Fast jede zweite junge Frau erlebt Onlinegewalt
Jemand verschickt ungefragt ein sexualisiertes Bild. Ein intimes Foto wird ohne Erlaubnis geteilt. Oder plötzlich stehen Name und Adresse einer jungen Frau öffentlich im Netz. Onlinegewalt hat viele Formen – und sie endet nicht immer am Bildschirm.
Eine neue britische Untersuchung macht das Ausmaß sichtbar: 47 Prozent der befragten Frauen zwischen 16 und 24 Jahren berichteten, online Gewalt erlebt zu haben. Die Zahl ist erschreckend. Für Medienzeit ist aber ebenso wichtig, was hinter ihr steckt – und wie Erwachsene reagieren, wenn sich eine Jugendliche ihnen anvertraut.
Dieser Beitrag richtet sich an junge Betroffene ebenso wie an Eltern und andere Vertrauenspersonen. Die Studie befragt Frauen ab 16 Jahren; die Hinweise für Familien zeigen, wie Erwachsene jüngere Betroffene unterstützen können, ohne die britischen Zahlen auf Kinder in Deutschland zu übertragen.
Bild generiert mit Hilfe von KI
Was die Untersuchung tatsächlich zeigt
Für die Untersuchung „Dangerous by Design: Evidence for action on online violence against women and girls and the path to safer online spaces“ von Refuge und der End Violence Against Women Coalition (EVAW) befragte das Institut Opinium zwischen dem 23. April und 5. Mai 2026 insgesamt 2.000 Frauen ab 16 Jahren im Vereinigten Königreich. Die Befragung war für diese Bevölkerungsgruppe national repräsentativ angelegt. Die Fragen zu persönlich erlebter Onlinegewalt beantworteten 1.483 Frauen freiwillig; für die Prävalenzangaben wurden die Antworten auf die Stichprobe von 2.000 hochgerechnet. Die Altersgruppe 16 bis 24 ist nur ein Teil dieser Stichprobe.
47 Prozent der 16- bis 24-Jährigen berichteten von mindestens einer Form von Onlinegewalt. 38 Prozent dieser Altersgruppe berichteten von misogynen oder sexualisierten Angriffen im Netz. 31 Prozent berichteten von bildbasierter sexualisierter Gewalt; die oft zitierte Zahl von 18 Prozent gilt für alle befragten Frauen, nicht speziell für die Jüngsten. Die Kategorie umfasst unterschiedliche Erfahrungen, darunter unerwünscht zugesandte sexualisierte Bilder und die nicht einvernehmliche Verbreitung intimer Aufnahmen. Neun Prozent der jungen Frauen berichteten von „Doxing“: Persönliche Informationen wie Aufenthaltsort, Telefonnummer oder E-Mail-Adresse wurden ohne Zustimmung veröffentlicht.
Die Veröffentlichung nennt für diese Altersgruppe außerdem Erfahrungen mit Kontrolle, Belästigung und Stalking im Netz. Auch KI taucht in den Antworten auf: 17 Prozent der 16- bis 24-Jährigen berichteten von Ratschlägen einer KI zu Dating, Sex oder Beziehungen, die als unangemessen, ungesund oder unsicher gelten könnten. Das bedeutet nicht, dass jede Chatbot-Nutzung gefährlich ist. Es zeigt aber, warum KI-Systeme bei sehr persönlichen Fragen keine verlässliche Vertrauensperson ersetzen.
Wichtig zur Einordnung: Die Ergebnisse stammen aus dem Vereinigten Königreich. Sie sagen nicht, dass 47 Prozent der Mädchen oder jungen Frauen in Deutschland Onlinegewalt erlebt haben. Die Originalpublikation nennt die Größe der Teilstichprobe der 16- bis 24-Jährigen nicht; außerdem beantworteten Fragen zu persönlich erlebter Gewalt nicht alle 2.000 Frauen. Wir verwenden die Zahlen als Ergebnisse der britischen Untersuchung und übertragen sie nicht auf deutsche Jugendliche.
Mehr als ein Problem mit Nacktbildern
Wer bei Onlinegewalt nur an heimlich verbreitete Nacktbilder denkt, übersieht einen großen Teil des Problems. Ungewollte sexualisierte Nachrichten, Drohungen, das Ausspähen von Accounts, das Veröffentlichen persönlicher Daten und herabwürdigende Kommentare können zusammenkommen. Manche Kontakte wechseln von einer Plattform zum nächsten Messenger; andere Angriffe greifen über eine Schule, einen Verein oder eine Ausbildung in den Alltag über.
Bild generiert mit Hilfe von KI
Auch manipulierte Bilder gehören dazu. Ein mit KI erstelltes sexualisiertes Bild kann für Betroffene sehr realen Druck erzeugen – selbst wenn die Aufnahme nie so entstanden ist. Entscheidend ist nicht allein, ob das Bild „echt“ ist, sondern dass es ohne Einwilligung erstellt oder verbreitet wird und andere damit Macht über eine Person ausüben.
Das betrifft häufig Mädchen und junge Frauen, aber nicht ausschließlich sie. Auch Jungen und andere Jugendliche können betroffen sein. Für Eltern ist eine klare Regel wichtig: Niemand darf intime Bilder einer anderen Person ohne deren Zustimmung speichern, vorzeigen oder weiterleiten. Eine Aufnahme, die in einem Gruppenchat auftaucht, wird nicht dadurch harmlos, dass „sie schon alle gesehen haben“.
Wenn Hilfe erneut verletzt
Die Untersuchung beschreibt noch ein zweites Problem: Viele Betroffene erlebten Meldungen bei Plattformen oder Behörden als langsam, unklar oder vorwurfsvoll. Nur 12 Prozent der Frauen, die Onlinegewalt erlebt hatten, meldeten diese bei der Polizei. Von den Frauen, die zur Polizei gingen, sagten 17 Prozent, ihr Fall sei überhaupt nicht untersucht worden. Diese Zahl bezieht sich auf die Anzeigenden, nicht auf alle Befragten oder speziell auf die 16- bis 24-Jährigen. Im begleitenden Guardian-Bericht schildert eine Frau, wie ihre intimen Bilder ohne Zustimmung veröffentlicht wurden und wie wenig Unterstützung sie zunächst erhielt. Ihr Fall steht nicht stellvertretend für jede Anzeige. Er zeigt aber, wie belastend es ist, wenn die betroffene Person anschließend selbst nach Kopien suchen, den Vorfall immer wieder erklären und um ernsthafte Hilfe kämpfen muss.
Genau hier beginnt die Verantwortung von Erwachsenen. Wer einem Kind oder einer Jugendlichen zuerst fragt „Warum hast du das geschickt?“ oder „Warum warst du überhaupt auf der Plattform?“, kann die Hürde vergrößern, noch einmal um Hilfe zu bitten. Eine gute erste Reaktion lautet: „Danke, dass du es mir sagst. Du musst das nicht allein lösen.“
Was Eltern vorher besprechen können
Das Gespräch sollte nicht erst beginnen, wenn etwas passiert ist. Drei Fragen lassen sich mit Jugendlichen ohne Vortrag und ohne Handy-Kontrolle besprechen:
Was ist ohne Zustimmung tabu? Intime Bilder und persönliche Daten anderer Menschen werden nicht gesammelt, weitergeleitet oder als Witz in Gruppen geteilt. Das gilt auch für KI-Fälschungen.
Wo kannst du hin, wenn es dich trifft? Das Kind sollte mindestens eine erwachsene Person nennen können, die zuhört und nicht zuerst bestraft. Auch Schule und Beratungsstellen können dazugehören.
Was tun wir, wenn jemand anderes betroffen ist? Nicht mitmachen, nicht weiterleiten, die betroffene Person unterstützen und einen Erwachsenen hinzuziehen.
Solche Gespräche ersetzen weder Schutzvorgaben für Plattformen noch gute Meldesysteme. Medienbildung und verbindlicher Schutz gehören zusammen.
Bild generiert mit Hilfe von KI
Wenn bereits etwas passiert ist
Zuerst zuhören und die betroffene Person schützen. Bei Drohungen oder Erpressung sollte sie nicht allein mit der anderen Person verhandeln, kein Geld zahlen und keine weiteren Aufnahmen schicken. Chatverläufe, Nutzernamen, Links und Zeitpunkte können für eine Meldung oder Anzeige wichtig sein. Sexualisierte Aufnahmen von Minderjährigen nicht selbst für „Beweiszwecke“ kopieren, screenshotten oder an Schule und Elternchats weiterleiten. Bei solchen Inhalten raten Fachstellen zu besonderer Vorsicht; im Zweifel klären Polizei oder Beratungsstelle, wie Material sicher gemeldet werden kann.
Der betreffende Account und die Inhalte können bei der Plattform gemeldet werden. Vor dem Blockieren kann es sinnvoll sein, Links, Nutzernamen und andere unproblematische Nachweise zu sichern; bei Stalking oder Gewalt durch einen Partner sollte die betroffene Person das Blockieren mit einer Beratungsstelle besprechen, weil es die Gefahr im Einzelfall erhöhen kann.
Bei intimen Bildern kommt es darauf an, wie alt die abgebildete Person zum Zeitpunkt der Aufnahme war: Take It Down ist für Aufnahmen gedacht, die entstanden, als sie unter 18 war – auch wenn sie inzwischen erwachsen ist. StopNCII.org richtet sich an Betroffene, die auf der Aufnahme mindestens 18 und heute erwachsen sind. Beide Dienste arbeiten mit digitalen Fingerabdrücken der Bilder auf teilnehmenden Plattformen; die Aufnahmen müssen dafür nicht hochgeladen werden. Sie können eine Verbreitung eindämmen, garantieren aber keine vollständige Entfernung aus dem Internet.
Kinder und Jugendliche finden vertrauliche Unterstützung bei JUUUPORT und beim Kinder- und Jugendtelefon der Nummer gegen Kummer unter 116 111. Eltern und andere Bezugspersonen erreichen das Elterntelefon unter 0800 111 0550. Bei konkreten Drohungen, Erpressung oder dem Verdacht auf eine Straftat kann die Polizei hinzugezogen werden.
Bei unmittelbarer Gefahr, konkreten Bedrohungen oder Suizidgedanken nicht auf eine Onlineantwort warten: sofort 110 (Polizei) beziehungsweise 112 (Rettungsdienst) wählen und eine erwachsene Vertrauensperson hinzuziehen.
Was wir aus den britischen Zahlen mitnehmen
Die 47 Prozent sind kein deutscher Lagebericht und kein Beleg dafür, dass eine einzelne App die Gewalt verursacht hat. Die Befragung erinnert aber an etwas, das in Debatten über „sichere Nutzung“ oft zu kurz kommt: Betroffene brauchen erreichbare Hilfe, wirksame Meldungen und Plattformen, die Übergriffe ernst nehmen. Eltern können ein Kind begleiten. Sie können das Problem nicht allein durch gute Einstellungen und Gespräche lösen.