Scheitern darf sein. Muss sogar.
Jenny Borchert
Expertin für KI-Transformation und Change Management
Gastbeitrag von Jenny Borchert
Fehlerkultur ist eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen. Und wir nehmen sie unseren Kindern gerade systematisch weg.
Letzten Sonntag haben wir das Spiel „Pictures“ gespielt. Dabei liegen verschiedene Bildkarten aus. Jeder sucht sich heimlich eine aus und versucht, dieses Bild mit ganz unterschiedlichen Materialien nachzubauen. Zum Beispiel mit Schnürsenkeln, Holzwürfeln oder kleinen Symbolkarten. Jede Runde wandert das Material weiter, sodass jeder mit allem einmal baut. Kein Pinsel, kein Stift, kein Papier.
Mein Sohn wollte zuerst nicht. Die Materialien waren ihm fremd. Er wusste nicht, wie das gehen soll. Und wenn wir ehrlich sind: Das ist genau der Moment, in dem viele Kinder aufhören, bevor sie angefangen haben.
Ich hab ihn um eines gebeten. Offenheit. Einfach mal ausprobieren. Ohne Ergebnisdruck. Ohne Plan.
Hinterher wollte er noch eine Runde.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Was Fehlerkultur wirklich bedeutet
Fehlerkultur ist kein Motivationsposter.
"Fehler sind okay" sagen wir zu Kindern, und meinen es auch so. Aber wenn es darauf ankommt, räumen wir den Fehler weg, bevor er passieren kann.
Echte Fehlerkultur fängt früher an. Sie fängt bei dem Moment an, in dem mein Sohn die Schnürsenkel angeschaut und gedacht hat: Das kann ich nicht. Und trotzdem angefangen hat. Dieser Widerstand am Anfang, dieses Unbehagen, das Fremdheitsgefühl, das Nicht-Wissen, ist kein Signal zum Aufhören.
Das ist der Anfang vom Lernen.
Warum wir es Kindern gerade besonders schwer machen
Ich sage das ohne erhobenen Zeigefinger. Weil ich mich selbst dabei erwische. Wir räumen Widerstände weg. Oft gut gemeint. Manchmal aus Zeitdruck. Manchmal weil wir den Frust unserer Kinder nicht aushalten. Und die digitale Welt hilft uns dabei, gründlich.
YouTube zeigt die Lösung in drei Minuten. Spiele werden nach drei gescheiterten Versuchen automatisch einfacher. KI korrigiert den Aufsatz, bevor das Kind selbst merkt, was nicht stimmt.
Das Ergebnis ist immer gut. Der Weg dahin existiert nicht mehr.
Aber genau auf diesem Weg passiert das Lernen. Nicht im Ergebnis. Im Weg.
Im Beruf weiß ich das ganz genau. Fehler passieren. Immer. Nur wer nichts macht, macht keine Fehler. Und nur wer Fehler gemacht hat, weiß wirklich, wie etwas funktioniert.
Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)
Wo wir es täglich tun, ohne es zu merken
Das Matheblatt, das schwierig ist. Wir erklären sofort.
Das Spiel, das frustriert. Wir machen es einfacher.
Der Aufsatz, der holprig ist. Die KI glättet ihn.
Die Frage, auf die das Kind keine Antwort weiß. Google weiß sie sofort.
Nichts davon ist verwerflich. Alles davon kann zum Problem werden.
Wenn Kinder nie erleben, wie es sich anfühlt, etwas nicht zu können und es trotzdem zu versuchen, dann lernen sie nicht, mit Scheitern umzugehen. Sie lernen nur, es zu vermeiden. Und Vermeidung macht nicht resilienter. Sie macht fragiler.
Was du konkret tun kannst
Bitte um Offenheit, nicht um Erfolg.
Genau das habe ich bei Pictures gemacht. Nicht: "Du schaffst das!" Sondern: "Probier's einfach mal." Der Unterschied ist klein. Die Wirkung ist groß.Halte den Frust aus.
Das ist das Schwerste. Wenn Kinder frustriert sind, wollen wir helfen. Sofort. Aber manchmal ist Warten die beste Hilfe. Schauen, ob sie selbst einen Weg finden. Ihnen zutrauen, dass sie es können.Zeig deine eigenen Fehler.
Kinder lernen durch Beobachten. Wenn du laut denkst, wenn etwas nicht klappt: "Hm, das hat nicht funktioniert, ich probier's anders", modellierst du genau das, was du ihnen beibringen willst.Gib der KI nicht immer das letzte Wort.
KI-Tools sind großartig. Aber sie sollten das Denken begleiten, nicht ersetzen. Lass dein Kind erst selbst schreiben, rechnen, nachdenken. Dann kann KI ein Spiegel sein, kein Ersatz.
Mein Sohn hat beim Pictures-Spielen nicht gewonnen. Er hat seine Schnürsenkel gelegt, sein Bild nachgebaut, gelacht als es nicht gepasst hat.
Hinterher wollte er noch eine Runde. Das ist Fehlerkultur. Nicht das große Scheitern und der große Neustart. Der kleine Widerstand, die Offenheit, die zweite Runde.