Der erste Kontakt mit Sexualität kommt heute oft aus Pornos

Ein Gastbeitrag von Dr. med. Annekaren von Beckerath, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und Sexualmedizin, Beirat ÄGGF

„Ist das eigentlich alles echt? Und kommt da wirklich so viel "jizz" (Sperma) raus?“ – solche Fragen begegnen Dr. med. Annekaren von Beckerath, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und Sexualmedizin, erstaunlich häufig schon in der 6. Klasse, wenn das Thema Pornografie zur Sprache kommt.

„In der 7. / 8. Klasse werden die Jugendlichen meist noch konkreter: Sie erkundigen sich nach Sexualpraktiken, Penisgrößen oder fragen ganz direkt: „Warum stöhnen die eigentlich immer so?“

Oft reagieren sie zunächst überrascht, wenn ich offen und sachlich antworte – und zugleich spüre ich, wie erleichtert sie sind, mit ihren Fragen ernst genommen zu werden.

Zählmarke

Dr. med. Annekaren von Beckerath

Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und Sexualmedizin, Beirat ÄGGF
(Foto: Hannah Wittenberg)


Pornos sind keine Aufklärung

Ein hell leuchtendes Smartphone liegt abends auf einem ungemachten Bett in einem dunklen Jugendzimmer neben Schulheft und Kopfhörern.

Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)

Als Ärztin erkläre ich dann, dass Pornos eher mit einem Action-Film als mit einem Dokumentarfilm vergleichbar sind: Sie dienen der Unterhaltung, nicht als Aufklärungsmaterial.

Wenn wir bedenken, dass das durchschnittliche Alter für den Erstkontakt bei etwa 12 Jahren liegt, wird deutlich, wie prägend solche Bilder in einer ohnehin sensiblen Entwicklungsphase sein können.

Ohne begleitende Einordnung entstehen dabei schnell falsche Vorstellungen, Unsicherheiten und unnötiger Leistungsdruck – umso wichtiger ist es, dass Jugendliche verlässliche Antworten und einen offenen, wertfreien Gesprächsraum bekommen.


Einordnung von Medienzeit

Gleichzeitig zeigt genau das auch, wie wichtig klare Schutzräume sind: Kinder und Jugendliche stoßen heute oft sehr früh und ungefiltert auf solche Inhalte. Aus unserer Sicht braucht es deshalb beides: verlässliche Aufklärung und klare Regeln, die Kinder und Jugendliche vor zu frühem oder überforderndem Kontakt mit solchen Inhalten schützen. Aufklärung kann nur dann wirken, wenn Kinder nicht dauerhaft ungefiltert mit diesen Bildern konfrontiert sind.


Zwei Jugendliche sitzen nachdenklich vor einer Schule auf einer Treppe und sprechen miteinander, während andere Schülerinnen und Schüler im Hintergrund zu sehen sind.

Bild generiert mit Hilfe von KI (Gemini, Google)

Aufklärung dort, wo sie gebraucht wird

Genau hier setzt die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e.V. (ÄGGF) an.

Als gemeinnütziger Verein engagieren wir uns dafür, die Gesundheitskompetenz von Kindern und Jugendlichen bundesweit zu stärken. Denn wenn Pornografie für viele der erste „Lehrfilm“ ist, braucht es dringend einen Ort, an dem Realität von Inszenierung unterschieden werden kann – sachlich, wertfrei und medizinisch fundiert.


Orientierung und geschützter Raum

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Aktuell sind 135 Ärztinnen für die ÄGGF im Einsatz. In mehr als 7.700 Workshops pro Jahr erreichen sie über 100.000 Schülerinnen ab der 4. Klasse bis zur Berufsschule. Sie begleiten Jugendliche durch die körperlichen und psychosexuellen Veränderungen der Pubertät, klären über Liebe, Sexualität, Verhütung und Gesundheit auf und bringen genau die Antworten ins Klassenzimmer, die sonst oft im Netz gesucht werden.

Dabei geht es nicht um Moral. Es geht um Orientierung.
Es geht darum, Mythen aufzulösen, Informationen einzuordnen, Unsicherheiten z.B. bei Verhütungsfragen zu reduzieren und Jugendlichen Sicherheit im Umgang mit ihrem Körper und ihren Entscheidungen zu geben.

Ein geschützter Raum, in dem Fragen gestellt werden dürfen, ohne belächelt zu werden. In dem Jugendliche merken: Meine Unsicherheit ist normal. Und ich bekomme verlässliche Informationen.


Warum Aufklärung zugänglich sein muss

Grafik "Das erste Mal" von der ÄGGF-Website DOCtorial, Rechte DOCtorial by ÄGGF, Nohel

Besonders wichtig ist uns die gesundheitliche Chancengleichheit. Gerade in sozial herausfordernden Regionen erreichen wir größtenteils ehrenamtlich tätigen Ärzt*innen junge Menschen, die sonst wenig Zugang zu fundierter Gesundheitsbildung haben. Wir stärken nicht nur Jugendliche, sondern beziehen auch Eltern, Lehrkräfte und andere Multiplikator*innen ein, damit Wissen nachhaltig wirkt.

Unsere Arbeit basiert auf aktuellen wissenschaftlich-medizinischen Erkenntnissen und orientiert sich an den Prinzipien der UN-Kinderrechtskonvention sowie der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung. Wir sind kirchlich, politisch und ideologisch unabhängig.

Damit alle Workshops für Schulen kostenfrei bleiben, ist die ÄGGF auf Projektförderungen und Spenden angewiesen. Denn wenn wir wollen, dass Jugendliche Pornos nicht mit Aufklärung verwechseln, dann müssen wir ihnen echte, fundierte und erreichbare Alternativen bieten. Aufklärung darf kein Glücksfall sein. Und sie braucht den Raum, in dem sie überhaupt wirken kann.

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