Heute mal bildschirmfrei: Kindheit braucht echte Erfahrungen
Paula Bleckmann
(Foto: Charlotte Fischer)
Prof. Paula Bleckmann bringt Dinge zusammen, die oft künstlich gegeneinander ausgespielt werden.
Sie ist Medienpädagogin und Gesundheitswissenschaftlerin. Sie steht für Medienkompetenz. Und gleichzeitig für Begrenzung. Für Entwicklung. Für Schutz.
Ihr Grundsatz lautet:
Kinder sollen medienmündig werden.
Aber nicht um jeden Preis.
Und nicht zu früh.
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Der Kampf um das richtige Maß
Viele Familien kennen die Diskussionen um Bildschirmzeiten. Wie viel ist noch okay? Ab wann wird es zu viel? Was schadet? Was fördert wirklich?
Paula Bleckmann kennt diese Fragen nicht nur aus der Forschung, sondern auch aus dem eigenen Familienalltag. Sie hat drei Kinder und veröffentlichte 2017 das Buch „Heute mal bildschirmfrei“*. Darin beschreibt sie anhand von Fallbeispielen vom Babyalter bis zur Jugend typische Situationen in Familien. Besonders eindrücklich: das Kapitel über digitale Betthupferl für Babys.
Ihre zentrale Botschaft an Eltern lautet nicht Verbot, sondern Bewusstsein. Entwicklung braucht reale Erfahrungen. Bewegung. Berührung. Beziehung.
Future Skills entstehen nicht am Bildschirm
In ihren Seminaren arbeitet Bleckmann unkonventionell. Sie schlüpft in Rollen, überzeichnet Werbebotschaften von Lern-App-Anbietern und entlarvt Versprechen, die digitale Lernerfolge garantieren. Dabei nimmt sie Eltern das schlechte Gewissen und Lehrkräften den Druck.
Ihr Fokus liegt auf Kommunikation, Kreativität und kritischem Denken. Diese sogenannten Future Skills entstehen nicht automatisch durch frühe Digitalnutzung. Im Gegenteil: Eine dauerhaft digitalisierte Kindheit kann genau diese Fähigkeiten schwächen, wenn analoge Erfahrungen fehlen.
Gerade in den ersten Lebensjahren wird das Fundament für späteres Lernen gelegt. Zwischen null und sechs Jahren entwickeln Kinder Sprache, Motorik, Emotionsregulation und soziale Kompetenzen. Wenn in dieser Phase Fernsehen, Tablet und Smartphone zu viel Raum einnehmen, leidet diese Entwicklung. Unruhe, Schlafprobleme und Konzentrationsschwierigkeiten sind mögliche Folgen.
Foto: Corinna Sümmchen
Analog vor digital
Ein zentrales Prinzip ihrer Arbeit lautet: Analog vor digital.
Bevor Kinder mit komplexen, oft intransparenten digitalen Systemen konfrontiert werden, sollen sie grundlegende Strukturen im echten Leben begreifen. Bleckmann spricht hier von Durchschaubarkeit vor Intransparenz und Produzieren vor Konsumieren. In einem Spiel namens „Safebook“ lernen sie die Funktionsweise von Sozialen Medien kennen mit einem angeblichen Austauschschüler…
Ein Beispiel ist das sogenannte Sortiernetzwerk. In einem analogen Rollenspiel erleben Kinder mit ihren eigenen Körpern, wie Netzwerke funktionieren. Sie bewegen sich entlang bestimmter Wege, geben Informationen weiter und erfahren dabei auch, wie leicht sich Identitäten erfinden lassen. In einem Spiel entsteht etwa ein angeblicher Austauschschüler, den es in Wahrheit gar nicht gibt. So wird erfahrbar, was auch im digitalen Raum passiert.
Kinder verstehen auf diese Weise mit allen Sinnen, wie soziale Plattformen funktionieren und wo ihre Tücken liegen. Erst danach folgt der Schritt in die digitale Welt.
Mehr als nur Smartphoneverbote
Bleckmann stellt sich nicht gegen Digitalisierung. Sie stellt sich gegen eine unreflektierte Digitalisierung um jeden Preis.
Vor zwanzig Jahren galt mehr Technik automatisch als Fortschritt. Heute wird die Debatte differenzierter geführt. Diskussionen über Social Media erst ab 16 oder über Smartphoneverbote an Schulen zeigen, dass die Risiken stärker wahrgenommen werden.
Bleckmann warnt jedoch davor, die Diskussion auf einzelne Altersgrenzen zu verkürzen. Entscheidend sei ein durchdachtes Gesamtkonzept. Medienregeln, die wissenschaftlich fundiert sind. Altersgerechte Medienbildung. Und klare Schutzräume, insbesondere in Kita und Grundschule.
Mit dem Präventionsprojekt ECHT DABEI begleitet sie seit über zehn Jahren Kitas und Grundschulen bundesweit. Ziel ist es, Kinder gesund groß werden zu lassen im digitalen Zeitalter. Ergänzend wird das neue Modul CASA entwickelt. Bis Mitte 2026 begleitet „Echt Dabei“ Grundschulen bei der Entwicklung von Medienregulierungen, die über Verbote hinausgehen.
Auch auf europäischer Ebene ist sie aktiv, etwa im Erasmus Projekt HERMMES, das offene Unterrichtsmaterialien zur kritischen Medienbildung für alle Altersstufen sammelt. Initiativen wie Unblack the Box fördern zudem kritische Datenkompetenz und einen reflektierten Umgang mit KI.
Weniger ist mehr
Bleckmann beobachtet einen Wandel. Während Digitalisierung lange kaum hinterfragt wurde, wächst heute die Sensibilität für Nebenwirkungen. Sie formuliert es so: Weniger ist mehr.
Das mag für Geschäftsmodelle der Tech Branche unbequem sein. Für die gesunde Entwicklung von Kindern ist es jedoch ein Fortschritt.
Für Eltern bedeutet das keine Technikfeindlichkeit. Sondern eine einfache Frage: Was braucht mein Kind in welchem Alter wirklich?
Medienkompetenz beginnt nicht mit einem Tablet. Sie beginnt mit Beziehung, Spiel und echter Erfahrung.
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