Das Leibniz-Gymnasium ist handyfrei – wie wir dahin gekommen sind

Zählmarke

Gastbeitrag von Katja v. Hagen, Schulleiterin Leibniz-Gymnasium Potsdam

“Seit März 2026 ist unsere Schule offiziell handyfrei. Klingt einfach. War es nicht.

Foto des Leibnitz Gymnasium Potsdam

Foto: Leibniz-Gymnasium Potsdam

Der lange Weg zu einer klaren Regel

Wer denkt, ein Handyverbot sei mit einem Beschluss erledigt, hat noch nicht erlebt, wie ein Gymnasium wirklich funktioniert. Wir am Leibniz-Gymnasium Potsdam haben in den vergangenen Jahren vieles versucht: diskutiert, verhandelt, Handyboxen angeschafft. Nichts wirkte wirklich. In den Pausen standen die Schülerinnen und Schüler nebeneinander – und zockten. Einzeln, stumm, abgetaucht. Die Atmosphäre litt. Das Lernen auch.

Also ein neuer Anlauf. Diesmal gründlicher.

Foto: Katja von Hagen und Tobias Dillinger (Medienzeit) stehen vor dem Leibnitz Gymnasium

Foto: Katja von Hagen und Tobias Dillinger (Medienzeit) stehen vor dem Leibniz Gymnasium

Gemeinsam mit Tobias Dillinger und dem Kinderarzt Steven Rohbeck von Medienzeit haben wir die Fakten auf den Tisch gelegt: was Smartphones mit Konzentration machen, was ständige Erreichbarkeit in Kindern auslöst, warum Pausen ohne Bildschirm anders – besser – wirken. Die Lehrer- und Elternschaft ließ sich durch die Vorträge überzeugen. In der Schulkonferenz fiel der Beschluss: Ab sofort gilt auf dem gesamten Schulgelände ein Nutzungsverbot für private Endgeräte während des Schultages.


Die ersten Wochen: Kreativ im Umgehen

Was dann kam, überraschte uns wenig – und trotzdem.

Die Schülerinnen und Schüler gewöhnten sich nicht sofort. Sie suchten Räume. Die Toilette wurde zur Ausweichfläche. Ermahnungen, Gespräche, Konsequenzen.

Und dann: Projekttage zur Handynutzung, in denen wir nicht verboten, sondern erklärt haben. Warum diese Regel? Was passiert eigentlich, wenn das Gerät immer dabei ist?

Aber nach und nach wuchs die Akzeptanz.


Elternreaktionen: Von Erleichterung bis Widerstand

Auf der Elternseite war das Bild gespalten. Die Mehrheit atmete auf – endlich eine klare Ansage, die auch zu Hause den Druck nimmt. Aber es gab auch andere Stimmen. Einzelne Eltern schrieben in einem Ton, der hier nicht zitiert werden soll, dass die Schulleitung besser die Stadt verlassen solle – und das Handy ihres Kindes unangetastet bleibe.

Unabhängig davon wurde eine Petition gestartet. Und in sozialen Medien wurden wir angefeindet, nicht mit der Zeit zu gehen.

Das stimmt nicht – denn wir bilden digitale Kompetenzen aus. Wir arbeiten gerade an einem eigenen Fach „Digitale Bildung“. Der Unterschied, den wir ziehen, ist nicht Technik ja oder nein – sondern wann und wozu. Medienkompetenz bedeutet eben auch zu wissen, wann man das Gerät bewusst weglegt.

Was diese Phase mich gelehrt hat: Kommunikation ist keine Pflichtübung. Sie ist der Kern. Ich hätte noch früher, noch mehr, noch persönlicher erklären sollen. Das nehme ich mit.


Medienecho und Handychallenge

Der Beschluss machte Schule – im wörtlichen Sinne. Die Tageszeitungen hier berichteten, ein Fernsehbeitrag entstand, zwei Radiointerviews folgten. Plötzlich war unser Gymnasium Teil einer größeren Debatte, die gerade bundesweit geführt wird.

Und dann noch etwas, das uns besonders freut: Inzwischen nehmen Schülerinnen und Schüler freiwillig an der Handychallenge teil – 21 Tage handyfrei, ganz bewusst. Ein Teil der Schülerschaft macht mit. Das ist kein Verbot. Das ist Überzeugung.

Wir werten das als Erfolg.


Was gilt – und für wen

Zur Transparenz: Die Regelung ist abgestuft. Jahrgangsstufen 5 bis 10 legen das Gerät den ganzen Tag weg. Die Oberstufe (11 und 12) darf das Handy in der Mittagspause in Unterrichtsräumen nutzen – weil Eigenverantwortung wächst, wenn man ihr Raum gibt. In Prüfungssituationen gilt die bloße Anwesenheit eines Geräts als Täuschungsversuch.

Die Schulkonferenz evaluiert die Regelung jährlich. Wir verstehen sie nicht als Dogma, sondern als Rahmen – der sich bewähren oder angepasst werden kann.


Was jetzt in den Pausen passiert

Crowdfunding Projekt mit Maskottchen “Willi”

Eine handyfreie Schule stellt eine einfache Frage: Was machen die Schülerinnen und Schüler stattdessen?

Diese Frage haben wir nicht dem Zufall überlassen. Über unseren Förderverein wurde ein Crowdfunding-Projekt gestartet – und die Resonanz hat uns überwältigt: über 5.000 Euro an Spenden sind zusammengekommen. Eltern, ehemalige Schülerinnen und Schüler, sogar der Bildungsminister – viele haben mitgemacht.

Das Geld liegt bereit. Aber wer entscheidet, wofür es ausgegeben wird?

Für die Schülerinnen und Schüler selbst. Im neuen Schuljahr bilden sie ein Schülerparlament und beraten gemeinsam: Tischtennisplatten? Outdoor-Sportgeräte? Mehr Bänke und Begegnungsflächen?

Sie wissen selbst am besten, was sie brauchen. Und genau das ist der Gedanke dahinter: Wer das Handy weglegt, bekommt etwas zurück – nicht als Tauschgeschäft, sondern als Einladung, den Schulalltag aktiv mitzugestalten.


Was andere sagen

Schülerstimmen

„Am Anfang fand ich es total ätzend. Ich dachte, ich verpasse alles. Aber nach ein paar Wochen habe ich gemerkt, dass die Pausen eigentlich viel entspannter sind. Wir reden wieder richtig miteinander.“

„Ich war zunächst skeptisch – in der Oberstufe läuft vieles über Lerngruppen und Nachrichten auf dem Handy. Aber ich merke, dass ich mich im Unterricht besser konzentriere. Und in der Mittagspause dürfen wir es ja nutzen. Das ist ein fairer Kompromiss.“

Frau H., Lehrerin

„Der Unterschied im Unterricht ist spürbar. Die Schülerinnen und Schüler sind präsenter, die Diskussionen lebendiger. Ich muss viel seltener um Aufmerksamkeit kämpfen. Das entlastet mich – und die Klasse.“

Elternstimme

„Mein Sohn kommt seit dem Verbot anders nach Hause. Er erzählt mehr – von Gesprächen in der Pause, von einem Streit, der sich geklärt hat, von der Schule generell. Das kannte ich vorher kaum.“


Ein Modell für alle?

Portraitfoto von Katja von Hagen, Schulleiterin

Katja v. Hagen. Schulleiterin

Natürlich ist nicht alles perfekt. Es gibt noch Ausreißer, noch Diskussionen, noch skeptische Stimmen. Aber die Richtung stimmt – und das spüren alle. Was wir erlebt haben, ist kein Sonderfall. Es ist das, was passiert, wenn eine Schule den Mut hat, eine klare Entscheidung zu treffen – und sie zu erklären, zu begleiten und weiterzuentwickeln.

Der Prozess war anstrengend. Er hat sich gelohnt.

Viele Schulen in Deutschland führen gerade dieselbe Debatte. Unsere Erfahrung lautet: Traut euch. Es lohnt sich.

„Wir nehmen den Kindern nichts weg. Wir schaffen nur Zeiten, in denen das Handy nicht im Mittelpunkt steht.“

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