Wenn Teenager zu Terroristen werden: Radikalisierung aus dem Kinderzimmer
Ein 14-Jähriger, der Waffenfantasien teilt. Ein 16-Jähriger, der in Chats „Heilige“ verehrt, also Attentäter glorifiziert. Und manchmal: ein Jugendlicher, der so weit geht, dass aus Worten Pläne werden. Genau dieses Muster beschreibt eine neue Auswertung des Landeskriminalamts Baden-Württemberg zur sogenannten Terrorgram-Szene. Das Alarmierende daran ist nicht nur die Gewaltbereitschaft, sondern vor allem das Alter und die Geschwindigkeit: In vielen Fällen läuft Radikalisierung nicht über Jahre, sondern über Monate.
Der Begriff „Teenage Terrorists“ ist deshalb kein reißerischer Titel, sondern eine nüchterne Beschreibung eines Phänomens, das Sicherheitsbehörden, Schulen und Familien gleichzeitig betrifft. Und das, was in den Akten steht, ist für Eltern besonders schwer auszuhalten: Viele der Jugendlichen sind nicht „unsichtbar“ abgerutscht. Es gab Hinweise. Sie wurden nur zu oft falsch eingeordnet oder nicht konsequent beantwortet.
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Was ist die Terrorgram-Szene und warum zieht sie Jugendliche an?
„Terrorgram“ ist ein Szenebegriff für ein Netzwerk aus öffentlichen und privaten Chatgruppen, traditionell stark auf Telegram, aber nicht nur dort. Inhaltlich geht es um Gewaltverherrlichung, Terrorästhetik, Propaganda, Feindbilder und teils konkrete Anleitungen oder Ermutigung zu schweren Straftaten. In der LKA-Studie wird diese Szene auch als „Attentäter-Fanszene“ beschrieben, weil reale Täter wie Vorbilder behandelt werden.
Für Jugendliche, die sich im Alltag klein fühlen, kann diese Welt wie ein Gegenentwurf wirken. Plötzlich gibt es Anerkennung, Status, Zugehörigkeit. Wer „Härte“ zeigt, bekommt Aufmerksamkeit. Wer Grenzen überschreitet, wird gefeiert. Die Studie beschreibt genau diese Motive als häufige Treiber: Zugehörigkeit, Anerkennung, Status, aber auch Hass, Wut und Gewaltfaszination.
Das ist wichtig, weil es den Blick verschiebt: Viele dieser Jugendlichen sind nicht zuerst Täter im klassischen Sinn, sondern oft erst einmal Kinder oder Teenager, die ein Loch in sich füllen wollen. Mit der schlimmstmöglichen Subkultur.
Die Zahlen, die Eltern erschrecken müssen
Die Studie wertet 37 polizeilich und justiziell bekannte Fälle in Deutschland aus, im Zeitraum 2020 bis 2025. Das ist ein Hellfeld, also das, was Behörden überhaupt gesehen und bearbeitet haben. Schon darin steckt der nächste Schock: Das Durchschnittsalter liegt bei 16,4 Jahren, in knapp einem Viertel der Fälle waren die Betroffenen zur Tatzeit oder bei der Identifikation unter 14, also strafunmündig.
Noch auffälliger ist das Tempo. In der Hälfte der Fälle verlief die Radikalisierung in weniger als einem Jahr. Die Autoren sprechen ausdrücklich davon, dass „Blitzradikalisierung“ für diese Szene oft zutreffend ist.
Und: In 60 Prozent der Fälle mit verwertbaren Angaben gab es bereits deutlich erkennbare oder fortgeschrittene Vorbereitungshandlungen für schwere Gewalttaten, inklusive Beschaffung von Tatmitteln oder konkreter Tatplanung.
Warum soziale Medien und Chats das Ganze beschleunigen
Eltern fragen oft: Wie kommt mein Kind überhaupt in so etwas hinein? Die Studie beschreibt mehrere typische Wege: Jugendliche suchen selbst nach Gewaltvideos oder nach Material zu bekannten Anschlägen, teils aus Neugier, teils aus Faszination. Dann greift ein Mechanismus, den wir aus vielen anderen Bereichen kennen: Wer einmal extremen Content schaut, bekommt mehr davon. Dazu kommen Links, Einladungen, Weiterleitungen in Chatgruppen.
Der entscheidende Unterschied zu früher: Früher brauchte es reale Szenekontakte, heute reicht ein Smartphone und eine Nacht, in der ein Jugendlicher alleine ist. Radikalisierung findet nicht mehr nur „im Geheimen“ statt, sondern in Sichtweite der Familie, oft im Kinderzimmer.
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Ein Faktor, den viele unterschätzen: psychische Belastung und soziale Isolation
Besonders heikel ist ein Befund, der nicht als Stigma gelesen werden darf, aber als Warnsignal: In einem großen Teil der Fälle lagen diagnostizierte psychische Erkrankungen vor oder deutliche Anzeichen dafür.
Dazu kommen familiäre Belastungen und soziale Desintegration. Die Studie beschreibt häufig Vernachlässigung, teils auch Missbrauch, und eine schwache soziale Einbindung. Das heißt nicht, dass nur Kinder aus schwierigen Familien betroffen sind, aber es erklärt, warum diese Szene für manche wie eine Ersatzfamilie wirkt.
Gerade hier liegt eine Elternfalle: Wenn ein Kind ohnehin schwierig wirkt, Rückzug zeigt oder schulisch abrutscht, wird das Problem schnell als „Pubertät“ verbucht. In dieser Szene kann genau das der Moment sein, in dem ein Jugendlicher besonders empfänglich ist.
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Das größte Missverständnis: Das passiert im Verborgenen
Ein zentraler Befund der Studie ist das sogenannte Leaking. Damit ist gemeint: Viele Jugendliche senden erkennbare Signale nach außen, bewusst oder unbewusst. In einem großen Teil der Fälle gab es klare Hinweise im familiären oder schulischen Umfeld: Gewaltfantasien, Drohungen, Propaganda, Symbole, das Teilen von Amok-Videos oder die offene Ankündigung von Taten.
Trotzdem wurde nur in einem kleineren Teil der Fälle durch Umfeld, Schule oder Familie aktiv Hilfe gesucht. Häufig wurden Signale nicht ernst genommen oder es war unklar, wie man reagieren soll.
Das ist die Stelle, an der Eltern etwas sehr Konkretes mitnehmen können: Das Risiko ist nicht nur der Algorithmus. Das Risiko ist auch unsere Unsicherheit, wenn wir Warnzeichen sehen.
Was Eltern praktisch tun können, wenn sie Warnzeichen sehen
Es gibt keine perfekte Checkliste. Aber es gibt ein sinnvolles Vorgehen, das Eltern handlungsfähig macht, ohne sofort in Panik zu verfallen.
Signale ernst nehmen, auch wenn sie „nur“ online sind. Wer Gewalt verherrlicht, Attentäter feiert, Feindlisten schreibt oder konkrete Drohungen äußert, ist nicht in einer „dunklen Phase“, sondern in einem gefährlichen Prozess.
Beobachtungen sauber festhalten. Screenshots mit Datum, Uhrzeit, Profilnamen und, wenn möglich, Links oder Kanalnamen sichern. Nicht als Beweis für „Schuld“, sondern als Grundlage, um Hilfe richtig einzuschätzen.
Hilfe nicht alleine tragen. Schule einbinden, aber nicht nur als „pädagogisches Problem“. Wenn Drohungen im Raum stehen, gehören Schulsozialarbeit, Schulleitung und je nach Lage auch Polizei oder Jugendamt dazu. Die Studie betont selbst, dass es keine reine Polizei-Aufgabe ist, sondern dass Beratungs- und Therapieangebote sowie funktionierende Netzwerke entscheidend sind.
Nicht in Diskussionen über Ideologie verlieren. Eltern wollen oft „argumentieren“, um das Kind zurückzuholen. In dieser Szene funktionieren Gegenargumente allein selten, weil die Bindung nicht primär politisch ist, sondern emotional: Zugehörigkeit, Status, Machtgefühl. Das Ziel ist erst einmal Unterbrechung, Schutz, professionelle Einschätzung.
Wenn du aus Elternsicht nur einen Satz behalten willst: Lieber einmal zu früh externe Hilfe holen als einmal zu spät denken, das wird schon wieder.
Warum der Staat hier trotzdem gefordert ist
Die Studie macht auch deutlich: Sicherheitsbehörden entdecken einen Großteil der Fälle über Nachrichtendienste, nicht über Meldungen aus dem Umfeld. Das Frühwarnsystem funktioniert in vielen Fällen, und in den ausgewerteten Fällen konnten Anschläge verhindert werden.
Gleichzeitig bleibt die Frage, wie sich diese Szene online so stabil halten kann. Der Abschlussbericht empfiehlt neben Prävention auch konsequentere Maßnahmen gegenüber Plattformbetreibern, den Ausbau von Digital Streetwork, mehr Therapieplätze und stärker vernetzte Interventionsstrukturen.
Denn selbst wenn Sicherheitsbehörden viel verhindern: Ein System, das erst greift, wenn konkrete Anschlagsvorbereitung sichtbar wird, ist kein Jugendschutz. Es ist Gefahrenabwehr.
Ein aktuelles Beispiel, das zeigt, wie real das ist
Wie jung die Dynamik ist, zeigt auch der Fall „Letzte Verteidigungswelle“. Der Generalbundesanwalt hat am 18. Dezember 2025 Anklage gegen mutmaßliche Mitglieder und einen Unterstützer erhoben, mit Vorwürfen bis hin zu Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und schweren Gewaltdelikten.
Solche Verfahren sind keine Randnotiz. Sie sind ein Warnsignal: Radikalisierung ist nicht mehr nur ein Thema der Erwachsenenwelt, sondern erreicht Teenager direkt.
Fazit und Blick nach vorn
Eltern können nicht jede dunkle Ecke des Netzes ausleuchten. Aber sie können den entscheidenden Unterschied machen, wenn ein Kind kippt. Nicht durch Kontrolle um jeden Preis, sondern durch klare Grenzen, echte Beziehung, Aufmerksamkeit für Veränderungen und den Mut, Unterstützung zu holen.
Und als Gesellschaft brauchen wir mehr als Appelle: Wir brauchen funktionierende Hilfestrukturen, bessere Zusammenarbeit zwischen Schule, Jugendhilfe, Beratung und Behörden, und Plattformen, die nicht erst reagieren, wenn das Schlimmste fast passiert ist.
Quellen
Tagesschau, „Wenn Teenager zu Terroristen werden“ (13. Januar 2026): https://www.tagesschau.de/inland/studie-teenager-terroristen-100.html
Abschlussbericht „Teenage Terrorists in Deutschland? Eine bundesweite Hellfeldstudie zur Terrorgram-Szene“ (LKA Baden-Württemberg, SAFE, SAT BW, 2026): https://lka.polizei-bw.de/wp-content/uploads/sites/14/2026/01/RZ_SATBW_Bericht_2025_web.pdf
Pressemitteilung des Generalbundesanwalts zur Anklage im Verfahren „Letzte Verteidigungswelle“ (18. Dezember 2025): https://www.generalbundesanwalt.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2025/Pressemitteilung-vom-18-12-2025.html