Mit dem Smartphone endet ein Stück Kindheit
Meinungsbeitrag von Alex Liefermann
„„Mit dem Smartphone geben wir einem Kind nicht nur ein Telefon. Wir öffnen ihm die Tür zu einer Erwachsenenwelt, deren Zumutungen selbst viele Erwachsene kaum aushalten. Kindheit braucht Räume, in denen die Welt für eine Weile draußen bleibt.““
Alex Liefermann
Vater von zwei Kindern, engagiert sich seit Jahren für Bildung, Familienpolitik und den Schutz von Kindern im digitalen Raum .
Gibt man seinem Kind ein Smartphone, verändert sich etwas Grundsätzliches in seiner Kindheit. Vielleicht endet damit sogar ein Stück davon. Der Satz klingt zugespitzt. Ich wünschte, er wäre es.
Ich bin Vater von zwei Kindern, 16 und 6 Jahre alt. Zwischen ihnen liegen zehn Jahre und manchmal habe ich das Gefühl, auch zwei verschiedene Kindheiten zu beobachten. Bei meinem älteren Kind sehe ich, wie selbstverständlich das Smartphone längst zum Alltag gehört. Nachrichten, Musik, Verabredungen, Schule, Videos, Freundschaften: Alles findet auch auf diesem kleinen Bildschirm statt. Bei meinem sechsjährigen Kind erlebe ich dagegen noch, wie kostbar Nachmittage sein können, an denen nichts geplant, nichts gepostet und nichts bewertet wird.
Vielleicht fällt mir gerade deshalb so deutlich auf, was sich verändert, wenn das erste eigene Smartphone kommt.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Wenn die Welt ins Kinderzimmer zieht
Aus einem Gerät für den Schulweg, den Klassenchat und ein bisschen Musik wird erstaunlich schnell eine zweite Welt. Eine Welt, die immer dabei ist und fast immer etwas Dringenderes zu bieten scheint als das, was gerade vor einem liegt. Das Kinderzimmer hat plötzlich offene Türen zu Kriegsbildern, Kommentarspalten, Schönheitsidealen, Pornografie, Hass und Katastrophen.
Eltern können Filter installieren, Bildschirmzeiten begrenzen, Apps verbieten und Gespräche führen. Das alles ist sinnvoll. Aber es ändert nichts am Grundproblem: Mit dem Smartphone geben wir einem Kind nicht nur ein Telefon. Wir öffnen ihm einen fast permanenten Zugang zu einer Erwachsenenwelt, die weder sortiert noch geschützt ist und schon gar nicht barmherzig.
Früher musste man sich manches Wissen erarbeiten. Heute reicht oft ein Wischen. Ein Kind schaut Fußballvideos und bekommt irgendwann auch Gewaltbilder oder verstörende Clips vorgeschlagen, nach denen es nie gesucht hat. Es schaut nach Hautpflege und bekommt Gesichter gezeigt, die so lange bearbeitet wurden, bis das eigene plötzlich falsch wirkt. Es hört einen Song und findet darunter Kommentare voller Verachtung. Der Weg zum Weltschmerz ist kurz. Algorithmen können ihn beschleunigen.
Kindheit war nie ein steriler oder vollkommen geschützter Raum. Kinder streiten, erleben Angst, erfahren Zurückweisung und Ungerechtigkeit. Aber vieles hatte früher stärkere räumliche und zeitliche Grenzen. Man konnte nach Hause kommen, die Tür schließen und die Welt blieb wenigstens für eine Weile draußen. Heute trägt ein Kind sie in der Hosentasche mit ins Bett.
Medienkompetenz ist kein Schutzanzug
Und wir Eltern hoffen oft, dass sich das Problem mit Medienkompetenz lösen lässt. Natürlich müssen Kinder lernen, mit digitalen Medien umzugehen. Aber Medienkompetenz ist kein Schutzanzug. Ein Zehnjähriger kann wissen, dass Bilder manipuliert sind, und sich trotzdem hässlich fühlen. Eine Zwölfjährige kann verstehen, dass ein Video provozieren soll, und trotzdem Angst bekommen. Wissen schützt nicht automatisch vor Wirkung.
Als freier Autor und Vater frage ich mich deshalb immer wieder, wie viel digitale Wirklichkeit Kinder eigentlich aushalten müssen, bevor sie überhaupt die Gelegenheit hatten, ihre eigene Wirklichkeit zu entdecken.
Ein Problem, das Familien nicht allein lösen können
Ich verstehe, warum Eltern irgendwann nachgeben. Wer kein Smartphone hat, droht ausgeschlossen zu werden. Verabredungen laufen über Messenger, Schulklassen organisieren sich digital, Freundschaften setzen sich in Gruppenchats fort. Das Problem ist längst kollektiv. Einzelne Familien sollen Grenzen durchsetzen gegen eine Infrastruktur, die voraussetzt, dass Kinder erreichbar sind.
Und genau deshalb reicht es nicht, die Verantwortung allein bei Familien abzuladen. Auch Schulen, Plattformen und Politik gestalten die Bedingungen, unter denen Kinder digital aufwachsen. Eltern brauchen Möglichkeiten, Grenzen zu setzen, ohne dass ihr Kind dafür sozial den Preis zahlt.
Deshalb sollten wir aufhören, das erste Smartphone wie einen harmlosen privaten Meilenstein zu behandeln. Es ist kein Schritt wie das erste Fahrrad oder der eigene Haustürschlüssel. Wir entscheiden damit auch, wann wir einem Kind die Tür zu einer Welt öffnen, deren Zumutungen selbst viele Erwachsene kaum aushalten.
Das Privileg, nicht erreichbar zu sein
Ich möchte meinen Kindern diese Welt nicht für immer vorenthalten. Ich möchte nur den Zeitpunkt hinauszögern, an dem jede Langeweile gefüllt, jede Unsicherheit verglichen und jeder stille Moment unterbrochen wird.
Kindheit braucht Räume, in denen nichts passiert. Wege ohne Benachrichtigung. Nachmittage, die nicht dokumentiert werden. Momente, die keinem Publikum gehören.
Ein Smartphone schenkt Freiheit. Aber es nimmt auch etwas: die Möglichkeit, für eine Weile nicht erreichbar zu sein.
Genau diese Unerreichbarkeit ist eines der letzten Privilegien der Kindheit.
„Vielleicht besteht unsere Aufgabe als Eltern nicht darin, Kinder möglichst früh an die digitale Welt zu gewöhnen, sondern ihnen möglichst lange eine Kindheit zu bewahren, in der die Welt auch einmal draußen bleiben darf.“