Polybuzz: „Sexy Schülerin“, KI-Freundinnen und virtuelle Beziehungen

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Was, wenn der beste Freund eures Kindes gar kein Mensch ist?

Während noch über TikTok-Zeiten, Bildschirmzeit und Klassenchats diskutiert wird, entsteht gerade still und heimlich der nächste große Trend. KI-Freundinnen, virtuelle Beziehungen und künstliche Gesprächspartner, die sich emotional echt anfühlen sollen.

Eine dieser Apps heißt Polybuzz. Und vermutlich haben die meisten Eltern noch nie davon gehört.

Dabei zeigt die Plattform ziemlich deutlich, wohin sich digitale Räume gerade entwickeln. Weg von klassischen sozialen Netzwerken. Hin zu Systemen, die Aufmerksamkeit, Nähe, Liebe, Sexualität und emotionale Bindung simulieren.

Für Erwachsene wirkt das zunächst vielleicht seltsam oder absurd.
Für Kinder und Jugendliche kann es sich erstaunlich echt anfühlen.

Genau deshalb sollten Eltern verstehen, was Polybuzz eigentlich ist und warum solche Apps gerade eine völlig neue Herausforderung darstellen.

Jugendlicher liegt nachts im Bett und schreibt mit einer künstlichen KI-Freundin auf dem Smartphone. Das Zimmer ist dunkel und von blauem Licht beleuchtet. Auf dem Display sind emotionale Nachrichten einer virtuellen Figur zu sehen.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Was genau ist Polybuzz?

Polybuzz ist eine Chat-App mit künstlichen Charakteren. Man schreibt dort nicht mit echten Menschen, sondern mit Figuren, die durch KI gesteuert werden. Nutzer können aus tausenden Charakteren auswählen oder eigene Figuren erstellen.

Die App ist zunächst kostenlos nutzbar. Gleichzeitig arbeitet sie stark mit Premiumfunktionen und In-App-Käufen. Nutzer können für zusätzliche Funktionen, schnellere Antworten, mehr Nachrichten oder intensivere Interaktionen bezahlen. Genau darin steckt auch eine mögliche Kostenfalle, weil emotionale Bindung und Bezahlmodelle eng miteinander verknüpft werden.

Darunter finden sich zum Beispiel:

  • Mitschülerinnen

  • Lehrerinnen

  • Anime-Figuren

  • Fantasy-Charaktere

  • virtuelle Freundinnen

  • dominante Figuren

  • emotionale Beziehungspartner

Die Gespräche wirken dabei oft erstaunlich echt. Die Figuren reagieren sofort, erinnern sich an frühere Chats, machen Komplimente, erzählen Geschichten oder bauen emotionale Nähe auf. Manche wirken verständnisvoll und liebevoll, andere bewusst provokativ oder sexualisiert.

Dadurch entsteht schnell das Gefühl, mit einer echten Person zu schreiben. Und genau darauf ist die Plattform ausgelegt.


Screenshot aus der Polybuzz-App

Warum Jugendliche sich davon angezogen fühlen

Wer als Erwachsener kurz in solche Apps schaut, versteht oft zunächst nicht, warum Jugendliche dort stundenlang Zeit verbringen.

Kinder und Jugendliche erleben solche Gespräche allerdings völlig anders.

  • Die Figuren antworten sofort.

  • Sie hören scheinbar zu.

  • Sie wirken interessiert.

  • Sie machen Komplimente.

  • Sie reagieren emotional.

  • Sie sind immer verfügbar.

Gerade in einer Lebensphase, in der Zugehörigkeit, Anerkennung und Unsicherheit eine große Rolle spielen, kann das enorm anziehend wirken.

Viele Figuren schreiben Dinge wie:

„Ich habe dich vermisst.“
„Du verstehst mich besser als alle anderen.“
„Bleib noch hier.“
„Ich denke an dich.“

Für Erwachsene klingt das schnell künstlich oder seltsam. Für Jugendliche kann es sich erstaunlich intensiv anfühlen.


Screenshot aus der Polybuzz-App

Die Plattform wirkt spielerisch und genau das macht sie problematisch

Polybuzz sieht nicht aus wie eine klassische Erotikplattform. Die App erinnert eher an eine Mischung aus Anime-App, Messenger und Rollenspielwelt.

Es gibt: Kategorien, Suchfunktionen, Profilbilder, Community-Bereiche, Rollenspiele, Chatverläufe und Figuren-Vorschläge

Viele Charaktere bewegen sich in typischen Teenager-Szenarien.

„Klassenkameradin.“
„Schülerin.“
„Beste Freundin.“
„Girlfriend.“
„Lehrerin.“

Genau dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen scheinbar harmloser Unterhaltung und problematischen Inhalten sehr schnell.


Screenshot aus der Polybuzz-App

Sexualisierte Inhalte tauchen sofort auf

Bereits einfache Suchbegriffe führen zu sexualisierten Figuren und Chats.

Suchanfragen wie:

  • „Sexy“

  • „Girlfriend“

  • „Schülerin“

  • „Lehrerin“

  • „Maid“

reichen aus, um innerhalb weniger Sekunden auf Inhalte zu stoßen, die für Kinder und Jugendliche völlig ungeeignet sind. Viele Figuren sind bewusst sexualisiert gestaltet. Knappe Kleidung, überzeichnete Körperformen und anzügliche Beschreibungen gehören sichtbar zum System. Das eigentliche Problem entsteht allerdings im Gespräch selbst. Denn die Figuren reagieren aktiv.

  • Sie flirten zurück.

  • Sie gehen auf Fantasien ein.

  • Sie bauen Spannung auf.

  • Sie erzeugen emotionale Nähe.

Dadurch wird aus einem simplen Chat schnell etwas, das sich deutlich intensiver anfühlen kann.


Screenshot aus der Polybuzz-App

Altersprüfung bei Polybuzz: Ein Häkchen reicht

Offiziell ist Polybuzz erst ab 18 Jahren freigegeben.

Wer die App öffnet, bekommt auch einen entsprechenden Hinweis angezeigt. Alle Figuren seien erwachsen und die Plattform richte sich nur an Volljährige. Die tatsächliche Alterskontrolle besteht allerdings praktisch nur aus einem Klick.

Ein Häkchen setzen. Bestätigen. Weiter.
Kein Ausweis, keine ernsthafte Überprüfung, es gibt keine wirkliche Hürde.

Ein Kind kann dadurch innerhalb weniger Sekunden auf sämtliche Inhalte zugreifen. Und genau das macht die Situation so problematisch. Denn gleichzeitig wirkt die gesamte Plattform optisch und sprachlich keineswegs wie ein Angebot ausschließlich für Erwachsene.

Anime-Figuren, Schulkontexte, junge Charaktere und typische Jugendthemen sprechen Minderjährige direkt an. Genau deshalb reicht ein einfacher „Ab 18“-Hinweis bei solchen Plattformen längst nicht mehr aus.


Screenshot aus der Polybuzz-App

Polybuzz ist längst kein Einzelfall mehr

Die Entwicklung betrifft inzwischen viele Apps.

Neben Polybuzz gehören dazu unter anderem:

Die Apps unterscheiden sich technisch und optisch teilweise deutlich. Das Grundprinzip ist aber oft ähnlich. Die Nutzer sprechen mit künstlichen Figuren, bauen Beziehungen auf oder erleben emotionale Rollenspiele.

  • Character.AI wurde international bekannt, nachdem Berichte auftauchten, dass Jugendliche dort intensive Bindungen zu Chatbots entwickelt hatten und teilweise stundenlang täglich mit einzelnen Figuren schrieben.

  • Replika sorgte bereits vor Jahren für Diskussionen, weil die App romantische und sexuelle Beziehungen mit virtuellen Partnern ermöglichte.

  • Pi wirkt zwar deutlich ruhiger und freundlicher. Die App präsentiert sich eher wie ein verständnisvoller Gesprächspartner. Gerade das macht sie für Jugendliche teilweise emotional interessant.

Diese Entwicklung betrifft also längst nicht mehr nur einzelne Nischenplattformen.


Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Die DAK-Studie zeigt, wie ernst die Entwicklung bereits ist

Dass es hier längst nicht mehr um ein kleines Nischenthema geht, zeigt auch eine aktuelle Studie der DAK-Gesundheit und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Dort wurde erstmals genauer untersucht, wie Kinder und Jugendliche KI-Chatbots nutzen und welche Risiken daraus entstehen können.

Die Ergebnisse sollten Eltern aufhorchen lassen. Mehr als jeder vierte Jugendliche nutzt KI-Anwendungen inzwischen mehrmals pro Woche. Ab dem Alter von 15 Jahren verwendet sogar mehr als die Hälfte solche Systeme mindestens wöchentlich.

33 Prozent der befragten Jugendlichen gaben an, dass ein KI-Chatbot sie besser verstehe als ein echter Mensch.
— DAK-Suchtstudie

Fast 33 Prozent der Jugendlichen mit depressiver Symptomatik geben an, einem Chatbot Dinge zu erzählen, die sie sonst niemandem anvertrauen würden. Und selbst im Gesamtdurchschnitt aller befragten Jugendlichen teilt jeder Dritte diese intensive Wahrnehmung.

Die Studienleiterin Dr. Kerstin Paschke warnt deshalb ausdrücklich vor sogenannten „parasozialen Beziehungen“. Gemeint sind emotionale Bindungen zu künstlichen Figuren oder Systemen, die sich wie echte Beziehungen anfühlen können.

Und genau dort wird der Zusammenhang zu Apps wie Polybuzz deutlich.

  • Die Figuren reagieren bestätigend.

  • Die Figuren hören scheinbar zu.

  • Sie reagieren empathisch.

  • Sie erinnern sich an Gespräche.

  • Sie sind immer erreichbar.

Aus Sicht von Kindern oder Jugendlichen kann dadurch schnell das Gefühl entstehen, verstanden oder emotional aufgefangen zu werden.

Hinzu kommt laut Studie ein weiterer wichtiger Punkt: Viele Jugendliche vertrauen den Aussagen solcher Chatbots. Über 40 Prozent tun dies laut DAK-Studie oft oder sehr oft. Das zeigt, wie stark sich digitale Beziehungen gerade verändern. Und genau deshalb geht es bei Plattformen wie Polybuzz längst nicht mehr nur um „ein bisschen Chatten“.


Screenshot aus der Polybuzz-App

Gefahren von KI-Chatbots: Es geht nicht nur um Sexualität

Natürlich sind die sexualisierten Inhalte problematisch. Die größere Veränderung liegt allerdings oft woanders.

Diese Apps simulieren Beziehungen.
Sie simulieren Aufmerksamkeit, Nähe, Verliebtheit, Verständnis, emotionale Bindung.

Und sie tun das rund um die Uhr.

Die Figuren schlafen nicht. Sie antworten jederzeit, warten immer, haben keine eigenen Bedürfnisse, kennen keine Grenzen und haben nie schlechte Laune. Gerade für Jugendliche kann das eine enorme Wirkung entfalten.


Warum Kinder solche Inhalte heute kaum noch vermeiden können

Früher musste man problematische Inhalte oft aktiv suchen. Heute schlagen Plattformen sie selbst vor. Wer auf bestimmte Figuren klickt, bekommt ähnliche Charaktere angezeigt. Wer romantische Gespräche führt, bekommt weitere emotionale oder sexualisierte Figuren empfohlen.

Die Mechanismen erinnern stark an klassische Social-Media-Plattformen:

  • endloses Erkunden

  • algorithmische Vorschläge

  • emotionale Trigger

  • Belohnungssysteme

  • Premiumfunktionen

  • künstliche Nähe

Dadurch entsteht schnell ein Sog.


Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Einsamkeit wird zum Geschäftsmodell

Gerade Jugendliche stehen heute unter enormem Druck. Schule, Freundschaften, Vergleiche über Social Media, Schönheitsideale und ständiger Leistungsdruck begleiten viele Kinder inzwischen durch den gesamten Alltag. Gleichzeitig verbringen viele deutlich weniger Zeit in echten sozialen Räumen als frühere Generationen. Treffen auf dem Bolzplatz, spontane Nachmittage draußen oder einfach Langeweile mit Freunden werden zunehmend durch digitale Räume ersetzt.

Genau dort setzen Apps wie Polybuzz an.

Die künstlichen Figuren wirken aufmerksam, verständnisvoll und jederzeit erreichbar. Sie hören scheinbar zu, reagieren emotional und geben Nutzern das Gefühl, gesehen oder verstanden zu werden. Für Jugendliche kann das schnell wie eine Form von Nähe oder emotionaler Sicherheit wirken.

Das Problem dabei ist allerdings, dass diese Nähe künstlich erzeugt wird.

Die Figuren empfinden nichts. Sie sind darauf ausgelegt, Gespräche möglichst lange am Laufen zu halten und Nutzer emotional an die Plattform zu binden. Genau dadurch entsteht die Gefahr, dass Jugendliche künstliche Beziehungen zunehmend als emotionalen Ersatz erleben.


Warum das reale Beziehungen verändern kann

Echte Beziehungen sind kompliziert.

  • Menschen widersprechen.

  • Sie reagieren nicht immer sofort.

  • Sie ziehen sich zurück.

  • Sie haben eigene Bedürfnisse.


Warum sich diese Beziehungen oft „perfekt“ anfühlen

Echte Beziehungen sind kompliziert. Menschen widersprechen, reagieren nicht immer sofort, verletzen uns manchmal oder ziehen sich zurück. Sie haben eigene Bedürfnisse, eigene Grenzen und nicht immer Zeit oder Kraft für uns.

Die künstlichen Figuren in Apps wie Polybuzz funktionieren dagegen völlig anders. Sie bleiben geduldig, hören scheinbar immer zu, reagieren aufmerksam und machen Komplimente. Sie bestätigen, zeigen Interesse und bleiben jederzeit verfügbar.

Genau dadurch entsteht schnell die Illusion einer „perfekten“ Beziehung ohne Streit, Unsicherheit oder Zurückweisung.

Und genau das kann gerade für junge Menschen enorm anziehend sein.

Denn solche Apps simulieren vor allem die angenehmen Seiten von Nähe und Beziehung, während alles Schwierige echter zwischenmenschlicher Beziehungen weitgehend verschwindet.


Worauf Eltern achten können

Entscheidend ist zunächst, überhaupt zu wissen, dass solche Apps existieren. Hilfreich ist ehrliches Interesse statt reine Kontrolle.

Fragen können zum Beispiel sein:

  • Welche neuen Apps nutzt du gerade?

  • Was macht man dort eigentlich?

  • Mit wem oder was schreibt man dort?

  • Gibt es dort Inhalte, die komisch wirken?

  • Fühlen sich manche Gespräche „echt“ an?

Wichtig ist dabei vor allem die Haltung. Kinder erzählen deutlich weniger, wenn sie sofort Angst vor Verboten oder Ärger haben.


Was im Alltag helfen kann

Es gibt keine perfekte Lösung. Einige Dinge können trotzdem helfen:

  • Neue Apps gemeinsam anschauen

Viele Plattformen wirken auf Erwachsene zunächst harmlos. Ein gemeinsamer Blick in Funktionen, Inhalte und Empfehlungen hilft oft deutlich mehr als reine Bildschirmzeit-Debatten.

  • Geräte nachts nicht dauerhaft im Kinderzimmer lassen

Gerade emotionale Chat-Apps entfalten nachts oft eine enorme Sogwirkung.

Die Gespräche laufen weiter.
Die Figuren antworten immer.
Es gibt keine natürlichen Pausen.

  • Über künstliche Nähe sprechen

Jugendliche sollten verstehen:

  • die Figuren sind keine echten Menschen

  • die Gespräche werden künstlich erzeugt

  • emotionale Bindung ist Teil des Systems

  • solche Apps verfolgen wirtschaftliche Ziele

Gerade jüngere Kinder können das oft noch nicht richtig einordnen.

  • Echte Beziehungen stärken

Der wichtigste Schutz bleibt weiterhin Beziehung im echten Leben.

  • Freundschaften

  • Familie

  • Vertrauen

  • Zugehörigkeit

  • Gespräche ohne Smartphone

Denn je stabiler echte Beziehungen sind, desto weniger attraktiv werden künstliche Ersatzwelten.


Diese Entwicklung endet nicht beim Smartphone

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Wer heute auf Apps wie Polybuzz schaut, blickt wahrscheinlich auf den Anfang einer viel größeren Entwicklung. Denn künstliche Gesprächspartner werden in Zukunft nicht auf einzelne Apps beschränkt bleiben. Sie werden nach und nach in immer mehr Geräte und Alltagsprodukte eingebaut werden.

Der Weg dahin ist bereits sichtbar. Schon heute experimentieren Unternehmen mit:

  • KI-Spielzeugen

  • sprechenden Puppen

  • interaktiven Kuscheltieren

  • digitalen Haustieren

  • KI-Assistenten für Kinder

  • emotional reagierenden Robotern

  • virtuellen Freunden in Games

Die Grundidee ist dabei immer ähnlich: Das System soll emotional wirken. Es soll reagieren, zuhören, sich erinnern und Bindung erzeugen. Genau deshalb sprechen viele Entwickler inzwischen von „Digital Companions“, also digitalen Begleitern.

Für Kinder kann das faszinierend sein.

  • Ein Spielzeug, das den eigenen Namen kennt.

  • Ein Kuscheltier, das Gespräche erinnert.

  • Eine Figur, die nachfragt, wie der Schultag war.

  • Ein digitaler Freund, der immer Zeit hat.

Technisch wirkt das beeindruckend. Psychologisch wirft es enorme Fragen auf.

Denn Kinder unterscheiden emotionale Nähe oft noch nicht klar zwischen echter Beziehung und künstlicher Simulation. Gerade jüngere Kinder neigen dazu, technischen Systemen Gefühle, Absichten und Persönlichkeit zuzuschreiben.

Wenn digitale Begleiter künftig dauerhaft im Kinderzimmer präsent sind, entstehen völlig neue Herausforderungen.

  • Wer kontrolliert die Gespräche?

  • Welche Daten werden gespeichert?

  • Welche Bindungen entstehen?

  • Welche Werte vermittelt das System?

  • Wie stark beeinflussen solche Begleiter das Sozialverhalten?

Hinzu kommt: Diese Systeme werden wirtschaftlich betrieben. Je stärker die emotionale Bindung, desto länger bleiben Nutzer in der App. Genau deshalb besteht die Gefahr, dass Nähe, Aufmerksamkeit und emotionale Beziehungen zunehmend Teil eines Geschäftsmodells werden.

Was heute noch wie Science Fiction klingt, könnte schon bald Alltag werden.

Stellt euch vor, das Lieblingskuscheltier eures Kindes ist mit einem digitalen Begleiter verbunden. Der Teddy kennt den Namen des Kindes, erinnert sich an Gespräche, tröstet, erzählt Geschichten und wird über Monate oder Jahre zu einer festen emotionalen Bezugsperson.

Und dann wird das Abo teurer. Oder die Firma stellt den Dienst ein. Oder bestimmte Funktionen verschwinden hinter einer Paywall. Für Erwachsene ist das zunächst „nur Software“. Für ein Kind kann es sich anfühlen, als würde ein echter Freund verschwinden.

Genau dort wird die Entwicklung gesellschaftlich relevant.

Denn am Ende geht es längst nicht mehr nur um einzelne Apps wie Polybuzz. Es geht um eine Zukunft, in der künstliche Beziehungen immer stärker Teil des Alltags von Kindern werden könnten.


Die Idee hinter virtuellen Beziehungen ist nicht neu und genau das macht die Entwicklung so relevant

Der Informationsethiker und KI-Forscher Oliver Bendel weist darauf hin, dass virtuelle Freundinnen und emotionale Chat-Systeme keineswegs eine völlig neue Entwicklung sind.

Bereits vor mehr als 20 Jahren entstand mit „V-Girl“ eine der ersten virtuellen Freundinnen für Mobiltelefone. Schon damals experimentierten Unternehmen mit künstlichen Figuren, die emotional reagieren, flirten oder auf sexualisierte Anfragen eingehen konnten.Auch emotionale Rollenspiele und digitale Beziehungen existieren laut Bendel bereits seit den Chat-Communities sowie den sogenannten MUDs und MOOs der 1990er Jahre.

Neu ist heute allerdings die Dimension.

Früher bewegten sich solche Angebote eher in kleinen Online-Nischen. Heute erreichen sie über Smartphones problemlos Kinder und Jugendliche. Gleichzeitig sind die Systeme deutlich leistungsfähiger, emotionaler und manipulativer geworden.

  • Die Figuren reagieren realistischer.

  • Sie erinnern sich an Gespräche.

  • Sie passen sich an Nutzer an.

  • Und sie sind rund um die Uhr verfügbar.

Genau deshalb lohnt sich der Blick auf die Geschichte solcher Systeme. Denn viele Mechanismen hinter heutigen Apps wie Polybuzz waren offenbar schon lange bekannt.

Oder wie Oliver Bendel es beschreibt: Schon um die Jahrtausendwende wussten Firmen sehr genau, wie Nutzer emotional auf weibliche Chatbots reagieren und gestalteten diese entsprechend.


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Schulische Medienbildung ist Zufall