Warum mein Kind im Supermarkt besser rechnet als in der Schule
Jenny Borchert
Expertin für KI-Transformation und Change Management
Gastbeitrag von Jenny Borchert
Es war ein ganz normaler Dienstag.
Wir standen im Supermarkt, ich hatte es eilig und mein Kind schaute in die Regale. Es kam mit großen Augen und einer Tüte Gummibärchen zu mir.
Ich sagte: „Wir haben zehn Euro. Schau mal, ob das zusammen reicht – für Milch, Eier und zwei Gurken. Und dann die Gummibärchen dazu.“
Stille. Dann: Stirnrunzeln. Dann: Rechnen.
Ohne Heft. Ohne Aufgabenblatt. Ohne dass ich „jetzt machen wir Mathe“ gesagt hätte.
Es hat funktioniert.
Dabei hatte mein Kind in der Woche zuvor noch gestöhnt, als das Thema Überschlagen im Unterricht dran war. Zahlen runden, Ergebnisse schätzen – auf dem Papier war das eine Qual. Im Supermarkt war es plötzlich logisch. Notwendig. Sogar ein bisschen aufregend.
Das hat mich nicht losgelassen.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Was Lernfreude wirklich bedeutet
Lernfreude ist kein Talent. Kein Glück. Kein Persönlichkeitsmerkmal, das manche Kinder haben und andere nicht.
Lernfreude entsteht dann, wenn ein Kind versteht, warum etwas relevant ist.
Psychologen nennen das intrinsische Motivation – also den Antrieb, der von innen kommt. Nicht weil eine Note droht. Nicht weil eine Lehrerin schaut. Sondern weil das Kind selbst neugierig ist. Weil es etwas verstehen will.
Das klingt abstrakt. Ist es aber nicht.
Denn intrinsische Motivation lässt sich beobachten. Sie zeigt sich, wenn ein Kind eine Frage stellt, obwohl niemand es dazu aufgefordert hat. Wenn es weitermacht, obwohl die Aufgabe schon erledigt wäre. Wenn es abends noch von etwas redet, das es heute entdeckt hat.
Und sie lässt sich fördern. Von uns. Zuhause. Ganz ohne Lehrplan.
Das Problem mit dem Schulsystem – und warum wir nicht darauf warten sollten
Ich sage das nicht, um Lehrerinnen und Lehrer schlecht zu machen. Die meisten tun, was sie können, unter schwierigen Bedingungen.
Aber das System selbst ist auf eine Welt ausgerichtet, die es so nicht mehr gibt. Mein Kind wird in zwanzig Jahren in einem Beruf arbeiten, den es heute vielleicht noch gar nicht gibt. Es wird mehrfach umlernen. Sich neue Felder erschließen. Mit Werkzeugen arbeiten, die noch nicht erfunden sind.
Was es dafür braucht, ist keine perfekte Rechtschreibung. Es braucht die Fähigkeit, sich Dinge selbst zu erschließen. Offen zu bleiben. Weiterzulernen, wenn niemand es benotet. Und diese Fähigkeit wächst nicht durch Druck. Sie wächst durch Neugier.
Was wir gemeinsam entdecken – und warum das mehr bringt als Nachhilfe
Ich bin selbst ein neugieriger Mensch. Ich lerne ständig Neues – beruflich, aber auch einfach so. Weil es mich interessiert.
Mein Kind beobachtet das. Und ich beobachte meins.
Was ich in den letzten Jahren gemerkt habe: Die stärksten Lernmomente entstehen nicht am Schreibtisch. Sie entstehen, wenn wir gemeinsam etwas herausfinden. Wenn ich nicht die Antwort liefere, sondern wir beide schauen, wie wir draufkommen.
Das verändert die Dynamik komplett. Ich bin dann nicht die Lehrerin. Ich bin die Mitforscherin. Und mein Kind merkt: Erwachsene wissen auch nicht alles. Lernen hört nicht auf. Es macht sogar Spaß.
Die Neugier gilt auch für ihre Welt – nicht nur für deine
Ich merke immer wieder, wie leicht es ist, das zu vergessen. Ich bin neugierig. Ich lerne gerne. Ich erschließe mir neue Themen.
Aber wie oft habe ich mich wirklich gefragt, was mein Kind gerade fasziniert? Nicht um es zu kontrollieren. Sondern weil es mich ehrlich interessiert? Videospiele. TikTok. Ein YouTube-Kanal über Minecraft-Mechaniken, den ich beim besten Willen nicht verstehe. Das sind keine Zeitfresser, die ich wegzureden versuche. Das sind Fenster. In die Welt meines Kindes. Und in eine digitale Realität, die auch seine Zukunft prägen wird.
Wenn ich will, dass mein Kind offen bleibt, dann muss ich es auch sein.
Das bedeutet nicht, dass ich jetzt selbst TikTok-Videos schaue. Aber es bedeutet, dass ich frage. Dass ich mir erklären lasse, warum dieses Spiel so fesselnd ist. Dass ich fünf Minuten zuschaue, statt den Bildschirm zuzuklappen.
Weil Neugier ansteckend ist. In beide Richtungen.
Was du konkret tun kannst – fünf Dinge, die wirklich helfen
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Erkläre den Sinn, bevor du die Aufgabe stellst.
„Warum brauchen wir das?“ ist keine freche Frage. Es ist die wichtigste Frage. Wer den Sinn kennt, lernt schneller und behält länger.
Hol das Lernen in den Alltag.
Überschlagen im Supermarkt. Mengenumrechnung beim Kuchenbacken. Zeitzonen erklären, wenn ihr plant zu reisen. Das ist kein Trick, sondern der Weg, wie Wissen wirklich verankert wird.
Lerne selbst etwas Neues – und zeig es.
Es muss nichts Großes sein. Eine App, eine Sprache, ein Handwerk. Dein Kind sieht, dass Lernen zum Leben gehört, nicht nur zur Schule.
Entdeckt Dinge gemeinsam – ohne dass du die Antwort kennst.
Such dir ein Thema, das dich selbst interessiert und das dein Kind auch spannend finden könnte. Schaut gemeinsam nach. Redet darüber. Der Prozess ist das Ziel.
Interessiere dich für ihre digitale Welt – ernsthaft.
Frag nach dem Spiel. Schau beim Video zu. Lass dir erklären, was an diesem Creator so lustig ist. Du musst es nicht gut finden. Aber du musst es verstehen wollen. Kinder merken den Unterschied zwischen echter Neugier und höflichem Nicken.
Lebenslanges Lernen beginnt nicht in der Uni. Es beginnt jetzt.
Unser Job als Eltern ist nicht, unsere Kinder durch den Lehrplan zu schleusen. Unser Job ist, ihnen zu zeigen: Lernen ist keine Pflicht. Es ist eine Haltung. Und die vermitteln wir nicht mit Hausaufgaben-Kontrolle. Sondern damit, wie wir selbst durch die Welt gehen.
Mein Kind rechnet jetzt im Supermarkt. Freiwillig.
Das ist der Anfang.