Warum mein Kind zur Einschulung kein Smartphone bekommt
Alex Liefermann
Vater von zwei Kindern, engagiert sich seit Jahren für Bildung, Familienpolitik und den Schutz von Kindern im digitalen Raum
Gastbeitrag von Alex Liefermann, freier Autor und Vater zweier Kinder
Viele Grundschulkinder wünschen sich ein eigenes Smartphone. Mit dem Schulstart wächst bei Eltern zugleich der Wunsch nach Sicherheit und Erreichbarkeit. Ich bin Vater zweier Kinder. Mein jüngeres Kind wird jetzt eingeschult. Ein Smartphone bekommt es trotzdem nicht.
„Alle haben eins!“
Diesen Satz kennen vermutlich viele Eltern. Irgendwann taucht das erste Smartphone in der Klasse auf, dann das zweite, und kurz darauf scheint es aus Sicht des eigenen Kindes tatsächlich so, als seien alle anderen längst ausgestattet.
Bei uns steht diese Diskussion gerade erst am Anfang. Mein jüngeres Kind wird eingeschult. Der Schulranzen steht bereit, die Schultüte gehört dazu, die Aufregung sowieso. Ein Smartphone wird darin aber nicht liegen. Auch keine Smartwatch mit GPS und Telefonfunktion.
Ich habe darüber in den vergangenen Tagen häufiger nachgedacht. Vielleicht auch deshalb, weil ich viel in Zügen sitze. Als freier Autor und beruflich als Gästebetreuer bin ich viel unterwegs, treffe Menschen, beobachte Familien und höre ihre Geschichten.
Überall begegnet einem derzeit dieselbe Debatte. Kinder sollen weniger Zeit vor Bildschirmen verbringen. Schulen diskutieren über Smartphone-Regeln und Verbote. Politik und Verbände sprechen über Altersgrenzen für soziale Netzwerke, besseren Jugendschutz und mehr Verantwortung der Plattformen. Kinder sollen wieder stärker miteinander spielen, sich bewegen, lesen und draußen unterwegs sein.
Gleichzeitig statten wir sie immer früher mit digitalen Geräten aus. Dieser Widerspruch beschäftigt mich.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Die aktuelle Postbank-Digitalstudie 2026 zeigt, dass jedes fünfte Kind bereits spätestens mit acht Jahren ein eigenes Smartphone nutzt. 54 Prozent erhalten ihr erstes eigenes Gerät im Alter zwischen neun und zwölf Jahren.
Das bedeutet auch, dass ein eigenes Smartphone zu Beginn der Grundschule weiterhin keineswegs selbstverständlich ist. Trotzdem rückt die permanente digitale Erreichbarkeit immer weiter ins Grundschulalter hinein.
Der Druck entsteht dabei häufig gar nicht dadurch, dass Kinder unbedingt ein bestimmtes Gerät brauchen. Viel entscheidender ist das Gefühl, dass alle anderen bereits eines besitzen. Genau dieser soziale Druck führt dazu, dass Eltern einem frühen Smartphone zustimmen, obwohl sie selbst eigentlich lieber noch warten würden. Medienzeit hat sich mit diesem Mechanismus auch im Beitrag „Kinder und Smartphones – der hohe Preis der Bequemlichkeit“ beschäftigt.
Der Wunsch nach Sicherheit ist verständlich
Ich verstehe, warum Eltern über ein Smartphone oder eine Smartwatch nachdenken.
Wenn ein Kind plötzlich allein zur Schule läuft, vielleicht zum ersten Mal ohne Mutter oder Vater unterwegs ist, entstehen neue Sorgen. Ist es angekommen? Hat es den Bus erwischt? Was passiert, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht?
Ein Smartphone oder eine Smartwatch vermittelt darauf eine einfache Antwort. Dann kann mein Kind mich eben anrufen.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Das fühlt sich nach Sicherheit an. Doch Erreichbarkeit und Sicherheit sind nicht dasselbe.
Ein Smartphone verhindert keinen Unfall. Eine Smartwatch hält keine Gefahr fern. Der Akku kann leer sein, das Gerät vergessen werden oder verloren gehen. Technik kann in bestimmten Situationen helfen. Sie ist aber kein Schutzschild.
Deshalb frage ich mich, ob wir mit diesen Geräten manchmal eher unsere eigene Unruhe beruhigen, als die Selbstständigkeit unserer Kinder zu fördern.
Denn ein Erstklässler braucht zunächst etwas anderes. Einen Schulweg, den er kennt, klare Absprachen, Menschen, an die er sich wenden kann, und die Erfahrung, dass er bestimmte Situationen selbst bewältigen kann.
Natürlich gibt auch das keine absolute Sicherheit. Die gibt es im Alltag mit Kindern ohnehin nicht. Aber wir sollten nicht jede Unsicherheit sofort technisch lösen.
Ein Smartphone ist längst mehr als ein Telefon
Wer seinem Kind ein Smartphone gibt, übergibt ihm längst nicht nur ein Telefon.
Das Gerät ist Kamera, Spielekonsole, Videoplayer, Nachrichtenzentrale und Zugang zum Internet. Früher oder später kommen Messenger, Spiele, Plattformen und soziale Netzwerke hinzu. Damit beginnen Fragen, die weit über das Telefonieren hinausgehen.
Welche Daten darf ich weitergeben? Was ist ein sicheres Passwort? Wem kann ich ein Foto schicken? Was ist Werbung? Woran erkenne ich eine gefälschte Nachricht? Was passiert bei einem In-App-Kauf? Wie gehe ich mit beleidigenden Nachrichten um? Und warum sollte ich nicht alles glauben, was mir ein Video präsentiert?
Kinder müssen diese Dinge lernen. Natürlich.
Aber sie müssen sie nicht alle mit sechs oder sieben Jahren lernen.
Für mich liegt darin ein entscheidender Unterschied. Medienbildung bedeutet nicht, Kindern möglichst früh ein eigenes Smartphone zu geben. Medienbildung kann lange vorher beginnen, gemeinsam am Tablet, am Smartphone der Eltern, beim Fotografieren, beim Suchen nach Informationen oder beim Gespräch darüber, warum manche Apps Geld verdienen wollen und andere persönliche Daten sammeln.
Das erste eigene Smartphone kann später kommen.
Wer sich mit der Entscheidung gerade selbst beschäftigt, findet bei Medienzeit im Beitrag „Das erste Smartphone – Pro und Contra“ weitere Argumente und Orientierung für Eltern.
Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Für viele Kinder halte ich den Übergang auf die weiterführende Schule für einen sinnvolleren Zeitpunkt. Mit elf oder zwölf Jahren werden Wege länger, Verabredungen selbstständiger und auch die Kommunikation innerhalb der Klasse verändert sich. Dann kann ein eigenes Gerät tatsächlich praktische Vorteile haben.
Auch dann sollte es allerdings nicht einfach überreicht und das Kind anschließend sich selbst überlassen werden.
Ich sehe das bei meinem älteren Kind, das inzwischen 16 Jahre alt ist. Irgendwann gehört das Smartphone ganz selbstverständlich zum Alltag. Es ist Kommunikationsmittel, Fahrplan, Kamera, Unterhaltung und Treffpunkt mit Freunden zugleich.
Gerade weil ich weiß, wie selbstverständlich dieses Gerät später wird, sehe ich keinen Grund, diesen Zeitpunkt beim jüngeren Kind vorzuziehen.
Auch wir Eltern sind Teil dieser Entwicklung
Wir Eltern sollten uns bei der Debatte auch selbst ehrlich anschauen.
Laut Postbank-Digitalstudie 2026 sprechen sich 82 Prozent der befragten Eltern für ein Handyverbot an Schulen aus. Gleichzeitig gibt es in 65 Prozent der befragten Familien keine zeitliche Begrenzung der täglichen Smartphone-Nutzung.
Wir können Schulen nicht auf der einen Seite auffordern, Smartphones konsequent aus dem Schulalltag herauszuhalten, und sie zu Hause auf der anderen Seite immer früher zum selbstverständlichen Bestandteil der Kindheit machen.
Auch Eltern gestalten diese Entwicklung.
Das bedeutet nicht, dass Familien, die sich für eine Smartwatch oder ein Smartphone entscheiden, verantwortungslos handeln. Familien haben unterschiedliche Schulwege, Lebenssituationen und Bedürfnisse. Ein Kind, das täglich mit Bus und Bahn durch eine Großstadt fährt, befindet sich in einer anderen Situation als eines, dessen Grundschule fünf Minuten entfernt liegt.
Aber aus „Es könnte praktisch sein“ sollte nicht automatisch „Mein Kind braucht es“ werden.
Und schon gar nicht sollte der Satz „Alle haben eins“ die Entscheidung treffen.
Gerade bei diesem Gruppendruck können gemeinsame Absprachen helfen. Medienzeit stellt deshalb kostenlose Selbstverpflichtungen und Vorlagen für Eltern zur Verfügung. Familien innerhalb einer Klasse können damit gemeinsam vereinbaren, bis zu welchem Zeitpunkt sie ihren Kindern noch kein eigenes Smartphone geben möchten. Solche Vereinbarungen nehmen einzelnen Eltern die Entscheidung nicht ab, können aber dafür sorgen, dass niemand das Gefühl hat, allein gegen eine Entwicklung ankämpfen zu müssen.
Eltern müssen den Vergleich manchmal aushalten
Kinder vergleichen sich. Das ist normal. Heute geht es um Schuhe, Sammelkarten oder Smartphones, morgen um andere Dinge. Eltern müssen deshalb manchmal auch aushalten, dass das eigene Kind etwas nicht besitzt, was andere längst haben.
Wir hatten früher keine Smartphones. Ich möchte daraus keine romantische Geschichte von einer angeblich besseren Kindheit machen. Auch damals gab es Gefahren, Gruppendruck und Eltern, die sich Sorgen machten.
Nur konnten unsere Eltern nicht jederzeit sehen, wo wir uns befanden.
Vielleicht haben wir gerade deshalb manches gelernt, was Kinder auch heute noch brauchen. Wege selbst finden, Absprachen einhalten, andere Menschen um Hilfe bitten und Verantwortung für kleine Freiheiten übernehmen.
Mein jüngeres Kind bekommt mit der Einschulung genau so ein Stück Freiheit.
Es wird Wege lernen, Regeln kennenlernen, Fehler machen und zunehmend Dinge ohne uns Eltern bewältigen. Ich werde mir dabei vermutlich öfter Sorgen machen, als mein Kind ahnt.
Trotzdem bekommt es zur Einschulung kein Smartphone.
Das Smartphone wird noch früh genug kommen.
Gemeinsam später starten
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Dass einzelne Familien beim Smartphone länger warten, ist wichtig. Noch leichter wird es, wenn Eltern und Schulen gemeinsam handeln.
Sobald die ersten Geräte in einer Klasse auftauchen, entsteht schnell der Eindruck, dass ein eigenes Smartphone bereits selbstverständlich sei. Familien, die eigentlich noch warten möchten, geraten unter Rechtfertigungsdruck und geben möglicherweise früher nach, als sie es selbst für richtig halten.
Medienzeit begleitet Schulen deshalb auf dem Weg zu klaren Smartphone-Regeln und smartphonefreien Schulkonzepten. Außerdem stellen wir kostenlose Vorlagen für Eltern und Schulen zur Verfügung, mit denen sich Familien innerhalb einer Klasse auf gemeinsame Regeln oder einen späteren Smartphone-Einstieg verständigen können.
Denn Kinder müssen nicht deshalb früher ein Smartphone bekommen, weil andere Familien bereits eines gekauft haben.
Hinweis der Redaktion: Dieser Text ist ein Gastbeitrag und gibt die persönliche Perspektive des Autors wieder.
Über den Autor
Alex Liefermann ist freier Autor und Vater zweier Kinder. In seinen Beiträgen beschäftigt er sich aus persönlicher Elternperspektive mit Fragen rund um Kindheit, Familie und digitale Medien.