Die meisten Eltern haben keine Ahnung, was Apps über ihre Kinder wissen

Zählmarke

Jeden Morgen geht dein Kind denselben Weg zur Schule. Jeden Nachmittag fährt es zum Sport. Jeden Freitag besucht es die Großeltern. Diese Informationen kennt nicht nur dein Kind. Oft kennen sie auch Dutzende Apps auf seinem Smartphone.

Viele Eltern denken bei Smartphones zuerst an Bildschirmzeit, Social Media oder Games. Das sind wichtige Themen. Ein Risiko wird dabei jedoch häufig übersehen. Das Smartphone sammelt im Hintergrund Daten. Und dazu gehören vor allem Standortdaten.

Aus diesen Informationen können Bewegungsprofile entstehen, die zeigen, wo dein Kind wohnt, zur Schule geht oder regelmäßig seine Freizeit verbringt.

Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)

Was im Hintergrund wirklich passiert

Viele Apps fragen nach dem Standort. Karten-Apps beispielsweise brauchen das, das ist noch logisch.

Aber auch viele andere Anwendungen greifen darauf zu. Wetter-Apps, Shopping-Apps, Spiele oder scheinbar harmlose Tools. Die Freigabe wird schnell erteilt, oft ohne lange nachzudenken. Was danach passiert, ist vielen nicht klar.

Diese Daten bleiben nicht auf dem Gerät. Sie werden weitergegeben. An Werbefirmen, an Datenhändler, an ein Netzwerk, das für Eltern kaum durchschaubar ist.

Die ARTE-Dokumentation „Gefährliche Apps – Im Netz der Datenhändler“ zeigt genau das. Eine internationale Recherche, unter anderem von Bayerischem Rundfunk, netzpolitik.org und Le Monde, hat Milliarden von Standortdaten ausgewertet. Das Ergebnis: Aus einzelnen Datenpunkten entsteht ein Geschäft. Ein globaler Markt mit hochsensiblen Bewegungsdaten.

Warum das ein echtes Risiko ist

Ein einzelner Standort sagt wenig aus. Aber viele Standortpunkte ergeben ein Muster.

Und dieses Muster ist eindeutig:

  • Wo ein Kind wohnt

  • Welche Schule es besucht

  • Welche Wege es täglich geht

  • Wo es seine Freizeit verbringt

  • Wann es allein unterwegs ist

Schon die Kombination aus Wohnort und Schule reicht oft aus, um eine Person zu identifizieren. Aus anonymen Daten werden reale Menschen. Und bei Kindern bedeutet das: Ihre Lebenswelt wird sichtbar. Genau solche Bewegungsprofile interessieren nicht nur Werbefirmen, sondern können auch für Kriminelle oder Stalker interessant sein.

Das ist kein abstraktes Datenschutzthema. Es ist ein Sicherheitsrisiko.


Warum sich das für viele Eltern nicht gefährlich anfühlt

„Daten“ klingt abstrakt. Viele denken: Ich habe nichts zu verbergen. Das Problem ist: Es geht nicht um Geheimnisse. Es geht um Muster. Stellt euch vor, jemand würde euer Kind zwei Wochen lang beobachten und notieren:

  • Wann es das Haus verlässt

  • Welchen Weg es zur Schule nimmt

  • Wo es nachmittags ist

  • Wann es allein unterwegs ist

Nach kurzer Zeit entsteht ein klares Bild. Genau das passiert hier. Nur automatisiert und ohne, dass wir es merken.


Kinder sind besonders betroffen

Kinder gehen anders mit Technik um. Sie klicken schneller auf „Zulassen“. Sie wollen Apps nutzen, nicht Einstellungen prüfen.

Und selbst wenn Eltern hinschauen, bleibt vieles unsichtbar. Nicht jede Datenweitergabe wird klar angezeigt. Nicht jede App ist transparent.

Hinzu kommt: Kinder bewegen sich in festen Routinen. Genau das macht sie berechenbar.

Das Problem ist nicht die eine App. Das Problem ist das System dahinter. Ein Netzwerk aus App-Anbietern, Werbefirmen und Datenhändlern, in dem Daten weitergegeben und kombiniert werden.


Es geht nicht nur um Standortdaten

Mädchen mit Smartphone auf einer Straße am Abend, während digitale Standortpunkte und Verbindungen ihre Bewegungen sichtbar machen

Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)

Standort ist nur ein Teil. Smartphones sammeln deutlich mehr:

  • Kontakte: Apps greifen oft auf das Adressbuch zu. Damit werden nicht nur Daten deines Kindes erfasst, sondern auch die von Freunden und Klassenkameraden.

  • Kamera und Fotos: Bilder enthalten oft Zusatzinformationen, zum Beispiel den Aufnahmeort.

  • Mikrofon: Einige Apps greifen auf das Mikrofon zu, auch wenn es nicht offensichtlich nötig ist.

  • Nutzungsverhalten: Wie lange wird eine App genutzt, was wird geklickt, wie reagiert ein Kind auf Inhalte. Daraus entstehen sehr genaue Profile.

  • Geräteinformationen: Auch ohne Namen kann ein Gerät eindeutig erkannt werden. So können Nutzer über verschiedene Apps hinweg wiedererkannt werden.

All das ergibt ein Gesamtbild.


Die unbequeme Wahrheit

Selbst wenn Eltern alles „richtig“ machen, bleibt ein zentrales Problem bestehen: Man kann das Sammeln und Weitergeben von Daten nicht vollständig kontrollieren.

Das ist keine Übertreibung, sondern die Realität digitaler Systeme. Nicht jede Datenweitergabe ist für Nutzer sichtbar. Viele Prozesse laufen im Hintergrund ab, ohne dass klar erkennbar ist, welche Informationen tatsächlich erhoben und weitergegeben werden. Auch die Angaben von Apps sind nicht immer vollständig oder leicht verständlich, und selbst scheinbar klare Einstellungen bieten keinen verlässlichen Schutz in jeder Situation.

Hinzu kommt, dass viele Anwendungen und Plattformen gezielt darauf ausgelegt sind, möglichst viele Daten zu sammeln. Diese Daten sind ein zentraler Bestandteil ihres Geschäftsmodells. Je mehr Informationen vorliegen, desto besser lassen sich Nutzer analysieren, einordnen und beeinflussen. Das betrifft auch Kinder, deren Verhalten und Routinen besonders leicht auswertbar sind.

Selbst wenn Standortfreigaben deaktiviert werden, können weiterhin Rückschlüsse gezogen werden. Geräte lassen sich über andere Signale erkennen, etwa über WLAN-Verbindungen, Bluetooth-Beacons in Geschäften, Bahnhöfen oder anderen öffentlichen Orten, über die Nähe zu anderen Geräten oder über typische Nutzungsgewohnheiten. Dadurch entsteht auch ohne aktiviertes GPS ein Bild vom Alltag eines Kindes.

Ein weiteres Problem ist die Dynamik digitaler Dienste. Apps verändern sich ständig. Mit Updates kommen neue Funktionen, neue Berechtigungen und teilweise auch neue Formen der Datennutzung hinzu. Was heute unproblematisch erscheint, kann morgen anders aussehen, ohne dass es sofort auffällt.

Auch das Umfeld spielt eine Rolle. Selbst wenn das eigene Kind vorsichtig ist und bewusst mit seinem Gerät umgeht, können Daten über andere Wege entstehen. Wenn Freunde Apps nutzen, die Daten sammeln, oder wenn Geräte miteinander interagieren, lassen sich Informationen miteinander verknüpfen.

All das führt dazu, dass leicht ein Gefühl von Kontrolle entsteht, das so in dieser Form nicht existiert. Eltern haben Einstellungen vorgenommen, Apps geprüft und Regeln festgelegt. Das ist wichtig und sinnvoll. Gleichzeitig bewegt man sich in einem System, das sich nur begrenzt steuern lässt.

Das bedeutet nicht, dass Maßnahmen wirkungslos sind. Jede Einschränkung reduziert Datenflüsse und damit auch Risiken. Bewusste Entscheidungen machen einen Unterschied.

Es bedeutet aber auch, dass technischer Schutz allein nicht ausreicht. Der Schutz von Kindern im digitalen Raum entsteht nicht durch eine einzelne Einstellung, sondern durch ein Zusammenspiel aus Aufklärung, klaren Regeln und der Bereitschaft, bestimmte Dinge bewusst nicht zuzulassen.


Was Eltern konkret tun können

Aufklärung ist wichtig, aber sie reicht nicht aus. Eltern brauchen zusätzlich klare, alltagstaugliche Regeln, die im Familienleben wirklich greifen.

Dazu gehört zunächst eine grundsätzliche Haltung: Ein eigenes Smartphone sollte so spät wie möglich angeschafft werden. Kinder brauchen nicht jede App, sondern nur das, was wirklich notwendig ist. Klare Regeln helfen zusätzlich, zum Beispiel keine Geräte nachts im Kinderzimmer und keine neuen Apps ohne gemeinsame Entscheidung.

Darüber hinaus gibt es konkrete Schritte, mit denen sich Risiken deutlich reduzieren lassen.

So verhinderst du, dass Apps dein Kind tracken

(Je nach Smartphone-Hersteller können die Bezeichnungen leicht variieren)

1. Beim ersten Öffnen einer App

Wenn eine App nach dem Standort fragt:

  • Nicht automatisch zustimmen

  • Im Zweifel immer „Nicht erlauben“ wählen

  • Alternativ nur „Während der Nutzung erlauben“

  • „Immer erlauben“ möglichst nie auswählen

2. Standortzugriffe prüfen (iPhone)

  • Einstellungen öffnen

  • Datenschutz & Sicherheit auswählen

  • Ortungsdienste öffnen

Dann jede App einzeln prüfen:

  • Spiele → Standort aus

  • Social Media → Standort aus

  • Shopping-Apps → Standort aus

  • Nur notwendige Apps behalten (z. B. Karten/Navigation)

Wichtig:

  • Einstellung „Nie“ oder maximal „Beim Verwenden der App“ wählen

  • „Immer“ konsequent vermeiden

3. Standortzugriffe prüfen (Android)

  • Einstellungen öffnen

  • Standort auswählen

  • App-Standortberechtigungen öffnen

Dann jede App durchgehen:

  • Spiele → Standort deaktivieren

  • Social Media → deaktivieren

  • Shopping → deaktivieren

  • Nur notwendige Apps behalten

Wichtig:

  • „Nicht erlaubt“ oder „Nur während der Nutzung“ wählen

  • Dauerhaften Zugriff vermeiden

4. Dauerhaften Zugriff vermeiden

  • „Immer erlauben“ bedeutet: Tracking im Hintergrund

  • Das braucht fast keine App

  • Deshalb konsequent deaktivieren

5. Mit dem Kind sprechen

Ein einfacher Grundsatz hilft:

Apps müssen nicht wissen, wo du bist.

Das verstehen Kinder schnell und wenden es oft selbst an.

6. Regelmäßig überprüfen

  • Apps verändern sich durch Updates

  • Berechtigungen können sich ändern

Deshalb:

  • Alle paar Wochen kurz gemeinsam prüfen

  • Dauert wenige Minuten

  • Hat große Wirkung


Wichtig zu wissen

Diese Maßnahmen bieten keinen vollständigen Schutz.

Aber sie reduzieren deutlich, was über dein Kind gesammelt wird.

Und genau darum geht es: bewusst entscheiden, was man zulässt und was nicht.


Ein einfacher Grundsatz

Viele Apps funktionieren auch ohne Standortfreigabe.

Deshalb hilft eine klare Regel im Alltag: Zunächst immer ablehnen. Wenn eine App den Zugriff wirklich benötigt und ohne Standort nicht sinnvoll funktioniert, kann die Freigabe bewusst erteilt werden. Entscheidend ist, dass diese Entscheidung aktiv getroffen wird und nicht automatisch erfolgt.


Fazit

Das Smartphone ist nicht nur ein Bildschirm, den Kinder nutzen. Es ist ein Gerät, das gleichzeitig Daten erfasst und auswertet.

Diese Daten entstehen kontinuierlich im Hintergrund und bilden ein immer genaueres Bild vom Alltag eines Kindes.

Wenn wir über den Schutz unserer Kinder sprechen, dürfen wir diesen Aspekt nicht ausblenden. Es geht nicht nur darum, welche Inhalte Kinder konsumieren, sondern auch darum, welche Informationen über sie gesammelt werden und wer darauf Zugriff hat.

Genau deshalb braucht es beides: Aufklärung, damit Kinder und Eltern verstehen, was passiert, und klare Regeln, die im Alltag Orientierung geben und Grenzen setzen.


Quellen

ARTE: Gefährliche Apps – Im Netz der Datenhändler. Die Dokumentation zeigt, wie aus App-Daten Bewegungsprofile entstehen und warum diese Daten für Stalker, Kriminelle und Geheimdienste relevant sein können. (ARTE)

netzpolitik.org: Databroker Files. Die Recherche-Reihe dokumentiert gemeinsam mit internationalen Partnern, wie Standortdaten aus der Werbeindustrie gehandelt werden und warum das ein Sicherheitsrisiko ist. (netzpolitik.org)

netzpolitik.org: Handy-Daten exponieren Begleiter von Emmanuel Macron. Dieser Beitrag zeigt konkret, dass sich aus kommerziell gehandelten Standortdaten auch sensible Bewegungen von Personen im Umfeld politischer Institutionen ableiten lassen. (netzpolitik.org)

netzpolitik.org: Diese EU-Firma soll Standortdaten aus Deutschland verkauft haben. Relevant für deinen Text, weil hier der Bezug zu Deutschland und zum europäischen Datenhandel sehr konkret wird. (netzpolitik.org)

Apple Support: Informationen zu Datenschutz und Ortungsdiensten in iOS sowie Einstellungen für Ortungsdienste verwalten. Diese Quellen sind passend für deine praktischen Tipps an Eltern, weil Apple dort erklärt, wie Standortzugriffe auf dem iPhone geprüft und geändert werden können. (Apple Support)

Google Support: Berechtigungen zur Standortermittlung für Apps verwalten und Standorteinstellungen von Android-Geräten verwalten. Diese Quellen passen für den Android-Teil deiner Anleitung. (Google Hilfe)

Android Developers: Standortermittlung im Hintergrund anfordern. Diese Quelle ist hilfreich, wenn du belegen willst, dass Hintergrundstandort auf Android ein eigener, sensibler Berechtigungsbereich ist. (Android Developers)

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Neue Bertelsmann-Studie: Die Mehrheit fordert strengere Regeln für Social Media