Warum Messenger Dienste zur größten Herausforderung geworden sind
Silke Müller
Bildungsexpertin, Bestseller-Autorin und Digitalbotschafterin Niedersachsens
Foto: Sebastian Heun
Gastbeitrag von Silke Müller
Wenn Sorgen leise beginnen
Es sind selten die großen Momente, die zeigen, wie sehr Kinder unter der digitalen Welt leiden. Meist beginnt es leise. Ein Kind, das nach dem Unterricht noch einmal stehen bleibt. Eine Mutter, die mich anruft und sagt, sie habe „da etwas auf dem Handy gefunden“. Ein Vater, der nicht weiß, wie er seinem Sohn erklären soll, was gerade passiert.
Fast täglich begegne ich Eltern, die verunsichert sind. Sie fragen nach Bildschirmzeiten, nach Altersgrenzen, nach TikTok und Instagram. Hinter all diesen Fragen steckt etwas sehr Menschliches: der Wunsch, das eigene Kind zu schützen in einer Welt, die sich schneller verändert, als viele von uns Schritt halten können.
Kinder brauchen Schutzräume. Sie brauchen Orientierung. Und sie brauchen Erwachsene, die hinschauen.
Ich spreche mich deshalb ausdrücklich für verbindliche Regulierungen der Social Media Nutzung von Kindern aus. Nicht aus Kontrollbedürfnis, sondern aus Verantwortung. Klare Regeln geben Halt. Sie entlasten Familien. Und sie schaffen Orientierung in einer digitalen Welt, die oft grenzenlos wirkt. Gleichzeitig erleben wir jedoch eine verkürzte Debatte. Wir konzentrieren uns auf sichtbare Plattformen, während wir die Räume übersehen, in denen Kinder heute besonders verletzlich sind.
Denn viele der wirklich belastenden Erfahrungen passieren nicht dort, wo Likes öffentlich sichtbar sind. Sie passieren in Messenger Diensten.
Bild generiert mit Hilfe von KI (Perplexity, bearbeitet mit Gemini)
Die unsichtbaren Räume
WhatsApp, Snapchat, Discord und ähnliche Anwendungen sind für Kinder keine bloßen Kommunikationsmittel. Sie sind Treffpunkt, Bühne, Rückzugsort und Bewertungsraum zugleich. Hier entstehen Klassenchats, Freundesgruppen und nächtliche Gespräche. Hier werden erste Konflikte ausgetragen, erste Liebesbotschaften geschrieben und erste Grenzverletzungen erlebt.
Ich habe sechzehn Jahre lang eine Schule geleitet, an der Digitalisierung zum Alltag gehörte. Digitale Geräte, Lernplattformen, Online Kommunikation und Medienbildung waren kein Zusatz, sondern tägliche Praxis. Als Schulleiterin und heutige Digitalbotschafterin habe ich über Jahre hinweg Einblick in die digitale Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen bekommen. Ich habe mit unzähligen Schülerinnen und Schülern gesprochen, Chats gesehen, Eltern begleitet, die mit der Situation überfordert waren. Diese Erfahrungen prägen meinen Blick bis heute.
In diesen Messenger Räumen werden Nacktbilder verschickt, Hitler Memes geteilt, Kinder beleidigt, bloßgestellt und ausgegrenzt. Cybermobbing wirkt hier leise, dauerhaft und ohne Pausen. Ein Klassenchat ist längst kein organisatorisches Hilfsmittel mehr. Er ist ein sozialer Raum ohne Schutz, ohne Moderation und oft ohne Erwachsene.
Viele Eltern ahnen das nicht. Sie glauben, ihr Kind schreibe einfach mit Freundinnen und Freunden. Doch für Kinder ist das Smartphone längst Bühne, Beziehungsraum und Messinstrument für Anerkennung zugleich. Ein unbedachter Kommentar, ein weitergeleitetes Bild, ein Screenshot und plötzlich steht ein Kind im digitalen Schaufenster.
Wenn intime Bilder auftauchen
Irgendwann passiert es in vielen Familien. Eine Mutter schaut zufällig aufs Handy. Ein Vater bekommt einen Screenshot weitergeleitet. Und plötzlich sind da intime Bilder von Mitschülerinnen oder Mitschülern.
In diesem Moment geraten viele Eltern innerlich ins Wanken. Fragen schießen durch den Kopf. Was bedeutet das rechtlich. Was bedeutet das für mein Kind. Wie gehe ich jetzt richtig vor.
Was in dieser Situation am meisten hilft, ist Ruhe.
Das eigene Kind anzuschreien oder sofort zu bestrafen verschärft die Lage meist. In den allermeisten Fällen ist das Kind nicht Täter, sondern Teil eines Systems aus Gruppendruck, Neugier und Überforderung.
Aus meiner Erfahrung rate ich Eltern: Sprechen Sie ruhig mit Ihrem Kind und signalisieren Sie, dass Sie gemeinsam nach Lösungen suchen. Leiten Sie die Bilder nicht weiter, auch nicht „nur zur Sicherheit“. Jede Weitergabe kann juristisch relevant werden und den Schaden vergrößern. Versuchen Sie zu klären, woher die Bilder stammen, wer betroffen ist und ob jemand unter Druck gesetzt wurde. Und holen Sie sich frühzeitig Unterstützung, bei Beratungsstellen für Medienkompetenz oder Kinderschutz, je nach Inhalt auch beim Jugendschutz der Polizei. Nicht als Anzeige, sondern mit dem klaren Anliegen, Hilfe im Umgang mit problematischen Bildern zu brauchen.
Viele Eltern wissen nicht, dass bereits der Besitz solcher Bilder strafbar sein kann. Ebenso wenig ist bekannt, dass auch KI erzeugte Nacktbilder rechtlich relevant sein können. Vor allem aber unterschätzen viele, wie sehr frühes, offenes Handeln das eigene Kind schützt.
Cybermobbing in Messenger Diensten: Wenn der Angriff im Klassenchat beginnt
Bild generiert mit Hilfe von KI (Chat GPT / Dall-E)
Cybermobbing entsteht heute selten auf öffentlichen Plattformen. Es beginnt fast immer in Messenger Diensten. In Klassenchats. In Freundesgruppen. In privaten Nachrichten. Dort, wo Erwachsene nicht mitlesen und wo sich Dynamiken unbemerkt entwickeln können.
Ich habe in meiner Zeit als Schulleiterin unzählige solcher Chats gesehen. Was dort passiert, ist oft erschreckend unscheinbar am Anfang. Ein spöttischer Kommentar. Ein Screenshot. Ein Bild, das weitergeleitet wird. Ein Insiderwitz, der nur für einige lustig ist. Dann reagieren andere mit Emojis. Manche lachen. Viele schweigen. Und plötzlich steht ein Kind allein da, während sich Demütigung verselbstständigt.
Das Besondere an Messenger Mobbing ist seine Dauer. Anders als auf dem Schulhof endet es nicht mit dem Klingeln. Die Nachrichten kommen abends, nachts, am Wochenende. Das Handy vibriert im Kinderzimmer. Das Bett wird zum Ort der Angst. Kinder erzählen mir, dass sie das Gefühl haben, nie mehr abschalten zu können.
Ich habe Kinder erlebt, die morgens nicht mehr zur Schule gehen wollten, Jugendliche, die plötzlich verstummten, deren Leistungen einbrachen, die körperliche Symptome entwickelten. Bauchschmerzen. Schlaflosigkeit. Panik. Manche sagten mir, sie hätten das Gefühl, überall beobachtet zu werden. Andere schämten sich so sehr, dass sie niemandem mehr etwas erzählten.
In Messenger Gruppen verschwimmen Täterrollen schnell. Nicht nur diejenigen, die beleidigen oder bloßstellen, tragen Verantwortung. Auch wer Screenshots weiterleitet, Inhalte speichert, mitlacht oder schweigend zusieht, wird Teil des Geschehens.
Hinzu kommt: Alles bleibt. Nachrichten können erneut gelesen werden. Bilder tauchen immer wieder auf. Gerüchte lassen sich nicht zurückholen. Für betroffene Kinder bedeutet das einen dauerhaften Kontrollverlust über ihr eigenes Bild in der Gruppe.
Pädagogisch heißt das: Wir müssen früh eingreifen. Eltern sollten Veränderungen im Verhalten ernst nehmen, auch wenn Kinder nicht sofort sprechen. Schule muss eingebunden werden, bevor sich Dynamiken festsetzen. Klassenchats dürfen nicht als private Angelegenheit abgetan werden, wenn Kinder leiden. Es braucht Gespräche mit ganzen Gruppen, nicht nur mit einzelnen Beteiligten.
Juristisch ist auch Messenger Mobbing kein Kavaliersdelikt. Beleidigung, Bedrohung, Nötigung, das Weiterleiten von Bildern oder das systematische Ausgrenzen können strafbar sein. Viele Eltern zögern, diesen Schritt zu gehen. Doch bei anhaltenden Angriffen ist es wichtig, die Polizei einzubeziehen, um Schutz zu schaffen und klare Grenzen zu setzen.
Vor allem aber brauchen betroffene Kinder Erwachsene an ihrer Seite. Menschen, die ihnen glauben. Die bleiben. Die deutlich sagen: Du bist nicht schuld. Und die gemeinsam mit ihnen Wege finden, aus der Spirale auszusteigen.
KI als neue Form der Demütigung
Hinzu kommt eine neue Entwicklung: KI generierte Inhalte. Mit wenigen Klicks lassen sich heute Gesichter in Pornos montieren oder aus Klassenfotos täuschend echte Nacktbilder erzeugen. Stimmen werden gefälscht, Videos manipuliert.
Für betroffene Kinder ist das eine besonders schwere Erfahrung. Sie verlieren die Kontrolle über ihr eigenes Bild. Die Demütigung lässt sich jederzeit wiederholen und weiterverbreiten. Häufig höre ich dann den Satz: Das ist doch nicht echt.
Doch die Verletzung ist echt.
Juristisch sind solche Inhalte oft strafbar, wenn reale Kinder erkennbar sind. Pädagogisch sind sie hochproblematisch, weil sie Identität und Selbstwert angreifen. Kinder müssen verstehen, dass KI kein Spielzeug ist und dass digitale Gewalt immer reale Menschen trifft.
Schule, Ausbildung und Arbeitswelt gehören zusammen
Diese Erfahrungen enden nicht mit dem Schulabschluss. Sie begleiten junge Menschen in Ausbildung und Beruf. Unternehmen berichten mir zunehmend von Schwierigkeiten im Umgang mit Konflikten, Kritik und respektvoller Kommunikation. Private Chats wirken in den Arbeitsalltag hinein. Screenshots aus Azubi Gruppen landen bei Vorgesetzten. Alte digitale Verletzungen begleiten junge Erwachsene weiter.
Die Wirtschaft braucht Fachkräfte. Aber sie braucht vor allem Menschen mit Haltung, Empathie und Verantwortungsgefühl. Digitale Ethik ist längst eine Schlüsselkompetenz.
Genau deshalb sehe ich es als meine Verpflichtung, dieses Thema nicht nur in Schulen zu verhandeln, sondern auch in Wirtschaftsunternehmen. Ich spreche mit Ausbilderinnen, Führungskräften und Mitarbeitenden und reise dafür durch die deutschsprachigen Länder. Nicht, weil es bequem ist, sondern weil ich erlebe, wie dringend dieser Dialog gebraucht wird. Viele Betriebe stehen vor denselben Herausforderungen wie Eltern und Schulen: Wie gelingt respektvolle digitale Kommunikation. Wie gehen wir mit Konflikten in Chats um. Wie schützen wir junge Menschen vor Überforderung. Wie vermitteln wir Verantwortung in einer Arbeitswelt, die immer digitaler wird.
Was Kinder im Klassenchat lernen oder nicht lernen, zeigt sich später im Teamchat. Was Jugendliche über Grenzen erfahren, wirkt im Kundenkontakt. Und was junge Menschen über Würde, Respekt und Verantwortung mitnehmen, prägt Unternehmenskultur.
Deshalb braucht es eine gemeinsame Sprache zwischen Schule, Elternhaus und Wirtschaft. Digitale Bildung darf kein isoliertes Schulprojekt sein. Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wenn wir junge Menschen stärken wollen, müssen wir ihnen überall dieselben Werte vorleben. Nur so entsteht Orientierung in einer Welt, die immer digitaler wird.
Digitale Ethik als Grundlage
All diese Erfahrungen zeigen mir jeden Tag, wie wichtig digitale Ethik ist. Gemeint ist damit nichts Abstraktes und nichts Technisches. Es geht im Kern um Beziehungen. Um die Frage, wie wir miteinander umgehen, wenn Bildschirme zwischen uns stehen. Um Verantwortung. Um Empathie. Und darum, ob wir auch im Digitalen das bleiben, was wir im Analogen sein wollen: zugewandte Menschen.
Bild generiert mit Hilfe von KI (Chat GPT / Dall-E)
Kinder wachsen heute in Räumen auf, in denen Nähe und Distanz mit einem Klick entstehen. Ein Emoji ersetzt ein Gespräch. Ein Screenshot beendet Vertrauen. Ein weitergeleitetes Bild kann Freundschaften zerstören. Umso wichtiger ist es, ihnen zu vermitteln, dass hinter jedem Profil ein Mensch steht. Mit Gefühlen. Mit Grenzen. Mit Würde.
Digitale Ethik bedeutet, Kindern beizubringen, dass Teilen Verantwortung ist. Dass Worte wirken, auch wenn man das Gegenüber nicht sieht. Dass Technik keine Entschuldigung für Grausamkeit bietet. Und dass Freiheit immer Rücksicht verlangt. Medienkompetenz heißt nicht nur, Apps bedienen zu können. Sie bedeutet, sich selbst und andere zu schützen, Stimmungen wahrzunehmen, Konflikte respektvoll auszutragen und zu verstehen, wann Schweigen verletzt und wann Eingreifen nötig ist.
Viele Kinder wissen heute sehr genau, wie man Inhalte erstellt. Aber sie wissen oft nicht, wie man mit Verletzungen umgeht. Sie können Videos schneiden, aber keine Entschuldigungen formulieren. Sie beherrschen Filter, aber nicht immer Mitgefühl. Genau hier liegt unsere Verantwortung als Erwachsene.
Deshalb fordere ich seit Langem, Schule dafür verbindlich Raum zu geben. In meinem Buch Schule gegen Kinder beschreibe ich DLT als digital literacy training, einen festen Digitaltag pro Woche ab Klasse 1. Nicht als zusätzliches Fach, sondern als strukturellen Raum, in dem Kinder lernen, was sie für eine digitale Welt wirklich brauchen: technisches Grundverständnis, Quellenkritik, KI Kompetenz, Datenschutz und eben Ethik im Netz.
Vor allem aber ist DLT für mich ein Beziehungstag. Ein Tag, an dem gesprochen wird über das, was Kinder online erleben. Über Verletzungen. Über Gruppendruck. Über Unsicherheiten. Über Mut. Ein Tag, an dem Empathie genauso wichtig ist wie Programmieren. An dem gefragt wird: Wie geht es dir im Netz. Was macht das mit dir. Was brauchst du, um dich sicher zu fühlen.
Denn Kinder lernen Haltung nicht aus Regeln allein. Sie lernen sie im Miteinander. Durch Vorbilder. Durch Gespräche. Durch Räume, in denen sie gehört werden. Digitale Bildung muss deshalb immer auch Beziehungsarbeit sein. Wenn wir wollen, dass junge Menschen respektvoll kommunizieren, müssen wir ihnen zeigen, wie das geht. Wenn wir möchten, dass sie Verantwortung übernehmen, müssen wir ihnen diese Verantwortung zutrauen und sie dabei begleiten.
Digitale Ethik ist deshalb kein Zusatzthema. Sie ist Grundlage für eine Gesellschaft, die auch in digitalen Räumen menschlich bleiben will.
Am Ende geht es um Beziehung
Ich glaube nicht an einfache Lösungen. Aber ich glaube an klare Regeln, verbindliche Orientierung und an Beziehung. Verbote allein reichen nicht. Kinder brauchen Erwachsene, die präsent sind, die zuhören und Haltung zeigen.
Wir dürfen sie nicht mit dem Fahrrad auf die digitale Autobahn schicken und hoffen, dass schon nichts passiert.
Unsere Kinder wachsen in einer Welt auf, die wir ihnen hinterlassen. Wir können diese Welt nicht einfacher machen. Aber wir können unsere Kinder begleiten. Indem wir hinschauen. Indem wir bleiben, auch wenn es unbequem wird. Und indem wir Menschlichkeit vorleben, gerade dort, wo Bildschirme zwischen uns stehen.
Konkrete Handlungsempfehlungen
Bei Cybermobbing in Messenger Diensten
• Ihr Kind ernst nehmen und nicht bagatellisieren
• Inhalte sichern (Screenshots mit Datum)
• Gespräche mit Schule und Klassenleitung führen
• Beratungsstellen einschalten
• bei schweren Fällen Polizei kontaktieren
• dem Kind vermitteln, dass Zuschauen Mitmachen bedeutet
• emotionale Unterstützung organisieren
Bei Nacktfotos, Deepfakes oder KI-Inhalten
• Ruhe bewahren und Ihr Kind nicht beschuldigen
• Bilder nicht weiterleiten oder selbst verbreiten
• Herkunft klären und Betroffene identifizieren
• Beratungsstellen für Medienkompetenz kontaktieren
• Jugendschutz der Polizei frühzeitig einbeziehen
• Inhalte möglichst schnell entfernen lassen
• rechtlich prüfen lassen, was vorliegt
• dem Kind erklären, dass auch KI Bilder strafbar sein können
Pädagogisch gilt: Sicherheit geben, Verantwortung erklären, Werte vermitteln.
Juristisch gilt: Nicht abwarten. Früh handeln schützt.
Mehr Infos zu Silke Müller
Auf Medienzeit: https://www.medienzeit-elternblog.de/blog/silke-mueller-wir-verlieren-unsere-kinder
Neues Buch “Schule gegen Kinder”: https://www.medienzeit-elternblog.de/blog/schule-gegen-kinder-silke-mueller
Website: https://silkemueller.com/