Discord - Warum Kinder dort so leicht von Fremden kontaktiert werden können

Discord gehört heute zu den beliebtesten Kommunikationsplattformen bei Kindern und Jugendlichen. Viele nutzen die App zum Spielen, Chatten oder für gemeinsame Interessen. Auf den ersten Blick wirkt Discord modern, kreativ und harmlos. In der Realität ist es jedoch eine Plattform mit strukturellen Risiken, die Kinder kaum überblicken können und die auch von Erwachsenen häufig unterschätzt werden, da sie die App in den meisten Fällen nicht mal kennen.

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Wie Kinder überhaupt auf Discord landen

Die meisten Kinder suchen Discord nicht gezielt. Sie landen dort beiläufig und oft unbemerkt von Erwachsenen. Ein zentraler Einstiegspunkt sind Spiele mit Online-Community-Funktionen. Fast alle Handy-Games und viele PC-Spiele verfügen heute über Chats oder Community-Bereiche. Kinder schreiben dort mit anderen Spielern, helfen sich gegenseitig oder spielen regelmäßig zusammen.

Aus diesen Spiele-Chats heraus erfolgt häufig der Wechsel zu Discord. Andere Spieler schicken Einladungslinks mit Sätzen wie „komm auf unseren Discord“ oder „da können wir besser reden“. Für Kinder fühlt sich das vertraut an, weil sie diese Menschen im Spiel bereits kennengelernt haben. Was sie nicht einschätzen können: Hinter diesen Profilen stecken leider nicht selten auch Erwachsene. Oftmals sind das Menschen mit kriminellen Absichten, die gezielt Zugang zu Kindern suchen.

Weitere Wege führen über Freunde und Klassenkameraden. Ein Einladungslink reicht aus. Wer nicht mitmacht, gehört nicht dazu. Auch Influencer auf YouTube, Twitch oder TikTok bewerben ihre eigenen Discord-Server. Für Kinder wirkt das wie Nähe zu bekannten Personen. Ein Klick genügt und sie befinden sich in großen Communities mit tausenden Fremden.

Ist ein Kind einmal auf Discord, geht es schnell weiter. Server empfehlen andere Server, Einladungen tauchen auf, Kontakte wechseln die Räume. Der Übergang von einem vermeintlich harmlosen Server zu problematischen Bereichen ist fließend.

Warum Eltern Discord meist nicht kennen

Viele Eltern kennen Discord nicht, weil die Plattform nicht Teil ihrer eigenen Medienerfahrung ist. Sie haben gelernt, mit WhatsApp, Facebook oder Instagram umzugehen. Discord funktioniert allerdings grundlegend anders. Es gibt keine klassische Kontaktliste, sondern Server, Kanäle, Rollen, Sprachräume und private Bereiche.

Hinzu kommt, dass Discord meist nicht dort genutzt wird, wo Eltern es wahrnehmen. Die App läuft auf dem Handy des Kindes, auf dem Tablet oder am Gaming-PC im Kinderzimmer. Solange nichts nach außen dringt, bleibt die Nutzung für Erwachsene häufig unbemerkt.

Viele Eltern ordnen Discord außerdem als harmlose Gaming-Ergänzung ein. Der Name taucht im Zusammenhang mit Spielen auf und wird nicht als eigenständige soziale Plattform wahrgenommen. Dadurch entsteht eine gefährliche Lücke zwischen tatsächlicher Nutzung und elterlicher Einschätzung.

Discord ist längst keine Nischenplattform mehr

Obwohl Discord von vielen Eltern noch immer als kleiner Gaming-Chat wahrgenommen wird, gehört die Plattform heute zu den größten Kommunikationsdiensten weltweit.

Nach verschiedenen aktuellen Statistiken hat Discord weit über 600 Millionen registrierte Nutzer weltweit. Die Zahl der monatlich aktiven Nutzer wird auf rund 200 bis 250 Millionen geschätzt. Damit bewegt sich Discord in einer Größenordnung, die mit großen sozialen Netzwerken vergleichbar ist.

Auch für Deutschland taucht in Analysen und Medienberichten immer wieder eine Zahl von mehr als 25 Millionen Nutzerinnen und Nutzern auf. Diese Zahl wird häufig auf Basis von Traffic Analysen und internationalen Nutzerauswertungen genannt. Eine offizielle Pressemitteilung von Discord, die diese Zahl für Deutschland eindeutig bestätigt, haben wir jedoch nicht gefunden.

Gerade diese fehlende Transparenz ist relevant. Obwohl Discord für Millionen Menschen ein zentraler Kommunikationsraum ist, gibt es nur wenige öffentlich geprüfte Angaben zur tatsächlichen Nutzung nach Ländern und Altersgruppen. Für Eltern bedeutet das: Wir haben es mit einer sehr großen Plattform zu tun, deren Reichweite oft unterschätzt wird und deren Nutzung im Familienalltag kaum sichtbar ist.

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Offene Räume und viele Fremde

Discord funktioniert nicht wie klassische Messenger. Es gibt offene Server mit hunderten oder tausenden Nutzern. Kinder bewegen sich dort in Räumen voller Fremder. Wer wirklich gleichaltrig ist und wer nicht, lässt sich kaum erkennen. Erwachsene mit schlechten Absichten mischen sich gezielt darunter.

Theoretische Sicherheitseinstellungen

Discord bietet Sicherheitseinstellungen. In der Praxis greifen sie bei Kindern fast nie. Viele Eltern kennen die App nicht gut genug, um diese Optionen sinnvoll zu nutzen. Kinder richten sie nahezu nie selbst ein. Sie denken nicht daran, empfinden sie als unnötig oder gehen ohnehin sehr naiv davon aus, dass nichts passieren wird.

Und selbst wenn Einstellungen vorgenommen werden, gelten sie oft nur eingeschränkt. Neue Server, Einladungen oder Links können Schutzmechanismen aushebeln. Manche Server verlangen sogar aktiv, dass Schutzfunktionen deaktiviert werden, um teilnehmen zu können.

Private Nachrichten ohne echten Schutz

Sobald ein Kind auf einem Server ist, kann es Direktnachrichten von Fremden erhalten. Gespräche verlagern sich schnell in private Chats oder Sprachkanäle. Für Eltern bleibt das unsichtbar. Genau dort entstehen die größten Risiken.

Gezielte Ansprache durch organisierte Online-Sadisten

Auf Discord agieren nicht nur einzelne Täter. Es gibt organisierte Online-Netzwerke, in denen gezielt nach Kindern gesucht wird. Dazu gehören unter anderem das sogenannte COM-Netzwerk und das dazugehörige 764 Umfeld.

In unsicheren Chat-Strukturen bewegen sich Online-Sadisten, die Kinder bewusst ansprechen, manipulieren und psychisch schädigen wollen. Sie suchen nicht zufällig, sondern systematisch. Zu tausenden. Discord ist für sie attraktiv, weil Kinder dort leicht erreichbar sind, Alterskontrollen fehlen und Gespräche schnell in private Räume wechseln.

Die Ansprache beginnt fast immer harmlos. Über Spiele-Chats, offene Server oder Communit-Bereiche. Täter geben sich als Gleichaltrige aus, hören zu, zeigen Verständnis und bauen Vertrauen auf. Erst später kippt die Dynamik. Dann geht es um Kontrolle, Abhängigkeit und das gezielte Überschreiten von Grenzen.

Cybergrooming und psychische Manipulation

Discord zählt zu den Plattformen, auf denen Fachstellen besonders häufig Cybergrooming beobachten. Die Kombination aus Text, Sprache, Bildern und privaten Räumen erleichtert es Tätern, Nähe herzustellen. Kinder werden emotional gebunden, von ihrem Umfeld isoliert und schrittweise abhängig gemacht.

In bekannten Fällen wurden Kinder zu Selbstverletzungen gedrängt, zu extremen Handlungen aufgefordert oder zur Herausgabe von Bildern oder Videos manipuliert. Diese Inhalte dienen später als Druckmittel. Wer aussteigen will, wird bedroht oder erpresst.

White Tiger als bekanntes Beispiel

Im Zusammenhang mit diesen Netzwerken taucht immer wieder der Name White Tiger auf. Dabei handelt es sich nicht um eine einzelne Person, sondern um ein Alias, unter dem Täter Kinder angesprochen, kontrolliert und manipuliert haben. White Tiger steht exemplarisch für eine Täterrolle innerhalb dieser Strukturen.

Auf Medienzeit gibt es dazu einen eigenen Artikel, der detailliert erklärt, wie solche Täter vorgehen, welche psychologischen Mechanismen sie nutzen und warum Kinder besonders anfällig dafür sind.

Zum Artikel: White Tiger, „Com“ und „764“: Wie Online-Sadisten Kinder in Verzweiflung und Tod treiben

Gewalt und sexuelle Inhalte

Viele Server wirken harmlos, enthalten jedoch Verweise auf weitere Gruppen mit Gewalt, Pornografie oder extremen Inhalten. Es gibt kaum wirksame Filter. Kinder stoßen so auf Inhalte, die sie emotional überfordern oder nachhaltig belasten. Die Moderation greift oft zu spät oder gar nicht, da vieles in privaten Kanälen stattfindet.

Rechter Extremismus, Rassismus und Terror

Dass offene Plattformen wie Discord für organisierte Täter attraktiv sind, betrifft nicht nur sexualisierte Gewalt. Auch rechtsextreme Netzwerke nutzen solche Räume gezielt. Darauf weist unter anderem Europol hin. In einem Workshop des Europäischen Zentrums für Terrorismusbekämpfung wurde analysiert, wie sich ein globales rechtsextremes Milieu entwickelt, vernetzt und digital organisiert.

Gemeint sind lose verbundene Gruppen und Einzelakteure, die rassistische Ideologien verbreiten, Gewalt verherrlichen oder Terroranschläge glorifizieren. Diese Akteure nutzen Onlineplattformen, um Inhalte zu teilen, Kontakte zu knüpfen und neue Anhänger anzusprechen. Dabei geht es nicht immer um offene Aufrufe zu Gewalt. Oft beginnt Radikalisierung schleichend über Memes, Sprache, Abwertung von Gruppen oder scheinbar harmlose Diskussionen.

Für Kinder und Jugendliche ist das besonders problematisch. Sie erkennen diese ideologischen Muster nicht zuverlässig und können Inhalte nicht einordnen. In offenen Chats und Servern geraten sie so in Kontakt mit extremistischen Weltbildern, ohne zu merken, dass sie gezielt beeinflusst werden. Europol bewertet diese digitalen Strukturen als sicherheitsrelevant, weil aus Online Radikalisierung reale Gewalt entstehen kann.

Auch dieser Aspekt zeigt, warum Discord kein neutraler Kommunikationsraum ist. Wo viele junge Menschen unterwegs sind und Kontrolle fehlt, entstehen nicht nur individuelle Risiken, sondern auch Räume für Hass, Rassismus und extremistische Propaganda.

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Keine wirksame Alterskontrolle

Discord gibt offiziell ein Mindestalter von 13 Jahren an. In der Europäischen Union liegt die rechtlich relevante Altersgrenze jedoch höher. Nach der Datenschutz Grundverordnung gilt für Dienste der Informationsgesellschaft grundsätzlich eine Altersgrenze von 16 Jahren, sofern keine nationale Absenkung erfolgt. Für Discord bedeutet das: Die Nutzung ist in der EU formell erst ab 16 Jahren zulässig.

In der Praxis spielt diese Grenze kaum eine Rolle. Discord überprüft das Alter nicht zuverlässig. Ein frei gewähltes Geburtsdatum reicht aus, um Zugriff auf sämtliche Funktionen zu erhalten. Die formale Altersgrenze bietet daher keinen tatsächlichen Schutz.

Private Server sind kein Schutz

Viele Eltern glauben auch immer noch, private Server seien sicher. Das ist ein Irrtum. Kinder erhalten weiterhin Einladungen, klicken auf Links und landen auf anderen Servern. Auch Täter laden gezielt auf scheinbar geschützte Server ein, die sie selbst kontrollieren.

Gruppendruck und emotionale Abhängigkeit

Discord lebt von Zugehörigkeit. Wer nicht mitmacht, verliert Anschluss. Kinder bleiben online, um Teil der Gruppe zu bleiben. Kritik, Ausschluss oder Beschimpfungen treffen sie besonders hart. Das erhöht die Verletzlichkeit und die Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten.

Klare Einordnung zum Alter

Discord sollte aus Elternsicht nicht vor 16 Jahren erlaubt werden. Aber auch ab diesem Alter ist die Plattform nicht automatisch ungefährlich. Jugendliche brauchen weiterhin Begleitung, Gespräche und klare Regeln. Discord ist kein Raum, den man einfach freigibt und sich dann zurückzieht.

Tipps für Eltern

Wenn du die App verhindern kann, tu es. Spricht mit deinem Kind über die Gefahren, erkläre die Probleme und zögere die Nutzung mind. bis zum Alter von 16 Jahren hinaus. Zum Einen können Kinder dann besser mit diesen Dingen umgehen und zum anderen sind sie dann für viele pädokriminielle Täter schon “zu alt” und werden uninteressant. So fies das auch klingt.

  • Sprich mit deinem Kind darüber, was Discord ist und wie es funktioniert.

  • Frag nicht nur, mit wem dein Kind dort spricht, sondern wie Gespräche ablaufen.

  • Erlaube keine offenen Server und keine Kontakte zu Fremden.

  • Vereinbart klare Regeln für Einladungslinks, Sprachchats und private Nachrichten.

  • Bleib interessiert und ansprechbar, ohne zu kontrollieren oder zu verurteilen.

  • Nimm Warnsignale ernst, auch wenn sie zunächst klein wirken.

Verantwortung der Plattformen und der Politik

Wir sagen es immer wieder, der Schutz von Kindern darf nicht allein bei Familien liegen. Plattformen wie Discord tragen Verantwortung für die Räume, die sie schaffen. Alterskontrollen, wirksame Moderation und echte Schutzmechanismen müssen verpflichtend sein.

Es braucht klare politische Vorgaben, die Kinder und Jugendliche konsequent schützen. Freiwillige Maßnahmen reichen nicht aus und wir Eltern können auch nicht überall gleichzeitig sein. Wenn Plattformen an der Aufmerksamkeit junger Menschen verdienen, müssen sie auch für deren Sicherheit einstehen.

Fazit

Discord ist für Kinder kein sicherer Ort. Die Risiken sind strukturell angelegt und werden durch fehlende Kontrolle, Intransparenz und mangelnde Verantwortung verstärkt. Eltern sollten diese Plattform kennen, Risiken klar benennen und Grenzen setzen. Nicht aus Angst, sondern aus Verantwortung gegenüber ihren Kindern.





Quellen und weiterführende Informationen

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