Fallbeispiel aus der Praxis: Wenn intime Bilder zum Ausgangspunkt von Cybermobbing werden
Gastartikel von Alena Mess, Expertin für Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern & Jugendlichen
Marie ist 14 Jahre alt und besucht die 8. Klasse einer weiterführenden Schule. Sie gilt als freundlich, eher zurückhaltend und bemüht, dazuzugehören. In der Schule fällt sie bislang nicht durch Konflikte auf. Über WhatsApp kommt sie mit einem 15-jährigen Mitschüler aus einer anderen Klasse ins Gespräch. Der Kontakt intensiviert sich schnell. Sie schreiben täglich, schicken Sprachnachrichten, tauschen sich über Schule, Freundschaften und Sorgen aus. Marie beschreibt später, dass sie sich gesehen und ernst genommen gefühlt habe.
Bild generiert mit Hilfe von Perplexity
Der Vertrauensbruch und seine Folgen
Nach einigen Wochen bittet der Junge sie um ein erstes intimes Bild. Marie ist unsicher, hat aber Angst, den Kontakt zu verlieren. Sie schickt schließlich mehrere Nacktfotos über WhatsApp – in dem Vertrauen, dass diese privat bleiben. Für sie ist es ein Zeichen von Nähe und Beziehung, kein öffentliches Handeln.
Kurze Zeit später kommt es zu einem Streit. Der Junge beendet den Kontakt abrupt. Wenige Tage danach werden Maries Bilder in einer Klassengruppe bei WhatsApp geteilt. Von dort aus verbreiten sie sich weiter in andere Gruppen. Kommentare, Emojis und abwertende Nachrichten folgen. Einige Mitschüler speichern die Bilder, andere leiten sie weiter. Marie verliert innerhalb kürzester Zeit die Kontrolle darüber, wer die Bilder sieht.
Isolation und psychische Belastung
Im Schulalltag verändert sich die Situation drastisch. Mitschüler tuscheln, lachen, meiden sie. In den Pausen sitzt sie allein. Online erhält sie Nachrichten wie: „Selbst schuld“, „Warum hast du sowas gemacht?“ oder „Jetzt kennt dich jeder“. Der ursprüngliche Täter distanziert sich und übernimmt keine Verantwortung.
Marie beginnt, die Schule zu meiden. Sie klagt über Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit und starke innere Unruhe. Sie schämt sich, zieht sich zurück und vermeidet den Blickkontakt zu Erwachsenen. Die Angst, dass die Bilder immer weiter kursieren könnten, bestimmt ihren Alltag.
Die Dynamik der Schuldzuschreibung
Die Eltern bemerken die zunehmende Belastung und suchen Hilfe. In unserer Beratung wird deutlich, dass Marie sich selbst die Schuld gibt. Sie sagt, sie hätte „es besser wissen müssen“. Besonders belastend erlebt sie, dass ihr Umfeld die Verantwortung bei ihr sieht – nicht bei denen, die die Bilder weiterverbreitet haben.
In der Beratung zeigt sich, wie stark diese Schuldzuschreibung wirkt. Marie beschreibt, dass sie sich schämt, sich „dumm“ fühlt und glaubt, das Geschehene selbst ausgelöst zu haben. Sie hat große Angst vor weiteren Reaktionen in der Schule und davor, dass Erwachsene ihr Verhalten moralisch bewerten. Gleichzeitig spürt sie eine tiefe Ohnmacht: Sie kann nicht rückgängig machen, was passiert ist, und sie hat keinen Einfluss darauf, wo die Bilder inzwischen sind.
Foto: Alena Mess, Autorin dieses Gastbeitrags
Kontrollverlust und gesundheitliche Krise
Besonders belastend ist für sie der Kontrollverlust. Das Wissen, dass die Fotos jederzeit wieder auftauchen könnten, lässt sie kaum zur Ruhe kommen. Ihr Handy, das früher Verbindung bedeutete, wird zum Auslöser von Stress und Angst. Jede Nachricht, jedes Aufleuchten des Displays löst Anspannung aus.
Im weiteren Verlauf verstärken sich die Symptome. Marie zieht sich sozial zurück, vermeidet die Schule und äußert erstmals Gedanken, „nicht mehr da sein zu wollen“. Die Eltern reagieren zunehmend hilflos und besorgt. Schließlich kommt es zu einer akuten Krise, die eine stationäre Aufnahme in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik erforderlich macht.
Rechtliche Schritte und systemische Verantwortung
In der klinischen Begleitung wird deutlich, dass nicht nur die ursprüngliche Grenzverletzung belastet, sondern vor allem die anschließende Dynamik: das Weiterleiten der Bilder, das Schweigen vieler Mitschüler, das Ausbleiben klarer Grenzen durch das Umfeld. Marie erlebt, dass niemand Verantwortung übernimmt, während sie selbst sich immer kleiner fühlt.
Die Familie entscheidet sich, rechtliche Schritte einzuleiten und Anzeige wegen der Verbreitung jugendpornografischer Inhalte zu erstatten. Für Marie ist dieser Schritt mit ambivalenten Gefühlen verbunden: Sie hofft auf Schutz und Klärung, hat aber gleichzeitig Angst vor erneuter Aufmerksamkeit und weiterer Bloßstellung.
Fazit: Verantwortung dort verorten, wo sie hingehört
Der Fall verdeutlicht, wie schnell sich Cybermobbing zu einer ernsthaften psychischen Belastung entwickeln kann. Besonders gefährlich ist die Verschiebung der Verantwortung: Wenn das betroffene Kind sich selbst schuldig fühlt und das Umfeld diese Sichtweise übernimmt, verstärkt sich die Krise erheblich. Für Eltern, Schule und Fachkräfte ist entscheidend, frühzeitig gegenzusteuern.
Schule ist nicht nur Lernort, sondern sozialer Raum – auch dann, wenn die Angriffe digital stattfinden. Spätestens wenn intime Bilder in Klassen- oder Jahrgangsgruppen kursieren und Auswirkungen auf den Schulalltag haben, darf Verantwortung nicht individualisiert werden. Es reicht nicht aus, den Vorfall als „privaten Konflikt“ zu bewerten oder auf das Verhalten des betroffenen Kindes zu verweisen. Schule hat die Aufgabe, klar Stellung zu beziehen, Schutz zu organisieren und deutlich zu machen, wo Grenzen überschritten wurden.
Die Weiterverbreitung, Speicherung und Kommentierung intimer Bilder muss klar benannt und unterbunden werden. Betroffene Kinder dürfen nicht in Rechtfertigungspositionen gedrängt werden, während Täter- oder Mitläuferverhalten unbeachtet bleibt. Kinder brauchen in solchen Situationen eindeutige Botschaften von allen beteiligten Erwachsenen: Du bist nicht schuld. Verantwortung tragen diejenigen, die Bilder weiterverbreiten, speichern oder kommentieren. Erst wenn diese Haltung gemeinsam getragen wird, können Scham reduziert und Vertrauen wieder aufgebaut werden.