Neue Bertelsmann-Studie: Die Mehrheit fordert strengere Regeln für Social Media

Seit Jahren wird über soziale Medien gestritten. Brauchen wir mehr Medienkompetenz? Reichen freiwillige Maßnahmen der Plattformen aus? Sind Altersgrenzen sinnvoll? Oder greifen Verbote zu stark in die Freiheit ein?

Eine neue repräsentative Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt nun ein erstaunlich klares Bild. Die Menschen in Deutschland sehen die Probleme sozialer Medien sehr deutlich. Gleichzeitig nutzen sie diese Plattformen weiter. Und noch etwas wird deutlich: Die meisten erwarten längst nicht mehr, dass einzelne Nutzerinnen und Nutzer das Problem allein lösen. Sie erwarten wirksame Regeln von Politik und Plattformen.

Für Eltern ist diese Studie besonders interessant. Denn viele Ergebnisse bestätigen genau das, was Familien seit Jahren erleben.

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Jugendliche blicken auf ihre Smartphones, während ein Kind im Mittelpunkt steht. Im Hintergrund symbolisieren ein Justizgebäude und ein Schutzschild die Debatte um Regulierung sozialer Medien und den Schutz von Kindern im digitalen Raum.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Die Risiken sind längst bekannt

Die Studie zeigt, dass sich die Bevölkerung der Risiken digitaler Plattformen sehr bewusst ist.

  • 77 Prozent der Befragten sagen, soziale Medien würden zunehmend als Instrument politischer Einflussnahme genutzt.

  • 71 Prozent sorgen sich um den Einfluss großer Plattformen auf die öffentliche Meinung.

  • 79 Prozent haben den Eindruck, dass Plattformen gezielt steuern, welche Inhalte Reichweite erhalten.

Das sind bemerkenswert hohe Werte. Sie zeigen, dass viele Menschen längst verstanden haben, dass soziale Medien nicht einfach neutrale Kommunikationswerkzeuge sind. Algorithmen entscheiden darüber, welche Inhalte wir sehen, welche Themen Aufmerksamkeit erhalten und welche Beiträge nahezu unsichtbar bleiben.


Die Menschen kennen die Risiken und bleiben trotzdem

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Besonders spannend ist jedoch ein anderer Befund. Obwohl die Risiken bekannt sind, ändern die meisten ihr Verhalten nicht.

  • 73 Prozent geben an, sich mit den Risiken digitaler Plattformen arrangiert zu haben.

  • Nur 18 Prozent können sich vorstellen, soziale Medien vollständig aufzugeben. Bei Messengerdiensten sind es sogar nur 16 Prozent.

Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich. Tatsächlich beschreibt die Studie aber ein Phänomen, das viele Eltern aus ihrem Alltag kennen. Menschen wissen, dass Fast Food ungesund ist und essen es trotzdem. Sie wissen, dass Schlaf wichtig ist und bleiben dennoch bis spät am Smartphone. Und sie wissen, dass soziale Medien problematische Auswirkungen haben können, nutzen sie aber weiterhin täglich.

Warum?

Weil soziale Medien Bedürfnisse erfüllen. Sie bieten Unterhaltung, Kontakt zu Freunden, Informationen, Ablenkung und das Gefühl, nichts zu verpassen. Genau diese Vorteile wiegen für viele schwerer als die bekannten Risiken.


Das erklärt auch das Verhalten vieler Kinder

Für Eltern dürfte dieser Teil besonders interessant sein. Immer wieder wird argumentiert, Kinder müssten einfach lernen, verantwortungsvoll mit sozialen Medien umzugehen. Die Studie zeichnet jedoch ein anderes Bild. Sie zeigt, dass selbst Erwachsene, die die Risiken kennen, ihr eigenes Verhalten kaum verändern.

Das ist wichtig. Wenn bereits Erwachsene Schwierigkeiten haben, sich gegen perfekt optimierte Empfehlungsalgorithmen, soziale Belohnungssysteme und endloses Scrollen zu behaupten, erscheint es wenig realistisch, von Kindern deutlich mehr Selbstkontrolle zu erwarten.

Gerade deshalb reicht Medienkompetenz allein nicht aus.

Kinder brauchen Wissen. Sie brauchen Begleitung. Gleichzeitig brauchen sie aber auch Schutzräume und Plattformen, die nicht gezielt darauf ausgelegt sind, möglichst viel Aufmerksamkeit zu binden.


Die Verantwortung sehen die Menschen nicht bei sich selbst

Vielleicht der wichtigste Befund der gesamten Studie lautet:

Die Mehrheit erwartet Lösungen nicht von einzelnen Nutzerinnen und Nutzern. Sie erwartet sie von Politik und Plattformbetreibern.

Das verändert die Debatte grundlegend. Oft wird so getan, als müssten Eltern einfach konsequenter sein oder Kinder mehr Medienkompetenz erhalten. Natürlich sind Medienkompetenz und Erziehung wichtig. Aber die Studie zeigt, dass die Bevölkerung verstanden hat, dass individuelle Entscheidungen allein nicht gegen milliardenschwere Plattformen bestehen können.


Klare Mehrheit fordert ein entschlosseneres Vorgehen

Besonders deutlich wird die Haltung der Befragten, wenn es um die Verantwortung von Politik und Plattformen geht.

  • 85 Prozent sprechen sich für höhere Geldstrafen gegen Plattformen aus, wenn diese gegen Regeln verstoßen.

  • 80 Prozent unterstützen Sperrungen oder Verbote bei wiederholten Regelverstößen.

Noch grundsätzlicher fällt ein weiterer Befund aus. 78 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass Deutschland und die Europäische Union selbstbewusster gegenüber großen digitalen Plattformen auftreten sollten.

  • 67 Prozent wünschen sich außerdem eine stärkere Förderung europäischer Plattformalternativen.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich der Wunsch nach mehr Regulierung nicht auf einzelne Sanktionen beschränkt. Viele Menschen erwarten grundsätzlich ein entschlosseneres Vorgehen gegenüber den großen Plattformen. Gleichzeitig hoffen sie auf mehr digitale Souveränität und weniger Abhängigkeit von wenigen internationalen Technologiekonzernen.


Mehrheit fordert ein entschlosseneres Vorgehen

Besonders deutlich wird die Haltung der Befragten, wenn es um die Verantwortung von Politik und Plattformen geht. Eine große Mehrheit wünscht sich ein konsequenteres Vorgehen gegenüber den großen Digitalkonzernen.

85 Prozent sprechen sich für höhere Geldstrafen gegen Plattformen aus, wenn diese gegen geltende Regeln verstoßen. 80 Prozent unterstützen sogar Sperrungen oder Verbote für Plattformen, die wiederholt gegen Vorschriften verstoßen.

Noch grundsätzlicher fällt ein weiterer Befund aus. 78 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass Deutschland und die Europäische Union selbstbewusster gegenüber großen digitalen Plattformen auftreten sollten.

Die Studie zeigt damit, dass sich der Wunsch nach mehr Regulierung nicht auf einzelne Maßnahmen beschränkt. Viele Menschen erwarten, dass Politik und Behörden bestehende Regeln konsequent durchsetzen und den Plattformen auf Augenhöhe begegnen.

Gleichzeitig wünschen sich 67 Prozent eine stärkere Förderung europäischer Plattformalternativen. Dahinter steht die Hoffnung auf mehr digitale Souveränität, besseren Datenschutz und weniger Abhängigkeit von wenigen internationalen Technologiekonzernen.


Besonders Kinder werden als gefährdet gesehen

Interessant ist außerdem, dass viele Befragte negative Auswirkungen sozialer Medien häufiger bei Kindern und Jugendlichen wahrnehmen als bei sich selbst. Das kennen viele Eltern. Während Erwachsene ihre eigene Nutzung oft relativieren, machen sie sich gleichzeitig Sorgen um ihre Kinder.

Die Studie erklärt dieses Muster unter anderem mit dem sogenannten Third-Person-Effekt. Menschen nehmen Risiken häufig stärker bei anderen wahr als bei sich selbst. Dennoch bleibt die Sorge real.

Denn Kinder und Jugendliche befinden sich in einer Entwicklungsphase, in der soziale Anerkennung, Gruppenzugehörigkeit und Identitätsbildung eine besonders große Rolle spielen. Genau diese Bedürfnisse werden von sozialen Medien gezielt angesprochen.


Hass, Fake-Profile und Beleidigungen gehören für viele längst zum Alltag

Auch die Erfahrungen der Nutzerinnen und Nutzer sprechen eine deutliche Sprache.

  • 43 Prozent berichten von Spam oder unerwünschten Kontaktaufnahmen.

  • 21 Prozent wurden bereits beleidigt oder persönlich angegriffen.

  • 13 Prozent berichten von Kontosperrungen.

  • 12 Prozent haben Hassrede oder Diskriminierung erlebt.

  • 9 Prozent berichten vom Missbrauch ihrer Fotos oder Videos.

Bemerkenswert ist jedoch, dass diese Erfahrungen häufig nicht dazu führen, eine Plattform zu verlassen. Viele nehmen sie inzwischen als normalen Bestandteil sozialer Medien hin. Auch das ist ein Hinweis darauf, wie stark sich problematische Zustände im digitalen Alltag normalisiert haben.


Warum kaum jemand die Plattformen verlässt

Ein weiteres Ergebnis dürfte kaum überraschen. Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen, ihre Plattformen zu verlassen. Besonders deutlich zeigt sich das bei WhatsApp. 92 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer halten es für unwahrscheinlich, den Messenger in den nächsten zwölf Monaten aufzugeben. Auch bei Instagram, Facebook oder TikTok bleibt die Wechselbereitschaft gering.

Der Grund liegt auf der Hand. Dort sind Familie, Freunde, Vereine, Schulklassen und Arbeitskollegen. Wer allein wechselt, verliert häufig einen großen Teil seines sozialen Netzwerks.

Genau deshalb sprechen Fachleute von Netzwerkeffekten. Der Wert einer Plattform entsteht auch dadurch, dass alle anderen bereits dort sind.


Kostenlose Angebote haben ihren Preis

Die Studie zeigt außerdem, welche Eigenschaften den Menschen besonders wichtig sind.

  • 54 Prozent nennen die kostenlose Nutzung.

  • 46 Prozent legen Wert auf den Schutz persönlicher Daten.

  • 34 Prozent wünschen sich klare Regeln gegen Hass und Hetze.

  • 33 Prozent möchten verlässliche Informationen erhalten.

Interessant ist dabei ein Widerspruch. Datenschutz ist den Menschen wichtig. Gleichzeitig nutzen sie weiterhin Plattformen, deren Geschäftsmodell auf der Verarbeitung persönlicher Daten basiert.

Auch diesen Widerspruch beschreibt die Studie ausführlich. Komfort, Gewohnheit und bestehende soziale Netzwerke überwiegen häufig die Datenschutzbedenken.


Was bedeutet das für Eltern?

Die Ergebnisse liefern keine einfache Lösung. Sie zeigen aber sehr deutlich, dass die Debatte häufig zu einfach geführt wird.

Kinder brauchen Medienkompetenz. Sie müssen lernen, Informationen kritisch einzuordnen, Algorithmen zu verstehen und sich sicher im Netz zu bewegen.

Gleichzeitig zeigt die Studie, dass Wissen allein das Verhalten oft nicht verändert. Selbst Erwachsene mit einem hohen Problembewusstsein bleiben auf den Plattformen und ändern ihre Nutzung kaum.

Deshalb greifen Forderungen nach "mehr Medienkompetenz" allein zu kurz.

Kinder brauchen beides. Sie brauchen Aufklärung und sie brauchen wirksamen Schutz.

Dazu gehören klare Regeln in Schulen, altersgerechte Plattformen, konsequente Alterskontrollen, wirksame Regulierung manipulativer Plattformdesigns und eine Politik, die den Schutz von Kindern nicht allein auf Familien abwälzt.


Unser Fazit

Die Bertelsmann-Studie liefert einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte über soziale Medien.

Sie zeigt, dass die Bevölkerung die Risiken sehr wohl erkennt. Sie zeigt aber ebenso, dass individuelles Verhalten allein kaum ausreicht, um diesen Risiken wirksam zu begegnen.

Genau deshalb richtet sich der Blick vieler Menschen inzwischen auf Politik und Plattformen. Sie erwarten, dass Regeln nicht nur beschlossen, sondern auch durchgesetzt werden.

Für Medienzeit bestätigt die Studie damit einen zentralen Gedanken, den wir seit Langem vertreten. Kinder brauchen Medienkompetenz, Begleitung und Orientierung. Gleichzeitig brauchen sie digitale Räume, die ihre Entwicklung schützen statt ihre Aufmerksamkeit um jeden Preis auszunutzen. Aufklärung und Regulierung sind keine Gegensätze. Sie ergänzen sich. Genau das zeigt diese Studie sehr eindrucksvoll.


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