Wenn Kinder einer KI mehr erzählen als uns

KI

Alex Liefermann

Vater von zwei Kindern, engagiert sich seit Jahren für Bildung, Familienpolitik und den Schutz von Kindern im digitalen Raum .

Gastbeitrag von Alex Liefermann

Es gibt Dinge, von denen ich hoffe, dass meine Kinder sie mir erzählen.

Wenn sie Angst haben. Wenn sie in der Schule nicht mehr klarkommen. Wenn sie verliebt sind und es wehtut. Wenn sie etwas getan haben, für das sie sich schämen. Oder wenn sie Gedanken haben, bei denen sie selbst nicht wissen, wohin damit.

Aber vielleicht erzählen sie manches davon irgendwann zuerst einer KI.

Mein Kind wird Künstliche Intelligenz benutzen. Darüber mache ich mir keine Illusionen. Für Hausaufgaben, Übersetzungen, Referate oder um sich etwas erklären zu lassen, das es im Unterricht nicht verstanden hat.

Wahrscheinlich wird es irgendwann auch eine Frage stellen, die es keinem Lehrer stellen möchte. Und vielleicht auch keine, die es mir stellen möchte.

Genau das beschäftigt mich inzwischen mehr als die Frage, ob Kinder mit ChatGPT ihre Hausaufgaben erledigen lassen.

Ein Kind spricht am Schreibtisch mit einem KI-Sprachassistenten auf dem Laptop.

Bild generiert mit Hilfe von KI

Wenn der Chatbot zum Gesprächspartner wird

Was passiert, wenn die KI nicht nur zum Lernwerkzeug wird, sondern zum Gesprächspartner?

Wenn ein Kind nachts schreibt: „Warum mögen mich die anderen nicht?“ Oder: „Ich habe Angst, morgen in die Schule zu gehen.“ Vielleicht auch: „Ich halte das gerade nicht mehr aus.“

Ein Chatbot antwortet sofort. Er hat keine schlechte Laune. Er sagt nicht: „Jetzt nicht.“ Er verdreht nicht die Augen. Und er erzählt das Gespräch am nächsten Morgen niemandem auf dem Schulhof weiter.

Für ein Kind oder einen Jugendlichen kann noch etwas hinzukommen: Man muss einer Maschine dabei nicht ins Gesicht schauen. Man muss nicht beobachten, wie Vater, Mutter oder ein Freund auf einen Satz reagieren. Kein erschrockener Blick. Kein Schweigen. Kein „Warum hast du mir das nicht früher gesagt?“

Das kann es leichter machen, Dinge auszusprechen.

Eine 2026 in JAMA Pediatrics veröffentlichte repräsentative US-Studie untersuchte die Nutzung von KI-Chatbots bei 12- bis 21-Jährigen. 19,2 Prozent der Befragten gaben an, bereits einen solchen Chatbot für Ratschläge zur psychischen Gesundheit genutzt zu haben. Von diesen jungen Menschen hatten 63,3 Prozent niemandem davon erzählt.

Die Untersuchung sagt nicht, dass KI psychische Probleme verursacht. Sie sagt auch nicht, dass fast jeder fünfte Jugendliche einen Chatbot als Therapeuten betrachtet. Und Zahlen aus den USA lassen sich nicht einfach auf Deutschland übertragen.

Aber ein Befund bleibt hängen: Junge Menschen wenden sich mit persönlichen Fragen an Maschinen, und häufig weiß kein anderer Mensch davon.

Ein Kind hält ein Smartphone in der Hand und spricht in der Küche mit seinem Vater, der gerade kocht.

Bild generiert mit Hilfe von KI

Warum sich eine Maschine sicher anfühlen kann

Ich kann verstehen, warum jemand diesen Weg wählt.

Eine KI kennt die Clique nicht. Sie sitzt am nächsten Morgen nicht mit in der Klasse. Sie weiß nicht, was die Eltern erwarten. Sie wird nicht enttäuscht sein, wenn ein Kind zugibt, dass es Mist gebaut hat.

Das kann sich sicher anfühlen. Aber genau bei diesem Wort werde ich nachdenklich.

Vielleicht beschäftigt mich das auch deshalb so sehr, weil ich aus meiner eigenen Kindheit weiß, wie wichtig ein sicherer Ort für ein Kind ist. Mein Zuhause war für mich damals nicht dieser Ort. Ich habe früh gelernt, vieles mit mir selbst auszumachen. Mit siebzehneinhalb bin ich von zu Hause weggegangen. Ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn man mit seinen Problemen dasteht und nicht weiß, wem man sie erzählen kann.

Heute bin ich selbst Vater. Und manchmal frage ich mich, ob ich meinen Kindern das geben kann, was ich selbst vermisst habe: das Gefühl, mit einer Angst, einem Fehler oder einem Gedanken zu mir kommen zu können, ohne vorher überlegen zu müssen, ob sie dafür verurteilt werden.

Denn heute gibt es eine Alternative, die ich als Jugendlicher nicht hatte. Eine Maschine, die jederzeit antwortet.


Eine Antwort ist noch kein Beistand

Das ist nicht automatisch schlecht. Wenn ein Chatbot einem Jugendlichen nachts dabei hilft, Gedanken zu sortieren oder überhaupt Worte für etwas zu finden, das ihn beschäftigt, kann das hilfreich sein.

Trotzdem bleibt ein entscheidender Unterschied. Eine KI kann verständnisvoll klingen. Das ist nicht dasselbe wie menschliches Verständnis.

Sie sitzt meinem Kind nicht gegenüber. Sie merkt beim Abendessen nicht, dass es seit Tagen ungewöhnlich still ist. Sie sieht nicht, dass jemand kaum geschlafen hat. Sie erlebt nicht, dass ein Kind morgens plötzlich Bauchschmerzen bekommt, sobald es zur Schule gehen soll.

Ein Mensch kann solche Veränderungen bemerken, selbst wenn kein perfekter Satz fällt. Und wenn es wirklich ernst wird, kann ein Mensch handeln. Er kann sich daneben setzen. Eine Lehrerin informieren. Zum Arzt fahren. Hilfe organisieren. Dafür sorgen, dass ein Kind in einer schwierigen Situation nicht allein bleibt.

Deshalb gibt es einen Satz, den ich meinen Kindern mitgeben möchte: KI ist ein Werkzeug. Kein Freund. Kein Therapeut. Keine Autorität.

Damit meine ich nicht, dass meine Kinder einer KI niemals etwas Persönliches erzählen dürfen. Ein solches Verbot wäre wahrscheinlich lebensfremd. Ich möchte vielmehr, dass sie verstehen, was dort passiert.

Eine überzeugende Antwort muss nicht richtig sein. Eine freundliche Antwort bedeutet nicht, dass auf der anderen Seite jemand mitfühlt. Und ein Chatbot, der auf zwanzig persönliche Fragen reagiert, ist dadurch noch kein Freund geworden.


Entscheidend ist, ob unsere Kinder uns glauben

Vielleicht liegt genau darin eine neue Aufgabe für uns Eltern. Wir können unseren Kindern hundertmal sagen: „Du kannst immer zu mir kommen.“ Entscheidend ist aber, ob sie uns das auch glauben.

Kann mein Kind mir erzählen, dass es eine Fünf geschrieben hat, obwohl wir vorher zusammen gelernt haben? Kann es sagen, dass es selbst jemanden gemobbt hat? Dass es gemobbt wird? Dass es etwas im Internet gesehen hat, das ihm Angst macht? Dass es verliebt ist und vielleicht genau weiß, dass ich von dieser Beziehung nicht begeistert wäre?

Kann es sagen: „Papa, ich habe richtig Mist gebaut“, ohne dass mein erster Satz sofort ein Vorwurf ist?

Natürlich brauchen Kinder Grenzen. Ich werde nicht alles gut finden, was meine Kinder tun. Manchmal werde ich sauer sein. Manchmal enttäuscht. Vielleicht reagiere ich auch falsch und muss mich später entschuldigen.

Aber wenn ein Kind schon vor einem Gespräch genau weiß, dass danach nur Ärger, Vortrag und Handyverbot folgen, gibt es plötzlich einen Gesprächspartner, bei dem dieses Risiko nicht besteht: den Chatbot.

Dann sollten wir nicht nur fragen, warum Kinder so viel mit KI reden. Wir sollten uns auch fragen, warum sie manches lieber dort erzählen.

Das bedeutet nicht, dass nur die Eltern verantwortlich sind. Auch Schulen müssen Kindern vermitteln, was solche Systeme können und was nicht. Anbieter tragen ebenfalls Verantwortung dafür, wie Chatbots auf Krisen, Selbstgefährdung oder Gewalt reagieren.


Wann ein Mensch gebraucht wird

Unsere Kinder müssen lernen, KI zu benutzen, ohne ihr blind zu vertrauen. Sie sollten wissen, dass sie Fehler macht. Dass private Fotos, intime Informationen und persönliche Daten nicht gedankenlos in einen Chat gehören. Dass man Informationen überprüfen muss.

Vor allem sollten sie wissen, wann sie einen Menschen brauchen. Bei Liebeskummer muss nicht sofort ein Therapeut auf dem Sofa sitzen. Manchmal hilft schon ein Freund. Aber bei echter Verzweiflung, Selbstgefährdung oder Gewalt reicht eine Maschine nicht.

Dann braucht es jemanden, der nicht nur antwortet. Sondern da ist.

Ich möchte nicht der Vater sein, der seinen Kindern KI verbietet und glaubt, damit sei das Problem erledigt. Ich möchte der Vater sein, zu dem sie trotzdem kommen. Auch wenn es unangenehm wird. Auch wenn sie einen Fehler gemacht haben. Auch wenn ich im ersten Moment lieber etwas anderes gehört hätte.

Denn ich weiß aus meinem eigenen Leben, wie viel es bedeutet, keinen sicheren Ort zu haben. Meine Kinder sollen einen haben.

KI wird zu ihrem Alltag gehören. Sie werden mit ihr lernen, suchen, ausprobieren und wahrscheinlich auch über Dinge sprechen, von denen ich nichts mitbekomme. Das werde ich nicht vollständig verhindern können. Vielleicht muss ich das auch gar nicht.

Die entscheidende Frage ist für mich deshalb nicht, ob unsere Kinder mit einer KI sprechen. Sondern ob sie irgendwann aufhören, mit uns zu sprechen.

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