Gewalt kommt nicht zufällig ins Kinderzimmer
Nina Kolleck ist Professorin an der Universität Potsdam und Autorin des Buchs „Der Kampf in den Köpfen: Wie TikTok, Instagram und Co unsere Kinder manipulieren“ (Rowohlt Berlin). Ihr folgender Gastbeitrag ordnet ein, warum Gewalt, Hass und extreme Inhalte nicht zufällig auf den Smartphones von Kindern landen.
Er zeigt, dass wir das Problem nicht länger nur als Frage individueller Medienkompetenz behandeln dürfen. Kinder brauchen Aufklärung und Begleitung. Gleichzeitig brauchen sie digitale Räume, die nicht von Plattformlogiken geprägt sind, die Aufmerksamkeit, Erregung und maximale Bindung belohnen.
Nina Kolleck
Professorin Universität Potsdam
Foto: Marc-Steffen Unger
Von Nina Kolleck
Wenn Smartphones zur Dauerwelt werden
Smartphones ziehen viele Jugendliche heute so tief in ihre Welt hinein, dass sie kaum noch davon loskommen. Ein suchtähnliches Nutzungsverhalten ist für 60 Prozent der 14- bis 29-Jährigen in Deutschland längst Alltag. Sie scrollen nachts im Bett weiter, obwohl sie längst schlafen wollten, verlieren Stunden auf Instagram, vernachlässigen Freunde, Schule oder Familie. Ist das Handy weg, werden sie nervös oder gereizt.
Ein Jugendlicher schaut ein Video zum Thema Selbstzweifel. Sekunden später folgen Clips über Selbstverletzung und Suizid, obwohl er nach diesen Aspekten nie gesucht hat. Ein kurzer Moment der Aufmerksamkeit im Feed genügt, um die vorgeschlagenen Videos immer extremer werden zu lassen. Dabei verändert sich unmerklich, was Jugendliche für normal halten. Auf Social Media gibt es schnelle Belohnungen durch Likes, aber das gute Gefühl verpufft genauso schnell. Wer nicht sichtbar genug ist, hat das Gefühl, nicht dazuzugehören. Nähe wird immer nur kurz spürbar und wird schnell wieder entzogen.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/OpenAI)
Wie soziale Medien Identität prägen
Soziale Medien prägen heute maßgeblich die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Sie beeinflussen wie junge Menschen sich selbst wahrnehmen. Die Fragen „Wer bin ich?“ und „Wer möchte ich sein?“ werden heute zunehmend auf Plattformen wie TikTok oder Instagram verhandelt, denn Identität entsteht immer auch in den Blicken der anderen. Fotos von Sixpacks, radikale politische Positionen oder perfekt inszenierte Selfies erhalten enorme Aufmerksamkeit und setzen Maßstäbe dafür, was als attraktiv, erfolgreich oder relevant gilt. Extreme Inhalte werden dabei besonders schnell ausgespielt und weiterverbreitet. Das ist kein Problem der mangelnden Selbstkontrolle der Nutzer, sondern der grundlegende Mechanismus der Plattformen selbst.
Warum die Verantwortung nicht bei Familien allein liegen kann
Bild generiert mit Hilfe von KI (Google/Gemini)
In der politischen und wissenschaftlichen Debatte wird das Thema trotzdem oft als Privatproblem einzelner Kinder und ihrer Eltern behandelt.
Ein Beispiel dafür ist der aktuelle Bericht der Kommission zum Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt, die die Bundesregierung eingesetzt hat. Seitenlang geht es um fehlende Kompetenzen und um besonders verletzliche Jugendliche.
Es wirkt teils, als seien vom uferlosen Surfen im Netz nur die ohnehin Schwächeren betroffen. Als ob alle anderen bloß lernen müssten, besser mit den Risiken umzugehen.
Wenig diskutiert wird, dass Plattformen so gebaut sind, dass Jugendliche kaum noch davon loskommen und dass die jungen Nutzer keinen repräsentativen Querschnitt dessen sehen, was gepostet wird, sondern das, was die Plattformen nach oben spielen.
Wenn Politik auf den endgültigen Beweis wartet
Hinzu kommt, dass viele Wissenschaftler und Politiker heute so reden, als dürfe politisch erst gehandelt werden, wenn jede Gefahr wissenschaftlich bis ins Kleinste bewiesen ist. Sobald auch nur minimale Unsicherheiten oder widersprüchliche Befunde auftauchen, wird Regulierung vertagt oder relativiert. Als bräuchten wir erst den endgültigen Nachweis dafür, dass es schädlich ist, wenn Zwölfjährige nachts im Bett stundenlang Videos mit Gewalt, Frauenhass, Vergewaltigungsfantasien und Hitler-Propaganda anschauen. Ironischerweise wird die Debatte oft so geführt, als lägen die Risiken sozialer Medien noch weitgehend im Unklaren, obwohl gravierende Folgen längst wissenschaftlich belegt sind. Wir wissen heute, dass Jugendliche häufig mehr Zeit mit TikTok, Instagram und Co. verbringen als mit Freunden, Familie oder Schule. Studien zeigen seit Jahren, welche Inhalte die Plattformen bevorzugen. Hass, Gewalt, Demütigungen und extreme politische Botschaften verbreiten sich dort deutlich schneller als sachliche oder ausgewogene Inhalte.
Wissenschaft kann Orientierung geben, Politik muss handeln
Ich selbst bin Wissenschaftlerin, führe solche Studien durch und lese mit großer Begeisterung die Forschung meiner internationalen Kollegen. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind unverzichtbar für unsere Kinder und Jugendlichen und auch für demokratische Gesellschaften. Aber was passiert, wenn politische Entscheidungen an Wissenschaftler delegiert werden? Demokratie lebt nicht allein von Evidenz, sondern auch von Handlungsfähigkeit, Wertentscheidungen, öffentlicher Abwägung und politischer Verantwortung. Wissenschaft kann Risiken sichtbar machen und Orientierung geben, sie kann jedoch politische Entscheidungen nicht vollständig ersetzen. Denn Demokratie gerät auch dann in Gefahr, wenn Politik sich hinter Wissenschaft versteckt und immer neue Evidenz abwartet, statt Verantwortung zu übernehmen und zu handeln.
Die digitalen Räume unserer Kinder sind nicht neutral
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Wenn auf einem Spielplatz rostige Nägel aus der Rutsche ragen, sperren wir den Platz sofort. Niemand sagt dann: „Wir warten erst noch zehn Jahre, um zu beweisen, ob diese Nägel auch wirklich eine Gefahr sind.“ Warum also akzeptieren wir bei sozialen Medien, dass Millionen jeden Tag mit extremen Inhalten überflutet werden? Warum tun wir so, als wäre das allein die Verantwortung der Kinder und ihrer Eltern? Die Verantwortung wird auf Familien abgeschoben, während die Plattformen Milliarden damit verdienen, Kinder möglichst lange am Bildschirm zu halten.
Wenn die Mechanismen der Plattformen selbst das Problem sind, dann braucht es politische Regeln, die diese Mechanismen begrenzen. Es sind die Plattformen wie TikTok, Instagram und Co., die die Verantwortung dafür tragen, dass gewaltverherrlichende Inhalte, extreme Hassbotschaften oder Clips zu Selbstverletzungen millionenhaft verbreitet werden. Und hier müssen auch die Empfehlungen der Kommission ansetzen, die im Juni vorgestellt werden. Plattformen müssen offenlegen, nach welchen Kriterien sie ihre Nutzer mit Inhalten bedienen. Ihre Algorithmen sind so zu verändern, dass extreme Inhalte gar nicht erst an die Oberfläche gelangen. Endlose Feeds, ständige Benachrichtigungen und gezielte Reize zur Verlängerung der Nutzungszeit dürfen nicht länger als Standard akzeptiert werden.
Regeln ohne Konsequenzen reichen nicht aus
Einiges davon ist längst geregelt, wird aber zu selten durchgesetzt. Deshalb sollten Plattformen, die Gesetze missachten, nicht einfach weitermachen dürfen. Es braucht Sanktionen, die wirken, von schmerzhaften Einschränkungen bis hin zur Abschaltung einzelner Dienste.
Denn hier geht es längst nicht mehr nur um Mediennutzung oder Bildschirmzeit. Es geht darum, in welcher digitalen Umgebung Kinder heute aufwachsen. Millionen Jugendliche verbringen einen großen Teil ihrer Kindheit in Räumen, die von Konzernen gestaltet werden, deren Geschäftsmodell Aufmerksamkeit, emotionale Erregung und maximale Bindung ist. Dort lernen sie, wie Menschen miteinander umgehen, was Anerkennung bringt, wer sichtbar wird und was als normal gilt. Und wenn Plattformen systematisch Hass, Erniedrigung und extreme Inhalte belohnen, verändert das nicht nur einzelne Jugendliche, sondern auch den gesellschaftlichen Umgang miteinander.
Warum wir diese Entwicklung nicht länger hinnehmen dürfen
Solange wir diese Räume nicht wirksam regulieren, überlassen wir einen zentralen Teil der Sozialisation unserer Kinder Konzernen wie Meta, Google oder TikTok, Unternehmen, die nach Profitlogiken funktionieren und nicht nach demokratischen oder pädagogischen Prinzipien. Was diese Plattformen millionenfach verstärken, formt längst den Alltag und die Vorstellungswelt unserer Kinder. Die Gewalt kommt nicht zufällig ins Kinderzimmer.
Einordnung Medienzeit
Für Eltern bedeutet das, dass wir unsere Kinder nicht allein lassen dürfen. Aber wir dürfen auch nicht so tun, als könnten Familien diese Entwicklung allein auffangen. Kinder brauchen Aufklärung, Begleitung und Schutzräume. Gleichzeitig braucht es Plattformverantwortung und politische Entscheidungen, die Kinder schützen, bevor der Schaden längst entstanden ist.
Buchtipp „Der Kampf in den Köpfen”
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Wer sich intensiver mit den Mechanismen sozialer Medien und ihren Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche beschäftigen möchte, dem empfehlen wir das Buch „Der Kampf in den Köpfen: Wie TikTok, Instagram und Co unsere Kinder manipulieren“* von Nina Kolleck (Rowohlt Berlin).
Das Buch* erklärt verständlich, wie Plattformen Aufmerksamkeit steuern, warum extreme Inhalte besonders sichtbar werden und weshalb die Debatte um Kinder und soziale Medien längst nicht mehr nur eine Frage individueller Medienkompetenz ist. Besonders spannend ist der Blick darauf, wie Algorithmen unsere Wahrnehmung, politische Meinungen und die Entwicklung junger Menschen beeinflussen.
Nina Kolleck verbindet aktuelle Forschung mit vielen konkreten Beispielen aus dem digitalen Alltag von Kindern und Jugendlichen. Gerade für Eltern, Lehrkräfte und alle, die besser verstehen möchten, warum Plattformen so stark wirken, ist das Buch eine wichtige und gut verständliche Orientierung.
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