Netzwerk „764“: Auf Roblox angesprochen und zu Selbstverletzung gedrängt

Eine 16-Jährige soll über Roblox und einen Social-Media-Account in Kontakt mit einem internationalen Täter aus dem Umfeld des Netzwerks „764“ gekommen sein. Nach aktuellen Berichten drängte er das Mädchen zu schweren Selbstverletzungen. Erst ein Hinweis des FBI führte die irische Polizei zu der Jugendlichen.

Der Fall aus Irland ist noch nicht in allen Einzelheiten durch eine eigene öffentliche Mitteilung der Ermittlungsbehörden dokumentiert. Er passt jedoch zu einem Gefahrenbild, vor dem FBI, Europol und deutsche Ermittler inzwischen eindringlich warnen.

Mitglieder entsprechender Netzwerke suchen gezielt nach verletzlichen Kindern und Jugendlichen. Sie sprechen sie in sozialen Netzwerken, Messengern und auf Gaming-Plattformen an, bauen Vertrauen auf und bringen sie anschließend dazu, intime Bilder, Videos von Selbstverletzungen oder andere verstörende Aufnahmen zu erstellen.

Auch in Deutschland laufen Ermittlungen. Nach Recherchen des NDR wurden bereits in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Sachsen und Hamburg Verfahren gegen mutmaßliche Mitglieder oder Personen aus dem Umfeld von „764“ geführt.

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Dezente Ziffern 764 im dunklen Hintergrund neben einem Laptop mit verschwommener Aufnahme eines verbundenen Unterarms.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Was ist das Netzwerk „764“?

„764“ ist keine klar abgegrenzte Organisation mit einer festen Mitgliederliste und einer zentralen Führung. Der Begriff bezeichnet ein internationales Geflecht aus Gruppen, Untergruppen und Einzelpersonen, die über soziale Netzwerke, Gaming-Plattformen und verschlüsselte Messenger miteinander verbunden sind.

Das FBI ordnet Teile dieses Umfelds dem nihilistischen gewalttätigen Extremismus zu. Einige Beteiligte wollen Angst und Chaos verbreiten. Andere handeln nach Einschätzung der Ermittler aus sexuellen Motiven, wegen des Ansehens innerhalb der Gruppe oder aus dem Wunsch, Macht über andere Menschen auszuüben.

Nicht jede Person in diesen Netzwerken verfolgt dieselbe Ideologie. Gemeinsam ist den Fällen jedoch häufig eine besonders grausame Form der digitalen Ausbeutung. Kinder werden manipuliert, bloßgestellt und durch Drohungen zu immer schwereren Handlungen gedrängt.

Das FBI verwendet dafür den Begriff „Sadistic Online Exploitation“, also sadistische Ausbeutung im Internet.


Aktualisierung: Neue Recherche zeigt die internationale Dimension von 764

Eine aktuelle Recherche des Guardian beschreibt erneut, wie das Netzwerk 764 und verwandte Online-Gruppen Minderjährige über Discord, Telegram, Gaming-Plattformen und soziale Netzwerke ansprechen. Die Täter arbeiten mit Grooming, Sextortion, Drohungen und psychischer Manipulation. In einzelnen Fällen wurden Jugendliche zu Selbstverletzung und sexualisierten Aufnahmen gedrängt.

Der Bericht bestätigt zentrale Muster, die wir in diesem Artikel bereits beschrieben haben. Die Gruppen sind international organisiert, wechseln zwischen verschiedenen Plattformen und nutzen besonders geschlossene Chats und private Nachrichten. Dadurch bleiben sie für Eltern, Schulen und Aufsichtsbehörden schwer sichtbar.

Laptop mit Online-Spiel und Chat neben einem Smartphone, das eine verschwommene Gewaltszene zeigt.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Für Familien in Deutschland ist wichtig, dass solche Kontakte nicht auf eine einzelne App begrenzt sind. Ein Gespräch kann in einem Spiel beginnen, auf Discord weitergeführt und später über Telegram oder einen anonymen Account fortgesetzt werden. Warnzeichen können plötzliche Geheimhaltung, Angst vor Nachrichten, nächtliche Online-Aktivität, Stimmungseinbrüche oder Hinweise auf Selbstverletzung sein.

Betroffene Kinder brauchen Unterstützung und dürfen nicht mit Vorwürfen reagieren. Eltern sollten Nachrichten, Profilnamen und Links dokumentieren, den Kontakt abbrechen und sich an Polizei oder spezialisierte Beratungsstellen wenden.

Quelle: Guardian-Recherche (08/2026)


Der Kontakt beginnt auf Plattformen, die Kinder täglich nutzen

Täter müssen Kinder nicht in versteckten Bereichen des Internets suchen. Der erste Kontakt kann dort entstehen, wo Kinder spielen, Videos ansehen oder sich mit Gleichaltrigen austauschen.

Smartphone mit privatem Chat und unscharfen Video-Vorschauen bedrohlicher Szenen neben einem Gaming-Headset.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Der NDR nennt unter anderem Roblox, Minecraft und soziale Netzwerke. Das FBI spricht allgemein von Gaming-Plattformen, mobilen Messengern und Social Media.

Ein Täter kann sich zunächst als gleichaltriges Kind ausgeben, Interesse an einem Spiel zeigen oder einem Jugendlichen das Gefühl geben, endlich verstanden zu werden. Besonders aufmerksam beobachten Täter öffentliche Beiträge, Profiltexte und Kommentare, in denen Kinder über Einsamkeit, Depressionen, Selbstverletzungen, Streit in der Familie oder Probleme in der Schule sprechen.

Auch ein scheinbar harmloses Gespräch über ein Spiel kann anschließend auf Discord, Snapchat, Telegram oder einen anderen Messenger verlagert werden. Dort gibt es weniger Einblicke von außen und häufig direktere Möglichkeiten für private Sprach- und Videoanrufe.

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Täter bauen zunächst Nähe und Vertrauen auf

Die Manipulation beginnt häufig nicht mit einer offensichtlichen Drohung. Täter hören zu, machen Komplimente und geben vor, dieselben Probleme zu kennen. Manche entwickeln eine vermeintliche Freundschaft oder romantische Beziehung.

Dadurch erfahren sie persönliche Details. Sie kennen möglicherweise den Wohnort, die Schule, Namen von Familienmitgliedern oder andere Onlineprofile. Teilweise erhalten sie freiwillig private Bilder, weil das Kind der anderen Person vertraut.

Erst später verändert sich der Kontakt. Der Täter fordert einen Beweis des Vertrauens, ein intimes Bild oder eine zunächst weniger schwere Handlung. Wenn das Kind mitmacht, wird das Material zur Erpressung genutzt.

Die Forderungen können immer extremer werden. Ermittlungsbehörden berichten von sexualisierten Aufnahmen, Selbstverletzungen, Gewalt gegen andere Menschen oder Tiere und Suizidversuchen. Täter verfolgen solche Handlungen teilweise über einen Livestream, speichern die Aufnahmen und verbreiten sie in ihren Gruppen.


Scham und Angst halten Kinder in der Gewalt der Täter

Nach der ersten Aufnahme entsteht ein Kreislauf aus Angst, Scham und Kontrolle. Der Täter droht damit, Bilder an Eltern, Mitschüler oder die Schule zu schicken. Persönliche Daten werden veröffentlicht oder weitere Personen nehmen Kontakt auf.

Manche Täter nutzen Doxing. Dabei werden Name, Adresse, Telefonnummer oder andere persönliche Angaben öffentlich verbreitet. Auch falsche Notrufe bei Polizei oder Rettungsdiensten, das sogenannte Swatting, werden zur Einschüchterung eingesetzt.

Betroffene Kinder glauben deshalb möglicherweise, dass sie keine Möglichkeit mehr haben, den Kontakt zu beenden. Sie fürchten die Reaktion ihrer Eltern oder schämen sich für das Material, das unter Zwang entstanden ist.

Eltern müssen in einer solchen Situation sehr deutlich vermitteln, dass das Kind nicht die Verantwortung trägt. Die Schuld liegt bei der Person, die Vertrauen missbraucht, Drohungen ausgesprochen und das Kind erpresst hat.


Auch aufgeklärte Kinder können betroffen sein

Es wäre gefährlich, diese Fälle ausschließlich mit fehlender Medienkompetenz zu erklären. Täter nehmen sich Zeit, passen ihre Vorgehensweise an das jeweilige Kind an und nutzen psychische Belastungen gezielt aus.

Ein Kind kann wissen, dass es keine intimen Bilder verschicken sollte, und trotzdem in einer vermeintlichen Freundschaft Vertrauen entwickeln. Es kann die erste Forderung ablehnen und später unter Druck nachgeben. Es kann auch glauben, die Situation selbst lösen zu müssen, um Eltern nicht zu enttäuschen.

Aufklärung bleibt wichtig. Sie bietet jedoch keinen vollständigen Schutz vor professioneller Manipulation und Erpressung. Kinder brauchen deshalb Erwachsene, an die sie sich wenden können, ohne zuerst mit Vorwürfen oder einem vollständigen Geräteverbot rechnen zu müssen.


Welche Veränderungen Eltern ernst nehmen sollten

Ein einzelnes Anzeichen beweist noch nicht, dass ein Kind erpresst wird. Mehrere plötzlich auftretende Veränderungen sollten Eltern jedoch aufmerksam machen.

Dazu gehören ein starker Rückzug, ungewöhnliche Stimmungsschwankungen, Schlafprobleme und große Nervosität beim Eingang neuer Nachrichten. Manche Kinder löschen plötzlich Chats, wechseln häufig zwischen Konten oder reagieren panisch, wenn Eltern sich dem Smartphone nähern.

Weitere Warnzeichen können unerklärliche Verletzungen, das Verdecken bestimmter Körperstellen, Gespräche über Suizid oder ein zunehmendes Interesse an extrem gewalttätigen Inhalten sein. Auch unbekannte Anrufe, unerwartete Lieferungen oder die Veröffentlichung persönlicher Daten können mit einer Erpressung zusammenhängen.

Eltern sollten solche Veränderungen ansprechen, ohne unmittelbar eine Tat zu unterstellen. Ein ruhiger Einstieg kann lauten: „Mir ist aufgefallen, dass dich Nachrichten in letzter Zeit sehr belasten. Du bekommst keinen Ärger, wenn online etwas passiert ist. Ich möchte dir helfen.“


Was Eltern bei einem Verdacht tun sollten

Wenn ein Kind von einem solchen Kontakt berichtet, sollte zuerst die unmittelbare Sicherheit geklärt werden. Bei akuter Suizidgefahr, schweren Verletzungen oder einer konkreten Bedrohung muss sofort der Notruf 112 beziehungsweise die Polizei unter 110 verständigt werden.

Eine erwachsene Person legt beruhigend ihre Hand auf die einer anderen; daneben liegt ein Smartphone mit verschwommenem Video.

Bild generiert mit Hilfe von KI (ChatGPT/DALL·E, OpenAI)

Eltern sollten dem Kind glauben, ruhig bleiben und keine Schuldzuweisungen machen. Auch wenn das Kind Bilder verschickt oder Forderungen erfüllt hat, handelt es sich bei Erpressung und Manipulation um ein Verbrechen gegen das Kind.

Chats, Nutzernamen, Profiladressen, Zeitpunkte und Drohungen sollten gesichert werden. Dabei sollten Eltern sexualisierte Darstellungen Minderjähriger nicht unnötig kopieren oder weiterleiten. Die Polizei kann erklären, wie relevantes Material rechtssicher dokumentiert und übergeben werden kann.

Der Täter sollte nicht eigenmächtig bedroht oder mit Ermittlungen konfrontiert werden. Dadurch könnten Beweise gelöscht, weitere Personen alarmiert oder Drohungen verschärft werden.

Nach der Sicherung der notwendigen Informationen sollten der betreffende Account gemeldet, der Kontakt blockiert und die Privatsphäre-Einstellungen weiterer Konten überprüft werden. Auch Passwörter sollten geändert und die Zwei-Faktor-Authentifizierung aktiviert werden.


Was Eltern vorbeugend besprechen können

Kinder sollten wissen, dass Menschen im Internet ihre Identität, ihr Alter und ihre Absichten leicht verbergen können. Ein Profil, eine Stimme oder gemeinsames Spielen beweisen nicht, dass die andere Person tatsächlich gleichaltrig ist.

Wichtig ist außerdem eine klare Vereinbarung für schwierige Situationen. Wenn jemand intime Bilder verlangt, mit einer Veröffentlichung droht oder eine Selbstverletzung fordert, sollte das Kind den Kontakt nicht allein bewältigen müssen.

Eltern können ausdrücklich zusagen, dass ihr Kind in einer solchen Situation nicht bestraft wird und sein Smartphone nicht automatisch dauerhaft verliert. Diese Zusage kann entscheidend dafür sein, ob sich ein Kind frühzeitig anvertraut.

Bei jüngeren Kindern sollten Online-Spiele nicht unbeaufsichtigt im Kinderzimmer stattfinden. Eltern müssen nicht jede Spielminute kontrollieren, sollten aber wissen, mit wem ihr Kind kommuniziert, welche Chatfunktionen vorhanden sind und auf welche weiteren Plattformen Kontakte wechseln.


Plattformen müssen mehr Verantwortung übernehmen

Eltern können Gespräche führen, Konten absichern und Warnzeichen beachten. Sie können jedoch keine internationalen Tätergruppen überwachen.

Gaming-Plattformen, Messenger und soziale Netzwerke müssen verdächtige Kontaktmuster schneller erkennen, Meldungen ernst nehmen und Informationen bei konkreten Gefahren rechtssicher an Ermittlungsbehörden weitergeben. Konten Minderjähriger benötigen sichere Voreinstellungen und deutlich begrenzte Kontaktmöglichkeiten durch fremde Erwachsene.

Auch die Übergänge zwischen den Plattformen müssen stärker berücksichtigt werden. Eine Kontaktaufnahme auf Roblox oder Minecraft erscheint isoliert möglicherweise harmlos. Die eigentliche Ausbeutung findet später in einem Messenger oder Livestream statt. Schutzsysteme, die nur einzelne Beiträge betrachten, erfassen diese Entwicklung oft nicht.


Kinder müssen wissen, dass Hilfe möglich ist

Das Netzwerk „764“ nutzt keine unbekannte technische Schwachstelle. Seine Mitglieder nutzen Vertrauen, Einsamkeit, Scham und die Angst von Kindern aus.

Deshalb sollten Eltern das Thema ansprechen und das Kind aufklären. Die wichtigste Botschaft lautet, dass ein Kind jederzeit aus einem Kontakt aussteigen und sich Hilfe holen kann, selbst wenn es bereits etwas verschickt, versprochen oder getan hat.

Kein Bild und kein Chat nimmt einem Kind das Recht auf Schutz. Je früher Erwachsene und Ermittlungsbehörden eingeschaltet werden, desto größer ist die Chance, die Kontrolle der Täter zu durchbrechen.


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