Studie: Früher Social-Media-Einstieg kann schulisches Lernen belasten

Eine neue Langzeitstudie aus Italien liefert deutliche Hinweise darauf, dass es für die schulische Entwicklung einen Unterschied machen kann, wann Kinder ihr erstes eigenes Social-Media-Konto eröffnen. Jugendliche, die bereits in der sechsten oder siebten Klasse mit Social Media begannen, schnitten später in standardisierten Tests in Mathematik und Italienisch schlechter ab als vergleichbare Schülerinnen und Schüler, die bis zur neunten Klasse warteten.

Der Unterschied entsprach nach der Einordnung der Forschenden ungefähr einem halben Schuljahr. Entscheidend war offenbar nicht allein, wie viele Minuten die Jugendlichen täglich vor dem Bildschirm verbrachten. Eine wichtige Rolle spielte vielmehr, wie selbstverständlich das Smartphone den gesamten Alltag begleitete und wie häufig es beim Lernen, vor dem Einschlafen und direkt nach dem Aufwachen präsent war.

Eine Schülerin sitzt abends an ihrem Schreibtisch über den Schulaufgaben und wird von dem neben ihr liegenden Smartphone abgelenkt.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Mehr als 5.000 Schülerinnen und Schüler über Jahre begleitet

Für die Untersuchung wertete ein Forschungsteam der Universitäten Milano-Bicocca und Brescia Daten von 5.227 Schülerinnen und Schülern aus Norditalien aus. Die Jugendlichen waren zwischen sieben und 16 Jahre alt. Die Forschenden verknüpften ihre Angaben zur bisherigen Smartphone- und Social-Media-Nutzung mit standardisierten Testergebnissen in Italienisch, Mathematik und Englisch aus mehreren Schuljahren.

Anschließend verglichen sie Jugendliche, die ihr erstes eigenes Social-Media-Konto in der sechsten, siebten oder achten Klasse eröffnet hatten, mit ähnlichen Jugendlichen, die erst ab der neunten Klasse damit begannen. Berücksichtigt wurden unter anderem frühere schulische Leistungen, familiärer Hintergrund und weitere Merkmale, die sowohl den Zeitpunkt des Social-Media-Einstiegs als auch die spätere Schulleistung beeinflussen könnten.

Das Ergebnis zeigte ein klares Muster. Je früher ein eigenes Social-Media-Konto eröffnet wurde, desto ungünstiger entwickelten sich die späteren Leistungen in Mathematik und Italienisch. Besonders deutlich waren die Unterschiede bei einem Einstieg in der sechsten oder siebten Klasse. Bei einem Beginn in der achten Klasse fielen die Ergebnisse schwächer und weniger einheitlich aus.

In Englisch fanden die Forschenden keinen vergleichbaren Nachteil. Als mögliche Erklärung nennen sie, dass Jugendliche über soziale Netzwerke regelmäßig englischen Begriffen, Videos und Gesprächen begegnen. Dieser Kontakt könnte beim Lernen einer Fremdsprache teilweise anders wirken als bei Mathematik oder der Unterrichtssprache. Bewiesen ist diese Erklärung allerdings nicht.


Was ein halbes Schuljahr Unterschied bedeutet

Die Aussage, der Abstand entspreche ungefähr einem halben Schuljahr, ist eine statistische Einordnung. Sie bedeutet nicht, dass jedes Kind mit einem frühen Social-Media-Konto automatisch sechs Monate Lernstoff verliert. Auch lassen sich aus der Studie keine sicheren Vorhersagen für ein einzelnes Kind ableiten.

Der Größenvergleich macht jedoch deutlich, dass es sich nicht um eine belanglose Abweichung handelt. Die Unterschiede blieben über mehrere Schuljahre sichtbar. Weitere Auswertungen zu Schulnoten, Klassenwiederholungen, der Wahl des weiteren Bildungswegs und der schulischen Selbstwirksamkeit wiesen nach Angaben des Forschungsteams in dieselbe Richtung.


Die ständige Präsenz könnte wichtiger sein als die Bildschirmzeit

Eine besonders interessante Erkenntnis betrifft die sogenannte Smartphone-Pervasivität. Gemeint ist damit, wie tief das Gerät in alltägliche Situationen eindringt. Liegt es beim Lernen auf dem Tisch? Wird es direkt nach dem Aufwachen kontrolliert? Bleibt es nachts am Bett? Wird es während gemeinsamer Mahlzeiten oder bei Gesprächen immer wieder zur Hand genommen?

Ein Schüler macht Hausaufgaben, während neben seinem Arbeitsheft ein Smartphone mit geöffnetem Social-Media-Feed liegt.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Diese dauernde Verfügbarkeit erklärte einen wesentlichen Teil des beobachteten Zusammenhangs. Häufiges Kontrollieren unterbricht Lernphasen, selbst wenn der einzelne Blick nur wenige Sekunden dauert. Nach jeder Unterbrechung muss die Aufmerksamkeit erneut zur Aufgabe zurückfinden. Gleichzeitig bleibt im Kopf die Erwartung, dass jederzeit eine neue Nachricht, ein Video oder eine Reaktion eintreffen könnte.

Das passt zu weiteren Forschungsergebnissen über Aufmerksamkeit und Smartphones. In unserem Beitrag Warum unser Gehirn schlechter arbeitet, wenn das Smartphone in der Nähe liegt erklären wir, warum schon die bloße Präsenz des eigenen Geräts kognitive Ressourcen binden kann.

Hinzu kommt der Schlaf. Wer noch im Bett scrollt, schläft häufig später ein und wird durch Benachrichtigungen oder den Drang zum Nachsehen wachgehalten. Müdigkeit wirkt sich am nächsten Tag unmittelbar auf Konzentration, Gedächtnis und Lernfähigkeit aus.


Die Studie liefert starke Hinweise, aber keinen endgültigen Beweis

Die Untersuchung geht methodisch deutlich weiter als Studien, die Jugendliche nur zu einem einzigen Zeitpunkt nach ihrer Nutzung und ihren Noten fragen. Das Forschungsteam konnte auf standardisierte Testergebnisse aus mehreren Schuljahren zurückgreifen und frühe sowie spätere Nutzergruppen anhand zahlreicher Merkmale miteinander vergleichen.

Trotzdem handelte es sich nicht um ein zufällig kontrolliertes Experiment. Die Jugendlichen wurden nicht per Los einem frühen oder späten Social-Media-Einstieg zugeteilt. Wann das erste Konto eröffnet wurde, gaben sie rückblickend an. Außerdem können familiäre, persönliche oder soziale Einflüsse eine Rolle spielen, die in den Daten nicht vollständig erfasst wurden.

Fachleute, die die Veröffentlichung für das Science Media Centre eingeordnet haben, bewerten die Analyse deshalb als substanziell und vergleichsweise robust, warnen aber vor einer zu eindeutigen Kausalbehauptung. Die Studie zeigt starke Hinweise darauf, dass früher Social-Media-Einstieg schulisches Lernen beeinträchtigen kann. Sie beweist nicht, dass Social Media allein für spätere Leistungsunterschiede verantwortlich ist.


Was Eltern daraus für den Alltag ableiten können

Eltern müssen nach dieser Studie nicht täglich über jede einzelne Minute verhandeln. Hilfreicher sind klare Räume und Zeiten, in denen das Smartphone keine Rolle spielt. Bei Hausaufgaben und beim Lernen sollte es möglichst in einem anderen Raum liegen. Nachts gehört es nicht ins Kinderzimmer. Ein gemeinsamer Ladeplatz außerhalb der Schlafzimmer kann diese Regel für die ganze Familie leichter machen.

Ebenso wichtig ist der Zeitpunkt des ersten eigenen Social-Media-Kontos. Die Ergebnisse sprechen dafür, den Einstieg nicht als unvermeidlichen Schritt mit elf oder zwölf Jahren zu behandeln. Wer den Zugang hinauszögert, verschafft dem Kind zusätzliche Zeit, in der sich Konzentration, Selbstregulation und schulische Routinen ohne den dauernden Zug algorithmischer Feeds entwickeln können.

In unserem Beitrag Regeln, die im Familienalltag wirklich helfen haben wir praktische Vereinbarungen für unterschiedliche Altersstufen zusammengestellt. Dabei bleiben Gespräche und Aufklärung notwendig. Kinder sollten verstehen, warum Feeds, Benachrichtigungen und Empfehlungen ihre Aufmerksamkeit so zuverlässig zurückholen.


Auch Schulen können verlässliche Schutzräume schaffen

Eine Schülerin schaut während einer Schreibaufgabe im Unterricht auf ein Smartphone, während ihre Mitschüler weiterarbeiten.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Familien können Lernzeiten zu Hause gestalten, aber der Schultag umfasst einen großen Teil des Lebens von Kindern. Wenn private Smartphones dort griffbereit bleiben, konkurrieren Chats, Feeds und Benachrichtigungen ständig mit Unterricht, Pausen und persönlichen Gesprächen.

Smartphonefreie Schulen schaffen gemeinsame Regeln, die für alle gelten. Sie entlasten damit auch Eltern, weil der Schutz nicht davon abhängt, welche Familie sich im Alleingang gegen den sozialen Druck durchsetzen kann. Warum inzwischen zahlreiche medizinische und pädagogische Fachleute diesen Weg empfehlen, erklären wir im Artikel Warum immer mehr Experten smartphonefreie Schulen fordern.

Digitale Bildung wird dadurch nicht verhindert. Schulen können Tablets, Computer und ausgewählte Anwendungen weiterhin gezielt im Unterricht einsetzen. Der entscheidende Unterschied besteht darin, ob ein digitales Werkzeug einer konkreten Lernaufgabe dient oder ob ein privates Smartphone mit Messenger, Spielen und personalisierten Feeds den ganzen Schultag begleitet.


Unser Fazit

Die neue Studie liefert überzeugende Hinweise darauf, dass ein sehr früher Social-Media-Einstieg mit einer ungünstigeren schulischen Entwicklung verbunden sein kann. Besonders betroffen waren Mathematik und Italienisch. Bei Kindern, die schon in der sechsten oder siebten Klasse ein eigenes Konto eröffneten, entsprach der spätere Leistungsabstand ungefähr einem halben Schuljahr.

Für Eltern ist dabei eine Erkenntnis besonders hilfreich. Es geht nicht allein um die gemessene Bildschirmzeit. Entscheidend ist auch, ob das Smartphone beim Lernen, Schlafen und in der Schule ständig verfügbar bleibt. Ein späterer Social-Media-Einstieg, smartphonefreie Lernphasen und klare gemeinsame Regeln sind deshalb konkrete Schutzmaßnahmen, die Familien und Schulen schon heute umsetzen können.

Verbote und Aufklärung müssen dabei parallel erfolgen. Kinder brauchen verständliche Erklärungen und die Fähigkeit, digitale Angebote kritisch einzuordnen. Gleichzeitig brauchen sie Erwachsene, Schulen und gesetzliche Regeln, die nicht erwarten, dass sie sich in jedem Moment allein gegen Systeme behaupten, die gezielt um ihre Aufmerksamkeit konkurrieren.


Quellen

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