macht Snapchat für Eltern so schwer einzuschätzen. Denn die App ist längst weit mehr als ein Messenger. Sie verbindet private Chats mit öffentlichen Inhalten, algorithmischen Empfehlungen, Kontaktvorschlägen, Standortfunktionen, Belohnungssystemen und einem integrierten KI-Companion.

Wie groß die Risiken tatsächlich sind, zeigen zwei neue Untersuchungen der US-amerikanischen Heat Initiative aus dem Jahr 2026. Für den Bericht „The Hidden Dangers of Snapchat for Kids: Experiences of Snapchat Users Ages 10–17“ wurden 1.000 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren zu ihren Erfahrungen auf Snapchat befragt.

Für die zweite Untersuchung „Everybody Got Demons, I Use Drugs to Quiet Mine: One Week on Snapchat as a Seventh Grader“ legten die Forschenden zwei neue Snapchat-Konten an, registrierten diese als 13-jährige Kinder und beobachteten zwölf Stunden lang ausschließlich Inhalte, die Snapchat automatisch empfahl.

Was die beiden Testkonten in dieser kurzen Zeit zu sehen bekamen, sollte alle Eltern nachdenklich machen. Die Forschenden dokumentierten unter anderem sexuelle Inhalte, Gewaltvideos, Drogenbeiträge, Inhalte über Selbstverletzung sowie Kontaktvorschläge fremder Erwachsener. Entscheidend ist dabei, dass die Testkonten nicht gezielt nach solchen Inhalten suchten. Snapchat spielte sie automatisch aus.

Jugendliche sitzt abends auf dem Sofa und hält ein Smartphone mit geöffnetem Snapchat in der Hand. Das helle Display leuchtet im abgedunkelten Zimmer und verdeutlicht die intensive Nutzung sozialer Medien im Alltag von Kindern und Jugendlichen.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Snapchat ist bei Jugendlichen wieder wichtiger geworden

Snapchat ist in Deutschland keineswegs auf dem Rückzug. Die JIM-Studie 2025 zeigt, dass die App für Jugendliche sogar wieder an Bedeutung gewonnen hat. 56 Prozent der 12- bis 19-Jährigen nutzten Snapchat regelmäßig. Bei der Frage nach den drei wichtigsten Apps lag Snapchat mit 24 Prozent erstmals seit 2017 wieder auf dem dritten Platz und damit knapp vor TikTok.

Das ist relevant, weil die App dadurch in Schulklassen und Freundeskreisen eine starke soziale Bedeutung bekommt. Sobald ein großer Teil einer Klasse Snapchat nutzt, entsteht bei den übrigen Kindern schnell das Gefühl, wichtige Gespräche, Verabredungen oder gemeinsame Erlebnisse zu verpassen.

Eltern stehen dann vor einer schwierigen Entscheidung. Sie möchten ihr Kind schützen, aber gleichzeitig verhindern, dass es sozial ausgeschlossen wird. Genau dieser Druck ist einer der Gründe, warum Snapchat so früh auf vielen Smartphones landet.

Die neuen Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Risiken nicht erst dann beginnen, wenn ein Kind bewusst nach problematischen Inhalten sucht. Viele Gefahren entstehen bereits bei einer ganz gewöhnlichen Nutzung der App.


1. Snapchat empfiehlt Kindern fremde Erwachsene

Snapchat erklärt, dass Konten von Jugendlichen standardmäßig privat seien und Minderjährige grundsätzlich nur mit gegenseitig bestätigten Freunden oder bereits gespeicherten Kontakten kommunizieren könnten. Gleichzeitig besitzt die App jedoch Funktionen, über die neue Kontakte vorgeschlagen werden.

Infografik erklärt die Snapchat-Flamme (Snapstreak), den täglichen Nutzungsdruck sowie die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche durch Belohnungssysteme und soziale Verpflichtungen.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

In der Befragung der Heat Initiative berichteten 51 Prozent der 10- bis 17-Jährigen, dass ihnen über die Funktion „Freunde finden“ Profile von Personen vorgeschlagen wurden, die sie im wirklichen Leben nicht kannten. Weitere neun Prozent waren sich nicht sicher, ob sie die vorgeschlagenen Personen kannten.

Unter den Jugendlichen, die fremde Profile vorgeschlagen bekamen, vermuteten 35 Prozent, dass es sich dabei um Erwachsene handelte. Weitere 30 Prozent konnten das Alter nicht einschätzen.

Auch die beiden als 13-Jährige registrierten Testkonten erhielten Vorschläge für unbekannte Erwachsene, obwohl die Geräte neu waren und keine gemeinsamen Kontakte bestanden. Unter den empfohlenen Profilen befanden sich Accounts, die zu pornografischen Seiten führten, sowie Profile, über die Cannabisprodukte angeboten wurden.

Snapchat kann also auf der einen Seite darauf verweisen, dass Jugendliche nur Nachrichten von bestätigten Kontakten erhalten. Auf der anderen Seite schlägt die Plattform ihnen Personen vor, die sie überhaupt nicht kennen. Akzeptiert ein Kind einen solchen Kontakt, kann die fremde Person anschließend direkt mit ihm kommunizieren.

Für Täter ist genau dieser Moment entscheidend. Aus einem scheinbar unverbindlichen Kontaktvorschlag kann innerhalb kurzer Zeit ein privater Chat werden, den Eltern weder sehen noch nachvollziehen können.


2. Fremde Personen schreiben Kinder direkt an

36 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen berichteten, innerhalb des vergangenen Jahres unerwünschte Nachrichten oder Kontaktversuche auf Snapchat erhalten zu haben. Damit waren unerwünschte Kontakte das am häufigsten genannte Problem der gesamten Untersuchung.

Infografik zur Snapchat Snap Map mit Darstellung der Standortfreigabe sowie möglicher Risiken wie Nachverfolgung, Belästigung und Preisgabe persönlicher Bewegungsdaten.

Beispiel einer Kontaktliste. Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Mehr als 90 Prozent dieser Nachrichten kamen von Personen, die die Kinder nicht kannten. Rund ein Viertel der Betroffenen berichtete, dass die Nachrichten sexuelle Bilder, Beleidigungen, Spam, Mobbing oder Aufforderungen zum Verschicken von Nacktbildern enthielten.

85 Prozent der unerwünschten Kontakte fanden über direkte Snaps oder Chats statt. Gerade diese Bereiche halten Eltern häufig für vergleichsweise sicher, weil sie davon ausgehen, dass dort ausschließlich bekannte Freunde miteinander kommunizieren.

Das Problem besteht darin, dass Eltern meist nicht sehen können, wer ihr Kind kontaktiert, was geschrieben wurde und welche Inhalte verschickt wurden. Viele Nachrichten und Bilder verschwinden nach dem Öffnen automatisch. Das erzeugt bei Kindern ein Gefühl von Privatheit und Spontaneität, erleichtert aber gleichzeitig Grenzüberschreitungen.

69 Prozent der betroffenen Jugendlichen beschrieben die unerwünschten Kontakte als unangenehm. 36 Prozent fühlten sich dadurch verstört und mehr als ein Drittel berichtete von Angstgefühlen.


3. Snapchat ist ein zentraler Tatort sexualisierter Gewalt

Eine aktuelle Untersuchung des Canadian Centre for Child Protection (Link zum Artikel auf Medienzeit) zeigt besonders deutlich, welche Rolle Snapchat bei sexualisierter Gewalt im Internet spielt.

Für die Studie wurden Jugendliche zu ihren Erfahrungen mit verschiedenen Formen digitaler sexueller Gewalt befragt. Dazu gehörten unter anderem sexuelle Belästigung, das unerlaubte Weitergeben intimer Bilder, sexuelle Erpressung und andere Formen sexualisierter Übergriffe.

Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)

39 Prozent der betroffenen Jugendlichen gaben an, dass die sexuelle Viktimisierung auf Snapchat stattgefunden hatte. Damit wurde Snapchat häufiger genannt als jede andere Plattform. Instagram und Facebook folgten mit jeweils 20 Prozent. Snapchat wurde also fast so häufig genannt wie die beiden nächstplatzierten Plattformen zusammen. Bei den betroffenen Mädchen lag der Anteil sogar bei 46 Prozent.

Vereinfacht gesagt nannten rund vier von zehn betroffenen Jugendlichen Snapchat als einen Tatort ihrer sexuellen Viktimisierung.

Die Studie zeigt außerdem, dass 86 Prozent der sexualisierten Übergriffe in privaten Kommunikationsräumen stattfanden. Genau dort liegt ein zentrales Problem von Snapchat. Die App vermittelt den Eindruck, private Chats seien geschützte Bereiche. Für Täter können gerade diese schwer einsehbaren Räume jedoch besonders attraktiv sein.

Auch eine Untersuchung von Thorn aus dem Jahr 2024 kam zu dem Ergebnis, dass Snapchat und Instagram zu den am häufigsten genutzten Plattformen bei finanziell motivierter Sextortion gehören.

Diese Erkenntnisse bedeuten nicht, dass jeder junge Snapchat-Nutzer Opfer sexualisierter Gewalt wird. Sie zeigen aber, dass die Plattform bei entsprechenden Fällen auffallend häufig eine Rolle spielt.


4. Sextortion ist auf Snapchat kein seltenes Ausnahmephänomen

Sextortion bezeichnet eine Form digitaler Erpressung. Täter bringen Kinder oder Jugendliche dazu, intime Bilder zu verschicken, und drohen anschließend damit, diese Bilder an Freunde, Mitschüler oder Familienmitglieder weiterzuleiten. Häufig fordern sie Geld oder weitere Bilder.

Dabei geben sich Täter oft als gleichaltrige Jugendliche aus. Sie bauen Vertrauen auf, flirten und erzeugen gezielt Zeitdruck. Sobald ein Bild verschickt wurde, verändert sich der Ton. Aus dem vermeintlichen Flirt wird eine Erpressung.

Vier Prozent der in der Heat-Initiative-Studie befragten Snapchat-Nutzer im Alter zwischen 10 und 17 Jahren berichteten, bereits Sextortion auf der Plattform erlebt zu haben. Bei queeren Jugendlichen lag der Anteil mit elf Prozent deutlich höher.

Die Autoren der Untersuchung verweisen zudem auf interne Unterlagen, die im Rahmen einer Klage des US-Bundesstaats New Mexico gegen Snap bekannt wurden. Demnach erhielten Beschäftigte des Unternehmens im Jahr 2022 ungefähr 10.000 Meldungen zu Sextortion pro Monat. Intern sei zugleich davon ausgegangen worden, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher lag, weil sich viele Opfer aus Scham oder Angst nicht melden.

Eine weitere Thorn-Studie aus dem Jahr 2025 zeigt, wie verbreitet sexuelle Erpressung unter jungen Menschen inzwischen ist. Ein Fünftel der befragten Jugendlichen gab an, bereits selbst betroffen gewesen zu sein. Die Untersuchung bezieht sich nicht ausschließlich auf Snapchat, macht aber deutlich, wie groß das gesamte Problem geworden ist.

Kinder geraten bei Sextortion häufig in eine Situation, die sie allein nicht bewältigen können. Sie glauben, einen schweren Fehler gemacht zu haben, und fürchten die Reaktion ihrer Eltern. Täter nutzen genau diese Angst.

Deshalb müssen Kinder unabhängig von einer Snapchat-Erlaubnis wissen, dass sie jederzeit zu ihren Eltern kommen können. Selbst dann, wenn sie gegen eine Regel verstoßen, ein Bild verschickt oder einen fremden Kontakt angenommen haben. Entscheidend ist, dass die Erpressung beendet und Hilfe geholt wird. Die Verantwortung liegt immer beim Täter, niemals beim Kind.


5. Sexuelle Inhalte erscheinen, ohne dass Kinder danach suchen

Ein Viertel der befragten 10- bis 17-Jährigen berichtete, im vergangenen Jahr sexuell anzügliche Inhalte oder Nachrichten auf Snapchat gesehen zu haben. Rund jedes achte Kind begegnete solchen Inhalten mindestens einmal pro Woche.

  • 60 Prozent der entsprechenden Inhalte erschienen in direkten Snaps oder Chats.

  • 47 Prozent wurden in Stories und 27 Prozent im Discover-Bereich gesehen.

  • Stories und Discover werden durch algorithmische Empfehlungen beeinflusst.

Besonders aufschlussreich ist das Ergebnis der beiden neu angelegten 13-jährigen Testkonten. Innerhalb von insgesamt zwölf Stunden empfahl Snapchat diesen Konten 244 Videos mit sexuellen Inhalten. Das entsprach durchschnittlich einem sexuellen Video alle drei Minuten.

Die Videos enthielten zwar keine vollständige Nacktheit, aber deutlich sexualisierte Sprache, nachgestellte sexuelle Handlungen und Darstellungen problematischer Beziehungen. In mehreren Videos wurden große Altersunterschiede, sexuelle Gewalt oder Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern angedeutet.

Die Konten hatten nicht gezielt nach Pornografie oder sexuellen Inhalten gesucht. Sie nutzten die App so, wie sie auch ein durchschnittlicher 13-Jähriger nutzen könnte, und folgten Profilen, die Snapchat selbst als interessant empfohlen hatte.

Das ist eine wichtige Erkenntnis für Eltern. Ein Kind muss nicht bewusst nach problematischen Inhalten suchen, damit diese auf seinem Bildschirm erscheinen. Die Plattform kann sie selbst in den Alltag hineintragen.

72 Prozent der Jugendlichen, die sexuelle Inhalte oder Nachrichten erlebt hatten, fühlten sich dadurch unwohl. Fast 40 Prozent beschrieben die Erfahrung als verstörend und ungefähr ein Drittel berichtete von Angstgefühlen.


6. Gewaltdarstellungen gehören zum normalen Nutzungserlebnis

Gewalt ist auf Snapchat ebenfalls kein Randphänomen.

Etwa jeder achte Jugendliche in der Befragung berichtete, grafische oder blutige Inhalte gesehen zu haben. Besonders häufig erschienen diese Inhalte in Stories. Mehr als die Hälfte der Betroffenen begegnete ihnen dort. Fast ebenso häufig wurden Gewaltdarstellungen in direkten Nachrichten oder Chats verschickt.

Während der zwölfstündigen Testphase empfahl Snapchat den beiden 13-jährigen Konten insgesamt 95 Videos, die Gewalt, Gangkriminalität oder anderes kriminelles Verhalten darstellten oder verherrlichten. Durchschnittlich erschien damit etwa alle sieben Minuten ein entsprechendes Video.

Nahaufnahme eines Smartphones mit geöffnetem Snapchat-Logo auf gelbem Bildschirm. Das Bild dient als Symbol für die Social-Media-Plattform Snapchat.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Zu sehen waren Aufnahmen realer Tötungen, blutige Tatorte, schwere Schlägereien und Videos über gefährliche Waffen. Einige Beiträge erklärten detailliert, welche Gegenstände als Waffen eingesetzt werden können oder wie sich bestimmte Waffen gefährlicher machen lassen.

Für Erwachsene kann ein solches Video bereits schwer zu verarbeiten sein. Kinder verfügen jedoch noch nicht über dieselben Möglichkeiten, Bilder einzuordnen und emotional auf Abstand zu halten.

Mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen, die gewalttätige Inhalte gesehen hatten, fühlte sich anschließend unwohl. Die Hälfte empfand die Inhalte als verstörend, fast ein Drittel berichtete von Angst und 16 Prozent sagten, die Erfahrung habe sie depressiv gemacht.

Dass Inhalte nach wenigen Sekunden weitergewischt werden können, bedeutet nicht, dass sie aus dem Kopf verschwinden. Einzelne Bilder können Kinder noch lange beschäftigen, ihren Schlaf beeinträchtigen oder Ängste auslösen, ohne dass Eltern den Zusammenhang erkennen.


7. Inhalte über Selbstverletzung und Suizid werden automatisch empfohlen

Sieben Prozent der befragten Jugendlichen berichteten, innerhalb eines Jahres Inhalte über Selbstverletzung oder Suizid auf Snapchat gesehen zu haben. Drei Prozent begegneten solchen Inhalten mindestens wöchentlich.

Bei den betroffenen Jugendlichen erschienen diese Inhalte besonders häufig in privaten Chats. 71 Prozent hatten sie dort gesehen. 58 Prozent begegneten ihnen in Stories und 17 Prozent im Discover-Bereich.

Auch die beiden Testkonten erhielten entsprechende Empfehlungen. Innerhalb von zwölf Stunden spielte Snapchat ihnen 53 Videos über Selbstverletzung, Suizid oder schwere depressive Gedanken aus. Das entsprach durchschnittlich einem Video alle 13 Minuten.

Einige Beiträge zeigten weinende Jugendliche oder beschrieben Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit. Andere spielten auf Selbstverletzung oder Suizid an. Solche Inhalte können bei psychisch belasteten Kindern starke Reaktionen auslösen und destruktive Gedanken normalisieren.

Fast die Hälfte der befragten Jugendlichen, die entsprechende Inhalte gesehen hatten, berichtete danach von Angstgefühlen. 31 Prozent sagten, die Inhalte hätten sie depressiv gemacht.

Das bedeutet nicht, dass jeder Beitrag über psychische Probleme automatisch gefährlich ist. Jugendliche brauchen Räume, in denen sie über Trauer, Einsamkeit und seelische Krisen sprechen können. Entscheidend ist jedoch, ob solche Gespräche verantwortungsvoll begleitet werden oder ob ein Empfehlungsalgorithmus emotional aufgeladene Inhalte an Kinder ausspielt, um ihre Aufmerksamkeit zu halten.


8. Drogen und Alkohol werden normalisiert und teilweise erklärt

17 Prozent der befragten Minderjährigen hatten auf Snapchat Inhalte, Nachrichten oder Angebote rund um Drogen und Alkohol gesehen. Rund jeder zwölfte junge Nutzer begegnete solchen Inhalten mindestens einmal pro Woche. Unter den Jugendlichen, die solche Inhalte gesehen hatten, berichteten 53 Prozent von konkreten Drogenangeboten oder davon, dass eine andere Person ihnen Drogen verkaufen wollte.

Die Testkonten erhielten innerhalb von zwölf Stunden 256 Videos über Drogen und Alkohol. Damit wurde durchschnittlich etwa alle drei Minuten ein entsprechender Beitrag angezeigt.

Zu sehen waren Videos über starken Alkoholkonsum, Cannabis, selbstgebaute Rauchgeräte und sehr junge Kinder, die offenbar Substanzen konsumierten. In einem Beitrag wurden einzelne Schritte zur Herstellung von Methamphetamin beschrieben, auch wenn die dargestellte Person bei ihrem Versuch scheiterte.

Besonders problematisch war, dass die Inhalte im Verlauf der Nutzung riskanter wurden. Je länger die Testkonten auf der Plattform aktiv waren, desto extremer wurden die Empfehlungen.

Wiederholte Darstellungen können Drogenkonsum normaler und alltäglicher erscheinen lassen, als er tatsächlich ist. Kinder sehen nicht nur Erwachsene beim Konsum, sondern Menschen ihres eigenen Alters oder sogar jüngere Kinder. Gleichzeitig werden riskante Verhaltensweisen häufig humorvoll, rebellisch oder cool inszeniert.

Fast zwei Drittel der betroffenen Jugendlichen fühlten sich durch Drogen- und Alkoholbeiträge unwohl. Mehr als ein Drittel empfand sie als verstörend und fast ein Fünftel berichtete von Angstgefühlen.


9. Mobbing kann unbemerkt und dauerhaft stattfinden

31 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen berichteten von Mobbing oder gemeinem Verhalten in Snapchat-Beiträgen oder Nachrichten. Damit war Mobbing nach unerwünschten Kontakten das zweithäufigste Problem in der Untersuchung.

Die Besonderheiten der Plattform können digitale Konflikte zusätzlich verschärfen. Bilder lassen sich spontan aufnehmen und verschicken. Nachrichten verschwinden. Screenshots, peinliche Aufnahmen oder intime Inhalte können dennoch gespeichert, weitergeleitet oder mit einem zweiten Gerät fotografiert werden.

Snapchat informiert Nutzer zwar häufig, wenn ein Screenshot angefertigt wurde. Diese Information verhindert jedoch nicht, dass das Bild bereits gespeichert ist. Auch ein Hinweis auf einen Screenshot hilft einem Kind wenig, wenn eine peinliche Aufnahme anschließend in einer Gruppe verbreitet oder zur Erpressung genutzt wird.

Hinzu kommt die Geschwindigkeit der Kommunikation. Konflikte, die früher am nächsten Schultag besprochen worden wären, können heute am Nachmittag beginnen und sich bis spät in die Nacht durch Klassenchats und private Gruppen ziehen.

Für Eltern ist Mobbing auf Snapchat schwer erkennbar. Es gibt möglicherweise keinen dauerhaft sichtbaren Nachrichtenverlauf. Das Kind wirkt morgens erschöpft, zieht sich zurück oder möchte nicht mehr zur Schule, während die auslösenden Inhalte längst verschwunden sind.


10. Die Flammen erzeugen täglichen sozialen Druck

Die sogenannten Flammen gehören zu den wirksamsten Bindungsmechanismen von Snapchat. Offiziell spricht das Unternehmen von Snapstreaks.

Eine Flamme entsteht, wenn zwei Nutzer an jedem Tag mindestens einen Foto- oder Video-Snap miteinander austauschen. Neben dem Flammensymbol erscheint eine Zahl, die zeigt, wie viele Tage die Serie bereits besteht. Wird der tägliche Austausch unterbrochen, endet die Serie. Snapchat bietet inzwischen sogar Möglichkeiten an, verlorene Flammen wiederherzustellen.

Aus einer einfachen Kommunikation wird dadurch eine tägliche Verpflichtung.

Kinder verschicken dann nicht unbedingt einen Snap, weil sie etwas mitteilen möchten. Sie schicken ein beliebiges Bild, eine dunkle Wand, den Fußboden oder einen Teil ihres Gesichts, damit die Serie nicht abbricht. Der Inhalt wird nebensächlich. Entscheidend ist, dass die Zahl weiter steigt.

Infografik erklärt die Snapchat-Flamme (Snapstreak), den täglichen Nutzungsdruck sowie die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche durch Belohnungssysteme und soziale Verpflichtungen.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Die JIM-Studie 2025 zeigt, wie verbreitet dieses Verhalten ist. 39 Prozent der jugendlichen Internetnutzer verwendeten die Flammen-Funktion mindestens täglich. Gegenüber 2024 war das ein Anstieg um sieben Prozentpunkte. Weitere 15 Prozent nutzten die Funktion mindestens einmal im Monat.

Eine Flamme kann für Kinder den symbolischen Wert einer Freundschaft annehmen. Je höher die Zahl, desto wichtiger scheint die Verbindung zu sein. Geht eine lange Serie verloren, kann das als persönliche Zurückweisung oder als Zeichen einer beschädigten Freundschaft erlebt werden.

Dadurch entsteht Druck, auch im Urlaub, bei Krankheit, während des Unterrichts oder spät am Abend Snaps zu verschicken. Manche Kinder geben sogar Freunden ihre Zugangsdaten, damit diese während einer Reise oder einer Smartphone-Pause die Flammen weiterführen.

Snapchat verwandelt Freundschaften damit in messbare Serien, die täglich gepflegt werden müssen. Genau solche Mechanismen sorgen dafür, dass Kinder immer wieder in die App zurückkehren, selbst wenn sie gerade gar nichts zu erzählen haben.


11. Der KI-Companion kann für Kinder wie ein Freund wirken

Mit „My AI“ hat Snapchat einen KI-Chatbot direkt in die App integriert. Der Chatbot kann Fragen beantworten, Empfehlungen geben und persönliche Gespräche führen. Er ist schnell erreichbar und antwortet zu jeder Tageszeit.

Für Kinder kann daraus der Eindruck entstehen, mit einem verständnisvollen digitalen Begleiter zu sprechen. Gerade einsame, unsichere oder belastete Jugendliche können beginnen, dem Chatbot persönliche Sorgen, Konflikte oder intime Informationen anzuvertrauen.

Der Begriff KI-Companion beschreibt Systeme, die nicht nur sachliche Fragen beantworten, sondern wie ein Gesprächspartner, Ratgeber oder Freund auftreten. Das ist bei Kindern besonders problematisch, weil sie die Funktionsweise solcher Systeme noch nicht vollständig einschätzen können.

My AI besitzt keine Gefühle, kein echtes Verständnis und keine Verantwortung für die Folgen seiner Antworten. Das System erzeugt Texte auf Grundlage statistischer Wahrscheinlichkeiten. Es kann freundlich und einfühlsam klingen, ohne die Situation eines Kindes wirklich zu verstehen.

Common Sense Media bewertete My AI nach eigenen Tests als hohes Risiko. Das System habe gegenüber jugendlichen Testkonten teilweise falsche, voreingenommene, schädliche oder irreführende Inhalte erzeugt. Zwar erweiterte Snapchat später die elterlichen Kontrollmöglichkeiten und integrierte deutlichere Warnungen, nach Einschätzung der Organisation blieben jedoch erhebliche Risiken bestehen.

Snapchat ermöglicht Eltern inzwischen, My AI über das Family Center für ihr Kind zu deaktivieren. Dafür müssen Eltern jedoch selbst ein Snapchat-Konto besitzen, mit dem Kind verbunden sein und die Funktion aktiv einstellen.

Ein weiteres Problem betrifft persönliche Daten. Kinder erzählen einem scheinbar freundlichen Chatbot möglicherweise Dinge, die sie keinem fremden Erwachsenen sagen würden. Dazu können der Wohnort, die Schule, familiäre Konflikte, psychische Belastungen oder intime Erfahrungen gehören.

Common Sense Media empfiehlt inzwischen ausdrücklich, dass Kinder und Jugendliche KI-Chatbots nicht als Ersatz für Freundschaften, emotionale Unterstützung oder psychologische Beratung nutzen sollten.

Ein KI-Companion kann eine echte Beziehung überzeugend nachahmen. Er kann sie jedoch niemals ersetzen.


12. Kinder erzählen ihren Eltern häufig nichts

Einer der beunruhigendsten Befunde der Untersuchung betrifft nicht die Inhalte selbst, sondern den Umgang der Kinder damit.

Nur 39 Prozent der Jugendlichen, die auf Snapchat eine unsichere oder belastende Erfahrung gemacht hatten, erzählten anschließend einer vertrauten Person davon. Viele blockierten den Kontakt, meldeten den Inhalt, schlossen die App oder ignorierten das Erlebte. Fast vier von zehn Betroffenen taten einfach so, als sei nichts passiert.

54 Prozent der Jugendlichen, die entsprechende Vorfälle ignoriert hatten, erklärten, sie seien solche Erfahrungen inzwischen gewohnt.

Das ist ein entscheidender Punkt. Wenn ein Kind zu Hause nichts erzählt, bedeutet das nicht, dass auf seinem Smartphone nichts passiert. Es kann auch bedeuten, dass sexuelle Nachrichten, Gewaltvideos, Drogenangebote oder Kontaktversuche fremder Personen für das Kind bereits zum normalen digitalen Alltag gehören.

Jugendliche schweigen aus unterschiedlichen Gründen. Manche schämen sich. Andere haben Angst, dass ihre Eltern ihnen das Smartphone wegnehmen. Einige glauben, selbst schuld zu sein, weil sie eine Anfrage angenommen oder auf eine Nachricht geantwortet haben. Wieder andere möchten ihre Eltern nicht beunruhigen.

Eltern sollten deshalb nicht darauf warten, dass ihr Kind von selbst berichtet. Gespräche über Snapchat müssen stattfinden, bevor etwas passiert. Kinder brauchen die klare Zusicherung, dass sie in einer schwierigen Situation Hilfe bekommen und nicht zuerst bestraft werden.


Das eigentliche Problem ist der Aufbau der Plattform

Snapchat stellt seine Schutzmaßnahmen für Jugendliche ausführlich dar. Konten von Teenagern sind nach Angaben des Unternehmens standardmäßig privat. Eltern können über das Family Center Kontakte einsehen, sensible Inhalte begrenzen, problematische Accounts melden und My AI deaktivieren. Diese Funktionen sind sinnvoll. Sie lösen das grundlegende Problem jedoch nicht. Snapchat selbst weist darauf hin, dass auch bei aktivierter Inhaltsbeschränkung problematische Beiträge durch den Filter gelangen können.

Jugendlicher blickt nachts auf sein Smartphone mit Snapchat. Um ihn herum werden typische Funktionen und Risiken wie Snapstreaks, Standortfreigabe, öffentliche Storys, Cybergrooming und unerwünschte Inhalte dargestellt.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Die neuen Untersuchungen zeigen zudem, dass schädliche Erfahrungen an vielen verschiedenen Stellen der App entstehen. Sie finden in privaten Chats, Stories, Discover, Spotlight und Kontaktvorschlägen statt. Eltern müssten deshalb gleichzeitig Nachrichten, Freunde, öffentliche Inhalte, Algorithmen, Standortfunktionen und den KI-Chatbot im Blick behalten.

Das ist im Familienalltag kaum zu leisten. Der wichtigste Befund der beiden Testkonten lautet deshalb, dass Kinder viele problematische Inhalte nicht bewusst suchen. Die Plattform liefert sie ihnen.

Innerhalb von zwölf Stunden wurden den angeblich 13-jährigen Konten insgesamt 244 sexuelle Videos, 256 Drogen- und Alkoholvideos, 95 Gewaltvideos sowie 53 Beiträge zu Selbstverletzung oder Suizid empfohlen. Ein Teil der Videos kann mehreren Kategorien zugeordnet worden sein. Dennoch zeigt die Menge, wie schnell ein junges Konto mit belastenden Inhalten konfrontiert werden kann.

Die Verantwortung darf deshalb nicht allein bei Kindern und Eltern abgeladen werden. Kinder können lernen, Risiken besser zu erkennen, Kontakte zu blockieren und Inhalte zu melden. Eltern können begleiten, Einstellungen prüfen und Grenzen setzen. Solange die Plattform jedoch selbst problematische Kontakte und Inhalte empfiehlt, bleibt das Schutzkonzept unzureichend.


Warum Snapchat nicht mit einem normalen Messenger vergleichbar ist

Kinder argumentieren häufig, sie bräuchten Snapchat lediglich zum Schreiben mit ihren Freunden. Auch Eltern nehmen die App deshalb manchmal als eine Alternative zu WhatsApp wahr. Snapchat ist aber weit mehr als ein Messenger.

Infografik zur Snapchat Snap Map mit Darstellung der Standortfreigabe sowie möglicher Risiken wie Nachverfolgung, Belästigung und Preisgabe persönlicher Bewegungsdaten.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Die App verbindet private Kommunikation mit öffentlichen und halböffentlichen Inhalten. Im Bereich Spotlight werden kurze Videos ähnlich wie bei TikTok ausgespielt. Discover zeigt Inhalte von Medien, Unternehmen und Creatorn. Stories können je nach Einstellung einem größeren Publikum zugänglich sein. Über Kontaktvorschläge lernen Nutzer neue Profile kennen. Die Snap Map kann Standorte sichtbar machen. My AI bietet Gespräche mit einem KI-Chatbot an und die Flammen belohnen tägliche Nutzung.

Ein Kind, das Snapchat öffnet, um einem Klassenkameraden zu schreiben, befindet sich deshalb gleichzeitig in einer kommerziellen Social-Media-Umgebung, deren unterschiedliche Funktionen auf regelmäßige Aufmerksamkeit und Interaktion ausgerichtet sind.

Ein klassischer Messenger transportiert in erster Linie Nachrichten zwischen bekannten Kontakten. Snapchat ergänzt diesen Austausch durch Empfehlungen, öffentliche Inhalte, soziale Belohnungssysteme und algorithmische Feeds.

Genau deshalb reicht die Erklärung „Mein Kind schreibt dort nur mit Freunden“ nicht aus.


Aber Snapchat hat doch neue Schutzmaßnahmen eingeführt

Nach der Veröffentlichung der ersten Heat-Initiative-Untersuchung kündigte Snapchat im Juni 2026 weitere Schutzmaßnahmen für jüngere Nutzer an. Unter anderem sollten Nutzer unter 16 Jahren Inhalte in Spotlight und Stories nur noch eingeschränkter öffentlich teilen können. Eltern erhielten zusätzliche Möglichkeiten, Kontakte ihrer Kinder über das Family Center einzusehen.

Diese Änderungen sind grundsätzlich zu begrüßen. Sie zeigen aber zugleich, dass frühere Schutzmechanismen nicht ausreichend waren.

Auch verbesserte Einstellungen ändern nichts daran, dass private Chats weiterhin für unerwünschte Kontakte, sexuelle Nachrichten, Mobbing und Sextortion genutzt werden können. Sie beseitigen ebenfalls nicht automatisch problematische Empfehlungen in Stories, Spotlight oder Discover.

Eltern sollten sich deshalb nicht allein auf den Begriff „Teen Account“ oder voreingestellte Schutzfunktionen verlassen. Kein Filter kann garantieren, dass ein Kind ausschließlich altersgerechte Inhalte sieht oder nur von ungefährlichen Personen kontaktiert wird.


Wie erkläre ich meinem Kind, dass es Snapchat nicht nutzen darf?

Für viele Eltern ist nicht die Entscheidung selbst das größte Problem, sondern das anschließende Gespräch.

Das Kind sagt möglicherweise, dass die gesamte Klasse Snapchat nutzt. Dort würden Verabredungen getroffen, Insider geteilt und Freundschaften gepflegt. Ohne die App fühle es sich ausgeschlossen. Dieser Einwand sollte ernst genommen werden. Für Kinder und Jugendliche ist Zugehörigkeit ein zentrales Bedürfnis. Ein beiläufiges „Du bist noch zu jung“ oder „Weil ich es sage“ wird deshalb selten überzeugen.

Eltern können zunächst anerkennen, dass die Situation für das Kind schwierig ist: „Ich verstehe, dass du Snapchat haben möchtest, wenn viele aus deiner Klasse dort sind. Ich kann nachvollziehen, dass du Angst hast, etwas zu verpassen oder nicht dazuzugehören.“

Danach sollte die Entscheidung ruhig und konkret erklärt werden: „Ich habe mich intensiv mit Snapchat beschäftigt. Die App ist kein einfacher Messenger. Kindern werden dort fremde Erwachsene, sexuelle Inhalte, Gewalt, Drogenvideos und Beiträge über Selbstverletzung vorgeschlagen. Es gibt außerdem Fälle, in denen Kinder über Snapchat sexuell erpresst wurden. Meine Aufgabe ist es, dich vor Risiken zu schützen, die du noch nicht allein überblicken kannst. Deshalb erlaube ich dir Snapchat zurzeit nicht.“

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Vertrauen und Schutz: „Diese Entscheidung bedeutet nicht, dass ich dir misstraue. Ich vertraue dir. Ich vertraue aber der Plattform und den fremden Menschen dort nicht.“

Dieser Satz kann Kindern helfen, das Verbot nicht als persönliche Abwertung zu verstehen.

Eltern dürfen außerdem erklären, dass ein beliebtes Angebot nicht automatisch ein sicheres Angebot ist: „Dass viele Kinder Snapchat nutzen, zeigt, wie beliebt die App ist. Es beweist aber nicht, dass sie für Kinder geeignet oder sicher ist.“

Eine klare Entscheidung muss nicht lieblos sein. Eltern können gleichzeitig Grenzen setzen und Verständnis für den Frust ihres Kindes zeigen. Das Kind darf enttäuscht oder wütend sein. Eltern müssen diese Gefühle nicht sofort auflösen, indem sie ihre Entscheidung zurücknehmen.


Was tun, wenn wirklich die ganze Klasse Snapchat nutzt?

Eltern sollten zunächst überprüfen, ob tatsächlich die gesamte Klasse auf Snapchat kommuniziert oder ob das Kind den Gruppendruck verständlicherweise größer wahrnimmt, als er ist. Häufig nutzen zwar viele Kinder die App, aber nicht alle. Manche dürfen Snapchat ebenfalls nicht verwenden, sprechen darüber jedoch wenig, weil sie nicht auffallen möchten.

Eltern können gemeinsam mit dem Kind klären, welche Informationen tatsächlich nur über Snapchat verbreitet werden. Geht es um private Unterhaltung, spontane Fotos und Flammen oder werden dort auch schulische Termine und wichtige Verabredungen geteilt?

Schulisch relevante Informationen sollten grundsätzlich über zugängliche und verbindliche Kanäle weitergegeben werden. Kein Kind darf benachteiligt werden, weil es eine bestimmte kommerzielle Social-Media-Plattform nicht nutzt.

Bei privaten Verabredungen können Eltern ihr Kind ermutigen, Freunde direkt über einen Messenger, telefonisch oder persönlich anzusprechen. Das wirkt zunächst umständlicher, stärkt aber echte Kontakte und zeigt gleichzeitig, welche Freundschaften auch außerhalb einer App tragen.

Eltern können ihrem Kind außerdem anbieten, gemeinsam nach sicheren Kommunikationswegen zu suchen. Entscheidend ist, dass die Alternative nicht als Trostpreis präsentiert wird. Das Kind braucht eine realistische Möglichkeit, mit seinen Freunden in Verbindung zu bleiben.


Andere Eltern ansprechen und informieren

Eltern müssen die Entscheidung gegen Snapchat (und andere Social Media Plattformen) nicht allein treffen.

Gerade bei Snapchat entsteht der größte Druck dadurch, dass jede Familie glaubt, alle anderen hätten der App bereits zugestimmt. Manche Eltern erlauben Snapchat deshalb, weil ihr Kind angeblich das letzte ohne Account sei. Andere haben sich kaum mit der App beschäftigt und verlassen sich auf die Aussage, dort würden lediglich Fotos unter Freunden verschickt.

Die neuen Studien zeigen, wie groß die Wissenslücke sein kann. Viele Erwachsene kennen Snapchat noch aus einer Zeit, in der die App hauptsächlich für verschwindende Fotos bekannt war. Sie wissen nicht, dass Snapchat heute algorithmische Videoempfehlungen, öffentliche Inhalte, Kontaktvorschläge, Standortfunktionen, Snapstreaks und einen KI-Companion umfasst.

Auch die Dimension sexualisierter Gewalt wird häufig unterschätzt. Dass in der kanadischen Untersuchung 39 Prozent der betroffenen Jugendlichen Snapchat als Plattform ihrer sexuellen Viktimisierung nannten, dürfte den wenigsten Eltern bekannt sein.

Deshalb lohnt es sich, andere Eltern sachlich anzusprechen. Ein Gespräch kann zum Beispiel so beginnen:

„Wir beschäftigen uns gerade mit der Frage, ob unser Kind Snapchat nutzen darf. Dabei sind wir auf neue Untersuchungen gestoßen, die uns wirklich beunruhigt haben. Wusstet ihr, dass Snapchat in einer kanadischen Studie von vier von zehn betroffenen Jugendlichen als Plattform sexualisierter Gewalt genannt wurde?“

Es geht dabei nicht darum, andere Eltern zu belehren oder ihre Entscheidungen zu verurteilen. Ziel ist, Informationen zu teilen, die für alle Kinder der Klasse wichtig sind. Hilfreich kann es sein, einen Artikel oder eine Studie in der Elterngruppe zu teilen und ein gemeinsames Gespräch anzuregen. Eltern können fragen, welche Apps in der Klasse verwendet werden, welche Regeln gelten und wie verhindert werden kann, dass Kinder ohne Snapchat von Verabredungen oder Informationen ausgeschlossen werden. Je mehr Familien sich darauf verständigen, Snapchat später zu erlauben, desto geringer wird der soziale Druck auf jedes einzelne Kind.

Ein gemeinsamer Rahmen kann Kindern das Gefühl nehmen, als Einzige verzichten zu müssen. Eltern gewinnen gleichzeitig Rückhalt für eine Entscheidung, die allein deutlich schwerer durchzuhalten ist.


Auch Schulen sollten das Thema aufgreifen

Snapchat ist zwar zunächst eine private App, die Folgen landen jedoch regelmäßig in der Schule. Heimlich aufgenommene Fotos, Mobbing, Gerüchte, sexuelle Nachrichten, weitergeleitete Bilder und Konflikte aus privaten Gruppen tauchen am nächsten Morgen im Klassenraum auf. Lehrkräfte müssen Situationen bearbeiten, die außerhalb des Schulgeländes entstanden sind, aber das soziale Miteinander massiv beeinflussen.

Schulen sollten deshalb nicht warten, bis ein konkreter Vorfall passiert. Elternabende und Präventionsveranstaltungen können erklären, wie Snapchat heute funktioniert, warum verschwindende Inhalte keine Sicherheit bieten und wie Kinder bei Sextortion oder unerwünschten Kontakten reagieren sollten.

Gleichzeitig sollten Schulen deutlich machen, dass wichtige schulische Informationen niemals nur über Snapchat oder andere private Social-Media-Plattformen verbreitet werden dürfen.

Aufklärung allein reicht jedoch nicht. Kinder brauchen zusätzlich klare Regeln, verlässliche Meldewege und Erwachsene, die bei digitalen Übergriffen schnell handeln.


Was Eltern tun können, wenn ihr Kind Snapchat bereits nutzt

Nicht jede Familie wird Snapchat sofort löschen wollen oder können. Besonders bei älteren Jugendlichen kann eine gemeinsame Überprüfung sinnvoller sein als ein plötzliches Verbot.

Eltern sollten zunächst das Family Center einrichten. Dort können sie unter anderem die Kontaktliste ihres Kindes und neu hinzugefügte Freunde sehen, bestimmte sensible Inhalte begrenzen, auffällige Accounts melden und My AI deaktivieren. Dafür müssen Eltern ein eigenes Snapchat-Konto anlegen und mit dem Konto ihres Kindes verbunden sein.

Gemeinsam sollten außerdem sämtliche Kontakte überprüft werden. Das Kind sollte erklären können, welche Personen es aus dem wirklichen Leben kennt. Unbekannte Erwachsene und zweifelhafte Profile sollten entfernt und blockiert werden.

Die Standortfreigabe gehört ebenfalls kontrolliert. Der Standort eines Kindes sollte niemals einem großen Kreis oder nur flüchtig bekannten Kontakten angezeigt werden.

Eltern sollten zudem regelmäßig nachfragen, welche Inhalte das Kind in Spotlight, Stories und Discover sieht. Dabei hilft eine offene Frage mehr als eine Kontrolle: „Gab es in letzter Zeit etwas auf Snapchat, das dich irritiert, erschreckt oder unter Druck gesetzt hat?“

Das Gespräch sollte nicht nur dann stattfinden, wenn Eltern bereits einen Verdacht haben.

Kinder müssen außerdem wissen, was sie bei Sextortion tun sollen. Sie sollten keine weiteren Bilder und kein Geld schicken, den Kontakt nicht weiter bedienen, Beweise sichern und sofort eine erwachsene Vertrauensperson informieren. Sextortion ist eine Straftat. Das Kind trägt keine Schuld, auch wenn es zuvor ein Bild freiwillig verschickt hat. Thorn empfiehlt Betroffenen ausdrücklich, die Kommunikation zu beenden, den Vorfall zu melden und Hilfe zu holen.


Warum ein späterer Einstieg kein sozialer Schaden sein muss

Eltern fürchten häufig, ihr Kind durch ein Snapchat-Verbot aus der Gemeinschaft auszuschließen. Diese Sorge ist verständlich. Sie sollte jedoch nicht dazu führen, eine Plattform allein aus Angst vor kurzfristigem Frust zu erlauben. Kinder erleben Zugehörigkeit nicht ausschließlich über eine App. Sie entsteht in der Schule, beim Sport, in Freundschaften, bei gemeinsamen Aktivitäten und im direkten Gespräch.

Ein späterer Einstieg kann einem Kind Zeit geben, emotionale Stabilität, Urteilskraft und ein besseres Verständnis digitaler Risiken zu entwickeln. Auch ein älterer Jugendlicher ist nicht automatisch vor Grooming, Sextortion oder verstörenden Inhalten geschützt. Mit zunehmendem Alter steigen aber die Chancen, Risiken schneller zu erkennen, Grenzen zu setzen und Hilfe zu holen.

Entscheidend ist, dass Eltern ihre Haltung nicht mit Panik oder pauschaler Technikfeindlichkeit begründen. Kinder dürfen verstehen, dass digitale Kommunikation wichtig ist und Freude machen kann. Sie sollten gleichzeitig erfahren, dass nicht jede technisch mögliche Form der Kommunikation für jedes Alter geeignet ist.


Aufklärung und Regulierung müssen parallel stattfinden

Eltern können viel tun. Sie können Gespräche führen, Apps prüfen, Grenzen setzen und Kinder auffangen, wenn etwas passiert. Sie können jedoch keine Plattform rund um die Uhr überwachen.

Die Studien zu Snapchat zeigen, dass die Gefahren strukturell entstehen. Sie hängen mit Kontaktvorschlägen, privaten Kommunikationsräumen, algorithmischen Empfehlungen und Bindungsmechanismen zusammen. Deshalb ist es nicht realistisch, die Verantwortung allein auf Familien zu übertragen. Unternehmen müssen verpflichtet werden, Produkte so zu gestalten, dass Kinder nicht regelmäßig mit fremden Erwachsenen, sexualisierten Inhalten, Gewalt, Drogenangeboten oder Suizidbeiträgen konfrontiert werden.

Australien hat den Zugang zu Snapchat und weiteren Social-Media-Plattformen für unter 16-Jährige bereits gesetzlich eingeschränkt. Snapchat weist australische Nutzer selbst darauf hin, dass Personen unter 16 Jahren die Plattform dort seit dem 10. Dezember 2025 nicht mehr verwenden dürfen.

Über die genaue Form gesetzlicher Regeln lässt sich diskutieren. Nicht diskutabel sollte sein, dass Kinder einen wirksamen Schutz verdienen und Plattformen Verantwortung für die Folgen ihres Designs übernehmen müssen.

Aufklärung und Regulierung sind dabei kein Gegensatz. Kinder müssen lernen, digitale Risiken zu erkennen und verantwortungsvoll mit Medien umzugehen. Gleichzeitig brauchen sie Plattformen und gesetzliche Rahmenbedingungen, die sie nicht systematisch überfordern.


Fazit

Snapchat ist kein harmloser Messenger mit lustigen Filtern und verschwindenden Bildern.

Die App bringt Kinder mit fremden Personen in Kontakt, spielt sexuelle Inhalte und Gewaltdarstellungen aus, normalisiert Drogenkonsum und kann Beiträge über Selbstverletzung und Suizid empfehlen. Private Chats werden für Mobbing, sexuelle Belästigung und Sextortion genutzt. Flammen erzeugen täglichen sozialen Druck und My AI bietet Kindern einen künstlichen Gesprächspartner, der wie ein Freund wirken kann, ohne Verantwortung übernehmen zu können.

Besonders alarmierend ist, dass Kinder viele dieser Inhalte nicht selbst suchen. Sie begegnen ihnen während einer gewöhnlichen Nutzung, weil Snapchat sie vorschlägt oder andere Nutzer sie direkt verschicken.

Eltern sollten deshalb sehr genau überlegen, ob ihr Kind diese App wirklich braucht. Die Tatsache, dass viele Klassenkameraden Snapchat nutzen, macht die Plattform nicht sicher. Sie zeigt vor allem, wie dringend Eltern miteinander sprechen und gemeinsame Grenzen entwickeln sollten.

Kinder brauchen keine Eltern, die jedes digitale Risiko vollständig kontrollieren können. Das ist unmöglich. Sie brauchen Erwachsene, die sich informieren, klare Entscheidungen treffen und ihnen glaubwürdig vermitteln, dass Schutz kein Misstrauen ist.

Manchmal bedeutet verantwortungsvolle Begleitung deshalb auch, eine App nicht zu erlauben, obwohl sie beliebt ist. Denn kein Kind sollte sich durch sexuelle Nachrichten, Gewaltvideos, fremde Erwachsene oder tägliche Flammen kämpfen müssen, nur um in der eigenen Klasse dazuzugehören.


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