AIS.chat: Der KI-Chatbot kommt an deutsche Schulen
Sachsen-Anhalt stellt seinen Schulen seit Beginn des neuen Schuljahres einen eigenen KI-Chatbot zur Verfügung. Lehrkräfte können mit AIS.chat Unterrichtsmaterialien erstellen, Texte analysieren, Aufgaben an unterschiedliche Lernvoraussetzungen anpassen und eigene KI-Assistenten einrichten. Auch Schülerinnen und Schüler sollen mit der Anwendung arbeiten können.
Was zunächst nach einem regionalen Digitalprojekt klingt, ist längst größer. AIS.chat wurde vom FWU entwickelt, dem Medieninstitut aller 16 Bundesländer. Nach Angaben des Anbieters wird die Plattform bereits von Lehrkräften in zwölf Bundesländern genutzt. Der weitere Ausbau ist geplant.
Damit kommt generative KI nicht mehr allein über private ChatGPT-Konten, Smartphones oder selbst gewählte Apps in die Schule. Die Bundesländer schaffen eine eigene Infrastruktur, über die Kinder und Jugendliche unter Anleitung ihrer Lehrkräfte mit verschiedenen KI-Modellen arbeiten können.
Das kann einige Probleme frei zugänglicher Angebote lösen. Es wirft aber auch neue Fragen auf. Besonders unklar bleibt, ab welchem Alter und in welchen Klassenstufen Kinder mit einem solchen System arbeiten sollen.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/OpenAI)
KI ist längst im Schulalltag angekommen
Wie dringend Schulen klare Regeln und sichere Angebote benötigen, zeigt eine aktuelle repräsentative YouGov-Umfrage im Auftrag des Studienkreises.
76 Prozent der befragten Eltern geben an, dass ihr Kind KI bereits regelmäßig oder gelegentlich für schulische Aufgaben nutzt. Gleichzeitig kennt nur ein Drittel die KI-Regeln der jeweiligen Schule genau, während sich 50 Prozent weniger gut oder überhaupt nicht informiert fühlen. 57 Prozent wünschen sich klare schulische Regeln und 49 Prozent Unterricht zum kompetenten Umgang mit KI.
AIS.chat kann deshalb ein sinnvoller Baustein sein, reicht allein aber nicht aus. Schulen müssen Eltern und Kindern verständlich erklären, ab welchem Alter, für welche Aufgaben und unter welchen Bedingungen KI eingesetzt werden darf. Ebenso wichtig bleibt die pädagogische Begleitung, denn auch ein datenschutzkonformes System kann falsche oder unangemessene Antworten erzeugen.
Grundlage der Zahlen ist eine Befragung von 1.004 Eltern mit Schulkindern zwischen zehn und 17 Jahren. Quelle: Studienkreis und YouGov
Was ist AIS.chat?
AIS.chat ist keine eigene künstliche Intelligenz, die von den Bundesländern entwickelt wurde. Die Plattform stellt vielmehr eine schulische Benutzeroberfläche bereit, über die verschiedene bereits existierende Sprachmodelle genutzt werden können.
Nach Angaben des Anbieters stehen je nach Bundesland unter anderem Modelle von OpenAI, Google, Anthropic, Meta und Mistral zur Verfügung. Lehrkräfte können auswählen, mit welchem Modell sie arbeiten möchten. Die konkrete Auswahl kann sich verändern und von Bundesland zu Bundesland unterscheiden.
AIS.chat bündelt diese Modelle in einer Umgebung, die für den schulischen Einsatz entwickelt wurde. Sie bietet Funktionen, die sich direkt an Lehrkräfte richten. Dazu gehören Assistenten für wiederkehrende Aufgaben, vorbereitete Lernszenarien und sogenannte Dialogpartner.
Ein solcher Dialogpartner kann beispielsweise eine historische oder fiktive Person nachahmen. Schülerinnen und Schüler könnten dann im Unterricht Fragen an eine KI-Version von Albert Einstein oder an eine Figur aus einem Roman stellen. Die Antworten stammen allerdings weiterhin von einem Sprachmodell. Sie sind keine verlässlichen historischen Aussagen und können Fehler oder frei erfundene Informationen enthalten.
Schülerinnen und Schüler brauchen kein eigenes Konto
Einer der wichtigsten Unterschiede zu frei verfügbaren KI-Diensten besteht darin, dass Schülerinnen und Schüler kein persönliches Konto bei AIS.chat benötigen.
Die Lehrkraft richtet ein Lernszenario ein und stellt es der Klasse zeitlich begrenzt über einen Link oder QR-Code zur Verfügung. Dabei kann sie einen konkreten Arbeitsauftrag vorbereiten oder einen weitgehend freien Chat freischalten. Die Kinder und Jugendlichen gelangen anschließend direkt in die vorgesehene Umgebung.
Das verhindert, dass jedes Kind ein eigenes Konto bei ChatGPT, Gemini oder einem anderen kommerziellen Dienst anlegen muss. Es müssen auch keine persönlichen E-Mail-Adressen oder Klarnamen der Schülerinnen und Schüler hinterlegt werden.
Die pädagogische Verantwortung bleibt laut Bildungsministerium ausdrücklich bei der Lehrkraft. Sie entscheidet, wann der Chat eingesetzt wird, welchen Arbeitsauftrag die Klasse erhält und welches Modell verwendet wird.
Der Datenschutz ist ein echter Unterschied zu ChatGPT
AIS.chat wird ausdrücklich als datenschutzkonforme Alternative zu frei verfügbaren KI-Angeboten beworben. Nach Angaben des FWU werden die angebundenen Sprachmodelle innerhalb der Europäischen Union betrieben. Eingaben sollen weder für Werbung noch für Profilbildung oder zum Training der verwendeten Modelle genutzt werden.
Lehrkräfte melden sich pseudonymisiert über ihr jeweiliges Schulportal oder den länderübergreifenden Anmeldedienst VIDIS an. Ihre gespeicherten Chatverläufe werden laut Anbieter verschlüsselt auf Servern innerhalb der Europäischen Union abgelegt und sollen nur für die jeweilige Nutzerin oder den jeweiligen Nutzer einsehbar sein.
Das ist gegenüber privaten Konten bei kommerziellen KI-Anbietern ein erheblicher Fortschritt. Schulen benötigen eine technische Umgebung, in der Kinder nicht gezwungen werden, persönliche Konten anzulegen und umfangreichen Geschäftsbedingungen zuzustimmen.
Trotzdem bedeutet eine datenschutzkonforme Plattform nicht, dass im Unterricht bedenkenlos sämtliche Informationen eingegeben werden dürfen. Kinder können in einem Chat von sich aus Namen, persönliche Erlebnisse, Gesundheitsinformationen oder andere sensible Angaben nennen. Auch Lehrkräfte müssen genau darauf achten, welche Dokumente sie hochladen. AIS.chat unterstützt unter anderem PDF-Dateien, Präsentationen, Tabellen, Word-Dokumente und Bilder.
Datenschutz hängt deshalb weiterhin davon ab, wie die Plattform im Unterricht genutzt wird. Persönliche Daten von Kindern, individuelle Förderbedarfe, vertrauliche Beurteilungen oder nicht anonymisierte Schülerarbeiten gehören nicht unbedacht in einen KI-Chat.
Auch ein geschütztes System kann falsche Antworten geben
Der Begriff „geschützter Raum“ kann leicht den Eindruck erwecken, dass auch die Antworten der KI sicher oder pädagogisch geprüft seien. Das ist jedoch nicht automatisch der Fall.
AIS.chat greift auf dieselben Arten von Sprachmodellen zurück, die auch in anderen KI-Diensten zum Einsatz kommen. Diese Systeme berechnen auf Grundlage großer Datenmengen, welche Wörter wahrscheinlich aufeinander folgen. Sie können überzeugend formulierte Antworten erzeugen, die teilweise oder vollständig falsch sind.
Auch der Anbieter weist ausdrücklich darauf hin, dass die angeschlossenen Modelle halluzinieren können. Quellen können unpassend sein, historische Zusammenhänge können verfälscht werden und vermeintlich eindeutige Erklärungen können Fehler enthalten.
Gerade jüngere Kinder können sprachlich überzeugende Antworten kaum zuverlässig überprüfen. Wenn ein Chatbot freundlich, schnell und selbstbewusst antwortet, wirkt er leicht wie eine wissende Person. Tatsächlich besitzt er weder Verständnis noch Verantwortungsgefühl und kann die persönliche Situation eines Kindes nicht angemessen einschätzen.
Die Begleitung durch eine Lehrkraft bleibt daher entscheidend. Kinder sollten KI-Antworten nicht einfach übernehmen, sondern mit anderen Quellen vergleichen und gemeinsam besprechen, wie solche Systeme zu ihren Ergebnissen kommen.
Eine einheitliche Altersgrenze fehlt
In den öffentlich zugänglichen Informationen zu AIS.chat wird bislang keine bundesweit einheitliche Alters- oder Klassenstufengrenze genannt. Die Plattform steht Schulen, Lehrkräften sowie deren Schülerinnen und Schülern zur Verfügung. Ob sie in einer Grundschule, einer weiterführenden Schule oder einer Berufsschule eingesetzt wird, hängt von den Vorgaben der Bundesländer und den Entscheidungen der Lehrkräfte ab.
Genau hier fehlt eine klare öffentliche Diskussion.
Ein zeitlich begrenzter KI-Chat im Unterricht ist etwas anderes als ein eigenes ChatGPT-Konto auf dem privaten Smartphone. Trotzdem sollte nicht allein die technische Verfügbarkeit darüber entscheiden, ab welchem Alter Kinder mit generativer KI arbeiten.
Jüngere Kinder befinden sich noch mitten im Aufbau grundlegender Fähigkeiten. Sie lernen, selbst Texte zu formulieren, Informationen zu ordnen, Fragen zu entwickeln, Zusammenhänge zu verstehen und zwischen glaubwürdigen und unglaubwürdigen Aussagen zu unterscheiden. Wenn eine KI zu früh Aufgaben übernimmt, die Kinder erst selbst erlernen müssen, kann sie den Lernprozess verkürzen, statt ihn zu unterstützen.
Medienzeit hat bereits über Norwegens deutlich zurückhaltenderen Weg berichtet. Dort soll generative KI in den unteren Klassen stark begrenzt werden. Der Gegensatz zeigt, wie unterschiedlich der schulische Umgang mit KI derzeit bewertet wird. Während Norwegen zunächst bestimmte Entwicklungs- und Lernphasen schützen möchte, bauen deutsche Bundesländer eine gemeinsame Infrastruktur auf, ohne öffentlich eine einheitliche Altersgrenze zu benennen.
Die Technik allein beantwortet nicht die pädagogische Frage, wann ihr Einsatz sinnvoll ist.
KI-Nutzung ist nicht automatisch KI-Kompetenz
Kinder werden nicht allein dadurch kompetent im Umgang mit künstlicher Intelligenz, dass sie einen Chatbot verwenden.
Sie müssen verstehen, dass Antworten erfunden sein können, warum die Formulierung einer Frage das Ergebnis beeinflusst und weshalb ein Sprachmodell keine neutrale Wissensquelle ist. Sie sollten lernen, Informationen zu prüfen, eigene Gedanken zu entwickeln und Entscheidungen nicht an ein System auszulagern.
Dazu gehört auch die Erfahrung, eine Aufgabe zunächst ohne KI zu bearbeiten. Nur wer selbst lesen, schreiben, rechnen, recherchieren und argumentieren gelernt hat, kann später beurteilen, ob eine KI-Antwort brauchbar ist.
AIS.chat kann dabei helfen, verschiedene Antworten miteinander zu vergleichen oder Fehler bewusst sichtbar zu machen. Die Plattform kann aber ebenso zur bequemen Abkürzung werden, wenn sie hauptsächlich Arbeitsblätter ausfüllt, Texte produziert oder fertige Lösungen liefert.
Ob Kinder mit oder durch KI lernen, hängt weniger vom Namen der Plattform ab als vom konkreten Unterricht.
Sachsen-Anhalt verlangt eine Schulung der Lehrkräfte
In Sachsen-Anhalt müssen Lehrkräfte eine KI-Kompetenzschulung absolvieren, bevor sie AIS.chat freischalten können. Das ist sinnvoll, denn die Verantwortung für die Gestaltung der Lernszenarien liegt bei ihnen.
Eine einmalige Schulung kann jedoch nur ein Anfang sein. Die verfügbaren Modelle verändern sich schnell, neue Funktionen kommen hinzu und bekannte Risiken werden anders bewertet. Lehrkräfte brauchen deshalb kontinuierliche Fortbildungen, Zeit zum Ausprobieren und konkrete pädagogische Leitlinien.
Sie müssen außerdem entscheiden können, wann ein KI-Einsatz einen erkennbaren Lerngewinn bringt und wann eine analoge Aufgabe, ein Gespräch oder die eigenständige Recherche sinnvoller wäre.
Wenn KI lediglich eingesetzt wird, weil die Plattform vorhanden ist, entsteht daraus noch keine bessere Bildung.
Eltern sollten über den Einsatz informiert werden
Eltern sollten wissen, ob und wie ihre Kinder im Unterricht mit generativer KI arbeiten. Dazu gehört eine verständliche Information darüber, welche Plattform eingesetzt wird, welche Aufgaben die Kinder bearbeiten und welche Daten nicht eingegeben werden dürfen.
Ebenso wichtig ist die Frage, ob Arbeitsergebnisse gespeichert werden, wie lange ein Lernszenario erreichbar bleibt und ob Kinder den Chat ausschließlich während des Unterrichts oder auch von zu Hause aus nutzen können.
AIS.chat kann die Nutzung kommerzieller Privatkonten im Unterricht vermeiden. Das ist positiv. Es sollte aber nicht dazu führen, dass KI-Anwendungen ohne nachvollziehbares pädagogisches Konzept selbstverständlich in immer jüngere Klassen wandern.
Eine Schule sollte erklären können, welches konkrete Lernziel mit dem Einsatz verfolgt wird. Die Antwort sollte genauer sein als der allgemeine Hinweis, Kinder müssten auf eine Welt mit künstlicher Intelligenz vorbereitet werden.
Eine bessere technische Lösung ersetzt keine pädagogischen Grenzen
AIS.chat löst ein reales Problem. Wenn Schulen mit generativer KI arbeiten möchten, ist eine von den Bundesländern bereitgestellte, pseudonymisierte und innerhalb der EU betriebene Plattform deutlich sinnvoller als private Konten bei beliebigen KI-Anbietern.
Der Verzicht auf persönliche Schülerkonten, die begrenzten Lernszenarien und die vorgeschriebene Schulung der Lehrkräfte in Sachsen-Anhalt sind wichtige Schutzmaßnahmen.
Gleichzeitig darf aus einer besseren technischen Lösung kein Freibrief für einen möglichst frühen und umfangreichen Einsatz werden. Auch innerhalb eines datenschutzkonformen Systems bleiben die Antworten fehleranfällig. Kinder können persönliche Informationen eingeben, Aufgaben an die KI auslagern und sprachlich überzeugende Falschaussagen für Wissen halten.
Deshalb braucht es klare Alters- und Einsatzgrenzen, transparente Informationen für Eltern und eine ehrliche pädagogische Abwägung. Nicht jede Aufgabe wird besser, weil eine KI daran beteiligt ist.
Kinder sollten künstliche Intelligenz verstehen lernen. Dafür müssen sie jedoch zunächst zahlreiche Fähigkeiten selbst entwickeln, die sie später brauchen, um einer KI überhaupt widersprechen zu können.
Quellen und weiterführende Beiträge
Die Angaben zu Einführung, Finanzierung und Nutzung in Sachsen-Anhalt stammen aus der Pressemitteilung des Bildungsministeriums Sachsen-Anhalt vom 24. August 2026.
Informationen zu Datenschutz, Funktionen, Sprachmodellen und den beteiligten Bundesländern finden sich in den offiziellen FAQ von AIS.chat und auf dem Bildungsserver Sachsen-Anhalt.