Wenn eine ganze Schule ihre Bildschirmzeit reduziert

Was Jugendliche bei einer gemeinsamen Challenge über ihre Smartphone-Nutzung erfahren

Foto: Hendrik Krug

Ein Gastbeitrag von Maja Sommer

Eine Woche lang versuchen Schülerinnen und Schüler, ihre Smartphone-Zeit bewusst zu reduzieren. Sie tun das gemeinsam mit ihrer Klasse und können anschließend vergleichen, was ihnen leichtgefallen ist, was sie vermisst haben und wofür plötzlich mehr Zeit blieb. Maja Sommer führt die Social PROS Bildschirmzeit-Challenge seit 2024 an Schulen durch. In diesem Gastbeitrag berichtet sie über den Ablauf, die Rückmeldungen der Jugendlichen und die Ergebnisse einer begleitenden Befragung.

„Mein Handy ist mir nicht mehr so wichtig wie vorher.“

Luzi, 14 Jahre

Drei Jugendliche vergleichen gemeinsam mit einem Lehrer die grafische Auswertung ihrer Smartphone-Nutzungszeit.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Aus einer Idee wird ein Schulprojekt

Als ich die Bildschirmzeit-Challenge 2024 zum ersten Mal an einer Schule angeboten habe, stand am Anfang eine einfache Frage. Was geschieht, wenn es für eine Woche das gemeinsame Ziel aller Schülerinnen und Schüler ist, so wenig Zeit wie möglich am Smartphone zu verbringen?

Vier Jugendliche verlassen gemeinsam eine deutsche Schule und unterhalten sich, ohne ihre Smartphones zu benutzen.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Im Alltag erleben Jugendliche ihre Smartphone-Nutzung häufig als etwas sehr Individuelles. Wer das Gerät weglegt, hat schnell das Gefühl, etwas zu verpassen, während Freundinnen und Freunde weiterschreiben, spielen oder Videos ansehen. Bei einer gemeinsamen Challenge verändert sich dieser Rahmen. Die Jugendlichen wissen, dass ihre ganze Klasse und sogar die ganze Schule mitmacht und dass sie alle vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Genau dieser Gemeinschaftsgedanke ist für mich der Kern des Projekts.

Während der Woche berichteten die Schülerinnen und Schüler, dass sie wieder stärker wahrgenommen haben, wann sie aus Langeweile zum Smartphone gegriffen haben. Einige haben mehr gelesen, Freunde getroffen, mehr Musik gemacht, waren draußen oder verbrachten mehr Zeit mit ihren Familien. Andere stellten fest, dass ihnen der Verzicht auf bestimmte Apps deutlich schwerer fiel als erwartet.

„Ich habe gemerkt, wie abhängig ich von meinem Handy bin. Normalerweise gehe ich viel dran, aber in der Woche der Challenge habe ich viel mehr Gitarre gespielt, an meinem Buch geschrieben oder Freunde getroffen.“

Mila, 12 Jahre


So funktioniert die Bildschirmzeit-Challenge

Fünf Jugendliche sitzen mit einer Lehrerin im Klassenraum zusammen. Ihre Smartphones liegen während des Gesprächs unbenutzt vor ihnen auf dem Tisch.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Die Challenge läuft über eine Woche und richtet sich an die Schülerinnen und Schüler einer Schule. Die Teilnahme ist freiwillig. Zu Beginn erfassen die Teilnehmenden die Smartphone-Zeit der vorherigen Woche. Am Ende der Challenge tragen sie ihre wöchentliche Nutzungszeit erneut ein. Berücksichtigt wird ausschließlich die Nutzung des Smartphones. Zeiten an Computern, Tablets oder anderen Geräten sind nicht Teil der Auswertung.

Die Angaben können unter einem Nickname eingetragen werden. Für den Wettbewerb werden sie innerhalb der Klassen zusammengeführt. Da jüngere Jahrgänge häufig weniger Smartphone-Zeit haben als ältere, können Schulen getrennte Wertungen für verschiedene Klassenstufen vorsehen. Zusätzlich kann die Klasse ausgezeichnet werden, die ihre Nutzung gegenüber der Vorwoche am stärksten reduziert hat. Als Preise werden gemeinsame Klassenerlebnisse vergeben, die beispielsweise Fördervereine oder Stiftungen unterstützen.

Am Ende geht es zwar um einen Wettbewerb, aber der Vergleich soll vor allem einen Anlass zur Reflexion schaffen. Die Jugendlichen sehen ihre eigene Nutzung schwarz auf weiß und sprechen miteinander darüber. Einige stellen dabei zum ersten Mal fest, wie viele Stunden sich im Laufe einer Woche summieren.


Was die Jugendlichen während der Woche beobachten

Die Rückmeldungen aus den Klassen und den begleitenden Videotagebüchern zeigen sehr unterschiedliche Erfahrungen. Einige vermissten das Smartphone zunächst deutlich und gewöhnten sich erst nach einigen Tagen an die Veränderung. Viele Jugendliche empfanden es allerdings als befreiend, weniger erreichbar zu sein.

„Ich bin bewusster mit dem Smartphone umgegangen und nicht aus Langeweile rangegangen.“

Paul, 16 Jahre

„Ich verbringe jetzt auf jeden Fall freiwillig sogar Zeit ohne Handy. Das hat mir jetzt wirklich geholfen.“

Stefaniia, 14 Jahre

„Es hat einfach superviel Spaß gemacht, ohne Handy zu sein. Ich habe abends statt ans Handy zu gehen ein wenig gelesen. Mein Schlaf war richtig gut.“

Paula, 13 Jahre

„Ich war auch viel draußen mit meinen Freunden und man hat sich einfach freier gefühlt. Und ich hab’ viel mehr gelacht als sonst.“

Mathilda, 13 Jahre

„Man merkt es erst, wenn es alle so machen. Dann würde mein Handy mir gar nicht so doll fehlen. Ich versuche jetzt auch in Zukunft, weniger am Handy zu sein.“

Luzi, 14 Jahre

Solche Aussagen sind keine wissenschaftlichen Nachweise für eine bestimmte Wirkung. Sie machen aber sichtbar, was einzelne Jugendliche in dieser Woche wahrgenommen haben. Gerade diese persönlichen Beobachtungen können ein guter Ausgangspunkt sein, um über Gewohnheiten, Schlaf, Konzentration und Freizeit ins Gespräch zu kommen.


Was die begleitende Befragung ergeben hat

Rotes, von Schülerinnen und Schülern gestaltetes Plakat mit Begriffen wie „Klicks“, „Kicks“, „Erlebnisse“, „Erinnerungen“ und „wahre Erfüllung“.

Schülerplakat

Bei der letzten Bildschirmzeit-Challenge wurden Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 5 bis 10 über SurveyMonkey befragt. Am ersten Tag nahmen 195 Jugendliche teil. Am Tag nach dem Ende der Challenge beantworteten 157 Jugendliche die abschließenden Fragen.

Die Befragung war nicht als wissenschaftliche oder repräsentative Studie angelegt. Da zu Beginn und am Ende unterschiedlich viele Antworten vorlagen, lassen sich die Angaben außerdem nicht als personenbezogener Vorher-nachher-Vergleich lesen. Sie geben wieder, wie die teilnehmenden Jugendlichen ihre Nutzung und die Woche selbst eingeschätzt haben.

In der Abschlussbefragung berichteten 27 Prozent von einer verbesserten Konzentration. Jeweils 24 Prozent gaben an, besser geschlafen beziehungsweise eine bessere Stimmung wahrgenommen zu haben.

64 Prozent erklärten, dass sie ihre Smartphone-Zeit während der Woche reduziert hätten. Mehr als die Hälfte wollte anschließend bewusster mit der eigenen Nutzung umgehen.

Nur 7 Prozent empfanden die Challenge als schwer, während 72 Prozent sie als leicht einstuften. Bei der Frage, worauf der Verzicht besonders schwerfiel, nannten 36 Prozent Chats und Messenger, 31 Prozent YouTube und jeweils 26 Prozent Musik oder Podcasts, Gaming und TikTok. Mehrfachantworten waren möglich.

Am häufigsten half es den Jugendlichen, Freunde zu treffen. Diese Antwort wählten 52 Prozent. Sport und Hobbys folgten mit 48 Prozent. Für mich ist das eine der wichtigsten Rückmeldungen. Weniger Smartphone-Zeit gelingt leichter, wenn an ihre Stelle konkrete Erlebnisse treten und die Jugendlichen dabei nicht allein bleiben.


Smartphone-Zeit ist ein Teil des Jugendalltags

Wie groß der zeitliche Stellenwert digitaler Medien inzwischen ist, zeigt auch die Postbank Jugend-Digitalstudie 2025. Die befragten 16- bis 18-Jährigen waren im Durchschnitt 65,5 Stunden pro Woche über verschiedene Geräte online. Davon entfielen durchschnittlich 37,5 Stunden auf das Smartphone. Das entspricht rund 5,4 Stunden täglich. Diese Durchschnittswerte sagen noch nichts darüber aus, was Jugendliche online tun oder wie sie die Nutzung erleben. Sie zeigen aber, wie viel Raum das Smartphone im Alltag einnehmen kann. Quelle zur Postbank Jugend-Digitalstudie

Bei der Challenge geht es deshalb nicht darum, jede digitale Minute grundsätzlich negativ zu bewerten. Ein Videoanruf, eine Recherche für die Schule und eine Stunde endloses Scrollen sind nicht dasselbe. Trotzdem ist die gemessene Dauer ein hilfreicher Einstieg. Sie macht Gewohnheiten sichtbar und ermöglicht die Frage, ob genügend Zeit für Schlaf, Schule, Bewegung, Freundschaften und andere Interessen bleibt.


Mediennutzungskompetenz ist ein Teil von Medienkompetenz

Medienkompetenz umfasst deutlich mehr als die Fähigkeit, ein Smartphone zu bedienen oder die eigene Nutzungszeit zu begrenzen. In der bekannten Definition des Medienpädagogen Dieter Baacke gehören Medienkunde, Medienkritik, Mediennutzung und Mediengestaltung zusammen. Kinder und Jugendliche müssen auch verstehen, wie Algorithmen und Geschäftsmodelle funktionieren, wie Inhalte sie beeinflussen können und wie sie ihre Privatsphäre schützen.

Die Bildschirmzeit-Challenge konzentriert sich bewusst auf einen Teil davon. Die Jugendlichen beobachten ihre eigene Nutzung, setzen sich ein Ziel und reflektieren anschließend ihre Erfahrungen. Eine ausführlichere Einordnung des Begriffs Medienkompetenz findet sich bei Medienzeit. Medienkompetenz entsteht nicht durch Bildschirmzeit

Selbstreflexion ersetzt dabei weder klare Regeln noch Schutzmaßnahmen. Kinder und Jugendliche brauchen Wissen und Begleitung, zugleich benötigen sie verlässliche Grenzen in Familien und Schulen. Eine gemeinsame Challenge kann diesen Rahmen ergänzen und Gespräche ermöglichen, die nach der Woche weitergeführt werden.


Wie Familien die Idee aufgreifen können

Ein Vater und seine jugendliche Tochter legen ihre Smartphones am Abend an einem gemeinsamen Ladeplatz außerhalb des Schlafzimmers ab.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Gemeinsame und realistische Ziele vereinbaren

Eltern können gemeinsam mit ihren Kindern überlegen, welche Veränderung im Alltag realistisch wäre. Das kann eine feste Pause während der Hausaufgaben, eine Begrenzung einzelner Apps oder eine smartphonefreie Zeit am Morgen und beim Essen sein. Den Rahmen legen die Eltern fest. Kinder sollten jedoch verstehen, warum eine Regel gilt und woran sie merken können, ob sie ihnen hilft.

Den Schlaf schützen

Smartphones sollten nachts nicht im Kinderzimmer bleiben. Ein gemeinsamer Ladeplatz außerhalb der Schlafzimmer kann die Umsetzung erleichtern. Auch eine feste smartphonefreie Zeit vor dem Schlafengehen hilft dabei, den Abend ruhiger zu gestalten.

Alternativen konkret planen

Der Vorsatz, weniger am Smartphone zu sein, reicht häufig nicht aus. Hilfreicher ist eine konkrete Idee für die gewonnene Zeit. Verabredungen, Sport, Musik, kreative Projekte oder gemeinsame Aktivitäten in der Familie können dabei unterstützen. Besonders leicht fällt die Veränderung, wenn Freundinnen und Freunde mitmachen.

Die eigene Nutzung sichtbar machen

Erwachsene unterschätzen leicht, wie oft Kinder sie selbst mit dem Smartphone sehen. Dabei erkennen Kinder nicht, ob gerade eine Überweisung erledigt, eine Reise geplant oder durch Social Media gescrollt wird. Gemeinsame Regeln wirken glaubwürdiger, wenn sie auch für Erwachsene gelten.

Aufklärung und Grenzen verbinden

Gespräche über Bildschirmzeit sollten mit Gesprächen über Inhalte verbunden werden. Dazu gehören Algorithmen, problematische Kontakte, Datenschutz, gewaltvolle Inhalte und die Altersfreigaben von Spielen und Apps. Aufklärung und klare Regeln erfüllen unterschiedliche Aufgaben und gehören deshalb zusammen.


Was nach einer Woche bleiben kann

Eine einzelne Challenge-Woche kann nicht garantieren, dass sich die Smartphone-Nutzung oder das Wohlbefinden aller Jugendlichen dauerhaft verändern. Doch sie setzt wichtige Impulse, indem sie Erfahrungen ermöglicht, die Bewusstsein und Reflexion schaffen. Die Jugendlichen hören nicht nur, dass weniger Nutzung sinnvoll sein könnte. Sie probieren es gemeinsam aus und beobachten selbst, was sich in ihrem Alltag verändert.

Vier Jugendliche spielen nach der Schule gemeinsam Basketball, während ein Smartphone unbenutzt auf einer Bank liegt.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Mich berühren besonders die Rückmeldungen, in denen Jugendliche von intensiveren Gesprächen, mehr Zeit mit Geschwistern, einem Buch am Abend oder einem neuen Gefühl von Freiheit erzählen. Nicht jede Schülerin und jeder Schüler erlebt die Woche gleich. Doch schon die gemeinsame Beschäftigung mit diesem wichtigen Thema kann helfen, automatische Gewohnheiten sichtbar zu machen und einen bewussteren Umgang mit dem Smartphone anzustoßen.

Die entscheidende Frage beginnt deshalb nach dem Ende der Challenge. Welche Erfahrungen möchten die Jugendlichen mitnehmen, welche Regeln helfen ihnen im Alltag und wie können Schule und Familie sie dabei unterstützen? Wenn darüber weitergesprochen wird, kann aus einer Woche ein sinnvoller Impuls für den Alltag entstehen.


Über die Autorin

Maja Sommer ist Sprecherin, Moderatorin und Trainerin für Kommunikation und Medienkompetenz. Sie bietet die Social PROS Bildschirmzeit-Challenge seit 2024 für Schulen sowie Medienkompetenz-Trainings an. Weitere Informationen gibt es unter www.social-pros.de.


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